Medikamente und Arzneimittel

Medikamente absetzen - wie geht es richtig?

Lesedauer unter 7 Minuten
Ein Mann guckt skeptisch auf zwei Medikamentendosen im Badezimmer

Autor

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Heidi Günther (Apothekerin bei der Barmer)

Viele Patienten wünschen sich, weniger Medikamente nehmen zu müssen, vor allem wenn es den Anschein hat, dass sie nicht wirken oder Nebenwirkungen verursachen. Dennoch sollten Sie Arzneien nie eigenmächtig absetzen oder ändern. Besprechen Sie sich zunächst mit Ihrem Arzt oder Apotheker. Ansonsten könnten gravierende gesundheitliche Probleme auftreten. Bei vielen Wirkstoffen führt das plötzliche Absetzen zu einer überschießenden körperlichen Reaktion oder es treten Entzugserscheinungen auf. Die einzige Ausnahme ist eine echte Medikamentenallergie – sie erfordert ein sofortiges Absetzen der Medikation.

Medikamente können nur wirken, wenn sie im Gewebe einen gewissen Wirkstoffspiegel haben. Nehmen Sie daher Ihre Mittel so ein, wie der Arzt Sie Ihnen verordnet hat. Mitunter werden Sie sich fragen, wie sinnvoll die ganzen Pillen, Tropfen und Sprays sind. Vielleicht haben Sie das Gefühl, die Medikamente wirken nicht oder nicht so, wie sie sollen. Oder es erscheint Ihnen überflüssig, ein Arzneimittel länger einzunehmen, weil es Ihnen gut geht. Vielleicht haben Sie Beschwerden, von denen Sie glauben, dass Ihre Medikamente sie verursachen. Oder Sie sind es einfach Leid, Tag für Tag so viele Pillen zu schlucken. Was auch immer Sie an Ihrer Medikation zweifeln lässt – setzen Sie Ihre Medikamente niemals eigenmächtig ab. Einzige Ausnahme: eine Medikamenten- oder Arzneimittelallergie.

Bei Medikamentenallergie Arzneimittel sofort absetzen

Bei einer Medikamenten- oder Arzneimittelallergie müssen Sie die auslösenden Präparate sofort absetzen. Am bekanntesten sind allergische Reaktionen auf das Antibiotikum Penicillin, auf einige Schmerzmittel oder Mittel gegen epileptische Anfälle. Eine Allergie zeigt sich beispielsweise durch

Juckreiz,
Hautrötungen und -schwellungen sowie
nesselsuchtartige Ausschläge.

Die Beschwerden können in Einzelfällen sogar in einen anaphylaktischen Schock mit Atem- oder Herz-Kreislauf-Problemen münden. Wenden Sie sich in solchen Fällen rasch an einen Arzt. Er wird abklären, ob Sie tatsächlich allergisch reagiert haben und das Präparat gegen ein Mittel aus einer anderen Wirkstoffklasse austauschen.

Trotz Nebenwirkungen nicht einfach absetzen

Schätzungsweise vier von fünf Reaktionen auf ein Arzneimittel sind jedoch nicht allergisch bedingt. Vielmehr sind sie eine ganz „normale“ Nebenwirkung des Arzneistoffs. Setzen Sie daher Medikamente nie auf eigene Faust ab – auch wenn Sie glauben, dass sie nicht wirken oder Nebenwirkungen verursachen. Sprechen Sie zunächst Ihren Arzt an. Denn bei zahlreichen Medikamenten müssen Sie die Dosis schrittweise verringern. Ansonsten würde Ihr Organismus nach dem plötzlichen Absetzen mit einer überschießenden Gegenregulation reagieren, weil ihm der gewohnte Wirkstoff fehlt.

Antibiotika wie verordnet zu Ende nehmen

Nehmen Sie Ihre Antibiotika so lange ein, wie Ihnen Ihr Arzt diese verschrieben hat. Je nach Erkrankung sind das bis zu zwei Wochen. Die Einnahme sollten Sie nicht auf eigene Faust abbrechen, auch wenn Fieber, Blasenentzündung oder Ohrenschmerzen schon wieder abgeklungen sind. Sonst besteht die Gefahr, dass der Erreger zurückkommt. Zudem begünstigen Sie damit Resistenzen: Die Keime entwickeln Abwehrstrategien, so dass Antibiotika bei erneuter Verwendung nicht mehr wirken.

Blutdruckmittel dauerhaft einnehmen

Sogenannte Antihypertensiva oder Blutdruckmittel senken Ihren Blutdruck, wenn der gewisse Grenzwerte übersteigt. Setzen Sie diese Mittel jedoch keinesfalls plötzlich ab, nur weil Sie sich wohl fühlen und daher keinen Sinn darin sehen, diese weiter einzunehmen. Dass Sie sich wohl fühlen, ist das Ziel der Behandlung! Ein Einnahmestopp könnte dazu führen, dass Ihre Blutdruckwerte plötzlich nach oben schnellen. Denn: Blutdruckmittel senken den Blutdruck, so dass die Druckrezeptoren in der Wand der Hauptschlagader des Herzens und der Halsschlagader einen neuen Basiswert einstellen. Nehmen Sie diese Medikamente plötzlich nicht mehr, können die Rezeptoren nicht auf die Schnelle reagieren – und der Blutdruck steigt sprunghaft an. Der plötzliche Anstieg verursacht Kopfschmerzen, Erbrechen, Schwindel, Aufregung und kann im schlimmsten Fall bis zum Schlaganfall führen.

Säureblocker ausschleichen

Sogenannte Protonenpumpenhemmer (PPI) unterdrücken die Bildung des Magensafts und helfen bei starkem Sodbrennen, bei Refluxkrankheit, Magenschleimhautentzündung (Gastritis) und Magengeschwüren. Sollten Sie PPIs vier Wochen und länger einnehmen und dann plötzlich absetzen, regt das die Zellen in der Magenschleimhaut dazu an, extra viel Magensäure zu produzieren. Das wiederum erhöht die Gefahr für Blutungen und Geschwüre der Magenschleimhaut. Reduzieren Sie PPIs in Absprache mit Ihrem behandelnden Arzt daher besser langsam über einen längeren Zeitraum.

Antidepressiva längerfristig nehmen

Nach dem Abklingen depressiver Symptome sollten Sie Antidepressiva noch weitere sechs bis18 Monate einnehmen – auch wenn Sie wieder positiver gestimmt sind und mehr Schwung und Lebensfreude haben. Sollten Sie die Medikamente vorzeitig und abrupt absetzen, könnten Ihre depressiven Beschwerden wiederkehren. Besprechen Sie mit Ihrem Psychiater daher, wie Sie die Medikamente verträglich absetzen: In der Regel werden Sie Ihre Antidepressiva zunächst auf die kleinstmögliche Tagesdosis reduzieren, um sie danach nur noch jeden zweiten und später jeden dritten Tag zu nehmen. Das genaue Schema erklärt Ihnen Ihr behandelnder Arzt.

Hormone dosiert einsetzen

In den vergangenen Jahren haben Fachleute immer wieder kontrovers über die Nebenwirkungen von Ersatzhormonen diskutiert, mit denen man Wechseljahresbeschwerden behandelt. Mittlerweile sind die Gynäkologen dazu übergegangen, Frauen mit starken und seht beeinträchtigenden Symptomen Hormonpräparate über einen begrenzten Zeitraum zu verschreiben. Diese sollten Sie nicht plötzlich absetzen, auch wenn es Ihnen wieder besser geht. Sonst könnten Sie erneut unter heftigen Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Herzrasen leiden. Reduzieren Sie die Hormone besser nach und nach in Absprache mit Ihrem Frauenarzt.

Kortison langsam reduzieren

Ärzte verschreiben Kortison in der Regel, um überschießende Reaktionen des Immunsystems zu dämpfen und beispielsweise Beschwerden durch Allergien und Autoimmunerkrankungen zu lindern. In der Regel ist es kein Problem, Kortison nach kurzer Einnahme wegen akuter Probleme auch wieder abzusetzen. Sollten Sie das Mittel allerdings zwei Wochen und länger einnehmen, muss es am Ende der Therapie ausgeschlichen werden. Der Grund: Normalerweise produzieren die Nebennieren körpereigenes Kortisol, das der Organismus für zahleiche Funktionen benötigt. Kortison eingenommen als Medikament unterdrückt diese körpereigene Produktion; beim Absetzen springt die körpereigene Produktion nicht sofort wieder an – wichtige körpereigenen Funktionen, bei denen Kortison eine entscheidenden Rolle speilt, sind dadurch gefährdet. Erst durch das Ausschleichen gewöhnen sich die Nebennieren wieder an die neue Situation und arbeiten regulär weiter. Besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt, wie Sie das Kortison genau ausschleichen..

Nasenspraydosis verringern

Endlich wieder durchatmen – mit Nasenspray geht das trotz Erkältung. Wirkstoffe wie Xylometazolin oder Oxymetazolin bewirken, dass sich die Blutgefäße in der Nasenschleimhaut zusammenziehen. Die Blutzufuhr verringert sich, das Gewebe schwillt ab und Sie können wieder frei durchatmen. Die Crux: Je länger Sie diese Sprays anwenden, desto schneller schwillt die Schleimhaut wieder an – und desto mehr Wirkstoff benötigen Sie. Über hunderttausend Menschen sollen in Deutschland abhängig von den Sprühstößen sein. Sie müssen also die Dosis langsam reduzieren, um endgültig davon loszukommen. Ihr HNO-Arzt oder Apotheker unterstützt Sie dabei.

Medikamente, die süchtig machen

Bei manchen Arzneien besteht zusätzlich zur gewünschten Wirkung die Gefahr, dass sie süchtig machen. Hierzulande konsumieren dem Jahrbuch Sucht zufolge rund zwei Millionen Menschen regelmäßig Medikamente mit Suchtpotenzial. Die Mittel lindern Schmerzen, verhelfen in den Schlaf oder wirken beruhigend.

Schlaf- und Beruhigungsmittel wirken angstlösend und schlaffördernd. Nach 14 Tagen Einnahme steigt die Gefahr, davon abhängig zu werden. Bei plötzlichem Entzug zeigen sich Unruhe, Angst und Schlaflosigkeit. Die Mittel sollten daher ausgeschlichen werden.

Opioide (Schmerzmittel): Sie unterdrücken im Gehirn Nervenimpulse, die Schmerzen weiterleiten. Zusätzlich wirken sie angstlösend und teilweise euphorisierend. Sie machen schnell süchtig und sollten nur bei Krebsschmerzen oder kurzfristig nach schweren Operationen eingesetzt werden.

Auf Dauer schadet die Sucht nicht nur der Psyche, sondern auch dem Körper; vor allem die Nieren und die Leber leiden. Abruptes Absetzen der Mittel, also ein kalter Entzug, geht in der Regel mit Angstzuständen, Schlaflosigkeit, Schweißausbrüchen, Magen-Darm-Beschwerden, Muskelkrämpfen und einem verstärkten Schmerzempfinden einher. Häufig brechen Süchtige den Entzug deshalb. Erste Anlaufstelle für Unterstützung bei der Suchtentwöhnung kann der Hausarzt sein. Zudem gibt es spezielle Suchtberatungsstellen mit konkreten medizinischen und therapeutischen Angeboten.

Wenn weniger mehr ist

Nehmen Sie fünf Mittel und mehr, die im ganzen Körper wirken, sprechen Fachleute von Polypharmazie oder Übermedikation. Sie ist oft die Folge davon, wenn Ärzte verschiedener Fachrichtungen ihre Therapie nicht untereinander abstimmen oder weil Patienten frei verkäufliche Medikamente ohne ärztliche Rücksprache einnehmen. Mit jedem Mittel steigt das Risiko für Wechselwirkungen. Die Präparate können sich wechselseitig beeinflussen, in ihrer Wirkung behindern oder sie steigern.

Medikationsplan prüfen

Stellen Sie daher gemeinsam mit Ihrem Arzt oder Apotheker die Verordnungen auf Ihrem Medikationsplan regelmäßig auf den Prüfstand. Manche Wirkstoffe benötigen Sie nicht länger, andere haben die falsche Dosierung. Bevor Sie das Gespräch mit den Fachleuten suchen, sollten Sie eine komplette Aufstellung aller Medikamente anfertigen, die Sie einnehmen. Prüfen Sie, ob Ihr Medikationsplan aktuell ist. Ergänzen Sie ihn gegebenenfalls handschriftlich mit den Arzneien, die bislang nicht aufgeführt sind. Liste oder Plan sollten enthalten:

alle Mittel, die Ihnen Ihr Hausarzt verordnet hat,
alle Medikamente, die Sie von anderen Fachärzten bekommen,
alle Präparate, die Sie sich selbständig in der Apotheke kaufen sowie
alle pflanzlichen Wirkstoffe, Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine.

Der Hausarzt oder Apotheker wird sich einen Überblick über Ihre Medikation verschaffen. Gemeinsam können Sie entscheiden, auf welche Arzneien Sie zukünftig verzichten wollen und einen Plan erarbeiten, welches Medikament Sie wie ausschleichen – ohne dabei Ihre Gesundheit zu gefährden.

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Webcode: a005713 Letzte Aktualisierung: 13.08.2020
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