Paar umarmt sich und sie hält einen postiven Schwangerschaftstest in der Hand
Transparenzbericht

Trend-Thema Fruchtbarkeit: Was wirklich hilft und was nur unnötig stresst

Lesedauer weniger als 10 Min

Redaktion:

Jessica Braun

Qualitätssicherung:

Dr. med. Ursula Marschall (Leitende Medizinerin der Barmer)

In den sozialen Netzwerken trendet das Thema Fruchtbarkeit. Insbesondere junge Frauen sorgen sich, nicht schwanger werden zu können – meist grundlos. Woher kommt die Fertility Anxiety?

Endlich zehn Klimmzüge am Tag schaffen oder den Handstand beim Yoga meistern – solche Ziele waren gestern. In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein neuer Trend: „Pregnancy prepping“, übersetzt etwa „Schwangerschaftsvorbereitung“. Die Frauen, die dazu posten, sind meist jung und fit. Viele haben noch gar nicht versucht, schwanger zu werden – also keinen Anlass, an der eigenen Fruchtbarkeit zu zweifeln. Aber ihr Körper soll jetzt schon bestmöglich vorbereitet sein, um auch wirklich zu empfangen, sollten sie sich dazu entschließen. Deswegen bezeichnen sie diese Lebensphase als „Trimester Null“, quasi als Vorstufe der Schwangerschaft. Und ihren Posts zufolge investieren sie viel Zeit und Energie, um sich mit Arztterminen, Ernährung, Sport und Zyklus-Tracking für den Moment zu rüsten, wenn aus dem Kinderwunsch Realität werden soll.

„Ich trainiere für die Schwangerschaft wie auf einen Marathon“, vermeldet eine Influencerin mit einer Million Follower auf TikTok . „Die sechs Monate, bevor du empfängst, sind die wichtigsten deiner Schwangerschaft“, erklärt eine andere auf Instagram.

Die Zielgruppe: andere Frauen Anfang oder Mitte 20, die zwar keine gesundheitlichen Probleme haben, aber entschlossen sind, ihrem potentiellen Baby die „besten Chancen auf einen gesunden Start ins Leben“ zu ermöglichen. Dafür beobachten sie akribisch ihren Zyklus und nehmen teure Nahrungsergänzungsmittel. Manche denken öffentlich darüber nach, ihre Eizellen für später einfrieren zu lassen, das sogenannte „Social Freezing“. Andere posten Tipps für eine „unkomplizierte und positive Schwangerschaft“, inklusive Links zu den Produkten oder Kursen, die man dafür nutzen sollte.

Warum manche Frauen „Fertility Anxiety“ empfinden

Manche macht diese Beschäftigung mit dem eigenen Körper jedoch eher nervös: Sie klagen über die sogenannte „Fertility Anxiety“, also Fruchtbarkeitssorgen. Wie sich diese anfühlen, beschreiben Nutzerinnen auf der Plattform Reddit: „Ich habe ständig diese schreckliche Angst davor, ,alt‘ und unfruchtbar zu werden“, schreibt eine 28-Jährige. „Die Angst und das ständige Grübeln erdrücken mich. Ich habe große Sorge, dass es nicht klappen wird,“ heißt es in einem anderen Thread. Und eine 27-Jährige fragt: „Stresst die Angst vor möglichen Fruchtbarkeitsproblemen noch jemanden?“

Solche Ängste beschäftigen einer US-Umfrage zufolge knapp 72 Prozent der Frauen in der Generation Z. Bei den meisten treten diese Gedanken schon im Alter von 23 Jahren auf. Zur Einordnung: Die Umfrage ist zwar repräsentativ, stammt jedoch von einem Verbund von Kinderwunschzentren. Dennoch scheint das Thema genug Potential zu haben, um in den Sozialen Medien (selbsternannte) Gesundheitsexpertinnen und -experten mobil zu machen – häufig, weil diese daran verdienen wollen.

Wie Soziale Medien Sorgen verstärken können

„Hier kommen zwei Faktoren zusammen“, sagt Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der Barmer. „Eine Generation, die es gewohnt ist, alle Aspekte ihres Lebens durchzuoptimieren. Und die wachsende Bereitschaft, sich online über Gesundheitsthemen zu informieren und auszutauschen.“ In einer Studie nannten beispielsweise Frauen im Alter zwischen 18 und 49 Jahren das Internet als zweitwichtigste Quelle für Verhütungsfragen, nach der gynäkologischen Praxis. Bei den Männern gleichen Alters teilt sich das Internet den 1. Platz mit Familie und Freunden. Posts zu Endometriose oder TikTok-Videos mit Titeln wie „Wie benutze ich ein Kondom richtig?“ erzielen enorme Reichweiten.

Dr. Ursula Marschall

Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der Barmer

Gleichzeitig verzerren die Algorithmen die Wahrnehmung: Wer einmal einen Begriff wie „Zyklus“ oder „Fruchtbarkeit“ eingegeben hat, bekommt reihenweise Content dazu zu sehen, von Vlogs über unerfüllten Kinderwunsch bis zur künstlichen Befruchtung. „Dieser offene Umgang ist einerseits wichtig, um Tabus abzubauen“, sagt Ursula Marschall. „Unter Umständen entsteht bei den Frauen jedoch der falsche Eindruck, Unfruchtbarkeit sei die Norm.“

Richtig ist: Die Chance, schwanger zu werden, liegt für Frauen zwischen 18 und 30 Jahren bei ungefähr 20 bis 30 Prozent. In jedem Zyklus. Innerhalb eines Jahres stellt sich bei etwa 80 Prozent aller Paare, die nicht verhüten, eine Schwangerschaft ein. Mit steigendem Alter nimmt diese Wahrscheinlichkeit ab. Mit 35 Jahren beispielsweise beträgt sie pro Zyklus noch etwa 10 bis 15 Prozent. Trotzdem scheinen sich die jüngeren Frauen die größeren Sorgen zu machen. Wie kommt es, dass gerade die Altersgruppe, die körperlich die besten Voraussetzungen hat, diese offenbar am stärksten in Zweifel zieht?

Warum junge Frauen übers Kinderkriegen nachdenken sollten

„Unsere Gesellschaft macht es Frauen nicht gerade leicht, sich für ein Kind zu entscheiden“, sagt Prof. Dr. Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe an zwei Berliner Vivantes-Kliniken und Autorin des Gyncast-Podcasts. Familienpolitisch seien die Zeiten eher schwierig: „Mütter leisten mehr unbezahlte Care-Arbeit. In vielen Fällen leidet die Karriere. Das macht sich dann später bei der Rente bemerkbar.“ Während die biologische Uhr tickt, versuchen viele Frauen erst noch andere Lebensziele abzuhaken: Ausbildung, Berufserfahrung, finanzielle Absicherung und die Suche nach dem richtigen Partner oder der richtigen Partnerin verschieben das Alter für das erste Kind immer weiter nach hinten. In Deutschland sind Erstgebärende inzwischen durchschnittlich 30,4 Jahre alt (Stand 2024).

Porträtfoto Prof. Dr. Mandy Mangler

Prof. Dr. Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe an zwei Berliner Vivantes-Kliniken und Autorin des Gyncast-Podcasts

Viele Frauen starten ihre Versuche also erst in einer Lebensphase, in der es zumindest ein bisschen schwieriger ist, schwanger zu werden. Mandy Mangler begrüßt es deshalb, wenn Frauen Mitte 20 sich die Frage stellen: „Will ich Kinder haben und warum?“ Es sei aber auch nachvollziehbar, wenn die Antwort „Nein“ laute. „Es wäre an Politik und Gesellschaft, familienfreundlichere Strukturen zu schaffen“, so Mangler. „Derzeit haben junge Frauen das Gefühl, die komplette Verantwortung laste allein auf ihren Schultern.“

Im Netz kursieren viele falsche Behauptungen über Fruchtbarkeit

Es gibt also eine Reihe realer Faktoren, die Schwangeren in spe zumindest Anlass zum Nachdenken geben können. Viele Behauptungen zur Fruchtbarkeit, die im Netz kursieren, machen hingegen unnötig Angst. Mal ist es die Pille, die angeblich dauerhaft unfruchtbar macht, dann die HPV-Impfung, Sonnencreme oder Kaffee. „Solche Fehlinformationen tauchen in der Geschichte der Gynäkologie immer wieder auf“, sagt Mangler. „Vor dem Eisenbahn- oder Fahrradfahren wurde auch mal gewarnt, dass es die Fruchtbarkeit einschränke. Das ist einfach Quatsch.“ Das bestätigt eine australische Analyse von Posts in den Sozialen Medien. „Im Internet kursieren etliche unrichtige Informationen zu Ernährung und Lebensweise im Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit“, heißt es darin. Ganze 54 Prozent entbehrten jeder wissenschaftlichen Grundlage. Nur 5 Prozent stimmten mit internationalen medizinischen Leitlinien überein.

Das Problem: Die digitale Gesundheitskompetenz – also die Fähigkeit, medizinische Informationen im Netz zu finden, zu bewerten und einzuordnen – ist bei vielen Nutzerinnen und Nutzern ausbaufähig. Wer einen „toxinfreien“ Lebensstil und hochpreisige „Pregnancy Prep“-Kurse verkaufen möchte, muss nur selten kritische Nachfragen fürchten. Meist bringen die online propagierten Maßnahmen für gesunde junge Frauen aber wenig.

Welche Faktoren der Fruchtbarkeit wirklich zuträglich sind

Das gilt auch für den AMH-Test (kurz für: Anti-Müller-Hormon). Er soll zeigen, wie viele Eizellen eine Frau noch zur Verfügung hat – ein Indikator dafür wieviel Zeit bleibt, um schwanger zu werden. „Ich würde das nur Frauen raten, deren Mütter sehr früh in die Menopause gekommen sind, die an einer chronischen Erkrankung leiden oder die nur noch einen Eierstock haben“, sagt Mandy Mangler. „Für Mittzwanzigerinnen, die noch gar nicht versucht haben, schwanger zu werden, sind solche Tests wenig aussagekräftig.“ Unter Umständen verursacht das Ergebnis dann eher Stress als zu beruhigen.

Gut für die Fruchtbarkeit hingegen: Ein ausgewogener Lebensstil mit ausreichend Schlaf, wenig Alkohol und ohne Nikotin. „Und regelmäßiger Sex“, so Mangler. Ursula Marschall rät zudem, extreme Diäten oder exzessiven Sport zu vermeiden. Auch Stress beeinträchtigt den Hormonhaushalt. Wer versucht, durch Tracking und reihenweise selbstverordnete Maßnahmen fruchtbarer zu werden, macht es sich damit möglicherweise nur schwerer.

Fazit: Auf den Körper hören

Sich für den eigenen Körper zu interessieren, ist grundsätzlich positiv. Die Gynäkologin Mangler empfiehlt, sich Wissen über den eigenen Zyklus anzueignen, da dies sowohl für eine spätere Schwangerschaft als auch für die Verhütung eine solide Basis biete. Solange die gewonnenen Erkenntnisse nicht zu unnötigem Grübeln führen, ist das ein Zeichen von guter Gesundheitskompetenz.

Verursachen die Inhalte im Feed jedoch Stress, sollte man Abstand nehmen und den anstrengenden Accounts entfolgen. Für die allermeisten Frauen reicht es aus, auf die Bedürfnisse ihres Körpers zu achten. Ursula Marschall fasst das so zusammen: „Neben einem ausgewogenen Lebensstil braucht es vor allem den Mut zum Glücklichsein. Und die Gelassenheit, die Dinge auf sich zukommen zu lassen.“

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