Kapseln werden aus einer Tablettendose in eine Hand geschüttet
Medikamente und Arzneimittel

Medikamentenmanagement - wie behalte ich den Überblick über meine Medikamente?

Lesedauer unter 6 Minuten

Autor

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Heidi Günther (Apothekerin bei der Barmer)

Neben dem bundesweiten Medikationsplan sollen weitere Initiativen und Listen insbesondere Ältere besser vor Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten schützen. Allem voran gilt es zu prüfen, ob Senioren tatsächlich alle Arzneien benötigen, die ihnen die verschiedenen Fachärzte verschreiben – und ob die verordneten Präparate ihre gesundheitliche Situation verbessern oder eher das Risiko für Stürze, Blutungen oder Nierenversagen steigern.

Was gehört zum Medikamentenmanagement?

Zwei Medikamente gegen Bluthochdruck, noch zwei, damit das Herz kräftiger schlägt, ein Blutverdünner, ein Fettsenker – so ein Potpourri an Medikamenten ist für viele Ältere hierzulande Normalität. Der Arzneiverordnungs-Report 2016 zählt 20 Millionen Deutsche, die drei und mehr Medikamente einnehmen. International sieht es ähnlich aus: In einer Studie mit 1 600 Patienten aus sechs Ländern, die 65 Jahre und älter waren, schluckte im Schnitt jeder sieben Arzneimittel. Bei jedem zweiten Studienteilnehmer erwies sich mindestens eine Kombination von Medikamenten als kritisch.

Medikationsplan: Wie stelle ich Medikamente und deren Einnahme richtig zusammen?

Nicht allen Patienten gelingt es immer gleich gut, ihre Medikamente wirklich regelmäßig einzunehmen. Einerseits, weil sie sie schlichtweg vergessen, andererseits, weil sie nicht genug darüber aufgeklärt sind, wie wichtig ihre Medikation ist. Die richtige Einnahme sicherstellen soll der bundeseinheitliche Medikationsplan. Denn sollten gesetzlich versicherte Patienten, die dauerhaft mindestens drei Arzneimittel anwenden, seit Herbst 2016 vom Hausarzt ausgehändigt bekommen.

Der Plan dokumentiert übersichtlich und verständlich alle regelmäßig angewendeten Arzneimittel mit Dosierungs- und Einnahmehinweisen. Hier sind alle Medikamente gelistet, die der Arzt verordnet. Auch die Medikamente, die die Sie sich selbst kaufen, können in den Plan eingetragen werden.

Als Patient soll Ihnen der Plan helfen, Ihre Medikamente richtig einzunehmen. Gleichzeitig sollte es mit dem Medikationsplan für behandelnde Ärzte und Apotheker einfacher sein, Wechsel- und Nebenwirkungen von Medikamenten zu erkennen und die Medikation gegebenenfalls zu verändern.

Medikationsplan hin oder her: Wechselwirkungen von Arzneimitteln werden vermutlich auch mit dem Plan nicht seltener auftreten, zumindest gibt es keine offiziellen Daten, dass sie seit der Einführung des bundesweiten Medikationsplan (BMP) im Herbst 2016 merklich abgenommen hätten. Weil dem BARMER Arzneimittelreport 2020 zufolge nur ein Teil der Patienten überhaupt einen Medikationsplan ausgehändigt bekommt. Weil viele Hausärzte schlicht nicht wissen, was ihre Patienten alles nehmen. Weil immer mehr, immer neue Medikamente auf den Markt drängen. Und: Weil die Menschen noch älter, ihre gesundheitlichen Probleme und damit die Medikation noch vielfältiger werden.

Was kann ich bei neuen Medikamenten für mein Medikamentenmanagement tun?

Als Patient sollten Sie sich mit jedem (neuen) Medikament vertraut machen. Klären Sie alles, was Sie dazu wissen möchten, im Gespräch mit Ihrem Hausarzt. Reicht Ihnen seine Auskunft nicht, können Sie sich eine zweite Meinung bei einem anderen Arzt einholen. Fachliche Auskünfte erteilt Ihnen auch Ihr Apotheker.

Basis eines jeden Gesprächs sollte der Medikationsplan sein. Er enthält alle Medikamente, die Ihnen der Arzt verordnet hat oder die Sie sich selbst besorgt haben. Auch alle Nahrungsergänzungsmittel und pflanzlichen Arzneien sollten hier gelistet sein.

Bitten Sie Ihren Hausarzt beim nächsten Besuch in der Praxis um einen Medikationsplan, falls Sie bislang noch keinen haben.

Management von Medikamenten: Wie gegenseitigen Wechselwirkungen aller Arzneimittel zu kennen ist unmöglich

Für den einzelnen Arzt ist es nur mit einem stets aktuellen Medikationsplan möglich, den Überblick über mögliche Wechselwirkungen von Medikamenten zu behalten. Hausärzte haben keine Informationen darüber, was andere Ärzten Ihnen verordnet haben oder was Sie an Vitaminen, Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Präparaten von sich aus alles nehmen. Vielleicht waren Sie zwischendurch im Krankenhaus. Der Arztbrief dazu ist verloren gegangen. Oder der Kurarzt hat Ihnen noch ein Schlaf- und ein Schmerzmittel verschrieben, was Sie beim nächsten Arztbesuch vergessen haben, zu erwähnen. Der Hausarzt hilft, aber übernehmen Sie daher Selbstverantwortung und drängen Sie darauf, dass Ihr Medikationsplan stets aktuell ist. Nur so hat der Arzt eine Chance, Wechsel- und Nebenwirkungen zu bemerken und darauf zu reagieren, beispielsweise indem er Wirkstoffe austauscht.

Kann eine Medikamenten-Software beim Medikamentenmanagement helfen?

Viele Ärzte wissen zwar, mit welchen von ihnen häufig verordneten Medikamenten andere Wirkstoffe reagieren. Doch sobald ein anderer Arzt ein selteneres Präparat verordnet, sich die Zubereitung ändert oder Sie noch ein Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, fehlen dem einzelnen Arzt wichtige Informationen, um den Überblick zu behalten.

Auch die Medikamentenfülle ist eine Herausforderung, sogar für die Apothekensoftware. Wenn ein Patient in der Apotheke seine Arzneimittel abholt, wird in der Apotheke geprüft, ob die Arzneimittel zusammen passen. Bei zehn, fünfzehn Wirkstoffen rechnet die Apothekensoftware zwar alle möglichen Wechselwirkungen aus. Aber welche davon sind für den einzelnen Patienten relevant? Um wesentliche Interaktionen bis ins Detail zu erkennen, müssen Arzt oder Apotheker am besten alle Informationen sowohl über die eingenommen Arzneimittel als auch über Diagnosen und Therapien gebündelt auswerten.

Die Pricus-Liste für potenziell gefährliche Arzneimittel auf

Gefährdet für Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind insbesondere ältere Patienten. Grund: Nieren und Leber arbeiten nicht mehr so gut wie bei jüngeren Menschen. Sie sind kränker und müssen deshalb mehr Medikamente schlucken. Von Polymedikation sprechen Experten, wenn Patienten fünf und mehr Medikamente schlucken. Aber nicht erst ab fünf Arzneimitteln entstehen Risiken durch ungeeignete Kombinationen von Arzneimitteln; schon ab drei Medikamenten steigt das Risiko. Außer einer Software, die Verordnungen auf mögliche Interaktionen abklopft und dem Gespräch mit Arzt oder Apotheker gibt es seit 2010 die sogenannte PRISCUS-Liste.

Sie führt 83 potentiell gefährliche Arzneimittel für Ältere auf. Vor allem Schmerz- und Blutdruckmedikamente oder Psychopharmaka lösen bei ihnen gefährliche Nebenwirkungen wie Nierenschäden, Magenblutungen, Benommenheit oder ein erhöhtes Sturzrisiko aus. Die Ersteller der Liste warnen allerdings eindringlich davor, dass Patienten ohne Rücksprache mit ihrem Arzt Medikamente eigenmächtig abzusetzen. Eine Version für Patienten, die alle Empfehlungen und Zusammenhänge leicht verständlich erklärt, gibt es bislang nicht.

Die FORTA (fit for the aged)-Liste gibt die Alterstauglichkeit von Medikamenten wieder

Die FORTA (fit for the aged)-Einteilung ist umfassender als die Priscus-Liste und berücksichtigt auch Wirkstoffe, die für Senioren nützlich sind. Sie gibt dem Arzt damit ausdrückliche Empfehlungen, welche Medikamente bei Älteren günstig wirken. Die aktuelle, im Februar 2019 veröffentlichte FORTA-Liste 2018 teilt die Alterstauglichkeit von knapp 300 Substanzen nach ihrer Wirksamkeit und Verträglichkeit in vier Kategorien ein:

A: unverzichtbar

B: vorteilhaft

C: fragwürdig

D: vermeiden

Die gelisteten Medikamente dienen der Behandlung von 30 alterstypischen Erkrankungen, die Ärzte älteren Patienten besonders häufig verordnen. Dazu gehören Schlaganfall, Demenz, COPD, Vorhofflimmern und Herzinfarkt. Die Liste wurde von der Klinischen Pharmakologie der Universität Heidelberg in Mannheim für Apotheker und Ärzte entwickelt. Sie kann auf der Webseite der Klinik von jedem eingesehen werden. Allerdings sollten Sie Ihre Medikation niemals eigenständig ändern! Halten Sie immer Rücksprache mit Ihrem Arzt. Für Ärzte und Apotheker gibt es die FORTA-Liste auch als App.

„Deprescribing“: Medikamentenmanagement mit Verzicht

Mehrere Arzneimittel zusammen können mehr Schaden bedeuten als Nutzen anrichten und typische Alterserscheinungen wie die mit dem Alter einhergehende Gebrechlichkeit noch verstärken. Daher sollten Ärzte häufiger abwägen, ob ihre Patienten wirklich alle Medikamente benötigen – oder welche möglicherweise verzichtbar sind: Schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der Medikamente, die ältere Menschen einnehmen, sind nach Prüfung gar nicht erforderlich oder schaden mehr als dass sie nützen.

Beispiel Statine: Sie senken die Blutfette; Ärzte verschreiben die Präparate beispielsweise nach einem Herzinfarkt, wenn die Patienten erhöhte Cholesterinwerte haben – um so einen erneuten Herzinfarkt zu verhindern. Die Mittel können allerdings auch die Muskulatur schwächen. Ältere Menschen leiden besonders darunter: Sie stürzen Studien zufolge häufiger unter Statinen und werden eher bettlägerig. In einer US-Studie stoppten knapp 200 hochbetagte Probanden die Einnahme der Mittel – und freuten sich danach über eine bessere Lebensqualität, ohne früher als diejenigen zu sterben, die ihre Statine weiter nahmen. Ein solches Absetzen kann also ein Segen sein, will aber gut überlegt sein und ist nur in Zusammenarbeit mit dem Arzt möglich.

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