Christian Bock
Gesunde digitale Gesellschaft

Verantwortung für ein gesünderes Internet – der Marketingleiter der Barmer im Interview

Lesedauer unter 5 Minuten

Interview

  • Barmer Internetredaktion

Zur Person

  • Christian Bock ist Geschäftsbereichsleiter für Marke & Marketing bei der Barmer

Christian Bock, Bereichsleiter Marketing bei der Barmer, schildert die Haltung der Barmer gegenüber Hate Speech in sozialen Medien.

Herr Bock, warum ist Hate Speech beziehungsweise Hassrede im Internet für eine Krankenkasse wie die Barmer ein Thema?
 

Christian Bock: Ohne Zweifel haben die Phänomene des Mobbings und der Hassrede über das Internet, meistens ja über die sozialen Medien, gesundheitliche Konsequenzen für die Betroffenen: Gerade Jugendliche, die häufig noch besonders verwundbar durch persönliche Angriffe sind, haben ein hohes Risiko zu erkranken.
 

Studien zeigen, dass Stress, Schlafprobleme und psychosomatische Erkrankungen die Folgen von Mobbing und Hate Speech im Internet sein können. 
 

Aber Beleidigungen und Streit gab es doch bedauerlicherweise schon immer. Warum ist das, was wir an Hasskommentaren und Hetze im Internet sehen eine neue Dimension?
 

Christian Bock: Es stimmt, dass es schon immer Beleidigungen und Streit zwischen Menschen gegeben hat. Sie sind Teil der menschlichen Beziehungen. Was wir aber heute in den digitalen Medien sehen, hat eine neue Qualität bekommen.
 

Die Kommunikation auf den sozialen Netzwerken ist zum einen sehr viel häufiger und vor allem wird sie geteilt. Das heißt, beleidigt oder herabgesetzt wird nicht mehr in einem direkten Austausch, mit maximal einer überschaubaren Anzahl von Teilnehmern, sondern jede Äußerung kann quasi unbegrenzt verbreitet werden.
 

Zudem ist die quantitative Intensität der Kommunikation auf den sozialen Netzwerken deutlich höher, als dies früher überhaupt möglich gewesen wäre. Hass und Beleidigungen können viel öfter stattfinden und sind immer weiter steigerbar. Das hängt mit der asynchronen Kommunikation in den sozialen Medien zusammen. Ich habe mein Gegenüber eben nicht mehr direkt vor mir. Ich sehe den Menschen nicht, seine Reaktionen, seine Betroffenheit. Das enthemmt, und der Ton wird aggressiver und brutaler.
 

Oft wird die Anonymität des Internets als Grund für den immer aggressiver werdenden Ton genannt. Zu Recht?
 

Christian Bock: Sicherlich ist dies teilweise ein Grund für die häufige Enthemmung und die aggressive Sprache. Menschen verstecken sich hinter der Anonymität, die viele Plattformen ermöglichen. Wir sehen aber auch Menschen, die unter ihrem vollen Namen Hass, Drohungen und Gewaltverherrlichung sowie andere strafrechtlich relevanten Dinge schreiben.
 

Daran kann man erkennen, dass die immer wieder geforderte Klarnamenpflicht kein Allheilmittel dagegen ist. Es kann auch gute Gründe geben, warum man sich im Internet vielleicht auch anonym äußern möchte.
 

Was kann die Barmer als Krankenkasse tun, um Hate Speech einzudämmen oder den Betroffenen zu helfen?
 

Christian Bock: Zunächst einmal fühlen wir uns verpflichtet, Betroffenen zu zeigen, dass wir an ihrer Seite sind. Wir wollen Aufklärung darüber geben, wie man sich schützen kann. Beispielsweise kooperieren wir mit dem Hilfsangebot „krisenchat.de“. Dort kann man sich schnell und unkompliziert auf digitalem Weg Hilfe und Unterstützung von qualifizierten Psychologen und Pädagogen holen.
 

Auf unserer Webseite barmer.de finden sich darüber hinaus vielfältige Hinweise und vertiefende Informationen zu professionellen Hilfsangeboten wie zum Beispiel HateAid, bei denen es juristische Unterstützung gibt. Wir möchten den Betroffenen zeigen: „Du bist damit nicht allein“. Als Krankenkasse beziehen wir klar Stellung gegen Hass, menschenverachtende Sprache und menschenfeindliches Handeln.
 

Wir wollen zudem auch die Plattformen dazu bringen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und von sich aus aktiv gegen Hass und Hetze vorzugehen. Im Frühsommer haben wir gemeinsam mit anderen Unternehmen deshalb für einige Zeit unsere Werbeaktivitäten auf Facebook und Instagram gestoppt. Wir wollen Facebook dort treffen, wo es sie schmerzt, nämlich bei ihren Einnahmen.
 

Das müssen Sie bitte etwas genauer erklären. War die Barmer trotzdem noch auf den genannten Plattformen präsent und für die Versicherten erreichbar?
 

Christian Bock: Um unsere Herangehensweise zu erklären, muss man zwischen der Kommunikation über die sozialen Netzwerke und den Werbeaktivitäten dort unterscheiden. Die Kommunikation mit unseren Versicherten über die unterschiedlichen Social-Media-Kanäle ist uns sehr wichtig. Wir möchten mit unseren Kundinnen und Kunden schnell, einfach und individuell kommunizieren. Das funktioniert dort sehr gut.
 

Mit dem Entschluss hingegen, nicht mehr auf Facebook zu werben, wollten wir gemeinsam mit vielen anderen Unternehmen Facebook dazu bringen, ihrer Verantwortung für die Art der Kommunikation auf ihrer Plattform gerecht zu werden. Wir wollen, dass auch in diesem sozialen Raum die Regeln für ein respektvolles Miteinander gelten.
 

Facebook verdient viel Geld mit der Werbung von Unternehmen auf ihrer Plattform. Über den zeitweiligen Werbeboykott haben wir und andere Unternehmen also wirtschaftlichen Druck ausüben wollen, um Facebook zu einem verbesserten Umgang mit ihrer Verantwortung zu bringen. Und einiges hat sich ja auch bereits getan.
 

Welche Rückmeldungen hat die Barmer damals auf die Entscheidung erhalten, die Werbung bei Facebook und Instagram zu pausieren?
 

Christian Bock: Wir haben viele positive Feedbacks dazu erhalten. Den allermeiststen Menschen ist klar, dass die sozialen Plattformen nur dann ihre positive Wirkung behalten beziehungsweise entfalten können, wenn auch dort die Kommunikation auf Dauer bestimmten Regeln folgt. Hass und Mobbing, bewusste Falschmeldungen sollen dort genauso wenig toleriert werden wie in der analogen Kommunikation.
 

Ist es nicht heikel, wenn sich eine Krankenkasse gewissermaßen politisch positioniert?
 

Christian Bock: Wir haben uns nicht politisch in einer bestimmten Richtung positioniert. Das dürfen wir nicht und wollen wir auch gar nicht tun. Wir haben uns dagegen positioniert, dass es zugelassen wird, wichtige Kommunikationsplattformen für menschenfeindliche Hassreden und Bedrohungen zu missbrauchen.
 

Etwas dagegen zu unternehmen und sich klar dagegen zu positionieren ist aus meiner Sicht eine Pflicht im Sinne eines gedeihlichen und positiven Miteinanders.
 

Im Übrigen zeigen Befragungen, dass zirka 80 % der Menschen dem Werbeboykott #stophateforprofit positiv gegenüberstehen. Zudem wissen wir, dass Mobbing und Bedrohungen durchaus reale gesundheitliche Folgen für die Opfer haben können. Die psychischen und psychosomatischen Folgen können enorm sein. Ich finde schon aus diesem Grund muss sich eine Krankenkasse dazu eindeutig positionieren.
 

Das alles heißt aber nicht, dass die Barmer an der Digitalisierung zweifelt oder nicht an digitale Lösungen glaubt?
 

Christian Bock: Ganz klar: Wir wollen die Chancen der Digitalisierung nutzen. Insbesondere im Gesundheitsbereich gibt es ja noch ein gewaltiges Entwicklungspotential mit vielfältigen Chancen. Wir engagieren uns sehr stark, um echte Verbesserungen für unsere Versicherten zu entwickeln. Mit der Barmer-App können unsere Versicherten zum Beispiel jederzeit die Bearbeitungsstände ihrer Anträge einsehen, etwa für das Krankengeld.
 

Wir stellen zudem auch eine Reihe relevanter Gesundheits-Apps zur Verfügung. Vieles kann durch die Digitalisierung schneller und unkomplizierter erledigt werden. Darüber hinaus haben wir uns sehr intensiv mit dem Thema „digitale Ethik“ auseinandergesetzt. Nicht alles was möglich ist, ist auch ethisch vertretbar. Wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen wollen und Menschen davon profitieren sollen, dann müssen auch immer die Grenzen und Regeln dafür mitgedacht und definiert werden. Insbesondere beim Thema Gesundheit ist das elementar.

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