Sucht

Co-Abhängigkeit: Wie sich Angehörige in der Sucht ihrer Eltern, Partner oder Kinder verstricken – und einen Ausweg finden können

Lesedauer unter 10 Minuten
Ein Mann versucht seine niedergeschlagene Freundin zu trösten.

Autor

Internetredaktion Barmer

Qualitätssicherung

  • Andrea Jakob-Pannier (Diplom-Sozialpädagogin/ Psychologin/ Psychoonkologin, Barmer)
  • Marie-Victoria Assel (Psychologin, Barmer)

Eine Sucht schadet nicht nur dem Erkrankten – auch seine Angehörigen leiden. Manchmal übernehmen sie so viel Verantwortung, dass die Sucht ihr Leben bestimmt und sie selbst psychisch erkranken. Sie werden „co-abhängig“, wie Experten sagen. Der Psychologe und Psychotherapeut Jens Flassbeck arbeitet seit Jahrzehnten im Bereich der Suchttherapie – sowohl in verschiedenen Kliniken als auch in eigener Praxis. Sein Schwerpunkt liegt in der Arbeit mit Angehörigen von Suchtkranken sowie mit komplex traumatisierten, erwachsenen Kindern aus Suchtfamilien. Er weiß, wie Angehörige in den Sog der Sucht geraten – und wie sie sich wieder daraus befreien können.

Herr Flassbeck, Sie arbeiten seit Jahren mit den Angehörigen von Suchtkranken. Wie entsteht eine Co-Abhängigkeit?

Sie kann sich im engen Zusammenleben mit einem uneinsichtigen Suchtkranken entwickeln. Angehörige wollen ihm unbedingt helfen und übernehmen die Verantwortung für alles, was der Kranke suchtbedingt nicht mehr hinbekommt. Sie verstricken sich immer mehr in dem Helfen-müssen und beginnen darüber, sich selbst und ihr Leben zu vernachlässigen.

In Ihrem Buch Co-Abhängigkeit. Diagnose, Ursachen und Therapie für Angehörige von Suchtkranken beschreiben Sie die Verstrickung des Umfeldes als einen schleichenden Prozess, den Betroffene selbst oft gar nicht bemerken.

Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto mehr steigern die Angehörigen ihre Hilfeanstrengungen. Sie sehen keine Alternative. Je stärker sie sich verstricken, desto zerrissener erleben sie auch die Situation: Sie schwanken zwischen Hoffnung und Enttäuschung und genauso wechselhaft ist ihr Verhalten. In der Hoffnung strengen sie sich an und in der Enttäuschung brechen sie zusammen. Sie ziehen sich dann zurück oder werden vorwurfsvoll und aggressiv. Eigentlich sind Rückzug und Wut ja ein guter Ansatz, allerdings lösen diese Reaktionen oft Angst-, Schuld- und Versagensgefühle aus, was die Angehörigen wiederum dazu treibt, sich noch mehr zu bemühen. Wenn sich dieser co-abhängige Teufelskreis entwickelt hat, kommen sie ohne Hilfe nicht mehr heraus.

Wer rutscht besonders leicht in diese Spirale?

Betroffen sind vor allem Kinder, Geschwister, Partner und Eltern, aber auch Freunde oder Kollegen. Da gibt es die unterschiedlichsten Fälle. Kinder, die ihre Eltern mit Suchtmitteln versorgen, den Haushalt erledigen und die Eltern ins Bett bringen, wenn die besoffen sind. Frauen, die sich als Erwachsene gezielt suchtkranke Partner suchen. Eltern, die aus Angst- und Schuldgefühlen ein suchtkrankes, erwachsenes Kind wieder aufnehmen, versorgen und seine Schulden begleichen. Diese Selbstaufopferung im Dienst der Sucht kann bei ihnen allen mit psychischen Problemen einhergehen. Kinder aus Suchtfamilien leiden häufig an komplexen Traumafolgestörungen, Partner und Eltern können Burnout, Depressionen oder Angststörungen entwickeln. Typisch sind auch psychosomatische Folgebeschwerden und -erkrankungen.

„Sucht betrifft viele, Co-Abhängigkeit alle anderen“, heißt es auf der Informationsplattform co-abhaengig.de, die Sie für Betroffene eingerichtet haben. Wie viele Menschen sind in zweiter Reihe von einer Suchterkrankung betroffen?

Das wüsste ich auch gerne, leider gibt es kaum Forschung zu diesem Thema. Dafür müsste man das Konzept der Co-Abhängigkeit erst einmal operationalisieren und messbar machen. Was wir wissen, ist, dass von den derzeit rund drei Millionen Kindern aus Suchtfamilien ein Drittel selbst suchtkrank wird. Davon sind eher Söhne betroffen. Ein weiteres Drittel, das sind eher die Töchter, wird in Folge der Belastungen und Traumata psychisch krank. Diese Kinder haben eine Neigung, sich im späteren Leben gezielt suchtkranke Partner zu suchen und sich in helfenden Beziehungen zu suchtkranken oder anders psychisch labilen Menschen zu verstricken. Auch in Bezug auf Partner und Eltern gibt es einen deutlichen Genderbias: Männer können sich besser abgrenzen. Frauen fühlen sich dafür zuständig, sich um andere zu kümmern.

Welche Faktoren sorgen dafür, dass die Situation für Angehörige so schwerwiegende Folgen hat?

Die Belastungen sind vielschichtig. Erstens ist das Zusammenleben mit einem Suchtkranken immenser Stress. Der Suchtkranke verhält sich wie ein Zwischending aus hilflosem Säugling, verhaltensauffälligem Kind, delinquentem Jugendlichen und pflegebedürftigem Demenzkranken. Die Angehörigen müssen alles erledigen, was der Kranke nicht mehr schafft, die Schäden der Sucht ausbaden und den Kranken versorgen. Dieser Rund-um-die-Uhr-Job bedeutet Erzieher, Sozialarbeiter, Therapeut, Pflegekraft und Krisendienst in Personalunion. Zweitens sind da die sozialen Auswirkungen: der Verlust von Kontakten, Ausgrenzung, Statusverlust, Einschränkung der finanziellen Möglichkeiten und Aktivitäten. Drittens hat Sucht eine große Schnittmenge mit psychischen und physischen Übergriffen, vor allem wenn es um Alkohol geht. Viele Angehörige, die zu mir in die Therapie kommen, haben emotionale, physische und sexualisierte Gewalt erfahren und leiden unter posttraumatischen Störungen. Viertens und letztens werden die Angehörigen oft vernachlässigt. Alle kümmern sich um den Suchtkranken, die Partner, Kinder oder Eltern gehen für gewöhnlich leer aus. Denn eine chronifizierte Sucht ist wie ein schwarzes Loch, das alle Hilfebemühungen schluckt.

Und für Selbstfürsorge oder -hilfe ist in so einer Situation wahrscheinlich auch wenig Platz.

Nein, das Kümmern um den Suchtkranken beansprucht alle Zeit und Energie. Eines möchte ich jedoch klarstellen: Sucht ist eine Krankheit und es ist völlig normal, sich um den Kranken zu kümmern. Die Mehrheit der Angehörigen macht das gut und richtig. Ihnen gelingt die Gratwanderung aus Abgrenzung und Hilfe. Die meisten Suchtkranken überwinden ihre Sucht, ohne jemals Kontakt zum professionellen Hilfesystem aufzunehmen – das liegt auch an der kompetenten Unterstützung durch ihr soziales Umfeld. Der typische Fall des co-abhängigen Verhaltens tritt erst ein, wenn die Sucht chronifiziert ist und die Angehörigen ausblenden, dass der zerstörerische Sog sie mit sich reißt.

Verleugnung und Verdrängung sind also Symptome der Co-Abhängigkeit?

Ja, das große Problem der co-abhängig Betroffenen ist, dass sie ihr eigenes Erleben ausblenden. Sie empfinden ihre ständige Erschöpfung und Unzufriedenheit als ganz normal. Bei Kindern aus Suchtfamilien erlebe ich das am schlimmsten: Sie sind sprachlos, leiden still und vor allem die Mädchen sind auffällig unauffällig. Sie lächeln, wenn ihnen zum Weinen zumute ist, sie schlucken ihren Ärger herunter und sie helfen anderen, wenn sie selbst in Not sind. Sie haben es tief verinnerlicht, äußeres Chaos und innere Alarmbereitschaft als Normalität zu sehen und sich so zu geben, als wenn nichts wäre. Eine Klientin hat mal zu Beginn der Stunde erzählt, dass der Hund gestorben ist, der Ehemann rückfällig wurde, das Kind den Arm gebrochen hat, die Mutter im Krankenhaus liegt und das Auto kaputt ist. Dann sagte sie lächelnd, dass es ihr gut geht. Das stimmte natürlich nicht. Sie war vor Sorge und Erschöpfung wie betäubt und spürte sich gar nicht mehr.

Habe ich als Betroffener trotzdem eine Chance, es selbst zu bemerken, wenn ich mich in der Sucht meines Angehörigen verstrickt habe?

Die Diskrepanz zwischen der äußerlich lächelnden Fassade und der versteckten Not, die eigene Erschöpfung und Bitterkeit sind Ansatzpunkte für die Betroffenen, anhand derer sie ein Bewusstsein für die Problematik entwickeln können. Denn dahinter verstecken sich eine angestaute Traurigkeit und die Wut, im Leben zu kurz zu kommen. Entscheidend ist, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, einen Zugang zu sich selbst zu finden und so die co-abhängige Sackgasse zu erkennen.

Auf Ihrem Informationsportal co-abhaengig.de heißt es: „Einem suchtkranken Menschen zu helfen, ist eine Gratwanderung zwischen erforderlicher Unterstützung auf der einen Seite sowie einer gesunden Abgrenzung auf der anderen Seite.“ Wie kann dieser Balanceakt gelingen?

Jeder Mensch hat, wie ich finde, ein Recht darauf, sein eigenes, kleines Leben zu führen und sich darin zu verwirklichen. Die Gratwanderung kann nur gelingen, wenn die Angehörigen sich das klar machen und das aktiv leben. Dafür müssen sie sich abgrenzen und „Nein“ sagen können. Und sie müssen lernen, ihre Überforderung zu erkennen und Verantwortung für den Suchtkranken abzugeben. Ein Beispiel: Eine erwachsene Tochter wird immer wieder nachts von den Nachbarn angerufen, wenn die Mutter alkoholisiert randaliert oder sich verletzt hat. Die Tochter entwickelt dadurch Schlafstörungen und Depressionen. In der Therapie findet sie den Mut, sich abzugrenzen, indem sie die Anrufer auf professionelle Stellen hinweist, in diesem Fall die Polizei, den Krisendienst oder den Notarzt. Nachdem sie das einige Male erfolgreich umgesetzt hat, wird sie nachts nicht mehr angerufen. Mit 40 Jahren erlebt sie eine ganz neue Lebensqualität, weil sie endlich ungestört schlafen kann.

Sie gibt dafür die Hoffnung auf, der Mutter selbst helfen zu können.

Ja, co-abhängige Angehörige müssen lernen, den fehlenden Erfolg ihrer Hilfebemühungen nüchtern auszuwerten. Wenn eine Maßnahme hundert Mal wirkungslos war, kann ich diese Form der Hilfe konsequenterweise einstellen. In dem geschilderten Fall hat die Tochter begriffen, dass ihr Anspruch unrealistisch war, die mittlerweile 70-jährige Mutter aus dem Sumpf der Sucht zu retten. Die eingesparte Energie und gewonnenen Freiräume nutzte sie, um in den Urlaub zu fahren und sich den sehnlichen Wunsch von einem Pferd zu verwirklichen.

Geht es als Angehöriger auch darum, Verantwortung abzugeben?

Es geht darum, für die richtigen Dinge Verantwortung zu übernehmen. Die Angehörigen sind dafür zuständig, sich um sich selbst und ihr eigenes Leben zu kümmern. Genauso liegt die Verantwortung, die Sucht zu überwinden, in der Hand des Erkrankten. Sowohl in Bezug auf die Co-Abhängigkeit als auch auf die Sucht geht es in der Therapie deshalb darum, Unabhängigkeit zu erlangen. Es ist für mich als Psychotherapeut natürlich eine wunderbare Erfahrung, wenn sich beide Parteien auf den eigenen Weg der Genesung machen und am Ende wieder zusammenfinden. Doch es ist ebenso schön, wenn sich co-abhängige Angehörige von dem Suchtkranken befreien und beginnen, ihr selbstbestimmtes Leben zu entdecken und aus vollen Zügen zu genießen.

Viele Betroffene haben wahrscheinlich Angst vor der letzten Konsequenz: der Trennung oder dem Kontaktabbruch. Ist dieser Schritt in manchen Fällen notwendig?

Ja, vor allem wenn die Angehörigen Opfer von schwerer Gewalt wurden, ist dieser Schritt notwendig. Aber auch in allen anderen Fällen ist der Kontaktabbruch eine mögliche Option. Die Angehörigen haben das Recht, darüber gründlich nachzudenken und die eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Interessen und Sehnsüchte zu erkunden. Die Therapie hat die Funktion, sie in ihrem Selbstwertgefühl, ihrer Eigenverantwortung und Autonomie so zu stärken, dass sie eine gute Entscheidung für sich treffen und sie engagiert in die Tat umsetzen können.

Doch eine geeignete Therapie oder Beratung zu finden, ist gar nicht so leicht.

Leider haben Angehörige keine Lobby und fallen oft durch die Netze der Hilfssysteme. Denn wer nicht redet, dem hört niemand zu. Angehörige bringen eine große, beschämte Sprachlosigkeit mit. Sie blenden ihre Not aus und denken: „So schlimm steht es nicht um mich.“ Deshalb bräuchten sie zunächst eine präventive, aufsuchende und niedrigschwellige Hilfe, um überhaupt eine Einsicht und Motivation zu entwickeln. Sie müssten erst einmal verstehen: „Mein Schicksal ist nicht zwangsläufig. Ich darf mich schützen und abgrenzen. Ich kann für mich selbst aktiv werden und für mich sorgen.“

Wie groß ist die Gefahr, dass Angehörigen von professionellen Helfern oder dem Umfeld eine Mitschuld am Verhalten des Suchtkranken gegeben wird?

Es gab in Deutschland die unsägliche Sichtweise, den Angehörigen die Schuld an der Sucht in die Schuhe zu schieben. Zum Glück ist diese feindselige Haltung in den letzten zwei Jahrzehnten zurückgegangen. Co-abhängiges Verhalten von Angehörigen wurde lange Zeit dadurch definiert, dass es die Suchterkrankung oder Suchtgefährdung unterstützt, fördert und aufrechterhält. Diese Definition ist erstens falsch und zweitens selbst co-abhängig, weil sie die Sucht rechtfertigt und den Suchtkranken die Verantwortung für ihr Handeln nimmt. Eine Folge davon war zum Beispiel, dass es Kontaktsperren in Kliniken gab, damit die „bösen“ Angehörigen die „armen“ Suchtkranken nicht in den Rückfall treiben.

Heute bekommen Angehörige mehr Verständnis und Unterstützung?

Bedauerlicherweise gibt es immer noch hartnäckige Reste dieser ablehnenden Haltung. Angehörige berichten mir immer wieder davon, dass sie von Beratungsstellen oder Psychotherapeuten zurückgewiesen werden, weil die sich nicht zuständig fühlen. Die Suchthilfeeinrichtungen haben oft nicht das Personal, sich auch noch um die Angehörigen zu kümmern, oder sie werden von ihrem Träger davon abgehalten. Viele Psychotherapeuten sind mit dem Thema Abhängigkeit überfordert, weil es in Studium und Ausbildung nicht ausreichend vorkommt. Da treffen selbstlose Angehörige auf ein unsensibles Hilfesystem, das mit Abwehr und Ahnungslosigkeit reagiert. Diese Begegnung muss scheitern. Und auch in der Selbsthilfe werden die Angehörigen stiefmütterlich behandelt – da gibt es noch viel nachzubessern.

Welche Hilfe kann ich mir als Angehöriger dennoch suchen?

Für Betroffene, die sich mit Gleichgesinnten austauschen möchten, können Selbsthilfegruppe eine gute Sache sein. Angehörige, die psychische und soziale Probleme haben, können Sucht- oder Drogenberatungsstellen aufsuchen. Frauen, die Gewalt erfahren, sollten zur Frauenberatung und der Polizei gehen. Kinder und Jugendliche können sich ans Jugendamt wenden. Falls es um ernsthafte psychische Erkrankungen geht, kann eine ambulante Psychotherapie helfen. Leider sind Angehörige stark von den Angeboten vor Ort abhängig, aber der Versuch lohnt sich allemal. Eine Auflistung vieler Stellen, Informationsangebote und Möglichkeiten habe ich für Betroffene auf der Seite co-abhaengig.de zusammengestellt.

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