Lebensrezepte

Wahre Liebe? Warum wir Nähe und Beziehungen suchen – und wie aus Verliebtsein tiefe Verbundenheit entsteht

Lesedauer unter 7 Minuten
Zwei junge Männer liegen gemeinsam im Bett

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Rose und Jack stehen ganz vorn auf dem Bug des Schiffs. Der junge Mann hält sein Mädchen fest, damit sie ihre Arme ausbreiten kann, den Fahrtwind im Gesicht. Natürlich ist das gefährlich. Und auch verboten. Aber die beiden sind verliebt. Alles ist erlaubt, alles scheint möglich. Auch wenn der Film bald 25 Jahre alt ist: Die Szene gilt bis heute als Sinnbild für die Kraft der wahren Liebe.

Die Liebe finden und damit das Glück – viele Kinofilme und Popsongs erzählen von dieser urmenschlichen Sehnsucht. Obwohl Rose und Jack schon bald der eiskalte Ozean trennt, haben wir von der Liebe eine Idealvorstellung: Aus loderndem Verliebtsein soll ein warmes Feuer der Liebe werden – das möglichst ewig weiterbrennt. Im echten Leben sehen die Dinge dann oft anders aus. Zwar gehen wir nicht im Ozean unter, dafür ertrinken viele Lieben im Alltag. Man trennt sich. Leidet an elendem Liebeskummer. Sucht neu. Vielleicht wird man fündig. Vielleicht auch nicht. Viele machen sich immer wieder auf die Suche – in der Hoffnung, endlich die große und wahre Liebe zu finden.

Warum sehnen wir uns so nach Liebe? Wir kommen doch auch gut allein klar und können auf Liebeskummer getrost verzichten. Wäre unser Leben nicht sogar angenehmer ohne die ganz großen Gefühle? Oder gehören die zum Menschsein einfach dazu?

Liebe als Trick der Evolution

Aus dem Blickwinkel der Evolution lieben wir, um uns fortzupflanzen. Die Liebe sorgt dafür, dass wir uns zusammentun und – zumindest für eine Weile – zusammen bleiben und Nachwuchs großziehen. Aber wie so viele Erklärungen, für die die Evolution herhalten muss, ist diese Sichtweise begrenzt: Wir wissen heute, dass Liebe universell – und zwischen Mann und Frau ebenso normal ist, wie zwischen Männern, Frauen oder nicht binären Menschen. Die Evolution liebt eben auch die Vielfalt.

Damit Liebe überhaupt funktionieren kann, hat die Natur sich einen Trick überlegt. Sie hat vor die Liebe das Verliebtsein geschaltet. Es gilt als das Stoppschild der Partnersuche. Psychologin und Bestseller-Autorin Stefanie Stahl („Jeder ist beziehungsfähig“) bringt es auf den Punkt: „Verliebt sein führt dazu, dass wir uns für eine Person entscheiden. Gäbe es dieses heftige Gefühl nicht, würden wir uns immer weiter umsehen.“ Es könnte ja noch etwas Besseres kommen.

Wissenschaft: Immer der Nase nach
Normalerweise rechnen wir unsere Partnerwahl ja unserem Herzen zu. Aber die Forschung zeigt, dass unsere Nase dabei eine große, unterschätzte Rolle spielt. Wir verlieben uns vor allem in Menschen, die aus biologischer Sicht gut zu uns passen – und das erkennen wir am Geruch. „Ich kann dich gut riechen“, ist nicht umsonst eine feststehende Redewendung. „Gut passen“, das heißt in diesem Fall schlicht, dass sich die genetische Ausstattung unserer potenziellen Partnerin, unseres potenziellen Partners maximal von unserer eigenen unterscheidet. Aus Sicht der Evolution steigt so die Chance, dass Eltern günstige Genkombinationen an ihre Kinder weitergeben.


Schmetterlinge im Bauch, Berührungen, Leidenschaft

Doch dank des Hormongewitters im Blut widmen wir uns nun ganz dieser einen Person. Vor allem das Glückshormon Dopamin überschwemmt unser Hirn, wenn wir verliebt sind, und versetzt es in eine Art Rauschzustand. Wir haben Schmetterlinge im Bauch, schmelzen dahin, sobald die Stimme unserer Eroberung erklingt, und jede Berührung löst ein inneres Feuerwerk aus. Wir müssen nicht essen, nicht schlafen und brauchen nichts als diesen einzigen Menschen, den wir am liebsten den ganzen Tag lang küssen und berühren möchten. Auch unsere Psyche befeuert die Leidenschaft: „Aus psychologischer Sicht speist sich die Leidenschaft am Anfang einer Beziehung vor allem aus der Unsicherheit“, sagt Stahl. „Gerade, weil wir uns des anderen noch nicht sicher sind, wollen wir ihn unbedingt an uns binden, daher dieses leidenschaftliche Sehnen.“

Häufig fallen wir aus allen Wolken, wenn diese Leidenschaft irgendwann nachlässt. Und schon steht die Frage im Raum: Ist es vielleicht doch der oder die Falsche? Beziehungsexpertin Stefanie Stahl kann beruhigen: „Nach einer Weile stellt sich in einer Beziehung ein Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit ein.“ Der Dopaminrausch lässt nach. Dafür steigt im Körper der Spiegel des Bindungshormons Oxytozin. Man fühlt sich aufgehoben in der Beziehung und entspannt sich – außer man verhindert dies durch On-Off-Taktiken oder wenn man jeden verlässt, sobald es zu nah wird.

Wissenschaft: Berührt euch!
In einer Studie mit Paaren konnte Anik Debrot, Psychologin an der Universität Lausanne zeigen: Partner und Partnerinnen, die von ihrem beziehungsweise ihrer Liebsten häufiger am Tag zärtlich berührt werden, fühlen sich wohler und kommen mit schwierigen Gefühlen wie Frustration oder Trauer besser klar. Und zwar auch dann, wenn der Partner gerade nicht in der Nähe ist. Auch derjenige, der zum anderen zärtlich ist, fühlt sich besser. Es profitieren also beide Seiten von einer Umarmung oder einem Kuss! Außerdem sind die zärtlicheren Paare glücklicher, fühlen sich besser verstanden und einander näher. Reine verbale Unterstützung hatte dagegen keinen positiven Effekt.

Wird Liebe irgendwann langweilig?

Der Preis für die neue Sicherheit im Gefühlsleben ist, dass die Leidenschaft abnimmt. „Dopamin und Oxytozin schließen sich in gewisser Weise sogar aus“, erklärt Stahl. Statt auf wilden Sex freut man sich nun auf den Kuschelabend auf dem Sofa mit Serien-Streaming und Chips. „Mit der Geborgenheit wird aus dem Verliebtsein Liebe“, so Stahl.

Langweilig? Tatsächlich berichten viele Paare nach einigen Jahren von einer gewissen Langeweile. Vor allem im Bett. Der amerikanische Sexualtherapeut und Bestseller-Autor David Schnarch („Die Psychologie sexueller Leidenschaft“) fand in Studien heraus, dass fast 70 Prozent der Befragten über Probleme mit der Lust in ihrer Partnerschaft klagten. Meist entsteht mit der Zeit ein Ungleichgewicht des Verlangens: Der eine möchte mehr Sex, der andere weniger – und schon nehmen die Streiterei, die Kränkungen und die Entfremdung ihren Lauf. Viele denken dann, ihre Beziehung sei kaputt.
Doch Schnarch vertritt eine völlig andere Sicht: „Da Probleme, die das sexuelle Verlangen betreffen, unvermeidbar sind, empfehle ich ich Ihnen, sie produktiv zu nutzen“, schreibt der Sexualtherapeut. Für ihn ist das Nachlassen der Leidenschaft ein Aufruf zur persönlichen Entwicklung beider Partner – um sich dann, auf einem neuen Niveau, in einer neuen, gereiften Intimität wieder zu begegnen.

Statistik der Liebe
60 Prozent der Deutschen leben in einer festen Beziehung.
40 Prozent haben trotz fester Beziehung schon einmal eine andere Person geküsst.
20 Prozent finden einen Altersunterschied in der Liebe irrelevant.
Wichtigstes Kriterium bei der Partnerwahl: dass wir viel Spaß haben!
Häufigstes Streitthema: Unordentlichkeit / Ordnung
Größter Liebeskiller: Vernachlässigung der Körperhygiene

In zwei Schritten zu mehr Lust

Schnarch empfiehlt Liebenden, in zwei Schritten vorzugehen: Zuerst sollte man von den Schuldzuweisungen ablassen und sich stattdessen mit seiner persönlichen Entwicklung beschäftigen. Für eine gute, lustvolle Partnerschaft ist es wichtig, dass man aufhört, sich immer weiter an die Wünsche des anderen anzupassen. Stattdessen muss man versuchen, seine ganz eigenen Wünsche ans Leben zu erkennen. Außerdem sollte jeder die Fähigkeit entwickeln, sich auch in schwierigen Situationen selbst zu beruhigen – und lernen, dem Impuls zu widerstehen, wegzulaufen, wenn es schwierig wird. Wenn beide Partner dann noch lernen, sich mit Problemen konstruktiv auseinanderzusetzen, ist die Basis für die neue Leidenschaft geschaffen. „Der Endzustand könnte dann sein, dass man Selbstachtung wiedergewinnt, und diese wiedergewonnene Selbstachtung ist das beste Aphrodisiakum, das man sich denken kann“, erklärt Schnarch.

Wenn es dann im Bett wieder brennt, kann man auch gleich den Alltag wieder lebendiger gestalten. Der Züricher Persönlichkeitspsychologe Willibald Ruch rät Paaren dazu, aus den verschiedenen Interessen neuartige gemeinsame Aktivitäten abzuleiten. Der Eine mag Städte, die Andere steht auf Natur? Wie wäre es mit einer Stadterkundung per Rad samt Picknick in den Parks?

Wenn wir küssen, ...
... bewegen sich 38 bis 60 Gesichtsmuskeln.
... schüttet das Gehirn Glückshormone aus.
... steigen Puls und Blutdruck.
... tauschen wir 80 Millionen Bakterien aus.
... ist das ein Kick fürs Immunsystem.

Die Liebe zu erhalten, ist mit Arbeit verbunden

Was bedeutet all das nun für jene, die sich dauerhafte, wahre Liebe wünschen? „Eine Liebe lebendig zu halten, ist Arbeit“, fasst Psychologin Stahl zusammen. Und eine Entscheidung für den Partner oder die Partnerin, die auch durch kleinere und größere Tiefs nicht sofort ins Wanken gerät. Ob man auf dem richtigen Weg ist, kann man ziemlich einfach in jeder Alltagssituation checken: Sieht man an seinem Partner, seiner Partner mehr positive als negative Eigenschaften? Hat man Lust, ihm oder ihr immer wieder etwas Nettes zu sagen, liebende Gesten zu zeigen?

Der Paartherapeut John Gottman beobachtet seit vielen Jahren Paare und ihren Kommunikationsstil. Er stellte fest, dass diejenigen, die über Jahre hinweg glücklich zusammen waren, eine 5:1-Konstante einhielten: Glückliche Paare sorgen dafür, dass jeder negative Moment mit fünf positiven Momenten ausgeglichen wird. Auf einen kritischen Kommentar folgen also ein freundliches Lächeln, eine nette Bemerkung, eine liebevolle Geste, ein sanfter Kuss, ein gutes Gespräch. Diese „Gottman-Konstante“ hat sich in vielen Studien bestätigt. Und sie zeigt: Liebe ist ein Tu-Wort. Und sich dauerhaft einander nah zu fühlen, bedeutet durchaus Aufwand. Doch der Einsatz lohnt sich.

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Webcode: a006677 Letzte Aktualisierung: 07.07.2021
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