Sucht

Hilfe bei einer Suchterkrankung: Wie funktionieren Selbsthilfegruppen?

Lesedauer unter 7 Minuten
Eine Gruppe von Menschen sitzt in einem Stuhlkreis zusammen und unterhält sich.

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Jens Krug (Fachreferent zur Förderung der Gesundheitlichen Selbsthilfe)
Inhaltsverzeichnis

Elton John hat es gemacht, Naomi Campbell und viele andere Prominente auch: Um ihre zerstörerischen Trinkgewohnheiten loszuwerden, suchten sie sich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe. Bei Menschen also, denen es wie ihnen ging, und die beispielsweise aufgrund sozialer Probleme in eine Abhängigkeit geraten sind. Doch nicht nur bei einem Alkoholproblem können Selbsthilfegruppen helfen. Warum Selbsthilfegruppen etwas bringen, welche Vorteile der Austausch mit anderen Betroffenen hat und wie man die richtige Runde und Selbsthilfe-Kontaktstelle findet: Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema Selbsthilfe.

Helfen Selbsthilfegruppen dabei, eine Sucht oder Abhängigkeit in den Griff zu bekommen?

Ja. Wurden sie in den 1970er Jahren noch belächelt, steht die gesundheitsbezogene Selbsthilfe inzwischen gleichberechtigt neben anderen Therapieformen – obwohl es in den Gruppen keine Unterstützung durch Profis, Ärzte oder Suchtberater gibt. Es sind allein die Betroffene selbst, die sich gegenseitig unterstützen und austauschen – und das mit Erfolg, belegen verschiedene Studien.

Eine Erhebung der fünf deutschen Sucht-Selbsthilfe- und Abstinenzverbände etwa ergab, dass gut jeder fünfte Suchtkranke, darunter vor allem Alkoholiker, durch eine Selbsthilfegruppe abstinent geworden ist. 87 Prozent davon blieben ohne Rückfall. Dem Kreuzbund zufolge finden sogar ein Drittel aller suchtkranken Menschen ihren alkoholfreien Weg allein durch die Gemeinschaft. 75 Prozent davon leben mit regelmäßigen Treffen dauerhaft abstinent. Innerhalb eines Jahres werden weniger als 15 Prozent rückfällig.

Selbsthilfe ist also ein möglicher Weg, um durch eigene Kraft aus der Sucht zu finden und die eigene Situation zu verbessern. Auch als Begleitung nach einem Entzug sind Gruppenmeetings wichtig: Der beständige Kontakt zum Thema und zu gleichgesinnten Unterstützern schützt enorm vor Rückfällen. Wichtig: Der Besuch bei einer Selbsthilfegruppe kann eine ärztliche oder psychologische Begleitung nicht ersetzen. Sie kann aber parallel zu einer Therapie oder Beratung eine sinnvolle Ergänzung sein. Hier findet man vielfältige Unterstützung bei der Bewältigung dieser Erkrankung, im Alltag, und man vergrößert das eigene Wissen über Sucht und die Rückerlangung von Gesundheit.

Gesetzliche Krankenkassen wie die Barmer bieten eine Förderung für Selbsthilfe-Projekte an. Durch die Unterstützung von Krankenkassen können zum Beispiel  Schulungen für Ehrenamtliche oder Broschüren erstellt werden, um auf ein Angebot aufmerksam zu machen. Mehr zum Thema Förderung durch die Krankenkasse finden Sie im Bereich Selbsthilfe.  

Wie funktionieren Selbsthilfegruppen?

Statt sich weiter einsam mit seinen Schwierigkeiten zu fühlen, geht man Beziehungen zu anderen Menschen ein und fühlt sich durch den sozialen Austausch als Teil einer Gruppe. Die Gruppendynamik kann sich positiv auf jeden Einzelnen entfalten. Selbsthilfegruppen helfen nicht nur bei einem Suchtproblem, sondern können auch bei anderen chronischen Erkrankungen oder Behinderungen dazu beitragen, besser mit der eigenen Situation umzugehen. Die Gemeinschaft aus Menschen, die gleiche oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann eine starke Energie freisetzen. Die Verbundenheit stärkt, trägt, unterstützt, tröstet, motiviert: „Ich kann Dir nicht sagen, wie man es behandelt. Aber ich kann Dir sagen, wie es mir geholfen hat.“ So kann man in einem geschützten Rahmen von- und miteinander lernen, Wissen vermitteln und die eigene Gesundheitskompetenz stärken. Zum Beispiel darüber, welche Bewältigungsstrategien helfen können. Das alles stärkt das Selbstvertrauen, den Willen zur Veränderung – und führt im Idealfall Schritt für Schritt raus aus der Sucht. 

Kann ich in einer Selbsthilfegruppe wirklich ehrlich sein?

Auf jeden Fall. Denn alles, was bei einem Meeting besprochen wird, bleibt in der Gruppe und dringt nicht nach draußen.

Wie läuft ein Treffen ab?

Pauschal lässt sich das natürlich nicht beantworten. In der Regel treffen sich Gruppen regelmäßig zu einem festvereinbarten Termin. Während der Corona-Pandemie laufen viele Treffen online ab. Man kann sich auch draußen treffen oder sich bei einem Spaziergang miteinander unterhalten. „Unsere Erfahrung ist, dass Online-Treffen weniger intensiv ablaufen, häusliche Ablenkungen und räumliche Nähe eher hinderlich sind", sagt Ingrid Simonis vom Bundesverband Legasthenie. Präsenztreffen mit einem routinierten Ablauf (zum Beispiel Einstieg mit "Blitzlicht", thematische Vorgabe für Treffen mit gezielten Fragestellungen, "Blitzlicht" am Ende) seien dagegen hilfreich. 

Muss ich trocken sein, um Teil einer Selbsthilfegruppe zu werden? 

Nicht unbedingt. Bei sehr vielen Gruppen, zählt allein der gemeinsame Wunsch, nicht mehr trinken zu wollen. Viele Selbsthilfegruppen agieren bewusst niederschwellig und einladend, um möglichst viele Betroffene erreichen zu können. Manchmal gibt es auch Zusammenschlüsse, die nur therapieerfahrene Mitglieder aufnehmen oder nur Menschen, die alle einen Entzug in einer bestimmten Einrichtung gemacht haben, um intensiver miteinander arbeiten zu können.

Wie werde ich Teil einer Selbsthilfegruppe? 

In den meisten Fällen kann man einfach hingehen, ohne Anmeldung und ohne sich vorher oder nachher in eine Teilnehmerliste eintragen zu müssen. Alles ist freiwillig, es gibt keine vorgeschriebenen Mindesttermine, keine Hierarchien. Durch die Runde führt meist ein Gruppenverantwortlicher, der aber auf gleicher Ebene steht wie die alle anderen.

Bei welchen Anlaufstellen kann ich mir einen Überblick über Gruppen in meiner Nähe verschaffen?  

Auf den Internetseiten der „Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS)“ gibt es unter anderem die Möglichkeit, mit dem Stichwort der jeweiligen Erkrankung gezielt nach bestehenden Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen zu suchen.

Außerdem gibt es eine Reihe von regionalen Kontaktstellen vor Ort, die in einer Datenbank gesammelt sind. Diese Kontaktstellen können Ihnen Auskunft geben über individuelle Angebote von Menschen aus Ihrer Nähe, die eine Gruppe gegründet haben oder Hilfe anbieten.

Für Menschen mit unklaren oder seltenen Erkrankungen ist es mitunter schwierig, eine passende Gruppe zu finden. Daher gibt es eine Suchfunktion speziell für Selbsthilfegruppen zu seltenen Erkrankungen. Diese Gruppen sind oft überregional angesiedelt und weit verstreut.  

Eine weitere Recherchemöglichkeit bietet die Mitgliederorganisation der BAG SELBSTHILFE. Die Selbsthilfeorganisation arbeitet bundesweit. Hier finden Interessierte viele Informationen zu Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland.  

Gibt es spezielle Angebote für jüngere Betroffene?

Generell spielt das Alter der Betroffenen/Angehörigen keine Rolle. Dennoch haben sich in der Vergangenheit in einigen Bereichen altersspezifische Gruppen, Zusammenschlüsse von „jungen“ Betroffenen und Angehörigen innerhalb einer bestehenden Selbsthilfeorganisation oder auch eigenständige „junge“ Organisationen gebildet. Hintergrund bei der jungen Selbsthilfe ist oft, dass die Herausforderungen zur Bewältigung des Alltags mit einem Suchtproblem oder bei einer chronischen Krankheit bei „jüngeren“ Betroffenen andere sind, als bei „den Älteren“. Ein Beispiel: Ein junger Mensch mit der Diagnose Depression, der noch am Anfang der beruflichen Laufbahn steht, beschäftigt sich mit anderen beruflichen und privaten Herausforderungen als eine Person, die erst im Rentenalter an einer Depression erkrankt ist.

Mehr Infos für junge Betroffene gibt es bei der NAKOS Junge Selbsthilfe oder auf „Schon mal an junge Selbsthilfegruppen gedacht“. Die Barmer fördert außerdem das moderierte Online Selbsthilfeforum FIDEO für Junge Menschen mit Depression. Analog dazu erscheint auch das Forum für Ältere

Nützt mir Selbsthilfe auch als Angehöriger oder Angehörige?

Unbedingt. Die Probleme von Menschen mit Suchterkrankungen belastet oft auch stark das Leben der Partnerinnen oder des Partners, der Eltern, Kinder oder Geschwister. Spezielle Gruppen für Angehörige zeigen Wege, um sich aus der Co-Abhängigkeit zu lösen. 

Wie kam Bewegung in die Selbsthilfe?

Die Basis legten in Deutschland Zusammenschlüsse wie das Blaue Kreuz, das sich 1885 gründete, und der Deutsche Allergie- und Asthmabund, den es seit 1897 gibt. 1953 traf sich in München die erste deutschsprachige Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Seit den 2000er-Jahren fördern die Gesetzlichen Krankenkassen Selbsthilfe-Vertretungen auf Bundes-, Landes und örtlicher Ebene, seit 2008 sogar als Pflichtleistung aus den Beiträgen.

Die Selbsthilfe funktioniert aber nicht nur bei Alkoholproblemen, sondern auch bei anderen Krankheiten, geistigen und körperlichen Einschränkungen sowie bei psychischen Problemen. Schätzungsweise gibt es derzeit in Deutschland zwischen 70000 und 100000 Selbsthilfegruppen mit etwa 3,5 Millionen Aktiven.

Wie kann ich eine eigene Selbsthilfegruppe gründen?

Wer sein eigenes Ding machen möchte, wendet sich am besten an eine Selbsthilfe-Kontaktstelle, etwa NAKOS. Dort erfährt man, wie man Gleichbetroffene und einen Raum findet, wie man die Gruppe bekannt macht und welche Formalien dafür eingehalten werden müssen.

Übersicht: Wichtige Adressen zum Thema Selbsthilfegruppen

Blaues Kreuz in Deutschland 
www.blaues-kreuz.de
02 02 / 620 03-81

Blaues Kreuz in der Evangelischen Kirche
www.bke-suchtselbsthilfe.de
02 31 / 586 41 32

Freundeskreise
www.freundeskreise-sucht.de
05 61 / 71 12 82

Guttempler
www.guttempler.de
040 284076990

Kreuzbund
www.kreuzbund.de
023 81 / 672 72-0

Elternkreise suchtkranker Söhne und Töchter
www.bvek.org
04641 – 98 98 609

DORKAS-Gruppenfür Migranten 
www.dorkas-gruppen.de
02 28 / 629 67 84

Fetales Alkoholsyndrom
www.fasd-deutschland.de
05 91 / 710 67 00

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
www.dhs.de
023 81 / 90 15-0

Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
www.nakos.de
030 / 31 01 89 60

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