Ob die Beschäftigten in Deutschland zu oft krank sind, wird seit Jahren debattiert. Wir haben uns die Zahlen zur Arbeitsunfähigkeit angesehen und mit Expertinnen und Experten gesprochen.
Sind die Deutschen so oft krank wie nie?
Die durchschnittlichen Krankheitstage in Deutschland sind seit 2022 auf einem hohen Niveau. Soviel ist richtig. Doch das bedeutet nicht zwingend, dass die Bevölkerung in den vergangenen Jahren häufiger wegen Krankheit ausfiel als früher. Ein Teil des Anstiegs beruht auf einem statistischen Effekt, sagt Stefanie Winkler, bei der Barmer Koordinatorin im Bereich Corporate Health. „Die Anzahl der Krankentage ist tatsächlich deutlich gestiegen. Dieser Sprung fällt zeitlich jedoch mit der bundesweiten Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zusammen.“
Seit dem 1. Januar 2022 gibt es die elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Zuvor mussten Arbeitnehmende den „gelben Schein“, also die AU in Papierform, selbst bei Arbeitgeberin oder Arbeitgeber sowie ihrer Krankenkasse einreichen. Gerade bei kurzen Ausfällen von bis zu drei Tagen blieb der Schein jedoch häufig zuhause in der Schublade liegen. Seit die Praxen die AU digital und automatisiert an die Kassen übermitteln, werden alle von Ärzten dokumentierten Krankentage lückenlos erfasst. Das erklärt ein Stück weit, warum die Zahl der Krankmeldungen seit 2022 höher ist. Lag der Anteil der Krankmeldungen (Fälle) von bis zu 3 Tagen in 2021 noch bei 35 Prozent, stieg er in 2025 auf 40,5 Prozent an. Das zeigt eine Auswertung des Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg).
Ein weiterer Faktor: die Corona-Pandemie. Anfangs trug diese vor allem durch die vermehrten Infektionen zum Anstieg bei. Mit der Zeit veränderte sich aber auch der gesellschaftliche Umgang mit Erkrankungen. Anstatt mit Husten oder starken Halsschmerzen zur Arbeit zu gehen, bleiben Beschäftigte nun eher mal zuhause, um ihre Kolleginnen und Kollegen nicht anzustecken.
Dr. Andreas Tautz, Chief Medical Officer der DHL Group
„Ein weiterer wesentlicher Faktor ist unsere Demografie“, sagt Dr. Andreas Tautz, Chief Medical Officer der DHL Group. „Deutschland hat eine der ältesten Erwerbsbevölkerungen in Europa.“ Der Anteil der 55- bis 64-jährigen Beschäftigten liegt hierzulande bei 24 Prozent. „Mit dem Alter steigen naturgemäß auch die Ausfallzeiten“, so Andreas Tautz. „Das heißt aber nicht, dass die Deutschen weniger arbeiten. Im Gegenteil: Seit 1990 kamen wir noch nie auf so viele Erwerbsstunden wie heute.“
Ihr Newsletter für ein gesünderes und nachhaltigeres Leben
Jetzt unverbindlich anmelden und monatlich wertvolle Gesundheitsinfos und nachhaltige Perspektiven erhalten und über exklusive Barmer Aktivitäten, Services und Neuigkeiten informiert werden.
Hat Deutschland höhere Krankenstände als andere Länder?
Eine Studie machte 2025 Schlagzeilen: Deutschland sei weltweit führend im Kranksein – so legten es zumindest von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichte Zahlen nahe. Demnach brachten es deutsche Beschäftigte auf jährlich 24,9 bezahlte Fehltage, während beispielsweise die Menschen in Schweden (11,4) oder Bulgarien (6,1) scheinbar weit dahinterlagen.
Doch dieser Länder-Vergleich krankt in sich, wie das deutsche Forschungsinstitut IGES zeigen konnte. Die erhobenen Daten sind nicht einheitlich. Das liegt an den unterschiedlichen Gesundheitssystemen. Wie diese Krankmeldungen erfassen, ist von Land zu Land anders geregelt. Dasselbe gilt für die Lohnfortzahlungen. In vielen europäischen Staaten, darunter Frankreich, Spanien oder Irland, existieren beispielsweise sogenannte Karenztage. Hier bleiben die ersten Krankheitstage komplett unbezahlt und tauchen in den Krankenkassenstatistiken der bezahlten Tage gar nicht erst auf. In Schweden wiederum beginnt die Meldung an die Kassen überhaupt erst ab dem 15. Fehltag. Deutschland wiederum hat einen hohen Wert, da es durch das elektronische Meldeverfahren eines der wenigen Länder ist, das alle ärztlich gemeldeten Fehltage erhebt.
Ein zuverlässigeres Bild zeichnet die European Labour Force Survey (EU-LFS). Hier geben die Beschäftigten selbst an, wie viel wöchentliche Arbeitszeit sie durch Krankheit verloren haben. Führend sind dann Länder wie Norwegen (10,7 Prozent) oder Finnland (10 Prozent). „Deutschland liegt mit 6,8 Prozent lediglich im oberen Mittelfeld“, sagt der Arbeitsmediziner Tautz. „Wir sind also nicht die Krankenstandsweltmeister – und nicht mal die Europameister.“
Lädt die telefonische Krankschreibung zum Krankfeiern ein?
In der Debatte um hohe Krankenstände wird die telefonische AU gern hervorgeholt. Diese wurde mit Beginn der Coronapandemie im März 2020 eingeführt. Nach mehreren Unterbrechungen können sich Beschäftige seit Dezember 2023 bei leichten Erkrankungen nun auch wieder am Telefon krankschreiben lassen. Das soll Ärztinnen und Ärzte entlasten und verhindern, dass sich Menschen trotz Infekt in die Praxis schleppen und so andere anstecken. Die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände vermutet jedoch, die Tele-AU könnte missbräuchlich genutzt werden. Sie fordert, man soll zum bewährten Verfahren zurückkehren.
Dr. Sandra Mangiapane ist Leiterin der Stabsstelle Grundsatzfragen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung.
Um der Missbrauchs-Hypothese nachzugehen, untersuchte Dr. Sandra Mangiapane, wie sich der Anteil der telefonischen bzw. per Videosprechstunde ausgestellten AUs zwischen 2020 und 2023 entwickelt hat. Mangiapane ist Leiterin der Stabsstelle Grundsatzfragen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Für ihre Erhebung nutzte sie Millionen Arbeitsunfähigkeitsdaten der Barmer. Diese waren zuvor pseudonymisiert worden.
Die Zahlen machen deutlich: Der Anteil der telefonischen Krankschreibungen an allen AU-Fällen ist marginal. Er lag im Jahr 2021 bei lediglich 0,8 Prozent. Bis 2023 stieg er auf gerade einmal 1,2 Prozent. Sandra Mangiapane: „Für den hohen Krankenstand in Deutschland ist die Tele-AU sicher nicht verantwortlich“. So sieht es auch Stefanie Winkler von der Barmer. Die telefonische AU unterliege strengen Vorgaben, erklärt sie: „Sie darf nur bei in der Praxis bekannten Patientinnen und Patienten ausgestellt werden und das für maximal fünf Tage.
Wer den Krankenstand senken wolle, müsse an verschiedenen Stellen ansetzen – ein eher komplexes Unterfangen, so Sandra Mangiapane. Die Tele-AU als alleinigen Grund für den hohen Krankenstand verantwortlich zu machen, sei da deutlich einfacher. „Auch wenn es dafür keine belastbare Evidenz gibt.“ Natürlich könne man zum alten Verfahren zurückzukehren. „Ich sehe jedoch nicht, was wir dadurch gewinnen würden. Lediglich die Praxen würden wieder mehr belastet.“
Lassen sich junge Menschen häufiger krankschreiben als ältere?
Es stimmt: Jüngere Menschen melden sich häufiger krank. Dafür fallen sie jedoch meist nur für wenige Tage aus. Ältere Beschäftigte erkranken hingegen seltener, fehlen dann aber deutlich länger. Einer Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) aus dem Jahr 2025 zufolge kommen die meisten Krankmeldungen aus der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen. Im Schnitt fehlen die Beschäftigten dabei für fünf Tage. Die 60- bis 64-Jährigen melden sich dagegen nur etwa halb so oft krank. Aber sie fallen im Schnitt für 20 Tage aus.
Stefanie Winkler von der Barmer
„Ältere Arbeitnehmende leiden häufiger an chronischen Krankheiten oder einem lang andauernden Gesundheitsproblem“, sagt Stefanie Winkler. Also beispielsweise anhaltende Rückenschmerzen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Das erklärt die längeren Ausfallzeiten.“
Unter den jüngeren Beschäftigten nehmen hingegen die psychischen Erkrankungen zu, sagt Prof. Dr. Mustapha Sayed. Der Experte für Gesundheitsmanagement ist bei der Barmer Head of Corporate Health. „Wir sehen bei den psychischen Erkrankungen seit vielen Jahren eine signifikante, immer weiter ansteigende Kurve“, so Sayed.
Prof. Dr. Mustapha Sayed, Experte für Gesundheitsmanagement ist bei der Barmer Head of Corporate Health
Die Gründe dafür seien vielschichtig: „Wir sind heute sensibler für das Thema und gehen offener damit um. Das gilt für Ärztinnen und Ärzte, genau wie für die Arbeitnehmenden.“ Diese Offenheit zeigt sich sogar in der Unternehmensführung, wie Andreas Tautz von der DHL Group ergänzt: „Geht es darum, junge qualifizierte Arbeitskräfte zu finden, ist eine bestehende psychische Erkrankung für viele Firmen kein Hindernis mehr.“ Eine positive Entwicklung. Denn „ein gut gestalteter Arbeitsplatz kann zu einem psychologischen Stabilisator werden, der aktiv die Gesundheit fördert“, so Tautz.
Was können Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gegen hohe Krankenstände tun?
Ein verbreitetes Phänomen ist auch, krank zur Arbeit zu gehen. Etwa zwei von drei Beschäftigten berichten von diesen so genannten Präsentismus-Tagen. Was vielen Arbeitnehmenden nicht bewusst ist: Durch Präsentismus steigt das Risiko für Langzeit- und psychische Erkrankungen sowie Unfälle am Arbeitsplatz.
Eine gute Nachricht für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber: Sie verfügen über den mit Abstand größten Hebel, um die Krankenstände in Deutschland zu senken. „Über die Firmen erreichen wir mehr als 40 Millionen Berufstätige aus allen sozialen und Bildungs-Schichten. Der Arbeitsplatz ist damit das größte und wichtigste Setting für Prävention im Erwachsenenalter, das wir haben“, sagt Mustapha Sayed.
Unnötiger Lärm, Termindruck, schlechte Ergonomie: Woran Beschäftigte erkranken, hat viel mit dem Arbeitsumfeld zu tun. „In Pflegeberufen etwa treten verstärkt psychische Erkrankungen auf, während in der Logistikbranche Muskel-Skelett-Erkrankungen dominieren“, so die Expertin für Corporate Health Winkler. Und wohl jede Branche kennt den Krankmacher Stress. Wer dauerhaft darunter leidet, hat nachweislich ein höheres Risiko für vielfältige chronische Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Demenz sowie anhaltende Rückenschmerzen und Depressionen.
Gesundheit ist jedoch viel mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Wie entspannt sich Menschen bei der Arbeit fühlen, wie gut ihre Stimmung ist und ob sie ihre Tätigkeit interessant finden, spielt ebenfalls eine Rolle. „Wir sollten nicht unterschätzen, wie wichtig Handlungsspielräume und Selbstwirksamkeit sind“, sagt Andreas Tautz. „Können Beschäftigte ihre Arbeit aktiv mitgestalten, sinkt ihr Risiko für psychische und physische Erkrankungen signifikant.“
Flexibilität ist dabei ein wichtiger Faktor. Das zeigen Zahlen aus dem Linked Personnel Panel (LPP), einer Studie, die im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) sowohl Arbeitgebende als auch Arbeitnehmende befragt. So kommen Beschäftigte, die zumindest gelegentlich im Homeoffice arbeiten können, im Schnitt auf 7,3 Krankheitstage weniger pro Jahr als reine Präsenzarbeitskräfte. Auch das Verhalten von Vorgesetzten schlägt sich direkt in den Fehltagen nieder: Mitarbeitende, die ihre Führungskraft als fair wahrnehmen, fehlen jährlich fünf Tage weniger. Fühlen sie sich verstanden, reduziert das die Fehlzeiten um vier Tage. Umgekehrt führt schlechter Führungsstil zu mehr Krankheitstagen.
An solche Wertschätzung und mentales Wohlergehen sollte man eigentlich kein Preisschild hängen. Jan-Emmanuel De Neve, Professor an der Universität Oxford, hat es dennoch versucht. In einer Studie konnte er zeigen, dass Unternehmen mit gesunden und zufriedenen Angestellten höhere Renditen abwerfen als der restliche Markt. Arbeitsplatzzufriedenheit ist also ein Investment, das sich lohnt.
Was bringt Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)?
Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) ist „kein nettes Zusatzangebot“, sagt Mustapha Sayed, sondern eine Voraussetzung für ein erfolgreiches Unternehmen. Zum Beispiel, weil eine positive Arbeitskultur Fachkräfte anzieht und bindet: „Beschäftigte bekommen natürlich mit, ob ein Betrieb sich darum bemüht, dass es ihnen gut geht.“ Damit die Maßnahmen nicht verordnet wirken, sollten Arbeitgebende sich jedoch zuerst mit den Angestellten austauschen: Was brauchen diese, was könnte besser laufen? Andreas Tautz kennt den Effekt aus dem eigenen Unternehmen: Werden Teams dort gefragt, was sie stört und welche Lösungen sie vorschlagen, sinken die Krankenstände in der Folge deutlich, während das Mitarbeiterengagement und sogar die Kundenzufriedenheit messbar steigen. Dass sich gezieltes BGM auszahlt, belegt ein Interventionsprojekt der DHL Group zusammen mit der Barmer: Physiotherapeutinnen und -therapeuten begleiten die Beschäftigten bei der täglichen Zustellung und geben Tipps, wie sich Abläufe schonender gestalten lassen. „Im Lauf der Intervention verringerten sich die Schmerzen der Beschäftigten deutlich“, so Tautz. „Selbst zwölf Monate später berichteten diese von um 46 Prozent reduzierten Schmerzbeschwerden.“
Fazit: Die gemeldeten Krankheitstage in Deutschland sind hoch, das stimmt. Die Ursachen dafür sind jedoch vielfältig und weder abrupt noch mit Einzelmaßnahmen in den Griff zu bekommen. Damit die Menschen in Deutschland dauerhaft so gesund wie möglich sind und damit auch die Krankmeldungen wieder sinken, müssen alle Beteiligten zusammenarbeiten. Und das beginnt damit, die Fakten klar zu benennen und Statistiken korrekt auszuwerten.
Eine falsch durchgeführte Operation, eine übersehene Fraktur: Die Barmer steht ihren Versicherten bei dem Verdacht auf einen Behandlungsfehler zur Seite.
Können die Kosten für eine beantragte Leistung nicht übernommen werden, berät die Barmer Versicherte zu möglichen Alternativen und ihren rechtlichen Möglichkeiten. Dazu gehört auch, einen Widerspruch einzulegen.
In den sozialen Netzwerken trendet das Thema Fruchtbarkeit. Insbesondere junge Frauen sorgen sich, nicht schwanger werden zu können – meist grundlos. Woher kommt die Fertility Anxiety?
Bei der Förderung innovativer Behandlungsmethoden arbeiten die gesetzlichen Krankenkassen zusammen – doch gute Ideen kommen noch zu selten im Versorgungsalltag an.
Auf dieser Website verwenden wir auf einigen Seiten Videos von youtube. Damit Sie auf diese zugreifen können, bedarf es Ihrer aktiven Zustimmung. Mit dieser Einstellung können Sie diese Videos auf dieser Website aktivieren. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass nach der Aktivierung Daten an youtube übermittelt werden können.