Psychische Erkrankungen

Offensive Psychische Gesundheit: Sprecht darüber, auch wenn es schwierig ist

Lesedauer unter 8 Minuten
Familienszene: Die junge Mutter sitzt mit dem Notebook erschöpft auf der Couch und schaut zum Fenster raus.

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Andrea Jakob-Pannier (Diplom-Sozialpädagogin/ Psychologin/ Psychoonkologin, Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Drei Ministerien, über 50 Akteure aus der Prävention: Die Offensive Psychische Gesundheit will den gesellschaftlichen Umgang mit psychischen Belastungen sichtbar machen und vor allem dafür sorgen, dass bestehende Unterstützungsangebote auch bekannt sind, wenn sie benötigt werden. Wir von der Barmer sind mit dabei und bringen unsere in Jahrzehnten aufgebaute Expertise ein.

„Wie geht‘s dir?“ Das ist wohl die häufigste Frage, die wir unseren Mitmenschen stellen. Aber wollen wir es wirklich wissen? Wer an einer psychischen Krankheit leidet, etwa an einer Angst- oder Zwangsstörung, oder einer Depression, hat oft das Gefühl: Eher nicht. Bei körperlichen Krankheiten haben wir meist kein Problem damit, selbst beim zufälligen Treffen im Supermarkt davon zu erzählen. Zum Beispiel vom Rheuma, das diesen Winter besonders schlimm war, oder vom Knie, das ständig ein bisschen schmerzt. Aber wer würde schon berichten, dass dies gerade seit Dezember, als die Angststörung kam, der erste Gang aus dem Haus ist und man schon ziemlich happy darüber ist, psychisch überhaupt in der Lage zu sein, Toilettenpapier einzukaufen?

Weil wenig darüber gesprochen wird, ist das Wissen rund um das Thema oft gering ausgeprägt. Das gilt im Privatleben wie auch in der Berufswelt. Viele Betroffene wissen selbst nicht, wie sie über ihre psychische Stimmungslage oder gar Erkrankung sprechen sollen, sie sind sich oft nicht einmal bewusst, worunter sie eigentlich leiden.

Denn erst einmal ist es für Betroffene selbst eine Herausforderung, den Gedanken zuzulassen, sich länger schon nicht psychisch wohlzufühlen oder auch erkrankt zu sein – das langjährig eingeübte Selbstbild ist schließlich ein ganz anderes. Viele schämen sich dafür. Warum bin ich nicht normal, warum kann ich nicht einfach funktionieren, diese Fragen sind oft mit Schuldgefühlen verbunden. Die Schwierigkeiten, die Situation zu akzeptieren, erschweren es natürlich, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Zusätzlich fürchten Betroffene häufig, dass Außenstehende wie zum Beispiel die Führungskraft damit nichts anfangen oder nicht gut damit umgehen können. Kaum jemand kennt sich mit frühen Warnzeichen aus wie unvermittelten Verhaltens- oder Wesensänderungen, Gereiztheit, Antriebsschwäche und ähnlichem – und wie man gut darauf reagiert, wenn man dies bei Mitmenschen beobachtet.

Eine psychische Erkrankung ist erst einmal nicht greifbar, gewissermaßen unsichtbar, es gibt meist keine offensichtlichen körperlichen Symptome oder alltagslogischen Erklärungen. Bei Angst- oder Zwangsstörungen etwa erwarten Betroffene geradezu Unverständnis, eben weil sie auch nicht wirklich erklären können, warum sie jetzt nicht in den Konferenzraum oder den Aufzug gehen können. Und auf gut gemeinte, aber für psychisch erkrankte Menschen sinnlose Ratschläge verzichtet natürlich jeder gerne, denn mit bloßer Willenskraft oder „Vernunft“ lässt sich der problematische innere Zustand eben meist nicht überwinden.

Die verhängnisvolle Schweigespirale

Ein noch entscheidenderer Grund für das Schweigen ist die Angst vor der gesellschaftlichen Stigmatisierung. Obwohl es viele Aufklärungskampagnen gab, obwohl jeder Mensch aus dem psychischen Gleichgewicht fallen kann, und obwohl Studien davon ausgehen, dass innerhalb eines Jahres fast jeder dritte Erwachsene an einer psychischen Störung leidet, sind diese Stigmata tatsächlich noch vorhanden. Noch immer werden Betroffene häufig misstrauisch beäugt, ob an ihnen irgendetwas nicht stimmt, oder ob sie gar gewalttätig werden könnten. Und das, obwohl die meisten psychisch Erkrankten sich im Alltag eher unauffällig verhalten.

Die meisten von ihnen aber haben es schon erlebt, oder haben eine große Angst davor, dass in ihrer Anwesenheit abfällig über sie gesprochen wird, Arbeitskolleginnen sich zurückziehen, Freunde den Kontakt meiden oder ganz abbrechen. Oder sie fürchten, dass ihnen im Job weniger zugetraut wird aufgrund ihrer Krankheit, ihre Karriere stecken bleibt oder sogar beendet wird, oder private Versicherungen einen Bogen um einen machen. Daraus entsteht eine verhängnisvolle Schweigespirale. Die Angst vor der Zurückweisung und Benachteiligung hindert Betroffene und auch Angehörige daran, Hilfe zu suchen, verstärkt aber auch die psychische Belastung aller Beteiligten. Das kann den Krankheitsverlauf erneut verschlimmern.

Corona verschärft die Belastungen

Die Corona-Pandemie kommt dann für viele noch einmal obendrauf. Einerseits macht die Gefahr, an Covid-19 zu erkranken, Menschen mit einer psychischen Krankheit zu schaffen, andererseits leiden sie auch besonders unter den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Für viele psychisch Erkrankte wirkt sich die nun fehlende Tagesstruktur doppelt so schlimm aus wie für die Allgemeinbevölkerung. Außerdem sind die Behandlungsmöglichkeiten drastisch erschwert, der wichtige Kontakt zu Fachärzten oder Psychotherapeuten wird durch lange Wartezeiten erschwert oder fällt häufig weg. Jeder zweite Betroffene berichtet von ausgefallenen Behandlungsterminen.

Die Ziele der Offensive

Es ist also gerade jetzt wichtig, beim Thema psychische Erkrankungen blinde Flecken aufzuarbeiten und die Bekanntheit aller relevanten Angebote massiv zu steigern. Dazu hat sich in Deutschland unter dem Namen Offensive Psychische Gesundheit ein in Deutschland historisch einmaliges Bündnis zusammengetan. Federführend sind gleich drei Ministerien, und zwar das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) sowie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Hinzu kommen zentrale Akteure der Prävention, der relevanten Fach- und Betroffenenverbände sowie private Krankenversicherer und gesetzliche Krankenkassen.

Auch die Barmer war von Anfang an dabei. Denn uns liegt die psychische Gesundheit der Versicherten am Herzen. Wir sehen die steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen als Herausforderung und sind davon überzeugt, dass das Thema und die Unterstützungsangebote stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gehören.

Das breite Bündnis hat sich drei Ziele gesetzt:

  1. Es will erstens mehr Offenheit im Umgang mit psychischer Gesundheit beziehungsweise psychischen Belastungen in der Gesellschaft schaffen – ob im Beruf, in Schule oder Studium, im Ruhestand, in der Familie oder im Freundeskreis.
  2. Es möchte zweitens die unterschiedlichen Akteure stärker vernetzen und Hilfsangebote lebensweltübergreifend noch enger verzahnen.
  3. Drittens sollen Betroffene eine bessere Übersicht der Präventionsangebote erhalten, damit sie diese noch einfacher finden und frühzeitig nutzen können.

Dabei ist Prävention im dreifachen Sinn gemeint. Zum einen das Auftreten von psychischen Erkrankungen durch Gesundheitsförderung möglichst verhüten. Denn die beste psychische Erkrankung ist die, deren Auftreten von vorneherein verhindert wurde. Falls die Verhinderung nicht gelingt, geht es in der sekundären Prävention darum, psychische Erkrankungen möglichst früh zu erkennen und rechtzeitig behandeln. Je schneller die Hilfe, desto leichter die Wiederherstellung des erhofften Wohlbefindens. Und drittens gilt es präventiv zumindest zu verhindern, dass die psychische Beeinträchtigung sich verschlimmert oder auch noch zusätzliche oder Folgeerkrankungen auftreten. Hierfür bedarf es der passenden Behandlung und Begleitung.

Psychische Gesundheit als Wirtschaftsfaktor

Dass sich die Arbeits- und Familienministerien diese Ziele gesetzt haben, verwundert nicht. Denn es sind nun einmal Arbeitsplatz und Familie, wo viele Menschen den schmalen Grat zwischen Be- und Überlastung erleben. Allein wirtschaftlich wäre es fatal, auf diesem Grat in die falsche Richtung zu fallen. Bereits im Jahr 2018 fehlten aufgrund psychischer Erkrankungen Beschäftigte an 90 Millionen Tagen in ihren Betrieben, berichtet die Bundespsychotherapeutenkammer. Psychische Erkrankungen sind außerdem für rund 42 Prozent der Frührenten aufgrund langfristiger Arbeitsunfähigkeit verantwortlich. Dieser Anteil hat sich in den letzten 25 Jahren fast verdreifacht. Sie sind damit die häufigsten Ursachen für Renten wegen Erwerbsminderung. Depressive Störungen verursachen dabei fast 20 Prozent aller Frührenten. Hinter den Zahlen steckt immer ein individuelles Schicksal, und oft mit Auswirkungen auf das gesamte soziale und familiäre Umfeld. Eine Depression etwa belastet nicht nur die unmittelbar Betroffenen enorm, sondern auch Partner, Kinder oder Eltern, Freunde oder Arbeitskollegen.

Am besten helfen kann allen Beteiligten, davon sind wir bei der Barmer überzeugt, Wissen und Aufklärung. Deshalb sind wir gern Teil der Offensive Psychische Gesundheit und sind stolz, unsere in Jahrzehnten gesammelte Expertise einbringen zu können. Zugleich möchten wir unsere Versicherten so ermutigen, ihre psychische Gesundheit frühzeitig aktiv in die eigene Hand zu nehmen.

Förderung der psychischen Gesundheit bei der Barmer

Aber natürlich lassen wir Sie dabei nicht allein. Wir haben zahlreiche Angebote und Projekte entwickelt, um unseren Versicherten hochwertige Hilfen an die Hand zu geben.

Verbessern und erhalten Sie beispielsweise durch passende Präventionsmaßnahmen ihre psychische Gesundheit. Erweitern Sie Ihr Wissen und finden Sie alle wichtigen Informationen rund um psychische Erkrankungen und Psychotherapie. Finden Sie einen passenden Online-Kurs, um flexibel zu verschiedensten Themen und Herausforderungen Unterstützung zu erhalten. Oder entscheiden Sie sich für einen Vor-Ort-Kurs in ihrer Nähe, sobald die Corona-Situation dies wieder zulässt.

Was wir selbst machen können ist eine Sache, am Arbeitsplatz aber können wir nur eingeschränkt Arbeitsumfang und Zeitdruck beeinflussen. Doch auch dort können wir darauf achten, dass die Belastung für uns selbst nicht überhandnimmt.

Das fängt bei kleinen Dingen an, etwa darin, regelmäßig Pausen einzustreuen oder nach dem Job sich Zeit für Ausgleich nehmen. Dazu eignet sich perfekt unsere 7Mind Meditations-App mit 200 Meditations- und Achtsamkeitsübungen für zwischendurch.

Es kann aber auch zu größeren Themen führen, indem wir Einstellungen und Denkweisen überprüfen, mit denen wir uns oft selbst das Leben schwer machen. Müssen wir beispielsweise immer perfekt, beliebt oder stark sein? Wer bei solchen Fragen ein bisschen Anleitung gebrauchen kann, für den haben wir ein umfangreiches Präventionsangebot. Das Online-Training HelloBetter Stressfrei etwa bietet Strategien, Tipps und konkrete Übungen, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Es wurde speziell für Menschen entwickelt, die nachhaltig lernen wollen, mit stressauslösenden Gefühlen besser umzugehen. Eine andere Möglichkeit sind die zahlreichen von uns geförderten Gesundheitskurse in Kooperation mit Volkshochschulen, Bildungsstätten oder Vereinen.

Psychische Gesundheit als immer neue Herausforderung

Aber manchmal hilft eben auch keine Meditationsübung. Manchmal kommen Traurigkeit oder Angst einfach so und immer wieder und dann führt irgendwann kein Weg mehr an einer psychotherapeutischen Behandlung vorbei. Deshalb bemühen wir uns bei der Barmer darum, diesen Weg so hindernisfrei wie möglich zu gestalten. Wir wissen: Wer unter psychischer Belastung leidet, dem fällt es häufig schwer, selbstständig nach dem Weg zum Therapeuten zu suchen. Orientieren Sie sich an unseren Hinweisen, wie der Weg in eine Psychotherapie am besten abläuft.

Wenn es in erster Linie Pandemie-Stress ist, der Ihnen auf der Seele liegt, lesen Sie auch unseren aktuellen Leitfaden, um besser mit dem oft unvermeidlichen Corona-Stress umgehen zu können.

Die Corona-Krise führt viele von uns an unsere Grenzen, und manche darüber hinaus. Kann man immer alles geben? Wie viele Projekte sind eines zu viel? Wie lange kann man alles geben? Und was tun, wenn nach Feierabend gar nichts mehr geht? Vielleicht, und dazu möchten wir bei der Barmer unseren Teil beitragen, können wir gemeinsam aus dieser Zeit lernen. Lernen, psychische Belastungen ernst zu nehmen, offen mit ihnen umzugehen, darüber zu sprechen, benötigte Informationen zu finden und auch frühzeitig Unterstützung zu suchen. Sich um andere kümmern, auch unter Krisenbedingungen mit so viel Kontakt wie eben möglich.

Wir beteiligen uns an der Offensive Psychische Gesundheit, weil wir überzeugt sind, dass es noch große Potenziale gibt, wenn es darum geht, unsere psychische Gesundheit besser wahrzunehmen, zu stärken, wiederherzustellen und zu bewahren. 

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Webcode: a006515 Letzte Aktualisierung: 01.06.2021
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