Unfälle und Verletzungen

Psychische Traumata nach Unfällen: Erkennen und behandeln

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Ein Mann sitzt im Park und guckt nachdenklich

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Wenn es bei Unfällen um Leben und Tod geht, ist eine starke emotionale Reaktion ganz normal. Hält diese länger als einen Monat an und ist mit bestimmten Symptomen verbunden, sprechen Fachleute von einer "Posttraumatischen Belastungsstörung" (PTBS). Spätestens jetzt sollte ein erfahrener Trauma-Therapeut eingeschaltet werden. Sonst besteht die Gefahr, dass die Symptome einen über Jahre quälen.

Bei schweren Unfällen leidet nicht nur der Körper, sondern auch die Seele. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu psychischen Traumata.

Was ist ein psychisches Trauma?

Ursache psychischer Traumata ist die Konfrontation mit dem tatsächlichen oder drohenden Tod, mit ernsthafter Verletzung oder sexueller Gewalt. So lautet die Definition des US-amerikanischen diagnostischen Leitfadens für psychische Erkrankungen (DSM-5). Betroffene müssen die bedrohliche Situation dabei nicht unbedingt am eigenen Leib erfahren: Eine Traumatisierung kann auch auftreten, wenn man nur Zeuge von Gewalt wird oder ein nahestehender Mensch in Gefahr ist. Manche Traumata entstehen nach einem einzigen einschneidenden Erlebnis, andere wiederum erst, wenn ähnliche Situationen mehrfach erlebt werden – etwa bei sexueller Gewalt. Die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die sogenannte ICD-10, definiert psychische Traumata etwas vage als "ein kurz oder langanhaltendes Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß, das nahezu bei fast jedem eine tiefgreifende Verzweiflung hervorrufen" würde. Hält eine starke emotionale Reaktion, die nach einem bedrohlichen Ereignis ganz normal ist, länger als einen Monat an und ist mit bestimmten Symptomen wie Albträumen verbunden, leidet der Betroffene an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Welche Erlebnisse führen häufig zu Traumata?

Für Frauen stehen Vergewaltigung und sexuelle Belästigung ganz oben auf der Liste der Ereignisse, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen. Bei Männern sind es Kampfhandlungen oder dass sie Zeugen von Gewalttaten werden. Das hat eine breit angelegte epidemiologische Studie zu PTBS in den USA gezeigt. Nach Unfällen ist das Auftreten einer PTBS seltener. Je nach Studie schwanken die Zahlen hier zwischen 8 und 30 Prozent Wahrscheinlichkeit. Allerdings ist das Risiko, im Laufe seines Lebens einen Unfall zu erleben, höher als das vergewaltigt zu werden. In Deutschland gab es 2019 knapp 2,7 Millionen Verkehrsunfälle und 811.722 Arbeitsunfälle. Die Zahl der gemeldeten Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung lag bei knapp 9.500. Insofern ist die absolute Zahl der Menschen, deren PTBS durch einen Unfall verursacht wurde, höher.

In den USA dagegen sind seit dem Vietnam-Krieg Verkehrsunfälle die häufigste Ursache für eine Traumatisierung. "Ob man nach einem Unfall eine PTBS entwickelt, hängt auch davon ab, wie schwer man verletzt wurde", erklärt Dr. Meike Müller-Engelmann, Stellvertretende Leiterin der Verhaltenstherapie-Ambulanz des Zentrums für Psychotherapie an der Goethe-Universität Frankfurt. "Wenn die Betroffenen durch Schmerzen oder irreversible körperliche Einschränkungen immer wieder an den Unfall erinnert werden, ist das psychische Leiden schwerer zu behandeln", weiß die Psychotherapeutin, die in der Trauma-Ambulanz ein Projekt für traumatisierte Erwachsene leitet. Es komme außerdem darauf an, wie hilflos sich der oder die Betroffene in der Situation gefühlt hätte. Und ob die Verletzung bewusst zugefügt wurde, wie bei Gewalttaten, oder unbeabsichtigt, etwa bei einem Unfall.

Sind manche Menschen besonders gefährdet?

Frauen haben verschiedenen epidemiologischen Studien zufolge ein etwa doppelt so hohes Risiko, nach einem bedrohlichen Ereignis eine PTBS zu entwickeln. Gefährdet sind außerdem jene, die vor einem traumatischen Ereignis schon psychisch erkrankt waren oder andere Traumata erlebt haben. Auch Menschen in einer sensiblen Entwicklungsphase wie der Kindheit oder der Pubertät haben ein höheres Risiko für eine PTBS

Woran erkenne ich eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?

Eine PTBS ist mit ganz bestimmten Symptomen verbunden: Wiedererleben, Vermeidung, Übererregung sowie Veränderungen im Denken und Fühlen.

Wiedererleben

Den Betroffenen drängen sich immer wieder Erinnerungen an das traumatische Ereignis auf. Manche leiden unter wiederholten Albträumen, deren Inhalte oder Gefühle mit dem traumatischen Ereignis verbunden sind. Es können auch "Flashbacks" auftreten, bei denen die Betroffenen sich so fühlen oder verhalten, als ob sie das traumatisierende Ereignis wieder erleben.

Vermeidung

Menschen mit einer PTBS tun alles, um Gedanken an das traumatische Ereignis und die damit verbundenen Gefühle zu vermeiden. Sie meiden Orte, Situationen und Menschen, die Erinnerungen an das Geschehen wachrufen. Sie lenken sich mit anderen Dingen ab oder betäuben sich mit Alkohol und Drogen.

Übererregung

Die Betroffenen können dauerhaft angespannt sein, leicht reizbar oder überaus schreckhaft – besonders, wenn sie mit Reizen konfrontiert sind, die sie an das traumatische Ereignis erinnern. So kann der Knall einer Fehlzündung beim Auto beim Opfer einer Explosion Herzrasen, Schweißausbrüche und panische Angst hervorrufen. Manche leiden auch unter Konzentrations- oder Schlafstörungen.

Veränderungen im Denken und Fühlen

Dazu gehört, dass manche Betroffenen sich an wichtige Aspekte des traumatisierenden Ereignisses nicht mehr erinnern können oder die Ursachen und Folgen des Ereignisses in einer Weise interpretieren, die nicht den Tatsachen entspricht. Angst, Schuld- und Schamgefühle können dazu führen, dass das Selbstbild oder das Menschenbild negativ geprägt sind – bis hin zu der Annahme, dass "die ganze Welt schlecht ist". Typisch ist auch, dass die Betroffenen das Interesse an anderen Menschen verlieren und an Aktivitäten, die ihnen zuvor Freude bereitet haben.

Wichtig: Im ersten Monat nach einem traumatischen Erlebnis treten solche Symptome bei vielen Betroffenen in der einen oder anderen Form auf. Es handelt sich um eine normale Reaktion auf ein außergewöhnliches Ereignis. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen verschwinden die Symptome nach einigen Wochen von selbst wieder. Das zweite Drittel erlebt einen mittelschweren Verlauf. Und das restliche Drittel entwickelt eine ausgeprägte Posttraumatische Belastungsstörung, die unbehandelt jahrelang andauern kann.

Was hilft direkt nach einem Unfall?

Studien haben gezeigt, dass man Unfallopfern psychologische Hilfe anbieten, aber nicht aufdrängen sollte. Direkt nach einem Unfall ist die soziale Unterstützung durch Familie und Freunde hilfreich. Leidet der Betroffene unter starken Symptomen, empfiehlt sich eine akute Krisenintervention. "Hier geht es zunächst darum, zuzuhören und den Betroffenen zu erklären, dass ihre Reaktion normal ist, sie also nicht 'verrückt' werden", erklärt die Frankfurter Psychotherapeutin Meike Müller-Engelmann. "Es ist auch wichtig, ihnen den Druck zu nehmen, gleich wieder funktionieren zu müssen." In dieser Phase, die bis zu einen Monat nach dem Unfall anhält, ermutigt Müller-Engelmann die Betroffenen, eigene Ressourcen zu aktivieren und Dinge zu tun, aus denen sie Kraft schöpfen. Gleichzeitig lehrt sie Atemübungen und Entspannungstechniken, die helfen, wieder ruhiger zu werden. Eine einfache Technik zum Umgang mit Flashbacks ist die Reorientierung in der Gegenwart. Sie besteht darin, Dinge zu benennen, die man um sich herum sieht, sowie auf Geräusche und weitere Sinneseindrücke zu achten.

Wie verläuft eine Trauma-Therapie bei PTBS?

Wenn die Symptome nach einem Monat nicht abgeklungen sind, ist eine Posttraumatische Belastungsstörung zu diagnostizieren. In der Therapie werden Betroffene verstärkt ermutigt, über das Ereignis zu sprechen; je früher sie sich dazu entschließen, umso besser sind die Heilungschancen. "Aber letztlich muss der Betroffene entscheiden, ob und wie intensiv er sich auf diesen Prozess einlässt", sagt Psychotherapeutin Müller-Engelmann. Wenn man kurz vor einer Prüfung steht, eine Ehekrise durchlebt oder durch Krankheit geschwächt ist, kann es sinnvoll sein, mit der Therapie der PTBS zu warten oder in kleineren Schritten voranzugehen. Eine gut etablierte Behandlungsmethode ist die "Exposition". Das bedeutet, dass die Betroffenen sich der traumatischen Situation erneut stellen. Dies geschieht zunächst nur in ihrer Vorstellung. Wenn das wieder möglich ist, suchen die Betroffenen mit ihrem Therapeuten Orte oder Situationen auf, die sie an den Unfall erinnern. Nach einem Verkehrsunfall bedeutet das, sich wieder in ein Auto zu setzen und zu fahren.

Expositionstherapie in der Virtuellen Realität (VR)

"Wenn jemand mit einer Fahrphobie oder PTBS lange Zeit nicht Auto gefahren ist, kann er durch seine Unsicherheit auch andere Verkehrsteilnehmer gefährden", sagt Prof. Paul Pauli, Psychologe an der Universität Würzburg. "Wir hatten deshalb die Idee, als Zwischenschritt eine Übung in der Virtuellen Realität zu machen. So können die Betroffenen in einer sicheren Umwelt sehr realitätsnah schwierige Situationen trainieren." In einer Pilotstudie, die von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung finanziert wurde, überprüften Pauli und sein Team an 14 Patientinnen und Patienten erstmals die Wirksamkeit dieser neue Behandlungsmethode. Nach einer sorgfältigen Diagnostik und Vorbereitung durch eine Psychotherapeutin setzten sich die Betroffenen in einen richtigen Wagen, mit dem sie in einer virtuell erzeugten Fahrumwelt fahren konnten. "Wichtig war insbesondere die erfolgreiche Bewältigung von individuell reproduzierten Fahrsituationen, die bisher starke Angst ausgelöst haben", erklärt Pauli. Nach fünf virtuellen Übungsfahrten absolvierten die Teilnehmer Übungsfahrten im richtigen Straßenverkehr – im Beisein eines Fahrlehrers. Dabei mussten sie sich drei Situationen stellen, die sie zuvor aus Angst vermieden hatten. Das gelang allen Teilnehmern, wobei der Fahrlehrer den meisten ein angemessenes Fahrverhalten bescheinigte. Beim Follow-up nach drei Monaten konnten alle Probanden bis auf einen die schwierigen Situationen weiterhin praktisch angstfrei bewältigen. Inzwischen arbeiten Pauli und seine Mitarbeiter daran, die noch recht teure Therapie mit einer vereinfachten VR-Umgebung zu realisieren, sodass sie künftig mehr Menschen mit Fahrphobie angeboten werden kann.
Bei schweren Unfällen leidet nicht nur der Körper, sondern auch die Seele. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu psychischen Traumata.

Können Traumata auch nach längerer Zeit noch therapiert werden?

Manche Menschen entschließen sich erst nach Jahren, ihre Posttraumatische Belastungsstörung in einer Trauma-Therapie zu bearbeiten. Wie ein Patient der Frankfurter Psychotherapeutin Meike Müller-Engelmann: Der LKW-Fahrer quälte sich seit 30 Jahren mit Schuldgefühlen, nachdem er einen Fußgänger überfahren hatte. Entscheidend für den Erfolg der Therapie ist auch nach längerer Zeit die Bereitschaft, sich mit unangenehmen Gefühlen und Erinnerungen auseinanderzusetzen. "Oft haben sich die Betroffenen ein selbstschädigendes Verhalten angewöhnt, um die psychische Belastung zu reduzieren", berichtet Müller-Engelmann. "Sie nehmen starke Beruhigungsmittel, haben Süchte entwickelt oder lenken sich durch exzessives Arbeiten ab. Auch eine starke Reizbarkeit im Kontakt mit anderen Menschen kann auftreten." In der Frankfurter Trauma-Ambulanz setzt Müller-Engelmann neben der Expositionstherapie auf die sogenannte kognitive Therapie. Dabei hilft sie den Betroffenen, ihre Beurteilung der Umstände zu überdenken. Im Fall des LKW-Fahrers könnte das etwa bedeuten anzuerkennen, dass unter den damaligen Umständen auch andere Menschen die Kontrolle über das Fahrzeug verloren hätten und er deswegen kein schlechter Mensch ist.

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