Es ist schwierig zu diagnostizieren und noch schwerer zu ertragen: Bei einem Lipödem vermehrt sich Fettgewebe unkontrolliert, Berührungen schmerzen. Was Betroffene wissen sollten.
Lipödem behandeln: Welche Möglichkeiten haben Patientinnen?
Redaktion:
Jessica BraunQualitätssicherung:
Dr. med. Ursula Marschall (Leitende Medizinerin der Barmer)Wer an einem Lipödem erkrankt, leidet mehrfach: Durch die Fettverteilungsstörung sammelt sich Fettgewebe an beiden Beinen, in einigen Fällen auch an beiden Armen, was diese berührungs- und druckempfindlich macht. Dazu kommt die emotionale Belastung. Häufig sind die Betroffenen – überwiegend Frauen – mit dem Vorurteil konfrontiert, sie seien einfach zu dick. Diäten zeigen an den veränderten Körperpartien jedoch selten Erfolg. Viele Patientinnen fühlen sich zudem alleingelassen. Denn die chronische Erkrankung ist schwer zu diagnostizieren.
Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der Barmer
„Ein Lipödem ist eine Ausschlussdiagnose“, sagt Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin der Barmer. Das heißt, dass Ärztin oder Arzt alle anderen infrage kommenden Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausschließen müssen, um ein Lipödem festzustellen. Da ist zum einen das Lymphödem, bei dem sich Wasser, nicht Fett im Gewebe staut. Und die Adipositas, bei der sich übermäßiges Fett vor allem am Körperstamm, etwa am Bauch bildet. Das Problem: Etwa zwei Drittel der von einem Lipödem Betroffenen sind zusätzlich auch adipös.
Keine Frage der Ästhetik, sondern eine schmerzhafte Erkrankung
Zwei Faktoren sind deshalb wichtig, um die Erkrankung festzustellen: „Das Fett sammelt sich nur an beiden Armen und beiden Beinen. Und die Patientinnen haben Schmerzen“, so Ursula Marschall. Auslöser für ein Lipödem könnten hormonelle Veränderungen sein, wie sie in der Pubertät oder Schwangerschaft einsetzen. Bislang gibt es dazu aber nicht genug gesicherte Erkenntnisse.
Im Anschluss an die Diagnose folgt meist eine konservative Therapie. Oberstes Ziel ist es, durch Kompression die Schmerzen zu lindern. Die Patientinnen müssen dafür konsequent individuell angepasste Kompressionskleidung tragen. Unterstützend erhalten sie manuelle Lymphdrainage, um durch die spezielle Massagetechnik die Weiterleitung der Schmerzsignale positiv zu beeinflussen. Regelmäßige Bewegung und eine angepasste Ernährung gehören ebenfalls zum konservativen Behandlungskonzept.
Lipödem: Ab wann ist ein operativer Eingriff angezeigt?
Halten die Schmerzen trotz der konservativen Therapie unvermindert an, bleibt noch der operative Weg. Durch eine Liposuktion, also Fettabsaugung, wird das erkrankte Fettgewebe an den Extremitäten entfernt. „Es handelt sich hier nicht um eine Schönheitsoperation, sondern um eine Therapie, die auf die Schmerzlinderung abzielt“, betont Ursula Marschall.
Bislang galt der Zugang zur OP als kompliziert. Die gesetzlichen Krankenkassen übernahmen die Kosten bisher nur im schwersten Krankheitsstadium, dem Stadium III. Im vergangenen Jahr entschied der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) jedoch, die Regelung anzupassen. Der G-BA ist das zentrale Entscheidungsgremium des deutschen Gesundheitswesens. Mit dem Beschluss vom Juli 2025 folgt der G-BA den Empfehlungen der neuen medizinischen Leitlinie. Demnach wird die Stadieneinteilung verlassen und das individuelle Beschwerdebild mit der Schmerzintensität steht im Vordergrund. Auch Patientinnen mit Stadium I oder II können nun bei entsprechender Indikation eine Liposuktion durchführen lassen, die dann von der Kasse bezahlt wird.
Für stationäre Behandlungen, also einen Eingriff in der Klinik, ist die Neuregelung bereits seit Oktober 2025 in Kraft. Ambulante Behandlungsmöglichkeiten werden voraussichtlich ab Mitte 2026 zur Verfügung stehen. „Zuvor müssen die letzten Vergütungsfragen geklärt werden“, sagt Ursula Marschall.
Die Zahl der Lipödem-Diagnosen steigt
Hochrechnungen dazu, wie viele Frauen in Deutschland betroffen sind, gehen stark auseinander. Bisherige Schätzungen kamen auf bis zu vier Millionen Patientinnen. „Unsere Daten zeigen ein anderes Bild “, sagt Ursula Marschall. „Wir gehen von bundesweit etwa 500.000 Betroffenen aus.“ Die Diagnosen nehmen jedoch zu: Zwischen 2017 und 2023 stieg die Zahl von 146.600 auf 419.700, wie das Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung (bifg) belegt. Als Ursache dafür sieht Marschall unter anderem das wachsende Bewusstsein für die Erkrankung sowie die verbesserten Möglichkeiten, diese zu therapieren.
Der G-BA-Beschluss und die damit verbundenen Hürden
Einerseits öffnet der G-BA-Beschluss für mehr Patientinnen den Weg zur OP als Kassenleistung. Dabei wird stets zwischen Nutzen und Risiko der Therapie abgewogen. Um sicherzustellen, dass Betroffene die bestmögliche Behandlung erhalten, gelten jedoch strenge Voraussetzungen. Bevor an eine Operation zu denken ist, müssen Patientinnen mindestens sechs Monate lang konservativ behandelt werden. Zudem muss ihr Körpergewicht in diesem Zeitraum stabil bleiben.
Wichtig ist auch ihr Body-Mass-Index (BMI). Liegt dieser über 35, müssen sie erst Gewicht verlieren. Bei einem BMI zwischen 32 und 35 darf das Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße bestimmte altersspezifische Grenzwerte nicht überschreiten. Damit soll sichergestellt werden, dass die Beschwerden nicht primär durch eine Adipositas verursacht werden.
Hinzu kommt das sogenannte Vier-Augen-Prinzip: Zwei Fachärztinnen bzw. -ärzte müssen das Lipödem voneinander unabhängig feststellen und die OP befürworten. Auch dürfen die Eingriffe nur von Behandelnden durchgeführt werden, die anhand von Fallzahlen ausreichend operative Erfahrung nachweisen können.
Ein realistischer Blick auf den Eingriff
Die Operation kann die Schmerzen reduzieren und den Alltag erleichtern. Doch sie ist kein Wundermittel. „Die Frauen haben häufig unrealistische Vorstellungen“, so Marschall. Aus medizinischen und technischen Gründen lassen sich nur maximal zehn Prozent des Körpergewichts entfernen. Eine vollständige Heilung der chronischen Krankheit bringt der operative Eingriff nicht.
Für die Betroffenen ist die Liposuktion durchaus eine Chance. Doch die krankhaften Fettzellen können wiederkommen. „In der Regel lässt sich die Erkrankung aber gut behandeln“, sagt Ursula Marschall. Mit dem Ergebnis, dass Patientinnen dauerhaft schmerzfrei leben können.
Zehn Jahre Innovationsfonds – Neue Ideen für die Versorgung
Bei der Förderung innovativer Behandlungsmethoden arbeiten die gesetzlichen Krankenkassen zusammen – doch gute Ideen kommen noch zu selten im Versorgungsalltag an.