Sarah Wiener sitzt draußen an einem Tisch mit Gemüse und hält einen Brotlaib
Ernährung

Interview Sarah Wiener: „Unsere Art zu essen hat sich geändert“

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Autor

  • Barmer Internetredaktion

Sarah Wiener ist eine der deutschen Botschafterinnen der UN-Dekade Biologische Vielfalt und erhielt den internationalen B.A.U.M.-Sonderpreis als Auszeichnung für ihre Leistung im Sinne der Nachhaltigkeit. Seit 2013 ist sie außerdem Patin der Kampagne „Rettet unsere Böden". Im Interview verrät sie, was wir als Gesellschaft für eine nachhaltige Ernährung tun können.


Woher kommt Ihre Begeisterung für das Thema gesunde Ernährung?

Wiener: Meine Begeisterung für Ernährung war schon immer da. Ich habe mich schon als kleines Mädchen für Lebensmittel interessiert. Ich fand es immer sehr faszinierend und finde es spannend, den gesamten Kreislauf zu verstehen, zu wissen, wie man etwas herstellt oder wie etwas gewachsen ist.

Wenn Sie jetzt ein Lebensmittel wären, welches wären Sie dann?

Wiener: Ich möchte natürlich ein tolles Lebensmittel sein. Ich glaube, ich wäre gern ein wilder Schnittlauch. Er wächst im Wald, wächst immer nach, hat einen wahnsinnig guten Geschmack und ist doch im Vergleich zu dem gezüchteten Schnittlauch sehr zart. Der wilde Schnittlauch ist sehr resilient und hat viel mehr Power und Kraft als der gezüchtete. Das wird mir gut gefallen, an einem sonnigen Waldrand zu stehen und ein wilder, verwegener Schnittlauch zu sein, der jedes Jahr wiederkommt.

Das sind wunderbare Eigenschaften. Wenn wir jetzt über Power und Resilienz sprechen - im letzten Jahr hat sich unser Lebensstil extrem gewandelt und die Mehrheit von uns ist ins Homeoffice gegangen. Welche Chancen und Risiken sehen Sie denn in dieser Entwicklung bezogen auf eine gesunde Ernährung?

Wiener: Es war so, dass tatsächlich mehr ökologisch angebaute Lebensmittel und regionale Produkte gekauft worden sind. Hofläden und kleine Läden haben einen Boom erfahren. Positiv daran ist, dass Menschen sich mehr mit ihrer Region verbunden und dadurch, dass sie die ganze Zeit zu Hause waren, auch viel mehr selber gekocht haben. Qualität ist wieder wichtig geworden.

Was man aber wirtschaftlich gesehen hat ist, dass Bauern die sehr spezialisiert sind, die zum Beispiel Kartoffeln für Pommes frites machen, das Nachsehen gehabt haben. Vielfalt zahlt sich immer aus.

Zusammen kochen und spielerisch über Essen lernen: In der Familienküche von „Ich kann Kochen“ der Sarah Wiener Stiftung erfahren Kinder und Eltern das Wichtigste zur abwechslungsreicher und gesunderhaltender Ernährung.

In die Familienküche gehen 

Hat die Pandemie gesunde Ernährung oder das Bewusstsein für gesunde Ernährung vorangetrieben?

Wiener: Einerseits haben mehr Menschen selber gekocht, was den Grundpfeiler unserer Existenz darstellt. Andererseits haben die Menschen auch keinen Sport mehr gemacht. Insofern gibt es immer zwei Seiten. Dadurch, dass natürlich auch viele nicht jeden Tag frisch gekocht, sondern viele Fertigprodukte gegessen haben, würde ich sagen, dass das letzte Jahr im Großen und Ganzen der Gesundheit wahrscheinlich weniger gedient hat. Außerdem wurde es auch zum Trend, Fertigprodukte und verarbeitete Lebensmittel zu kaufen, weil viele Menschen einfach andere Prioritäten hatten und haben.

Glauben Sie, dass die Art, wie wir uns in Zukunft ernähren, sich verändern wird?

Wiener: Unsere Art zu essen hat sich schon geändert. Wir sind verändert. Es hat eine große heimliche Veränderung stattgefunden sozusagen. Was gerade stattfindet, ist ein Frontalangriff an unsere natürlichen Ernährungsgewohnheiten - und zwar durch die Agrarindustrie. Schwerst verarbeitete Produkte drücken auf den Markt, Kunstprodukte, die nicht nur immense Energie und Ressourcen verbrauchen, sondern die auch für die Massentierhaltung zuständig sind. Diese haben wissen und Patente auf neuen Techniken und damit auch wieder eine Zentralisierung, eine Monopolisierung und eine Normierung für unsere Nahrungsmittel.

Sarah Wiener sitzt mit drei Kindern draußen an einem Tisch auf dem Gemüse liegt

Die Sarah Wiener begeistert  Stiftung Kinder und Jugendliche zusammen mit Ihrer Stiftung für eine vielseitige Ernährung.

Warum ist das so gefährlich?

Wiener: Das Gefährliche dabei ist, dass eine Generation mit Produkten aufwächst, die gar nicht mehr die Sehnsucht nach dem Natürlichen, nach dem Echten hat, weil sie sie gar nicht mehr kennt. Das bedeutet zugespitzt, dass wir unsere Natur nicht mehr schützen müssen, weil wir sie gar nicht mehr brauchen und verstehen.

Der Bedarf an lokal hergestellten Lebensmitteln wächst doch trotzdem weiter?

Wiener: Ja, das ist aber nur ein kleiner Trend im Vergleich zu diesen Milliarden-Unternehmen und Start ups, die das ganz anders sehen und eine ganz andere Marktmacht haben.

Wir haben leider auch eine Landwirtschaftspolitik, die reinen Flächenbesitz subventioniert. Das Falsche wird belohnt. Und in unserer derzeitigen europäischen Agrarpolitik werden Pestizideinsatz, Mineraldünger und Normierung von Nahrungsmitteln belohnt. Es ist eine unglaubliche Herausforderung für die kleinen (Bio)bauern und Produzenten preislich mithalten zu müssen.

Es wird viel darüber diskutiert, dass wir Menschen verantwortlich für das Wetter sind.

Wiener: Könnten wir zum Beispiel durch lokale Lebensmittel, die nicht so große Transportwege haben, das Klima retten? Wird sich die industrielle Entwicklung nicht verändern?

Wir müssen begreifen, dass es nicht nur um Methan-Ausstoß bei den Kühen geht. Man kann nicht sagen, wir zerhacken die Vielfalt, das funktionierende Netzwerk einer Ökologie, in einzelne Segmente und sagen dann "Ah, wie toll, wenn wir noch mehr Hochleistungskühe in einen Stall stellen, dann sterben die eher durch das gewollte Burnout, und wenn wir viele in den Stall stellen, sparen wir auch noch Heizkosten". Nachhaltigkeit geht anders.

Zynisch ist auch der von Politikern gehörte Satz: Wir stecken besser Tiere in einzelne Boxen oder Käfige, denn das ist gut für die; dann können sie sich nicht gegenseitig mit bestimmten Krankheiten anstecken.
Das ist ein Denken, das sich vom seelischen Miteinander entfernt hat und nur an Gewinnmaximierung denkt: Wie kann ich etwas Lebendiges an meine Anforderungen, an meine Vorstellungen anpassen?
Und so ist das ein bisschen auch mit den Entschuldigungen, wenn wir jetzt über Klimaschutz reden. Die Kuh zum Beispiel hat viele ökologischen Leistungen, wenn sie auf der Weide steht und in einem nachhaltigen Weide-Management richtig gehalten wird. Das wird leider kaum erwähnt.

Die Kuh ist kein Klimakiller?

Wiener: Die Kuh rülpst Methan aus. Das ist richtig. Das machen aber viele andere Lebewesen auch. Das Bodenleben auf Reisfeldern erzeugt so viel Methan wie die globale Rinderhaltung, Risotto zum Beispiel ist also diesbezüglich dann auch ein Klimakiller.

Die Kuh, wenn sie natürlich auf der Weide gehalten wird und zur Biodiversität und fruchtbaren Böden beiträgt, stabilisiert eines der größten Ökosysteme, das Dauergrasland. Das ist für einen der größten Kohlenstoff-Speicher auf der Welt verantwortlich.

Die Zusammenhänge sind sehr komplex. In nachhaltiger Weidehaltung haben Wiederkäuer das Potenzial, Kohlenstoff als Humus im Boden zu speichern. Durch ihre Ausscheidungen gibt es zusätzlich viel Biodiversität. Übers Jahr können sich davon pro Kuh hundert Kilo von Biomasse Insekten ernähren, die wiederum zum Beispiel pro Monat drei Störche füttern können.

Wir brauchen also mehr Kreislaufdenken und mehr Respekt vor dem Wunder Natur.

Was ist ausschlaggebend beim Genuss tierischer Erzeugnisse?

Wiener: Wichtig ist, dass wir natürlich unseren Fleischkonsum drastisch reduzieren müssen. Fleisch ist auch nicht gleich Fleisch. Wir Menschen müssen wieder zu einem würdevollen, respektvollen Umgang mit unseren Mit-Lebewesen kommen.

Es hilft, Tiere auf Lebensleistung zu halten und sie nicht im Kleinkindalter zur Schlachtbank zu führen. Es geht darum, einfach weniger Fleisch zu essen. Es geht darum bewusster und hochwertiger zu essen. Im Sinne einer ökologischen und vor allem bewussten Lebensweise sollten wir auch das gesamte Tier verwerten.

Wichtig ist, Rassen zu züchten, die wieder resilient und resistent sind und somit auch ein gesundes Immunsystem haben.

Eines der schlimmsten Beispiele ist die Pute, die auf Brustmuskeln gezüchtet ist. Sie könnte ohne Antibiotika-Gabe gar nicht alleine überleben und kann sich gar nicht mehr natürlich fortpflanzen. Das ist doch schrecklich!

Alle anderen vielfältigen genetischen Linien, ob in Gemüse, Obst oder beim Fleisch sind durch die Agrarindustrie radikal dezimiert worden. Das ist ein unglaubliches Problem, denn uns fehlt die Vielfalt in der Genetik, die das Überleben unserer Zukunft erst ermöglichen kann.

Hilft es, wenn sich der Großteil der Menschen vegan ernähren würde?

Wiener: Jeder sollte zuallererst das essen was er will.

Wer sich radikal vegan ernähren möchte, muss für sich selbst definieren was es bedeutet, jegliche tierische Nutzung abzulehnen. Isst man dann auch keine Mandeln mehr oder kein bestimmtes Obst, weil Würmer und Bienen involviert sind?

Nimmt man Tabletten gegen bestimmte Mangelernährung? Veganismus sagt nichts über Zusatzstoffe, Herstellungsmethoden und Verarbeitungsgrad aus oder wie ein Mensch sonst lebt. Das spielt aber eine erhebliche Rolle.

Müssten wir nicht besser gesunde, gute, hochwertige, frische Rezepte propagieren und verbreiten und sagen : dieser immense Fleischkonsum hat uns nicht glücklicher und gesünder gemacht. Wieso sollten wir ihn nicht aus Lust und Vernunft reduzieren und dafür mehr Tierwohl unterstützen?

Was können wir als Individuum und als Gesellschaft durch unsere Ernährung tun?

Wiener: Das sind zwei verschiedene Sachen. Als Gesellschaft brauchen wir den richtigen politischen Rahmen, um das Richtige zu bestärken und zu vereinfachen, damit es jedem leicht fällt, das Richtige zu tun.
Als Einzelpersonen hat jeder viele, viele Möglichkeiten, etwas besser zu machen.

Das fängt mit der Liebe zu Lebensmittel und zur Natur an. Wer kein Bewusstsein für seine Umwelt und für sein Essen hat, kann sich schwer dafür begeistern, geschweige denn etwas verändern.
Mein Tipp ist: Kauf nichts ein, was du selber nicht eins zu eins nachkochen könntest. Es ist nicht aussergewöhnlich, dass der Körper und der Stoffwechsel auf Zusatzstoffe und unbekannte Zutaten auf Dauer reagiert, da der Körper sie im Laufe der Evolution nie kennenlernen konnte.

Oft hilft gesunder Verstand: Etwa der der Boom mit abgefüllten Wasser in Plastikflaschen. Wieso sollte ich stilles Wasser für teures Geld von Großindustriellen Wasser-Herstellern, die das Grundwasser dieser Welt für sich beanspruchen, während andere daneben verdursten, kaufen, wenn doch das billigste und kontrolliertes Wasser aus der Leitung kommt?

Was wir brauchen, ist keine Bestrafung und noch mehr Joch auf unseren Schultern, sondern das Gegenteil. Wir brauchen die Schönheit der Vielfalt und vor allem die Lust, uns gut zu ernähren. Nachhaltigkeit ist ja auch immer gesund, vielfältig und wunderbar im Geschmack. Leider ist das etwas, was viele Menschen nicht mehr erleben oder noch nicht erlebt haben.

Was ist denn Ihr Lebensmotto?

Wiener: Da, wo meine Füße sind, da steh ich. Dann kann ich mich darauf fokussieren wo ich bin. geistig und körperlich. Das halte ich für hilfreich.

Und was mir auch sehr gut gefällt ist ein allgemeiner Spruch aus dem alten Indien: Das Universum unterstützt die Unterstützer. Das soll heißen, wenn sie das Richtige tun und das Richtige wollen, dann hilft einem auch das ganze Universum. Manchmal dauert es a bisserl. 

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