Unfälle und Verletzungen

Erste Hilfe bei Kindern: So sollten Sie im Notfall reagieren

Lesedauer unter 10 Minuten
Ein Kind bemalt einen Gipsverband am Bein

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dr. med. Utta Petzold (Dermatologin, Allergologin, Phlebologin bei der Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Ein Kind verschluckt sich an einer Weintraube und bekommt keine Luft mehr, verbrüht sich mit heißem Wasser oder stürzt die Treppe hinunter: Welche Maßnahme ist jetzt nötig? Wie können Erwachsene helfen und Erste Hilfe leisten? Bei einem Kinder-Notfall ist schnelles Handeln und Erste Hilfe besonders wichtig. Und Ersthelfer sollten wissen, dass manche Handgriffe im Kindesalter anders sind als bei Unfällen von Erwachsenen. Die folgenden Tipps geben Ihnen Hilfestellung, was in einem Notfall oder einer mitunter lebensbedrohlichen Situation zu tun ist, wenn Erste Hilfe gefordert ist. 

Erste-Hilfe-Maßnahmen: Schnell und sicher handeln

Manche Meldungen in den Medien lesen sich wie ein Schock: "Mädchen bei Unfall mit Spielzeug-Traktor schwer verletzt" oder "Kind verbrüht sich mit heißem Kaffee." Für die Familie ist dies eine absolute Stresssituation: Sie wollen ihrem Kind helfen, müssen blitzschnell reagieren, haben aber große Angst, etwas falsch zu machen. "Gerade in der Medizin gilt: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Und so sieht Erste Hilfe bei Kindern teilweise anders aus als bei Erwachsenen", sagt Ralf Sick, Bereichsleiter Bildung, Erziehung und Ehrenamt bei der Johanniter-Unfall-Hilfe.

Es ist wichtig – mitunter sogar lebensrettend – zu wissen, wie man im Notfall reagieren sollte: Mindestens 1,84 Millionen Kinder unter 15 Jahren müssen nach einer Unfallverletzung jedes Jahr beim Arzt oder im Krankenhaus versorgt werden. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass es irgendwann zu einem Ernstfall kommt, bei dem Erste Hilfe und Inhalte aus dem entsprechenden Kurs nötig werden. Darauf sollten Eltern und Betreuer gut vorbereitet sein. Höchste Zeit also, damit zu starten, sein Wissen aufzufrischen oder zu vertiefen. 

Praktische Hilfsmittel für besseres Erste-Hilfe-Wissen

Heute gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, um die Kenntnisse für den Notfall und lebensrettende Sofortmaßnahmen zu erwerben und frisch zu halten: So bietet zum Beispiel die Johanniter-Unfall-Hilfe Erste-Hilfe-Kurse speziell für Eltern, Großeltern, Babysitter, Erzieher und alle Interessierten an. In den Kursen erhalten Sie nicht nicht nur praktische Tipps, wie Sie Erste Hilfe bei Babys und Kleinkindern leisten. Ihnen werden auch mögliche Unfallquellen und vorbeugende Maßnahmen zu weiteren Themen aufgezeigt, um Kindernotfälle zu vermeiden.

Die Broschüre "Erste Hilfe am Kind – kinderleicht", die in Zusammenarbeit der Barmer und der Johanniter-Unfall-Hilfe entstand, ist die perfekte Auffrischung für daheim. Sie fasst alle Themen der Erste-Hilfe-Kurse zusammen. Wer sie zu Hause auf den Schreibtisch oder auf das Nachtschränkchen legt, schaut immer wieder mal hinein – so bleibt das Erste-Hilfe-Wissen des Kurses und das Wissen um besondere Gefahrenquellen präsent.

Ebenfalls für den Alltag gedacht ist die Kindernotfall-App. Auf dem Handy hat man sie immer in der Tasche und kann praktisches Wissen aus der Erste-Hilfe-Ausbildung wie beispielsweise die stabile Seitenlage und die richtige Beatmung nachlesen. Ein extra Kapitel beschäftigt sich mit der Sicherheit in der eigenen Wohnung, in der Schule und im Kindergarten. Auch für den Notfall hat die App viele Funktionen: Verunglückt ein Kind, können Erwachsene in der interaktiven Karte schnell nach Kinder- und Jugendärzten, Krankenhäusern und Notfallambulanzen in der Nähe suchen. Auch Symptome lassen sich bestimmen: Die App fragt Anzeichen einer Erkrankung oder Vergiftung ab und berät dann zur möglichen Ursache – und vor allem wie nun zu handeln ist. Eine weitere hilfreiche Funktion: Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand gibt die App den Takt bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung mit akustischen und optischen Signalen vor.

Was tun, wenn das Kind Putzmittel getrunken hat?

Es ist die Horrorvorstellung aller Eltern, die zum Glück nur selten vorkommt: Das Kind sitzt vor dem geöffneten Putzschrank, eine umgefallene Flasche mit Reinigungsmittel liegt daneben. Wie reagiert man nun richtig? Experten raten zu einer schnellen Lösung: Einen (!) Schluck Wasser zu trinken geben und ein Entschäumer-Mittel einflößen – dieses gibt es in der Apotheke zu kaufen. Auch etwas Fettiges, wie ein Keks mit Butter oder Schokolade können die Schaumbildung des Reinigungsmittels bremsen. Ganz wichtig: Niemals sollte Eltern Erbrechen auslösen. Das belastet die bereits angegriffene Speiseröhre ein zweites Mal. Auch Milch sollte man betroffenen Kindern – entgegen früherer Empfehlungen – nicht zu trinken geben. Zwar hat Milch die Fähigkeit, Säuren und Laugen zu neutralisieren. Aber Milch ist auch ein Emulgator und macht Fette wasserlöslich. Dadurch gelangen manche giftigen Stoffe sogar noch schneller in den Körper als ohne Milch. Zeigt das Kind noch keine Symptome, kann man die Nummer einer örtlichen Giftinformationszentrale wählen und fragen, was weiter zu tun ist. Sind jedoch bereits Vergiftungsanzeichen zu erkennen, ist dringend die Notrufnummer 112 zu wählen.

Das Kind hat sich am Kopf gestoßen – wie versorgt man eine Platzwunde?

Eine Kopfplatzwunde sieht immer schrecklich aus und blutet stark. "Wie bei allen starken Blutungen: Üben Sie Druck auf die Wunde aus. Pressen Sie eine sterile Kompresse längere Zeit fest auf die Wunde. Wenn die Blutung zurück geht, können sie die Kompresse zum Beispiel mit einer Mullbinde an der Stelle befestigen. Denken Sie auch daran, dass bei dem Unfall auch eine Gehirnerschütterung verursacht worden sein kann. Verändern sich deshalb lebenswichtige Funktionen, wie beispielsweise das Bewusstsein, rufen Sie die 112 an." rät Ralf Sick von den Johannitern. Der Gang zum Kinderarzt ist meist vertane Zeit, da dieser eine Wunde nicht nähen und kleben kann. Also lieber gleich in die Notaufnahme.

Das Kind bekommt nachts keine Luft – ab wann wird es gefährlich?

Häufig handelt es sich bei nächtlichen Atembeschwerden um einen Pseudokrupp-Anfall – das ist eine spezielle Form der Atemnot, die meist in der kalten Jahreszeit bei Kindern bis fünf Jahren auftreten kann. Durch den Atemwegsinfekt schwellen die Schleimhäute an. "Wichtigster Tipp: Bleiben Sie ruhig, auch wenn Sie die Situation als angsteinflößend empfinden. Es ist wichtig, dass Sie für das Kind Ruhe ausstrahlen. Dann versuchen Sie, für ein Abschwellen der Schleimhäute zu sorgen. Dazu nehmen Sie das Kind beruhigend auf den Arm und gehen zum Beispiel mit dem warm angezogenen Kind an die kühle Nachtluft auf dem Balkon. Aber auch kühle, feuchte Luft aus dem Kühlschrank oder der Wassernebel einer laufenden Dusche im Bad helfen hier", sagt Ralf Sick von den Johannitern. Sollten die Symptome nach einer halben Stunde nicht verschwinden und die Lippen blau anlaufen, sollten Eltern jedoch den Notarzt rufen.

Das Baby oder Kleinkind hat etwas verschluckt und röchelt – welche Griffe retten sein Leben?

Dies ist ein echter Notfall. Ob ein Legostein-Einer, eine Erdnuss oder ein angenuckeltes Stück Brezel – wenn sich Fremdkörper vor die gerade mal bleistiftdicke Luftröhre eines Kindes legen oder in die Lunge gelangen, besteht Erstickungsgefahr. Leider bleibt für die richtige Reaktion jetzt wenig Zeit: Nur drei bis fünf Minuten kann das Gehirn ohne Sauerstoff auskommen. Der Rettungsdienst braucht aber in einer deutschen Großstadt etwa zehn Minuten zum Einsatzort, auf dem Land oft noch länger. Eltern sollten dennoch Ruhe bewahren: Legen Sie das Kind bäuchlings über Ihr Bein und schlagen Sie bis zu fünf Mal auf seinen Rücken. In den allermeisten Fällen reicht das, um den Speiserest oder verschluckte Gegenstände wieder hinaus zu befördern.

Wenn nicht, muss das Heimlich-Manöver folgen – benannt nach seinem Erfinder Henry J. Heimlich. Bei Kindern ab einem Jahr, wird das Kind von hinten umfasst. Die Hände oder eine Faust legen sich dann auf den V-förmigen Bereich zwischen Brustbein und Bauchnabel unterhalb des Rippenbogens. Bis zu fünf Mal werden dann die Arme kräftig nach innen und etwas nach oben gezogen. Die Luft wird aus der Lunge gedrückt und der Fremdkörper dadurch – hoffentlich – aus der Luftröhre entfernt. Das Heimlich-Manöver sollte man allerdings niemals ohne Notfall üben, sonst könnten lebenswichtige Organe verletzt werden.

Wie rettet man einen abgebrochenen Zahn?

Es passiert gar nicht so selten: Ein Sturz auf dem Spielplatz, direkt auf einen Stein, schon fehlt ein Zahn oder zumindest ein Teil davon. Glücklich ist dann das Kind, das noch Milchzähne hat. Bei bleibenden Zähnen wird es schon dramatischer. Will man den herausgebrochenen Zahn retten, darf die Zahnwurzel nicht austrocknen. Um dies zu verhindern, gibt es Zahnrettungsboxen aus der Apotheke. Sie enthalten eine Nährlösung, in der ein Zahn sicher zum Zahnarzt transportiert werden kann. Im Notfall tut es auch ein Glas H-Milch oder isotone Kochsalzlösung aus der Apotheke. Auf keinen Fall sollte man den Zahn im Mund transportieren, denn dort ist es zu warm und Keime können den Zahn angreifen. Auch nicht ratsam: desinfizieren, abspülen oder die Zahnwurzel berühren. Am besten suchen Sie eine Zahnarztpraxis mit 24-Stunden-Betrieb auf. Dort kann der Zahn hoffentlich wieder eingesetzt werden und wächst hoffentlich sogar wieder an.

Das Kind hat sich mit heißem Wasser verbrüht – selbst versorgen oder zum Arzt?

Wie gefährlich eine Verbrennung ist, hängt davon ab, wie groß die betroffene Hautfläche ist und wie tief die Hitze die Haut geschädigt hat. Bei Säuglingen kann schon eine leichte Verbrennung mit einer Hautrötung bedrohlich werden, wenn ein größeres Areal betroffen ist. Rufen Sie daher vorsichtshalber den Rettungsdienst, wenn das Kind Symptome zeigt und zum Beispiel über starke Schmerzen klagt.

Kleine Brandwunden können Sie selbst kühlen. Halten Sie die betroffene Stelle – zum Beispiel den Finger – für zwei Minuten unter fließendes, kühles Wasser. Größere Brandwunden kühlen Sie nicht. Je größer die betroffene Hautfläche ist und je kleiner das Kind, desto größer ist die Gefahr einer Unterkühlung. Es ist deshalb wichtig, Kinder mit Brandverletzungen warm zu halten. Vermeiden Sie Eis oder Kühlpads, da die Wunde hierdurch anschließend stärker durchblutet wird und noch mehr schmerzt. Ist heißes Wasser über die Kleidung gelaufen, ziehen Sie das Kind unbedingt aus, auch die Windel und die Unterhose. Ist Stoff mit der Brandwunde verklebt, lösen Sie diesen im kühlen Wasserbad ab. Alternativ können Sie kalte, nasse, nicht fusselnde Tücher auflegen und häufig wechseln.

Offene Verbrennungen deckt man keimfrei mit einem beschichteten Verbandstuch oder Frischhaltefolie ab. Es darf dabei auf keinesfalls Druck auf die Wunde ausgeübt werden. Brandblasen sollten nicht geöffnet werden, da sonst Infektionsgefahr besteht.

Eine Biene hat das Kind gestochen. Soll man den Stachel entfernen?

Im Gegensatz zur Wespe bleibt der Stachel einer Biene nach dem Stich in der Haut stecken. Er trägt am hinteren Ende eine kleine, mit Gift gefüllte Blase. Daher darf der Stachel nicht mit den Fingern herausgezogen werden – dadurch würde das Gift in die Stichwunde gedrückt werden. Experten raten dazu, den Stachel stattdessen "wegzuschnippen" oder eine schmale Splitterpinzette unterhalb des Giftsacks auf der Haut anzusetzen, so kann sich die Giftblase nicht entleeren. "Kühlen Sie den Stich danach mit einem Kühlpad. Dadurch ziehen sich die Blutgefäße zusammen und die Schwellung wird gelindert", erklärt Ralf Sick von der Johanniter-Unfall-Hilfe.

Ein besonderer Notfall ist ein Bienen- und Wespenstich im Mund- und Rachenraum – wenn dies auch selten vorkommt. Die Schleimhäute schwellen stark an, sodass Erstickungsgefahr droht. Auch hier gilt: Eiswürfel oder Eis geben, das wirkt abschwellend. Dann ist der Notarzt zu rufen, der Medikamente dabei hat, um das Kind vor Ort zu versorgen.

Muss man zum Arzt, wenn das Kind vom Baum gefallen ist?

Ist das Kind auf den Kopf gestürzt, kann es eine Gehirnerschütterung erlitten haben. Bei Symptomen wie Erbrechen, Bewusstseinsstörungen oder stark zunehmenden Kopfschmerzen sollten Sie eine Kinderklinik aufsuchen. Dort entscheiden die Ärzte, ob das Kind eine Nacht im Krankenhaus bleibt oder wieder mit nach Hause fahren darf.

Was ist das zweite Ertrinken?

Das zweite Ertrinken – auf Englisch "secondary drowning" – beschreibt einen extrem seltenen Notfall, der erst nach einem Badeunfall auftritt. Dabei gerät Wasser in die Lunge und schädigt die Lungenbläschen. Es bildet sich ein sogenanntes Lungenödem. Innerhalb einiger Stunden fließt körpereigene Flüssigkeit aus dem Blut in die Lunge und kann zum Ersticken kommen.

Weniger bekannt ist eine weitere Gefahr, die bei einem Badeunfall droht: das trockene Ertrinken. Dabei gelangt das Wasser nicht bis in die Lunge, sondern führt zu einem Stimmritzenkrampf. Dadurch bekommt das Kind kaum noch Luft. Im Gegensatz zum zweiten Ertrinken tritt das trockene Ertrinken jedoch sofort nach dem Kontakt mit dem Wasser auf, das zweite Ertrinken oft erst Stunden später – meist in der Nacht.

Wann Eltern aufmerksam werden sollten:

  • Bei jedem Unfall, bei dem das Kind im Wasser treibt und gerettet wird.
  • Bei jedem Badeunfall, nach dem das Kind stark hustet.
  • Wenn das Kind über Schmerzen in der Brust klagt und Probleme beim Atmen hat.
  • Wenn es nach einem Badeunfall plötzlich sehr müde ist.
  • Wenn es nach einem Badeunfall Fieber bekommt.
  • Wenn es sich nach einem Badeunfall anders verhält als sonst.

Bei jeglichen Atemproblemen nach einem Badeunfall sollte man das Kind in die Kinderklinik bringen. In den meisten Fällen verschwinden die Symptome jedoch schnell wieder. Ist dies nicht der Fall, wird das Kind im Krankenhaus für eine Nacht überwacht. Schläft es zu Hause und zeigt keine Symptome, sollten die Eltern es in der Nacht engmaschig beobachten. Lassen Sie ihr Kind bei sich schlafen und stellen Sie sich regelmäßig den Wecker, um zu hören, ob es normal atmet. Wenn Sie ein Pfeifen, Rasseln oder eine Art Brodeln hören, dann fahren Sie unverzüglich ins Krankenhaus.

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