Sucht

Moderne Therapieformen: Was kann bei Alkoholsucht helfen?

Lesedauer unter 8 Minuten
Ein Mann umarmt eine Frau während einer Gruppentherapie.

Autor

Internetredaktion Barmer

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)
  • Andrea Jakob-Pannier (Diplom-Sozialpädagogin/ Psychologin/ Psychoonkologin, Barmer)
  • Marie-Victoria Assel (Psychologin, Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Einfach den Wein in den Abfluss gießen und aufhören? Wer dem Alkohol abschwören möchte, braucht oftmals mehr als nur ein wenig Willenskraft. Moderne Strategien gegen Alkoholabhängigkeit zwischen kontrolliertem Trinken, Anti-Craving-Medikamenten und Verhaltenstherapie können Alkoholikern helfen – um Schritt für Schritt aus einer Alkoholsucht zu einem neuen, selbstbestimmten Leben zurückzufinden und dem Alkoholismus zu entgehen.

Ein Glas Bier in Ehren… natürlich, das kann (fast) niemand verwehren. Doch wie schnell wird aus einem Gläschen Bier oder Wein ein zweites oder gar drittes? Und schon trinkt man mehr als die vorgegebene, als risikoarm eingestufte Menge Alkohol pro Tag: Sie liegt bei Männern bei 20-24 g Alkohol (etwa 0,5 l Bier oder ¼ Liter Wein) und bei Frauen bei 10-12 g Alkohol (ca. 0,3 l Bier oder 1/8 Liter Wein).  Für Schwangere gilt sogar ein absoluter Verzicht auf Alkohol, um ein fetales Alkoholsyndrom (FAS) vorzubeugen.

Auch wenn die Gesellschaft es verharmlost: Alkohol ist ein gefährliches Zellgift, das dem Körper immer schadet, egal wie viel man trinkt. So sterben einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Folge mehr Menschen durch Alkoholkonsum als durch Gewalt, Verkehrsunfälle und das HI-Virus zusammen - rund drei Millionen Menschen weltweit. Die Zahl der Todesfälle ist derart hoch, da der riskante Alkoholkonsum nicht nur direkt zum Tod oder schweren Unfällen führen, sondern auch mehr als 200 Krankheiten verursachen kann, darunter Krebs, Depressionen und Gehirnschädigungen bis hin zur Schädigung des ungeborenen Kindes.

Alkoholismus: Bei etwa sechs Prozent ist der Alkoholkonsum mindestens problematisch

Knapp 1,6 Millionen aller 18- bis 64-Jährigen in Deutschland sind laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen von einer Alkoholabhängigkeit betroffen. Das sind etwas mehr als drei Prozent aller Deutschen (4,5 Prozent aller Männer, 1,7 Prozent aller Frauen). Dazu kommen in etwa gleich viele Menschen, die zwar noch keine Alkoholiker sind, deren Alkoholkonsum sich aber bereits körperlich, sozial und psychisch negativ auswirkt. 

Fast jeder fünfte Erwachsene (18,1 Prozent) hat 2018 einen riskanten Alkoholkonsum, ein geringer Rückgang gegenüber der Erhebung aus dem Jahr 2015 mit 21,4 Prozent. Dies spiegelt sich auch bei der Alkoholabhängigkeit wider. Beispielsweise waren 2018 3,1 Prozent der Erwachsenen abhängig gegenüber 3,4 Prozent im Jahr 2012

Weil sich die Alkoholabhängigkeit schleichend entwickelt und eine Alkoholsucht lange versteckt werden kann, vergehen nicht selten zehn Jahre von den ersten Krankheitszeichen bis zu einer Therapie. Wenn es überhaupt soweit kommt. Laut Suchtforscher Klaus Mann suchen nur 10 bis 15 Prozent der Menschen, die von Alkoholsucht betroffen sind, professionelle Hilfe. Dabei ist gerade ein früher Behandlungsbeginn bei einer Alkoholsucht entscheidend: Je eher man damit startet, umso leichter fällt Alkoholikern das Aufhören.

Die ersten Schritte aus der Alkoholsucht: Zum Hausarzt oder einer Suchtberatung

Den harten Entzug bei einer Alkoholsucht – einfach von einem auf den anderen Tag die Finger von der Flasche lassen – schaffen manche mit eisernem Willen. Doch das ist nicht nur enorm anstrengend, sondern auch gefährlich. Bei einem längeren und exzessiven Alkoholmissbrauch gibt es schwere körperliche und psychische Folgen: Gerade das sogenannte Delirium tremens ist lebensbedrohlich und wird oft begleitet von Angstzuständen, Halluzinationen, Zittern, Krämpfen, erhöhtem Puls, Blutdruck und erhöhter Atemfrequenz bis hin zum Koma. Inzwischen gibt es für Alkoholiker wissenschaftlich geprüfte, sanftere Therapien. 

Wer den Verdacht hat, ein Alkoholproblem zu haben, sollte seinen Hausarzt oder seine Hausärztin aufsuchen und offen über seinen oder ihren Alkoholmissbrauch sprechen. Der Arzt oder die Ärztin wird vermutlich einige Fragen zum Trinkverhalten stellen (Häufigkeit, Menge, Abhängigkeit) und die Leberwerte durch ein Blutbild bestimmen lassen. Je nach Ergebnis entscheiden Arzt und Patient dann gemeinsam, welche nächsten Schritte sinnvoll sind. Auch eine Suchtberatung kann eine gute, erste Anlaufstelle sein, um Alkoholismus zu bekämpfen. 

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es, um eine Alkoholabhängigkeit zu bekämpfen?

Ist der Wille da, nicht mehr zu trinken oder zumindest den Alkoholkonsum zu reduzieren, gibt es dann verschiedene Möglichkeiten der Therapie:

Kontrolliertes Trinken

Alkoholabhängigkeit ist eine chronische Krankheit: Wer abhängig ist oder war, wird immer gefährdet sein, wieder in die Alkoholsucht zu rutschen. Lebenslang vom Alkohol wegzukommen ist deshalb das ausgewiesene Ziel jeder Therapie – eigentlich.

Doch viele Menschen mit einem schädlichen Alkoholgebrauch schaffen das nicht. Oder wollen es nicht: Für sie ist nicht wegzudenken bei einem guten Glas Wein zusammenzusitzen, auf ein freudiges Ereignis anzustoßen, das Feierabendbier zu genießen. Dann ist das reduzierte oder kontrollierte Trinken nach bestimmten, selbst gestalteten Regeln vielleicht eine Lösung. Das macht zwar nicht alles besser, aber immerhin einiges. Das geht allerdings nur, wenn noch keine Alkoholabhängigkeit vorliegt. 

Mit einem Trinktagebuch Kontrolle gewinnen bei Alkoholabhängigkeit

Zusammen mit einem Suchtexperten legt man dabei wöchentlich eine klare Menge an Alkohol fest, die man nicht überschreiten möchte und entscheidet: Wann, wo und mit wem wird getrunken? Dazu lernt man, mehr Kontrolle über den eigenen Alkoholkonsum zu gewinnen. Durch ein Trinktagebuch etwa, durch Selbstbeobachtung, alternative Freizeitgestaltung und den Umgang mit Rückschlägen. Grundlage dieser Therapieform ist die klassische Verhaltenstherapie: Man geht davon aus, dass hoher Alkoholkonsum erlernt ist – und somit auch wieder verlernt werden kann.

In Deutschland bekannt gemacht hat das Programm der Psychologieprofessor Joachim Körkel. Auf der Homepage seines Instituts heißt es: „Behandlungen mit dem Ziel des Kontrollierten Trinkens sind mindestens so erfolgreich wie Behandlungen mit dem Ziel der Abstinenz und Alkoholabhängige profitieren davon in gleicher Weise wie Menschen mit einer geringer ausgeprägten Alkoholproblematik.“ Durch das Ambulante Gruppenprogramm zum Erlernen des kontrollierten Trinkens (AkT), das seit 1999 läuft, sinkt der Alkoholkonsum auf die Hälfte und bleibt auch ein Jahr nach Ende des Programms stabil. Etwa jeder zweite nehme dadurch zusätzliche Hilfe an und manche schaffen es so doch noch, aus neuer Überzeugung ganz von ihrer Alkoholsucht wegzukommen. Das Programm ist aber ebenfalls nur geeignet, wenn noch keine Alkoholabhängigkeit vorliegt. 

Clever weniger trinken 

Das Online-Training Clever weniger Trinken zum Umgang mit problematischem Alkoholkonsum ist ein Angebot an alle, die sich mit ihrem eigenen Alkoholkonsum kritisch auseinandersetzen möchten. Zentrales Element des Programms ist das systematische Monitoring des eigenen Alkoholkonsums und die Identifikation von Emotionen und Situationen, die den Konsum steigern. Mittels eines Alkoholtagebuchs schätzen die Teilnehmer täglich ihre Stimmung und ihr Gefühl des Verlangens nach Alkohol ein und dokumentieren ihre konsumierte Menge an Alkohol. 

Eine weitere individuelle Maßnahme ist das erfolgreich evaluierte suchtmittelübergreifende Interventionskonzept „SKOLL-Selbstkontrolltraining“, welches dazu beiträgt, Veränderungsprozesse bei riskant konsumierenden Menschen frühzeitig einzuleiten und die Zugänge zu Hilfemöglichkeiten zu erleichtern. 

Mit Medikamenten riskanten Alkoholkonsum reduzieren

Sofern Alkoholiker noch keine körperlichen Folgen in Form von Entzugserscheinungen wahrnehmen, können auch bestimmte Tabletten helfen, den Alkoholkonsum einzudämmen. Der Wirkstoff Nalmefen aus der Wirkstooffgruppe der Opioid-Antagonisten etwa blockiert das Glücksgefühl, das der Alkohol auslöst. Weil die stimmungsaufhellende Wirkung nicht einsetzt, haben alkoholkranke Menschen nach ein oder zwei Bier genug – oder sie verspüren gar kein Verlangen (auch englisch Craving genannt) nach alkoholischen Getränken. Diese Methode kann helfen, zunächst weniger zu trinken und damit den Weg in die Abstinenz zu finden. Es darf aber nur in Einzelfällen eingenommen werden. Auch der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) kommt zu dem Schluss, dass Präparate zur Reduktion des Alkoholkonsums nur in Einzelfällen und nur übergangsweise in Betracht kommen, beispielsweise wenn ein Therapieplatz zeitnah nicht zur Verfügung steht.

Das Medikament nimmt man ein bis zwei Stunden bevor man vorhat Alkohol zu trinken (etwa abends nach der Arbeit). Das Kassenrezept dafür stellt der Hausarzt aus. Einige Studien zeigten, dass sich so die Alkoholmenge deutlich reduziert, um 40 bis 60 Prozent. Allerdings hat der Wirkstoff auch Nebenwirkungen: Er kann zu milder bis moderater Übelkeit, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und Benommenheit führen.

Medikamente bei Alkoholismus nur zusammen mit einer Psychotherapie

Viele Experten sind bezüglich einer rein medikamentösen Behandlung bei Alkoholsucht skeptisch, da nur Symptome gelindert würden, nicht aber die Ursachen für das oft über Jahre gefestigte Trinkverhalten, etwa soziale Umstände, psychische Probleme oder Stress. Die Medikamente könnten so zur Ersatzdroge vom Alkohol werden. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) empfiehlt deshalb, Alkoholismus nicht allein mit Tabletten zu behandeln, sondern den Entzug von einer Psychotherapie begleiten zu lassen.

Therapien in einer Suchtklinik

Manchmal ist der stationäre Aufenthalt in einer Suchtklinik der beste und auch einfachste Weg: Hier kommt man aus dem gewohnten Umfeld, kann sich ganz auf sich und sein Ziel konzentrieren, Geist und Körper können vom schädlichen Alkoholkonsum entgiftet und entwöhnt werden. Je nach Schweregrad des Entzugssyndroms, der Höhe der Alkoholisierung und der restlichen somatisch-medizinischen Situation kann der Entzug ambulant, bei schweren Symptomen vor allem stationär durchgeführt werden. Diese können lebensbedrohlich sein und erfordern eine ärztliche Überwachung.

Nach der körperlichen Entgiftung ist die psychische Behandlung ein wesentlicher Bestandteil des Alkoholentzugs. Grundlage hierfür sind motivierende Gespräche im Rahmen einer Verhaltenstherapie, die in Gruppen- und Einzelsitzungen stattfindet. Dabei lernt man zu verstehen, wann und warum man Alkohol trinkt und  trainiert alternative Verhaltensweisen. Dazu kommen je nach Bedarf Bausteine wie Stressmanagement, Achtsamkeitstraining und andere hilfreiche Strategien. Auch den Umgang mit vermeintlichen Rückfällen wird geübt. Denn diese – das müssen alle Süchtigen verstehen – sind Teil der Krankheit und des Lernprozesses, kein persönliches Versagen.

Tabletten helfen beim Entzug

Begleitend dazu werden in der Klinik Medikamente eingesetzt, wenn dies vom Ärzteteam für sinnvoll erachtet wird. Sie machen die Entgiftung und den körperlichen Entzug besser ver- und erträglich. Darunter ist oft das oben erwähnte Nalmefen. Nalmefen soll die Trinkmenge bei Patienten verringern, deren Alkoholkonsum sich auf einem hohen Risikoniveau befindet, die aber keine körperlichen Entzugssymptome haben und keine sofortige Entgiftung benötigen. Alternativen sind Wirkstoffe wie Naltrexon (Behandlung mit Naltrexon erfolgt zur Entwöhnung bei einer - oder nach erfolgreicher Entgiftung) oder Acamprosat, die ebenfalls den Belohnungseffekt, den der Alkohol stimuliert, abschwächen können. Dazu werden häufig Medikamente gegen Schlafstörungen, Krampfanfälle, Wahnvorstellungen, Übelkeit und andere körperliche und psychische Entzugserscheinungen verabreicht. 

Die Behandlung findet entweder ambulant (berufsbegleitend mit ein bis zwei Therapiesitzungen pro Woche, mindestens sechs Monate, häufig länger als ein Jahr) oder stationär statt (meist zwischen sechs und 16 Wochen lang plus anschließender therapeutischer Nachsorge).

Da Alkoholsucht heute als Krankheit verstanden wird, kommen die gesetzliche Krankenkasse und der Rentenversicherungsträger für die Therapiekosten auf. 

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Webcode: a006154 Letzte Aktualisierung: 20.04.2021
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