Eine junge Frau arbeitet im Homeoffice vor dem Laptop
Einsamkeit

Macht uns die Digitalisierung einsamer?

Lesedauer unter 6 Minuten

Redaktion

  • Madeleine Zinser

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Einkäufe werden online erledigt, die private Kommunikation erfolgt über Messenger und Social Media, gearbeitet wird im Homeoffice, die Uni läuft remote: Welche Auswirkungen hat der digitale Wandel der Gesellschaft? Steigt die Einsamkeit mit zunehmender Digitalisierung oder bietet die Vernetzung eher Chancen? 

Corona, Einsamkeit und Digitalisierung

Das Internet hat sich in den vergangenen 25 Jahren gesellschaftlich etabliert und zugleich rasant weiterentwickelt. Laut der D21-Digital-Index-Studie der Initiative D21 waren 2021 erstmals mehr als 90 Prozent der Deutschen online, über 80 Prozent nutzten das Internet mobil. Zum Vergleich: 2001 haben nur 37 Prozent der Bevölkerung das Internet genutzt.

Digitalisierungsschub durch Corona

Corona sorgte in der deutschen Wirtschaft für einen weiteren Digitalisierungsschub. Die Arbeit fand bei 32 Prozent der Beschäftigten im Jahr 2021 zumindest teilweise im Homeoffice oder von unterwegs (Mobiles Arbeiten) statt, so der D21-Digital-Index.

Seit 2014 überwacht die Europäische Kommission den Stand der Digitalisierung in den Mitgliedsstaaten. In den vergangenen fünf Jahren, also auch in Coronazeiten, hat Deutschland im Bereich Digitalisierung sehr gute Fortschritte erzielt.

Digitalisierung in der Europäischen Union

Die Digitalisierung in Deutschland und der EU ist gewollt: Im Jahr 2021 präsentierte die Europäische Kommission eine Zielvorstellung und Wege für den digitalen Wandel in Europa bis 2030 – den digitalen Kompass.

Er stützt sich auf vier Pfeiler: Kompetenz, Infrastruktur, Öffentliche Dienste und Unternehmen. Öffentliche Dienste und Unternehmen sollen einen digitalen Wandel vollziehen, die IT-Kompetenz der Bevölkerung gestärkt werden und eine sichere und nachhaltige Infrastruktur, zum Beispiel durch Ausbau des 5G-Netzes, geschaffen werden.

Nicht nur die Wirtschaft wurde in Coronazeiten digitaler. Im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich für alle gängigen sozialen Medien hinweg ein Nutzungszuwachs: Mehr als drei Viertel der Menschen nutzen sie laut D21-Digital-Index mittlerweile.

Der Schulunterricht findet seit Corona erstmals digital statt und auch digitale Gesundheitsanwendungen verzeichneten einen Zuwachs. Mittlerweile können sich 34 Prozent der Befragten vorstellen, sich von einer Ärztin oder einem Arzt per Videosprechstunde behandeln zu lassen.

Das Zeitalter der Einsamkeit

Gleichzeitig wird die gegenwärtige Epoche auch als Zeitalter der Einsamkeit bezeichnet. Als Gründe hierfür gelten sowohl die Pandemie als auch die Digitalisierung.

Tatsächlich trieb Corona die Einsamkeitsrate in die Höhe: Im Jahr 2020 lag sie in der Altersgruppe 46 bis 90 Jahre bei etwa 14 Prozent. In den Jahren 2014 und 2017 betrug sie in der gleichen Altersgruppe dagegen nur neun Prozent.

Das Fazit: Corona hat die Digitalisierung vorangetrieben und gleichzeitig die Einsamkeit in die Höhe schnellen lassen. Aber stehen auch Digitalisierung und Einsamkeit im Zusammenhang?

Chancen der Digitalisierung: Einsamkeit reduzieren

Eins ist klar – die Digitalisierung bietet neue Chancen, die das Potenzial haben, Einsamkeit zu reduzieren:

  • Sie kann es uns erleichtern, bestehende soziale Kontakte zu pflegen und neue Freundschaften zu knüpfen. Wir können uns mit Freunden und Freundinnen auch auf Distanz austauschen und sogar Bestätigung durch Fremde erfahren.
  • Für immobile Personen und Menschen mit chronischen Erkrankungen kann das Internet eine vereinfachte Möglichkeit der Kontaktaufnahme darstellen. Eine niederländische Studie von chronisch kranken und körperlich eingeschränkten Personen zeigte, dass bei ihnen die Einsamkeit bei Nutzung des Internets abnahm.
  • Ältere Menschen erhalten durch das Internet ebenfalls neue Möglichkeiten, ihren Alltag zu gestalten und am Leben teilzuhaben. Und sie nutzen die Chance: Den größten Anteil an Neu-Usern stellte 2021 laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Altersgruppe 60 plus.

Die sozialen Medien sind dadurch gekennzeichnet, dass sie Informationen aller Art einfach zugänglich machen. Das kann die gesellschaftliche Teilhabe vereinfachen und benachteiligten Gruppen zum Beispiel den Zugang zu gut dotierten Jobs erleichtern.

Im Zusammenhang mit Migration und Einsamkeit wurden positive Aspekte der sozialen Medien wie die einfache Kontaktaufnahme erkannt, die Einsamkeitsgefühle reduzieren können.

Machen Smartphones einsam?

Bisher lässt sich die Frage nicht hinreichend beantworten, ob mehr Zeit vor dem Bildschirm zum Verlust realer Kontakte führt und ob sich dadurch das Gefühl von Einsamkeit verstärkt. Einige Studien legen aber nahe, dass virtuelle Beziehungen das Gefühl der Einsamkeit verstärken können, indem sie zu einer realen Abnahme zwischenmenschlicher Beziehungen führen.

Fehlender Körperkontakt

Es scheint besonders der für uns emotional wichtige Körperkontakt zu sein, der in der virtuellen Kommunikation zu kurz kommt. Eine Umarmung lässt sich eben nicht digital herstellen, das wegen mangelndem Körperkontakt entstehende Gefühl wird als haptische Einsamkeit bezeichnet.

Ein weiterer Aspekt: Virtuelle Beziehungen sind zwar flexibler, aber auch instabiler. Es ist leichter, sich einfach aus dem Staub zu machen, wenn man plötzlich keine Lust mehr auf die Freundschaft hat. Das sogenannte Ghosting ist ein Phänomen der virtuellen Welt: Jemand antwortet plötzlich nicht mehr zum Beispiel bei WhatsApp oder blockiert Kontakte.

Soziale Medien und Einsamkeit

Ein weiteres Problem ist der soziale Vergleich mit einer unendlich großen Gruppe, der vor allem für Heranwachsende problematisch ist: In den sozialen Medien zeigt sich ganz klar, wer beliebt ist und wer nicht. Besonders problematisch wird es bei Hate Speech: Individuen oder Menschengruppen werden abgewertet und angegriffen, im schlimmsten Fall kommt es sogar zu Gewaltaufrufen. Dies kann Einsamkeit und Angst zur Folge haben.

Soziale Medien sollten also achtsam und mit Augenmaß genutzt werden, damit wertvolle reale Kontakte mit Freundinnen und Freunden nicht zu kurz kommen.

Das Internet als Neuland

Obwohl immer mehr Rentnerinnen und Rentner das Internet nutzen, betrachtet ein Großteil der älteren Menschen die Digitalisierung mit Sorgen. Jede siebte Person in Deutschland fühlt sich digital abgehängt, darunter eben diese Älteren und Menschen mit niedrigem Schulabschluss oder sozioökonomischem Status.

Das Internet bietet folglich nicht allen die gleiche Chance. Dafür müsste gesichert sein, dass es für jeden in ausreichender Qualität verfügbar ist, die Medienkompetenz der Einzelnen gestärkt wird und vor allem digitale Angebote maximal zielgruppengerecht ausgestaltet werden.

Fünf Tipps für diejenigen, die sich einsam fühlen

Einsamkeit ist eine schmerzhafte Erfahrung, die auftritt, wenn Menschen mit der Anzahl oder der Qualität ihrer sozialen Kontakte nicht zufrieden sind. Sogar Personen mit vielen Bekannten können sich einsam fühlen. Wir verraten Ihnen fünf Tipps, wie die Einsamkeit auch in Zeiten von Social Media nicht zum dauerhaften Begleiter wird:

  • Bestandsaufnahme: Versuchen Sie herauszufinden, welche Kontakte für Sie angenehm und wichtig sind. Versuchen Sie diese sowohl analog als auch digital zu festigen, indem Sie ihnen Priorität gegenüber flüchtigen Bekanntschaften einräumen.
  • Balance: Es kann guttun, Zeit in sozialen Netzwerken zu verbringen. Sie können mit Menschen in Kontakt treten, die weit entfernt sind. Versuchen Sie aber auch, sich mit Menschen in Ihrer Umgebung zu treffen, diese Form der Kommunikation ist wichtig.
  • Neue Interessen: Es gibt Freizeitkurse aller Art online und vor Ort. Informieren Sie sich und versuchen Sie vielleicht, Gleichgesinnte zu motivieren.
  • Medienkompetenz stärken: Es gibt Möglichkeiten, den Umgang mit dem Smartphone oder Tablet zu trainieren. Die Lern-App „Starthilfe – digital dabei“ beispielsweise hilft Personen, die Geräte und den Umgang damit kennenzulernen. Ergreifen Sie die Chance!
  • Gemeinsame Bewegung: Für das körperliche und psychische Wohlbefinden und die Gesundheit spielt Bewegung eine wichtige Rolle. Mehr Spaß bereiten vielen Menschen sportliche Aktivitäten in einer Gruppe. Nutzen Sie Angebote vor Ort und online, um sich gemeinsam körperlich zu betätigen.

Sie möchten noch mehr Inspiration, um gegen Einsamkeit anzukämpfen? Unsere zehn hilfreichen Tipps gegen Einsamkeit helfen dabei, weniger einsam zu sein.

Literatur und weiterführende Informationen

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