Eine junge Frau sitzt mit einem Skateboard auf einer Wiese und schaut bedrückt
Gesunde digitale Gesellschaft

SINUS-Jugendumfrage: Cybermobbing weit verbreitete Gesundheitsgefahr

Lesedauer unter 5 Minuten

Autor

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Das trifft bei Cybermobbing (häufig auch cyber mobbing geschrieben) leider nicht zu. Bereits seit einigen Jahren ist klar erkennbar, dass die Digitalisierung des Alltagslebens, bei allem Positiven, auch erhebliche Schattenseiten mit sich bringen kann. Für unser menschliches Mit- und Gegeneinander eröffnen sich zahllose neue Möglichkeiten, und diese beinhalten leider auch digitale Aggression und Gewalt. Beim Thema Cybermobbing ist festzustellen, dass es bisher nicht wirklich gelingt, das Auftreten des Problems zurückzudrängen, und auch nicht, alle davon Betroffenen mit der erforderlichen Unterstützung zu versorgen.

Cybermobbing ist zu einer bedeutenden Gesundheitsgefahr geworden. Wenn wir eine verantwortungsvolle und gesunde Digitalisierung befürworten und vorantreiben, müssen wir uns dem Problem daher stellen und alles Erforderliche tun, um Cybermobbing und seine Folgen einzudämmen.

Was ist Cybermobbing? Die Barmer bietet Tipps zum Umgang mit Cybermobbing und gibt einen Überblick über die Anlaufstellen, die helfen können.

Barmer-Forschung zeigt: Cybermobbing im Jugendalltag massiv verbreitet

Um erfolgreich gegen Cybermobbing vorzugehen, sind aktuelle und präzise Informationen über die Verbreitung von Cybermobbing unerlässlich. Deshalb hat die Barmer gemeinsam mit dem SINUS Institut in einer großen SINUS Umfrage mit über 2.000 Jugendlichen repräsentativ erforscht, wie die aktuelle Situation ist.

Das Hauptergebnis der Umfrage: Cybermobbing ist im Jugendalltag massiv verbreitet. Ob als Täter, Opfer oder Beobachter haben über die Hälfte (51 Prozent) der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren in Deutschland Erfahrungen mit Cybermobbing. Einige kennen das Thema sogar aus zwei oder drei dieser Perspektiven, waren also zum Beispiel schon Opfer und auch Täter. Ungefähr jeder Siebte berichtet, selbst von Cybermobbing betroffen gewesen zu sein.

Dabei sind Mädchen mit siebzehn Prozent noch häufiger Opfer von Mobbing im Cyberraum als Jungen mit elf Prozent. Immerhin fünf Prozent gestehen ein, selbst gemobbt zu haben, in Großstädten wie Hamburg und Berlin sogar fast zehn Prozent. Bei höherem Bildungsgrad liegen die Zahlen sowohl für die Opfer- als auch für die Täterrolle etwas niedriger als bei formal niedrigerem Bildungsgrad.

Zu diesen Ergebnissen sagt Prof. Dr. Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer: „Cybermobbing ist im Leben der Jugendlichen nach wie vor inakzeptabel weit verbreitet. Die Prävention muss intensiviert werden. Betroffene brauchen leichten Zugang zu Hilfe und vor allem Anlaufstellen, denen sie vertrauen können. Denn allein sind Mobbingattacken nur schwer zu bestehen“.

Die Perspektive des Cybermobbing-Hilfe e. V.

Die Barmer kooperiert mit mehreren zivilgesellschaftlichen Organisationen, um gemeinsam mehr gegen Cybermobbing zu erreichen. Einer dieser Partner ist der Verein Cybermobbing-Hilfe e. V. Lukas Pohland, Gründer und erster Vorsitzender dieser Initiative, der als Schüler selbst Cybermobbing erlebt hat, sieht die Ergebnisse der SINUS-Studie als Beleg für Handlungsbedarf: „Die Studie zeigt, dass Cybermobbing ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, welches längst im Alltag von Jugendlichen angekommen ist und unser Handeln erfordert.“

Allerdings gibt er aus eigener Erfahrung in der Cybermobbing-Beratung zu bedenken, dass möglicherweise gar nicht alle Betroffenen in der Umfrage offen geantwortet haben. „Die Dunkelziffer der Betroffenen ist möglicherweise noch deutlich höher: Cybermobbing ist noch immer mit einem Schamgefühl belastet.“ Denn immerhin haben siebzehn Prozent keine Angabe zur Frage nach eigenen Erfahrungen gemacht. Hier könne aber auch Unwissenheit eine Rolle gespielt haben, worum es sich bei Cybermobbing überhaupt genau handelt.

Wo findet Cybermobbing statt?

Eindeutiger Spitzenreiter unter den Cyber-Mobbing-Kanälen ist WhatsApp. Sechs von zehn Jugendlichen, die Cyber-Mobbing entweder mitbekommen haben oder selbst betroffen oder beteiligt waren, berichten, dass dies auf WhatsApp geschehen ist.

Am zweithäufigsten passiert Cybermobbing auf Instagram: Hier haben es vier von zehn Jugendlichen erlebt. In diesem Medium sind es besonders die Mädchen, die betroffen sind. TikTok, Facebook, Foren/Chatrooms und Snapchat sind ebenfalls häufige Tatorte, an denen jeweils zwei bis drei von zehn Jugendlichen Cybermobbing erleben. Auf Youtube ist es immerhin knapp jeder Achte.

Was passiert beim Cybermobbing?

Die sehr große Mehrheit der von Cyber-Mobbing betroffenen Jugendlichen ist Beleidigungen ausgesetzt gewesen: Mehr als sieben von zehn Betroffenen berichten das. Über die Hälfte (56 Prozent) hat es erlebt, dass Gerüchte über sie in die Welt gesetzt wurden. Das ist Mädchen etwas häufiger passiert als Jungen. Drei von zehn betroffenen Jugendlichen haben jeweils erlebt, ausgegrenzt, belästigt oder durch peinliche Bilder oder Videos beschämt zu werden.

Dazu sagt Lukas Pohland vom Cybermobbing-Hilfe e. V.: „Es ist erschreckend, wie vielfältig Cybermobbing ist. Die beobachteten Arten führen die Brutalität der digitalen Angriffe vor Augen. Die Studie belegt, was technische Funktionalitäten alles möglich machen können. So ist insbesondere das Posten von peinlichen Videos oder Bildern auf einem Höchststand.“

Jeder fünfte Betroffene musste damit fertig werden, dass vertrauliche Informationen preisgegeben wurden, jeder zehnte erlebte sogar Identitäts- bzw. Passwortklau oder Stalking.

Wohin wenden Jugendliche sich, wenn sie Cybermobbing erleben?

Jeder vierte Jugendliche möchte sich im Falle von Cybermobbing nicht um Hilfe bemühen, sondern es ignorieren oder selbst lösen. Dieses Ergebnis unterstreicht aus Expertensicht den bestehenden Handlungsbedarf. „Zu wenige der Befragten würden sich bei einer Betroffenheit Hilfe suchen. Es zeigt, dass die Jugendlichen Angst davor haben, sich Unterstützung zu suchen“.

Über zwei Drittel der Jugendlichen bezeichnen ihre Eltern als Anlaufstelle, wenn man Cybermobbing erlebt. Mehr als neun von zehn sagen, dass es hilft, wenn die Eltern Verständnis haben und Rückhalt geben. Mehr als vier von zehn Jugendlichen wenden sich an ihre Freundinnen und Freunde. Mehr als acht von zehn sagen, dass es hilft, wenn diese offen zu dem Gemobbten stehen.

Immerhin jede/r Vierte kann sich Lehrerinnen oder Lehrern anvertrauen. Sehr viel seltener scheint es naheliegend, die Schulleitung oder Polizei anzusprechen (jeweils 16 Prozent) und noch seltener, Psychologen oder Beratungsstellen (7 bzw. 5 Prozent) anzusteuern.

Was hilft Jugendlichen, wenn sie Cybermobbing erlebt haben?

Die befragten Jugendlichen, die selbst schon einmal Opfer von Cybermobbing waren, haben tatsächlich etwa zu zwei Dritteln von den Eltern, zu einem Drittel von Freunden und jeder Siebte von Lehrern Hilfe bekommen. Psychologinnen und Schulleitungen (jeweils 9 Prozent) und Polizei (7 Prozent) waren ebenfalls wichtige Akteure. Selbsthilfegruppen im Internet haben sechs Prozent und Online-Beratungsangebote zwei Prozent der Betroffenen geholfen. Das große Problem ist hier aber offenbar der Rest: mehr als jeder Sechste der Betroffenen sagt: „Mir hat niemand geholfen“.

Hier sieht Pohland die Schulen in der Pflicht: „Cybermobbing findet vor allem aus dem Schulkontext heraus statt. 16 Prozent der Befragten gaben sogar an, dass ihnen gar nicht geholfen wurde. Die Studie führt vor Augen, dass das schulische Cybermobbing-Management dringend überarbeitet werden muss“. Dazu passt, dass immerhin sechs von zehn Befragten sagen, dass das Thema noch viel intensiver in der Schule behandelt werden sollte.

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