Psychische Gesundheit

Hochsensibilität: Vom Wunsch, einfach mal auf Pause zu drücken

Lesedauer unter 7 Minuten
Mann liegt mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und hat eine Blüte im Gesicht

Autor/in

Barmer Internetredaktion

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Dirk Weller (Barmer Marktforschung)
Inhaltsverzeichnis

Als Kind hatte Sarah einen ganz klaren Lieblingsplatz: ihre Höhle neben dem Bett. Mit zwei Decken und einem Stuhl hatte sie sich diesen Ort geschaffen. Niemand außer ihr durfte da rein. Manchmal lag Sarah stundenlang im dämmrigen Licht unter den Decken und lauschte den Geräuschen im Haus. Die Eltern fanden es wunderlich, dass ihre Tochter sich so gern zurückzog. Es konnte sogar passieren, dass sie mitten im Kindergeburtstag für eine Stunde verschwand. Doch sie ließen sie gewähren.

Einfach nur nicht so empfindlich sein – ist das die Lösung?

Heute fragt sich Sarah oft, ob ihre Eltern sie stärker hätten abhärten sollen. Dann wäre sie vielleicht nicht so empfindsam, glaubt sie. Denn Sarah stören die vielen Stimmen und Gerüche im Großraumbüro. Das empfindet sie als Stress, sie bekommt davon richtig gehend körperliche Beschwerden, zum Beispiel Kopfweh und Beklemmungen. Lieber hat sie eine Freundin als fünf zu Besuch. Und in der Firma freut sie sich, wenn keiner Zeit zum Mittagessen hat und sie ihre Pause allein verbringen kann. Hätte weniger Rücksicht von ihren Eltern ihr diese Empfindlichkeit abtrainiert, die heute unter dem Begriff Hochsensibilität Karriere macht?

Vermutlich nicht, sagt Julia Breuer, Wirtschaftspsychologin und Coach für Hochsensibilität. Denn Empfindsamkeit ist eher ein Wesenszug als anerzogen. In den letzten Jahren wurde viel zum Thema Hochsensibilität geforscht. Heute sind sich Psychologen einig: Menschen unterscheiden sich erheblich in ihrer Sensibilität, also darin, wie sie Reize wahrnehmen und innerlich verarbeiten. „Bei Hochsensiblen sind die psychologischen Filter schwächer ausgeprägt und die Reizverarbeitung geht tiefer“, erklärt Breuer. Das gilt für Reize von außen – wie Geräusche, Lärm oder auch Stimmungen in einer Gruppe – genauso wie für Reize von innen, zum Beispiel Gefühle, Körperwahrnehmungen oder Gedanken.

Bin ich Orchidee, Löwenzahn oder Tulpe? So lässt sich Hochsensibilität erkennen

Die Entwicklungspsychologin Francesca Lionetti von der Queen Mary University of London teilt die Menschen in drei Gruppen der Empfindsamkeit ein. Dafür nutzt sie einen speziellen Fragebogen, den Sie hier selbst machen können. Etwa 30 Prozent der Befragten zeigten sich in ihren Studien als hochsensibel. Die Psychologin wählte für sie die Metapher der „Orchideen“. Fast ebenso viele Probanden waren eher niedrigsensibel – und bekamen die Bezeichnung „Löwenzahn“. Der Rest zeichnete sich durch mittlere Sensibilität aus, die „Tulpen“. Was das Blumenbild deutlich macht: Keine Ausprägung von Sensibilität ist besser oder schlechter. Alle gehören in den Bereich des „Normalen“.

Lionetti geht aufgrund ihrer Studien davon aus, dass Sensitivität für Umwelteinflüsse genauso wie Humor und andere Persönlichkeitseigenschaften bei den Menschen schlicht unterschiedlich ausgeprägt ist. Weil Hochsensible offener für äußere Reize sind als andere, nehmen sie die Welt zum Teil völlig anders wahr als ihre Mitmenschen.

Hochsensibel – ein Zeitgeistthema
Warum ist Hochsensibilität derzeit so sehr im Gespräch? Coach für Hochsensibilität, Julia Breuer, nimmt an, dass dahinter ein Phänomen unserer Zeit steckt: „Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass ihnen die ständige Reizüberflutung zu viel wird.“ Doch weil diese Reizmenge der normale Alltag ist, denken die Betroffenen, sie seien wohl zu empfindlich – und schon landen sie beim Thema Hochsensibilität.

Von Gefühlen wie von einer Welle überrollt

Hochsensiblen-Coach Julia Breuer gibt ein Beispiel: Ein Mensch mit durchschnittlicher Sensitivität steht am Meer und freut sich an den Geräuschen der Wellen und an dem Farbenspiel. Doch nach fünf Minuten schlendert er gerne weiter, um noch mehr vom Strand zu sehen. Hochsensible wie sie selbst reagieren häufig anders. Ihre Gefühle sind besonders stark ausgeprägt: „Ich „Ich stehe am Meer und werde von einem tiefen Glücksgefühl überrollt. Solche Momente können mich zu Tränen rühren.“ Hochsensible nehmen Reize tiefer wahr und auch ihre emotionale Empfindung ist verstärkt. So kann es passieren, dass hochsensible Menschen eine kleine Verletzung als starken Schmerz spüren, Mütter mit ihren Kindern oder Krankenschwestern mit ihren Patientinnen und Patienten mitfühlen, als steckten sie in deren Haut.

Sarah stolperte erst als Erwachsene über ein Buch zum Thema Hochsensibilität – und hatte das erste Mal das Gefühl, dass jemand beschreibt, was sie fühlt. Bis dahin hatte sie sich häufig als weniger belastbar empfunden, weil sie so oft das Bedürfnis nach Ruhe oder einer Pause hat. Dabei liebt sie ihren Job als Personalerin und hat ein sehr gutes Händchen für die Menschen.

Aus der Forschung
Hochsensible Menschen berichten häufiger über das Gefühl von Erschöpfung oder anderen psychischen Belastungen und Stress. Die gute Nachricht: Studien zeigen, dass hochsensible Menschen auf der anderen Seite auch besser als Normalsensible auf psychologische Angebote wie Achtsamkeitskurse oder eine Psychotherapie reagieren und sie für ihre innere Balance nutzen können.

Zu der Empfindsamkeit offen stehen

„Viele Hochsensible hören seit Kindertagen, dass sie zu empfindlich seien, zu sensibel oder zu verträumt“, weiß Breuer. Ihre Selbstwahrnehmung liegt vor allem auf den Schattenseiten der Hochsensibilität. Breuer arbeitet mit ihren Klientinnen und Klienten daran, die Sonnenseiten und Vorteile der ausgeprägten Empfindungsfähigkeit herauszuarbeiten – und am Selbstbewusstsein, um für die eigenen Bedürfnisse einzustehen. „Das kann bedeuten, dass man sich zukünftig häufiger Zeiten der Ruhe gönnt, dass man sich einen Noise-Cancelling-Kopfhörer für konzentriertes Arbeiten zulegt oder dass man seiner Wahrnehmung vertraut, auch wenn die Menschen um einen herum (noch) nichts wahrnehmen“, so Breuer.

Natürlich könne dieser neue, offenere Umgang Konflikte auslösen. „Auch das ist eine Herausforderung für Hochsensible.“ Doch die Mühe lohnt – nicht nur für Betroffene selbst. „Viele machen die Erfahrung, dass es Signalwirkung hat, wenn sich einer im Team traut, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen“, weiß Breuer. Denn wer gut für sich selbst sorgt, lädt auch andere ein, dies für sich zu tun. Damit öffnen gerade hochsensible Menschen den Weg für alle, um sich einen Wunsch zu erfüllen, der immer drängender wird: Häufiger mal die Pausetaste zu drücken.

Selbsttest: Wie kann ich Hochsensibilität erkennen?

Kann es sein, dass ich hochsensibel bin?

Gut möglich, wenn Sie bei vielen dieser Aussagen sofort „Ja!“ sagen:

  • An Tagen, an denen viel los war, habe ich abends das Bedürfnis, mich komplett zurückzuziehen.
  • Ich kann in völlige Verzückung verfallen, wenn ich eine schöne Blume sehe, frische Kräuter rieche oder eine bestimmte Musik höre.
  • Mir fällt oft stärker als anderen auf, wenn sich in meiner Umgebung etwas verändert: wie ein neues Bild im Büro oder die andere Brille bei meiner Freundin.
  • Ich tue viel dafür, um Situationen zu vermeiden, in denen ich mich überwältigt fühle.
  • Schon als Kind wurde ich als sensibel oder schüchtern bezeichnet.

Eher nein, wenn viele dieser Aussagen auf Sie zutreffen:

  • Ich kann auch bei Baulärm konzentriert an meinen Aufgaben im Büro arbeiten.
  • Ich liebe es, im Urlaub richtig viel zu erleben. Städtehopping und Sightseeing – das ist meins.
  • Manchmal kriege ich gar nicht mit, wenn im Team ein Konflikt ist. Zum Glück. Ich kann mich da gut abgrenzen.
  • Zeitdruck spornt mich eher an.
  • Ich entspanne mich gerne durch Ablenkung: Tanzen gehen, Kino, Sport.

Wie häufig ist Hochsensibilität?
Die Zahlen schwanken je nach Studie zwischen fünf und 30 Prozent der Menschen.

Hochsensibilität: Eine Definition

Eine allgemeingültige Definition für Hochsensibilität gibt es nicht. Die High-Sensitivity-Forschung steht noch ganz am Anfang. Was man sagen kann: Wer hochsensibel ist, nimmt Reize intensiver und differenzierter wahr. Das Reizfiltersystem ist durchlässiger als bei anderen Menschen. Auch innere Reize werden intensiver wahrgenommen. Das, was man denkt, fühlt und erlebt, hallt intensiver und länger nach. Pionierin in Sachen Hochsensibilität ist die Psychologin Elaine Aron, die den Begriff 1996 prägte. Aron sieht darin ein Temperamentsmerkmal, das sich durch vier wesentliche Aspekte auszeichnet: die Tiefe der Wahrnehmungsverarbeitung, schnelle Überreizung, emotionale Empfänglichkeit und ein klares Gespür für feinste Reize.

Viele Hochsensible sind daher auch sehr empathisch und kreativ. Ihr Sinn für Ästhetik und das vernetzte Denken können ausgeprägt sein. Sicher ist: Hochsensibilität ist keine Krankheit und keine ärztliche Diagnose. Die Schwierigkeiten wie Erschöpfung, depressive Verstimmungen, Ängste oder Selbstwertprobleme, die viele Hochsensible entwickeln, haben ihre Wurzel nicht in der Hochsensibilität, sondern im unpassenden Umgang mit dem Persönlichkeitsmerkmal. Um mit ihrer Empfindsamkeit gesünder umzugehen, kann eine gezielte Arbeit an der eigenen Alltagsgestaltung helfen, etwa mit einem Coach oder im Austausch mit anderen Betroffenen, oder auch in einer Psychotherapie, zum Beispiel wenn es zu einer Erkrankung wie einer Depression gekommen ist.

Und wenn man einmal zur Ruhe kommen und die Pausetaste drücken möchte, hilft unser kostenloser Meditationsguide.

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