Ein erwachsenes Paar umarmt sich an einem Feldweg
Nachhaltigkeitsbericht

Gesundheit als Fähigkeit: Mit passenden Angeboten zu mehr gesunden Jahren

Lesedauer weniger als 7 Min

Redaktion:

Jessica Braun

Qualitätssicherung:

Oliver Jung (Fachbereichsleitung Unternehmensentwicklung)

Gesundheitsfähigkeit bedeutet, mit den Herausforderungen des Lebens konstruktiv umzugehen. Die Barmer unterstützt ihre Versicherten dabei in jeder Lebensphase.

Es ist ein Paradoxon, das sich schwer begreifen lässt: Unser Gesundheitswesen ist so teuer wie nie zuvor. Aber die Menschen sind nicht gesünder – und fühlen sich auch nicht besser versorgt. Die Gesundheitsausgaben liegen mittlerweile bei rund 500 Milliarden Euro pro Jahr. Eine beachtliche Summe, auch im internationalen Vergleich. Sie sollte Deutschland zu einem der gesündesten Länder der Welt machen. Doch etwas stimmt nicht mit der Rechnung: Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sind chronisch unterbesetzt. Wer ein Hautkrebs-Screening durchführen oder Knieschmerzen abklären lassen möchte, wartet oft Wochen auf einen Termin. Zudem setzt der demografische Wandel das Solidarprinzip unter Druck: Immer weniger junge Beitragszahlende finanzieren die Versorgung einer immer älter werdenden Bevölkerung.

Warum Prävention im Alltag oft nicht gelingt

Bislang brachte keine Reform eine wesentliche Verbesserung der Situation. Prävention ist eigentlich ein veritabler Hebel, um mehr Gesundheit bei weniger Behandlungen zu erreichen. Denn theoretisch ließen sich bis zu 40 Prozent aller Erkrankungen verhindern: durch Impfungen, Früherkennung und vor allem einen gesunden Lebensstil. Was diesen ausmacht, ist eigentlich bekannt: ausreichend Bewegung, nicht rauchen, bewusste Ernährung – um nur drei Aspekte zu nennen. Eine kurze Google-Anfrage liefert die komplette Liste und das aus zuverlässigen Quellen, sei es von staatlich geförderten Seiten über die Auftritte der Krankenkassen bis zu den Archiven der großen Tageszeitungen. Wer sich lieber analog informiert, findet dazu in Praxen gedruckte Broschüren oder Sachbücher in der Bibliothek.

Dennoch besteht eine Lücke zwischen Wissen und Handeln. Während ein Großteil der Deutschen sich laut einer Studie schwer damit tut, Informationen zu Krankheiten und Prävention richtig einzuordnen, vermeidet ein Drittel diese komplett, sofern sie sich auf schwere Erkrankungen beziehen. Aus Angst, vielleicht betroffen zu sein, schieben sie Untersuchungen vor sich her und ignorieren verordnete Tests. Und selbst wenn man zu denen gehört, die abends nochmal in die Schuhe schlüpfen, um die täglichen 10.000 Schritte vollzumachen, können die ewig gleichen Ratschläge ermüdend wirken.

Gesundheit nicht als Abwesenheit von Krankheit verstehen

Damit Gesundheitsinformationen ankommen, müssen die Menschen sich persönlich gemeint fühlen, mit all ihren spezifischen Bedürfnissen und Möglichkeiten. Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, plädiert deshalb für einen neuen Gesundheitsbegriff: Wir müssen Gesundheit als Fähigkeit begreifen. Als etwas, das wir lernen und stärken können, wo immer wir gerade im Leben stehen.

Traditionell galt Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese Definition schon 1948 anpasste, scheinen viele Prozesse im Gesundheitswesen dieser Logik weiterhin zu folgen. Vielleicht, weil die neue Definition zu viel wollte: Gesundheit ist demnach ein Zustand des „vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“. Angesichts von Dauerkrisen, der Spaltung der Gesellschaft und des Klimawandels klingt das realitätsfremd.

Auch mit Erkrankung Gesundheit aktiv gestalten

Gesundheit ist individuell. Nehmen wir eine junge Frau, die seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, aber als leidenschaftliche Rollstuhl-Basketballerin im Verein aufgeht und mit ihren Freundinnen erholsame Urlaube verbringt. Oder eine Rentnerin mit fortgeschrittener Arthrose, die dank gezielter Physiotherapie und Hilfsmitteln weiterhin ihren Schrebergarten pflegt und als Lesepatin in der Grundschule im Viertel eine wichtige Aufgabe übernimmt. Was die beiden ausmacht, ist mehr als ein klinischer Befund. Sie sind in der Lage, mit den körperlichen, seelischen und sozialen Herausforderungen in ihrem Leben konstruktiv umzugehen. Diese Gesundheitsfähigkeit steckt in jedem Menschen. Sie zu stärken heißt, mehr gesunde Jahre zu gewinnen.

Dabei möchte die Barmer ihre Versicherten unterstützen. Mit konkreten, alltagstauglichen Angeboten, die zur persönlichen Lebenssituation passen. Die Digitalisierung macht das einfacher. Anhand von Gesundheitsdaten lassen sich beispielsweise persönliche Risiken analysieren und Empfehlungen aussprechen – vorausgesetzt natürlich, dass die Versicherten dies möchten. Denn Gesundheitsdaten sind sensibel. Digitale Challenges und Coachings wiederum motivieren genau dann, wenn die Versicherten bereit sind, den nächsten Schritt zu machen – und das im richtigen Maß. Ergänzt werden diese Angebote durch selbst generierte Informationen aus Apps oder Fitnessuhren. Damit kann man Gesundheit nicht nur vermessen, sondern auch Veränderungen lassen sich erkennen und einordnen. So werden Erfolge sichtbar.

Digitale Unterstützung für eine gesunde Schwangerschaft

„Mit digitalen Angeboten wie Gesundheits-Apps oder Online-Kursen können wir die individuelle Situation unserer Versicherten einerseits besser adressieren, ihnen aber auch viel schneller Zugang zur passenden Versorgung ermöglichen“, sagt Hanna Höfges. Als Fachreferentin Digitale Versorgung bei der Barmer ist sie immer auf der Suche nach innovativen digitalen Produkten, die einen Mehrwert für die Versicherten bieten.

Ein gutes Beispiel dafür ist keleya. Die Plattform richtet sich an werdende und neue Eltern. Mit Hebammenberatung, Video- und Audio-Kursen, Checklisten, Wissensartikeln und vielem mehr begleitet sie diese durch die Zeit der Schwangerschaft und nach der Geburt. Die Barmer übernimmt für 12 Monate die Kosten für ein umfangreiches Paket bestehend aus Premium-Features und weiteren Leistungen wie On-Demand-Kursen. Diese für die Eltern aufregende Lebensphase, ist geprägt von immensen körperlichen und emotionalen Veränderungen. Viele nutzen diese Zeit, um in die eigene Gesundheit zu investieren. Die positiven Wirkungen erreichen nicht nur die Mutter und den Vater, sondern auch das Kind und die ganze Familie.

Gegenüber der Krankenkasse hat keleya einen entscheidenden Vorteil: Die App weiß exakt, in welchem Trimester sich die Nutzenden befinden, und spielt genau die Informationen aus, die in jenem Moment relevant sind. Das können Hebammen-Lesetipps sein, die die Gesundheitskompetenz fördern. Oder Workout-Empfehlungen für die verschiedenen Schwangerschaftsphasen, um körperlich optimal auf die Geburt vorbereitet zu sein. In der Hebammen-Sprechstunde können via Telefon oder Chat wichtige Fragen besprochen werden. Die App ergänzt somit die Beratung durch Ärztinnen, Ärzte und Hebammen vor Ort. Gut vorbereitet und entspannt fällt es den Eltern nach der Geburt leichter, auf die Signale ihres Kindes einzugehen. Auch das ist Gesundheitsfähigkeit. Und in diesem Fall verspricht sie gesunde Jahre für gleich zwei Generationen.

Warum Gesundheitsfähigkeit gerade im Krankheitsfall zählt

Gesundheitsfähigkeit bedeutet eben nicht, dass man immer kerngesund sein muss. Im Gegenteil: Gerade wenn man mit einer Erkrankung zu tun hat, ist es besonders wichtig, Gesundheit als einen Prozess zu begreifen, den man gestalten kann – unterstützt von der Krankenkasse und dem gesamten Gesundheitssystem. Ein Beispiel für so ein Unterstützungsangebot ist der sogenannte Versorgungslotse Krebs der Barmer. Das 2024 ins Leben gerufene Projekt richtete sich speziell an Eltern von an Leukämie erkrankten Kindern.

Dank moderner Therapien überleben heute bis zu 90 Prozent aller Kinder die Erkrankung. Nach der Heilung können sie ein relativ normales Leben führen. Doch der Weg dorthin belastet die Familien stark. Eine Fülle an Anträgen und Formalitäten – von Haushaltshilfe bis Pflege – bindet Energie, welche die Eltern eigentlich für ihr Kind und gegebenenfalls dessen Geschwister benötigen. Deshalb stellt die Barmer jeder betroffenen Familie eine eigens geschulte Lotsin oder einen Lotsen an die Seite. So haben die Eltern eine dezidierte Ansprechperson, die ihre Fragen zur Behandlung, aber auch zu psychologischen oder ganz pragmatischen, alltäglichen Themen beantwortet.

Portrait-Foto Daniel Hoeffner

Daniel Höffner

Gestartet als Pilotprojekt, wurde der Versorgungslotse Leukämie mittlerweile in ein reguläres Angebot der Barmer überführt und auf sämtliche Krebserkrankungen für Kinder ausgeweitet. An Brustkrebs erkrankte Frauen haben ebenfalls Anspruch auf die Lotsenbegleitung. „Jede dieser Erkrankungen bringt etliche Herausforderungen mit sich. Für unsere Versicherten ist es wichtig, dass sie sich dennoch selbstbestimmt für ihre Gesundheit einsetzen können“, sagt der Fachbereichsleiter Daniel Höffner. „Wenn wir sie dort, wo es uns möglich ist, entlasten, bleibt ihnen und ihrer Familie mehr Zeit und Kraft für den Heilungsprozess.“

Mehr gesunde Lebensjahre statt mehr Krankheitsjahre

Zu dem erwähnten ersten Paradoxon – das Gesundheitssystem wird teurer, aber nicht effizienter – kommt noch ein weiteres: Zwar stieg die Lebenserwartung in den letzten 60 Jahren weltweit von 54 auf 73 Jahre. Der Anteil der in Krankheit verbrachten Jahre stagniert aber bei 50 Prozent. Das bedeutet: Von den beinahe 20 zusätzlichen Lebensjahren, welche die Menschen dazugewannen, verbringt der Durchschnitt 10 Jahre mehr in Krankheit. Diese zusätzlichen Krankheitsjahre sind es, die das Gesundheitssystem immer teurer machen. Begreifen wir Gesundheit hingegen als Prozess, den wir aktiv gestalten können, kann sich etwas verändern. Dann bedeutet eine bessere Gesundheitsversorgung nicht mehr, immer noch mehr Geld aufzuwenden. Sondern die Menschen zu befähigen, ihrem Leben mehr gesunde Jahre hinzuzufügen. Und wer würde das nicht wollen?

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