Sucht

Betroffene berichten: Wie kommt man von einer Computerspielsucht und Pornosucht los?

Lesedauer unter 7 Minuten
Ein junger Mann spielt ein Computerspiel an seinem PC und hat Kopfhörer auf.

Autor/in

Internetredaktion Barmer
Inhaltsverzeichnis

Warum spielt jemand unzählige Stunden am Tag Computerspiele? Warum flüchtet er sich in eine Parallelwelt? Wie fühlt es sich an, wenn man süchtig nach Pornografie ist und sich nächtelang durchs Netz klickt? Zwei ehemals Computerspiel-Süchtige und ein Pornografie-Süchtiger erzählen ihre Geschichte und wie sie Wege aus ihrer Sucht fanden. 

Ronald Stolz, 40 Jahre alt, war süchtig nach Computerspielen

Ich bin mit Mitte 20 durch Arbeitskollegen zum Computerspielen gekommen.  Ich war damals im Vertrieb tätig und ein paar Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe, luden mich ein, eine Runde mit ihnen zu spielen. Statt uns in einer Bar zu treffen, hat jeder an seinem eigenen Computer gesessen. Recht schnell habe ich mich, wenn ich um 17 Uhr von der Arbeit heimgekommen bin, direkt an den PC gesetzt. Gespielt habe ich dann bis zwei, drei Uhr nachts, locker zehn Stunden lang – am liebsten das Online-Rollenspiel „World of Warcraft“.  Damals war das kein Problem: Ich war Single. Gegessen habe ich irgendwas, das schnell gemacht war. 

Roland Stolz

Roland Stolz war von Computerspielsucht betroffen. Bis zu 15 Stunden am Tag hat er gezockt. Foto: Privat. 

Zwölf bis 15 Stunden am Tag gespielt 

Wer sich nicht auskennt, denkt vielleicht, dass man am Computer alleine spielen würde. Aber genau das Gegenteil war der Grund für meine Sucht: die sozialen Kontakte. Zu Hochzeiten habe ich zwölf bis 15 Stunden am Tag mit denselben Menschen gespielt und gesprochen. Wenn ein Update des Spiels rauskam, haben wir uns Urlaub genommen und noch mehr gespielt. Man spürt da schnell Verbundenheit zu den anderen: Man weiß, wie beim Einen der Stuhl knarzt, wann und wie oft der Nächste eine rauchen geht, hört den Pizzadienst klingeln. Es gibt Insiderwitze, man kennt sich schnell sehr gut.

Irgendwann habe ich aber gemerkt: Ich komme heim, es ist ruhig, keiner ist da. Die Real Life-Freunde melden sich nicht mehr, weil ich sie so oft angelogen habe. „Keine Zeit“, „kein Geld“, ich wollte lieber spielen. Eine Zeit lang habe ich dann weniger gespielt. In dieser Zeit habe ich eine Frau kennengelernt und wir haben geheiratet.

Geldprobleme wegen der Sucht nach Computerspielen

Nach einiger Zeit nahm der Drang zu Spielen wieder zu und es gab immer größere Probleme. Meine sozialen Kontakte litten, auf der Arbeit war ich immer müde und ich bekam Geldprobleme, weil ich mir für immer mehr Geld in den Spielen Sachen gekauft habe. Zum Beispiel neue Outfits oder Waffen für meine Rollenspiel-Charaktere. Als meine Ehe schließlich wegen des Spielens kaputtging, war das für mich der Punkt, der mich wachgerüttelt hat. Ich habe mir gesagt: „Jetzt reicht’s.“ Ich wusste, so geht es nicht weiter. Deswegen wollte ich ganz neu anfangen. Ich habe meinen Job hingeschmissen und eine Ausbildung zum Mechatroniker gemacht, dafür habe ich mich schon immer interessiert. Statt zu spielen habe ich dann sehr viel gearbeitet, man hätte mich fast einen Workaholic nennen können. Im Rückblick denke ich, dass ich mein Suchtverhalten vielleicht auch nur auf meinen Job verlagert habe. Aber es war wenigstens etwas, das mich im realen Leben weitergebracht hat. Heute arbeite ich als Servicetechniker in der Halbleiterbranche.

Digitale Balance nach der Sucht 

Inzwischen habe ich meine digitale Balance gefunden. Ab und zu spiele ich noch. Aber nur, wenn ich wirklich die Zeit habe. Ich lasse die Online-Welt nicht mehr zur Priorität werden. Wenn es an der Tür klingelt oder ein Freund anruft, dann hat das immer Vorrang.

Ronald Stolz betreibt heute die Internetseite „AFK – Die letzte Quest“, auf der er einen unverbindlichen, offenen Austausch für Interessierte anbietet.

Jacky, 27 Jahre alt, war süchtig nach Computerspielen

Bei mir begann es mit Chatprogrammen wie Knuddels, als ich etwa 14 Jahre alt war. Man konnte mit Freunden chatten, aber auch Spiele spielen. Ich habe dabei einen Freund kennengelernt, der mir dann auch andere Spiele gezeigt hat, richtige Computerspiele. Am Anfang habe ich noch nicht stundenlang gespielt, doch es wurde immer mehr.

Nach der Arbeit direkt an den Computer

Am meisten habe ich gespielt, als ich so Anfang 20 war. Ich bin Gärtnerin und habe damals von sieben bis halb fünf gearbeitet. Abgesehen davon habe ich eigentlich nur Computer gespielt und das bis tief in die Nacht. Ich war zwar oft müde, aber mit Kaffee ging das. Auch am Wochenende saß ich nur am Computer. Das Essen kam aus der Dose, das ging am schnellsten und war am günstigsten. Mein soziales Leben ging in der Zeit mehr und mehr zurück, ein paar gute Freundschaften habe ich richtig vernachlässigt und mich nicht mehr gemeldet. Eher habe ich mich mit den Leuten getroffen, mit denen ich auch im Netz gespielt habe. Ich habe mein reales Leben immer mehr an mein Online-Leben angepasst. Es gab eine Zeit, in der war meine Mutter krank. Ich musste mich um sie kümmern und das habe ich schon auch gemacht. Aber zu welchen Zeiten, das habe ich vorher mit meiner Legion abgesprochen. Legion, das ist so gesehen der Verein, die Mannschaft.

Eine feste Beziehung war der Wendepunkt 

Der Wendepunkt für mich kam, als ich – über das Spielen – einen festen Freund gefunden habe. Der spielte zwar auch, aber nicht so viel wie ich. Anfangs haben wir eine Fernbeziehung geführt, nur am Wochenende haben wir uns getroffen. Dann hat er mir gezeigt, dass es auch andere Dinge als das Spielen gibt. Wir haben häufiger Ausflüge gemacht und sind zum Beispiel nach Österreich gefahren. Ganz den Absprung aus der Computerspielsucht habe ich geschafft, als ich dann mit meinem Freund in ein anderes Bundesland gezogen bin. Eine neue Wohnung, ein neuer Alltag, da fiel es mir leichter, vom Computer wegzukommen. Mein Freund hat mir dann dabei geholfen, das Spielen langsam zu reduzieren. Wir waren zum Beispiel stattdessen viel draußen mit den Hunden. Der Kontakt zur richtigen Welt war mir wichtiger. Und meine Online-Freunde haben mich dann relativ schnell vergessen.

Heute spiele ich ab und zu mal, aber nur für mich alleine. Mir wird dabei aber schnell langweilig.

Phil Pöschl, 51 Jahre alt, war süchtig nach Pornografie

Mit acht oder neun Jahren habe ich in einem Papiercontainer ein Pornomagazin entdeckt. Ich hatte keine Ahnung, was Sex oder Pornografie sind, und das, was ich da in dem Heft sah, fand ich eklig. Aber gleichzeitig faszinierte es mich auch. 

Phil Pöschl

Phil Pöschl litt unter Pornosucht. Jetzt hilft er Betroffenen. Foto: Jenia Hamminger

Später klärte ich mich selbst auf. Meine Quellen waren Fernsehen, Internet und Pornomagazine. Ich merkte zwar, dass ich mich nach dem Masturbieren leerer fühlte als vorher, aber lassen konnte ich es trotzdem nicht – es war eine Sucht. Meine Eltern bekamen nicht mit, dass ich oft bis tief in die Nacht am Computer Pornos schaute.

Nachts von der Freundin erwischt 

Eigentlich hatte ich selbst schon gemerkt, dass mein Verhalten problematische Ausmaße angenommen hatte. Aber ich flüchtete mich in diesen Gedanken, den wohl viele haben: „Ein bisschen Pornos gucken, schadet ja keinem.“ Dann merkte ich, dass das so nicht stimmt:  Eines Nachts ertappte mich meine Freundin dabei, wie ich mich im Internet durch Pornoseiten klickte. Und ich merkte, wie sehr mein Verhalten sie verletzte. Das war für mich die Wende.

Schutzsoftware gegen die Pornosucht 

Ich wusste, dass ich es nicht alleine schaffe, „clean“ zu bleiben. Zwei Dinge haben mir sehr dabei geholfen, durchzuhalten und nicht mehr auf Pornoseiten zu gehen: Zum einen habe ich angefangen mit meinem besten Freund und mit meiner Freundin, die dann meine Frau wurde, immer wieder über meine Situation zu sprechen. Der Großteil der Porno-Power verpufft, wenn man darüber spricht. Zum anderen habe ich auf meinem Computer Schutzsoftware installiert, über die mein bester Freund und meine Frau sehen können, auf welchen Seiten ich im Internet unterwegs bin. Außerdem gehen meine Frau und ich jetzt immer gemeinsam ins Bett. Dass ich noch stundenlang alleine vor dem PC sitze, kommt bei uns nicht mehr vor.

Was Menschen für Pornosucht anfällig macht

Ich habe viel über meine Sexualität gesprochen und nachgedacht und einen Verein gegründet, um anderen Betroffenen zu helfen. Aus meinen eigenen Reflexionen und den Gesprächen im Verein weiß ich heute, was Menschen anfällig für Pornografie-Konsum machen kann: Einsamkeit, Angst, Müdigkeit, Langeweile, nicht verarbeitete Gefühle, eine Krise, die Sehnsucht nach einem Abenteuer oder auch ein Mangel an liebevollen Beziehungen.

Phil Pöschl ist Vorstand von Safersurfing e.V.Mit seinem Team hilft er heute Betroffenen, hält Vorträge für Eltern und Lehrer und vermittelt Selbsthilfegruppen.

E-Mail

Meine Barmer

Nutzen Sie das Online-Postfach bei Meine Barmer zur persönlichen und datenschutzsicheren Kommunikation.

Zum Online-Postfach

Kontaktformular

Noch kein Online-Postfach? Nutzen Sie unser Kontaktformular.

Zum Kontaktformular

E-Mail an die Barmer

Senden Sie uns eine Nachricht an service@barmer.de

E-Mail für Interessenten

Sie sind noch nicht (selbst) bei der Barmer versichert und haben Interesse an einer Mitgliedschaft bei uns? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an neukunde@barmer.de

Zertifizierung

Auf unsere Informationen können Sie sich verlassen. Sie sind hochwertig und zertifiziert. Dafür haben wir Brief und Siegel.

Redaktionelle Grundsätze
Webcode: a006125 Letzte Aktualisierung: 24.11.2020
Nach oben