Ein depressiver Mann liegt auf einem Bett.
Einsamkeit

Wie Einsamkeit und Depressionen zusammenhängen

Lesedauer unter 6 Minuten

Redaktion

  • Dr. med. Madeleine Zinser (Content Fleet GmbH)

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Habe ich Depressionen, weil ich einsam bin? Oder bin ich einsam, weil ich unter einer Depression leide? Mit dieser Frage setzen sich viele Menschen auseinander, die von beidem betroffen sind: Einsamkeit und Depression. Wir schaffen Klarheit über die Zusammenhänge. 

Einsamkeit und Depression – was ist Henne, was ist Ei?

Menschen sind einsam, wenn sie ein Missverhältnis zwischen ihren vorhandenen und gewünschten sozialen Beziehungen verspüren. Dabei können sie sich sowohl nach mehr als auch nach besseren Kontakten sehnen. Wichtig: Einsamkeit ist keine psychische Erkrankung, und es gibt keine Diagnosekriterien.

Eine Depression hingegen ist eine psychische Erkrankung, die mit gedrückter Stimmung, Interessenlosigkeit und Antriebslosigkeit einhergeht. Betroffenen fällt es schwer, ihren Alltag mit all seinen Anforderungen zu bewältigen.

Die Symptome von Einsamkeit und Depression gleichen sich vor allem auf der emotionalen Ebene, Betroffene können sich in beiden Fällen zum Beispiel traurig und leer fühlen. Daher ist es für sie schwierig herauszufinden, woran sie wirklich leiden und welches der beiden Phänomene der Ursprung ihrer leidvollen Situation sein könnte.

Wie sich Einsamkeit auf die Psyche auswirkt

Die Verbreitung von Einsamkeit hat in den vergangenen Jahren in allen Altersgruppen deutlich zugenommen. Corona und die damit verbundenen Maßnahmen haben diese Entwicklung noch verstärkt. Einsamkeit ist aber nicht mit dem Begriff der sozialen Isolation zu verwechseln. Obwohl sie miteinander verwandt sind, beschreiben Einsamkeit und Isolation unterschiedliche Aspekte.

Einsamkeit ist ein individuelles Gefühl, bei dem die eigenen sozialen Beziehungen nicht den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen. Es wird ein Mangel an sozialer Unterstützung oder sozialer Verbundenheit empfunden, unabhängig von der tatsächlichen Anzahl oder Häufigkeit sozialer Kontakte.

Soziale Isolation dagegen ist ein Zustand, bei dem soziale Kontakte objektiv fehlen, ein Mensch also tatsächlich keine oder nur sehr wenige Kontakte und Beziehungen hat. Menschen können sich bewusst dafür entscheiden sozial isoliert zu leben und mit dieser Situation glücklich sein. Tritt eine soziale Isolation jedoch ungewollt auf, kann sich das Gefühl von Einsamkeit entwickeln. Auch wenn beide Begriffe nicht gleichzusetzen sind, weisen sie dennoch große Überschneidungen auf.

Einsamkeit kann vorübergehend sein, beispielsweise aufgrund eines Umzugs oder Jobwechsels, und sie kann lang anhaltend sein. Eine chronische Einsamkeit kann etwa durch eine Erkrankung, eine Trennung, die Pensionierung und den Tod von nahestehenden Angehörigen bedingt sein. Sie ist oft mit Scham verbunden, sodass sich Betroffene noch weiter zurückziehen. Die Folge: Die Einsamkeit verstärkt sich weiter.

Zu den körperlichen und seelischen Symptomen von Einsamkeit zählen:

Insbesondere chronische Einsamkeit und die damit häufig einhergehende soziale Isolation können ein Risikofaktor für verschiedene psychische Erkrankungen sein, darunter Angststörungen, Zwangsstörungen und eben die Depression. Menschen über 50 Jahren, die sich häufig einsam fühlen, erkranken laut einer Langzeitstudie häufiger an Depressionen. Es wird sogar vermutet, dass Einsamkeit nicht nur ein Risikofaktor ist, sondern auch der alleinige Auslöser einer Depression sein kann.

Warum ist das so? Das Gefühl von Einsamkeit ist schmerzhaft und schwer erträglich. Die Anerkennung, Bestätigung, Wertschätzung und Zuneigung durch die Mitmenschen fehlen. „Wer dauerhaft unter Einsamkeit und einer damit verbundenen Leere leidet, steht unter chronischem Stress“, so Dr. Iris Hauth von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Und anhaltender Stress kann zu einer Depression führen.

Ein junger Mann leidet unter Depressionen, die durch Einsamkeit ausgelöst wurden.

Das Gefühl von Einsamkeit ist für viele Menschen mit Scham verbunden. Folge: Sie ziehen sich noch weiter zurück. 

Wenn die Seele nicht mehr kann: Wie sich eine Depression äußert

Eine Depression wird meist durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren ausgelöst. Es wirken sowohl erblich bedingte Risikofaktoren als auch biochemische Veränderungen des Gehirnstoffwechsels und belastende Lebensereignisse zusammen. Körperliche Erkrankungen können ebenfalls zu einer Depression führen.

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer. Depressionen können leicht bis schwer sein und einmalig, wiederkehrend oder lang anhaltend sein.

Die Symptome einer Depression können sehr unterschiedlich sein, und nicht alle Merkmale müssen zutreffen:

  • Traurigkeit und Niedergeschlagenheit, innere Leere
  • Erschöpfung und Antriebslosigkeit
  • Sorgen, Ängste und Hoffnungslosigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Selbstwertverlust
  • Schlafstörungen, verminderter Appetit
  • Suizidgedanken

Eine Depression bewirkt häufig, dass Menschen an sich selbst zweifeln und sich die Schuld an ihrem Zustand geben. In der Folge ziehen sie sich zurück, meiden soziale Kontakte und gehen kaum noch aus dem Haus. Dieses Verhaltensmuster kann dazu führen, dass die Depression anhält und die Beschwerden sich verstärken. Und es kann zur Folge haben, dass Menschen sich einsam fühlen.

Einige Menschen versuchen, ihre Beschwerden mit Alkohol oder anderen Drogen zu bekämpfen, was wiederum gefährlich ist und zu einer Abhängigkeit führen kann.

Wichtig ist: Nicht jede Traurigkeit oder jedes Gefühl der Antriebslosigkeit ist gleich eine Depression. Tage zu haben, an denen man sich traurig fühlt, ist völlig normal und nicht krankhaft. Dauert so eine Phase länger als zwei Wochen an, sollte man allerdings ärztliche und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Wer an Suizid denkt oder gefährdete Menschen kennt, sollte umgehend ärztliche Unterstützung suchen.

Ist eine soziale Phobie gleichzeitig mit einer Depression verbunden?
Eine soziale Phobie ist weder mit Einsamkeit noch mit einer Depression gleichzusetzen. Es handelt sich um eine eigenständige Erkrankung, bei der Betroffene Angst vor Situationen haben, in denen sie mit Menschen zusammentreffen und in denen sie negativ bewertet werden könnten. Durch diese Befürchtung ziehen sie sich immer mehr zurück.

Der Weg aus dem Teufelskreis: Was tun gegen Einsamkeit und Depression?

Einsamkeit kann in eine Depression münden und eine Depression kann einsam machen. Die gute Nachricht: Es gibt Wege aus diesem Teufelskreis. Und die sehen für von Einsamkeit Betroffene und für Menschen mit einer Depression ganz ähnlich aus.

Die Behandlung einer Depression gehört in die Hände eines Psychotherapeuten oder Psychotherapeutin. Manchmal ist es zusätzlich notwendig, die Therapie durch Medikamente (Antidepressiva) zu ergänzen.

Ebenso wichtig ist es, selbst aktiv zu werden. Folgende Maßnahmen helfen sowohl gegen Einsamkeit als auch bei einer Depression:

  • Austausch mit ebenfalls Betroffenen: Ob regional vor Ort oder online – in Selbsthilfegruppen können sich einsame Menschen und Personen mit einer Depression mit anderen Betroffenen austauschen. Das schafft Nähe – und es tut gut zu wissen, mit seinen Gefühlen nicht allein zu sein.
  • Sport und Bewegung: Körperliche Aktivität kann stimmungsaufhellend wirken, ist gut für die Gesundheit und baut Stress ab. Gegen Einsamkeit hilft es, wenn Sie dafür Gleichgesinnte finden und gemeinsam Freude an der körperlichen Betätigung haben.
  • Beziehungen: Versuchen Sie, Freundschaften zu pflegen, zum Beispiel bei einem gemeinsamen Spaziergang oder Kochabend. Es kann Überwindung kosten und auch erst einmal nicht so viel Freude bereiten, ein Telefonat ist am Anfang womöglich weniger anstrengend. Auf lange Sicht ist der zwischenmenschliche Kontakt aber wohltuend und stärkend (übrigens gerade dann, wenn es Überwindung gekostet hat) und hilft Ihnen, Ihre Einsamkeit zu überwinden.
    Sobald Sie die ersten kleinen Erfolge erlebt haben: Arbeiten Sie ganz gezielt und Schritt für Schritt weiter daran, Kontakte und Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, die Ihnen guttun. Eine reichhaltige soziale Einbindung ist ein guter Gesundheitsschutz.
  • Entspannungsverfahren: Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung und autogenes Training sind anerkannte Methoden, die bei einer Depression helfen. Da Einsamkeit Stress verursacht, sind sie auch bei einsamen Menschen hilfreich.
  • MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction): Durch Achtsamkeit den Stress bewältigen – das ist mit speziellen Kursen möglich, die den Fokus auf Achtsamkeit, Akzeptanz und Meditation legen. 

Eine junge Frau macht eine Entspannungsübung.

Stress linden und zur Ruhe kommen: Entspannungsmethoden können dabei helfen, eine Depression zu lindern. 

Hilfe per Chat und Telefon bei Einsamkeit und Depression

Wenn Sie niemanden haben, um über Ihre Situation zu sprechen, können Sie telefonisch oder per Chat Hilfe erhalten. Das geht beispielsweise bei der TelefonSeelsorge: 0800/1110111, 0800/1110222 oder per Chat. Hilfe bietet außerdem das Info-Telefon Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: 0800/3344533.

Auf krisenchat.de erhalten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren zudem rund um die Uhr Hilfe in Krisen. Im Notfall sollten Sie den Notarzt unter 112 anrufen. Wer sich in einer akuten psychischen Krise befindet und/oder Gedanken daran hat, sich das Leben zu nehmen, sollte sich sofort Hilfe holen.

Holen Sie sich noch mehr Tipps für ein gesünderes Leben 

Jetzt unverbindlich unseren Newsletter abonnieren, um monatlich wertvolle Tipps zu Gesundheitsthemen zu erhalten. Außerdem bleiben Sie stets über exklusive Barmer-Services auf dem Laufenden. 

Newsletter abonnieren 

Literatur und weiterführende Informationen

Zertifizierung

Auf unsere Informationen können Sie sich verlassen. Sie sind hochwertig und zertifiziert. Dafür haben wir Brief und Siegel.