Kommunen tragen Verantwortung für die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger. Ein Pilotprojekt der Barmer und des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie erprobt mit drei Städten, was diese für Gesundheit und Klima tun können – und wie sie damit möglichst alle Menschen erreichen.
- Mit URBAN SusHealth erprobt die Barmer klimaresiliente Gesundheitsförderung in Städten.
- Die teilnehmenden Kommunen Hennef, Wiesbaden und Wuppertal setzen Maßnahmen für Hitze-, Klima- und Gesundheitsschutz um.
- Trinkbrunnen, mehr Radwege, grünere Schulhöfe und gesündere Gemeinschaftsverpflegung sollen Städte kühler und gesünder machen.
- Alle Maßnahmen müssen gleichzeitig Klima- und Umweltschutz, Gesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit verbessern.
- Reallabore und Beteiligungsformate stärken Teilhabe, Selbstwirksamkeit und psychische Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger.
- Die Erkenntnisse aus URBAN SusHealth sollen ab Ende 2027 als Blaupause anderen Kommunen zur Verfügung stehen.
Deutschland liegt geografisch in der gemäßigten Klimazone in der Mitte Europas. Doch an Tagen, an denen die Sonne dicht bebaute und stark versiegelte Innenstädte aufheizt, ist von gemäßigten Temperaturen wenig zu spüren. Arbeiten gehen, einkaufen oder alltägliche Erledigungen können dann schnell zur Belastungsprobe werden. Das trifft insbesondere ältere Menschen, Kinder, Schwangere oder Personen mit Vorerkrankungen. Solche Situationen treten inzwischen deutlich häufiger auf: Hitzewellen sind hierzulande längst keine Ausnahme mehr. Das Jahr 2024 war weltweit das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und auch 2025 reiht sich als eines der drei wärmsten Jahre ein.
Die gute Nachricht: Viele Menschen haben begonnen, ihr Verhalten an die veränderten Bedingungen anzupassen. Das zeigt die aktuelle Barmer Hitzestudie. Von den Befragten nehmen etwa drei Viertel die amtlichen Hitzewarnungen ernst und reagieren entsprechend. Sie trinken ausreichend, verbringen den Tag in klimatisierten Räumen oder im Schatten und schieben Besorgungen oder Sport in die Abendstunden – zumindest dann, wenn ihr Alltag dies zulässt. Denn wie gut sich jemand vor Hitze schützen kann, hängt auch von den persönlichen Lebensumständen ab: Ein Haus im Grünen beispielsweise lässt sich einfacher kühl halten als eine kleine, schlecht isolierte Wohnung in einer dicht bebauten Stadt. In Städten kommt ein weiterer Effekt hinzu: sogenannte Wärmeinseln. Gemeint sind Gebiete mit vielen versiegelten Flächen, wenig Vegetation oder Wasser und dicht stehenden Gebäuden. Sie speichern Wärme besonders gut und geben diese nachts nur langsam wieder ab. Dadurch kann es in Städten an heißen Tagen bis zu 15 Grad wärmer sein als auf dem Land.
Hitzeschutz in Städten: Warum Kommunen eine Schlüsselrolle spielen
Die Rolle der Kommunen beim Hitzeschutz ist deshalb zentral. Bund und Länder schaffen den gesetzlichen Rahmen. Praktisch umsetzen müssen ihn aber die Städte und Gemeinden: Sie entscheiden, ob ein Schulhof weiter betoniert bleibt – oder zu einem schattigen, grünen Lernort wird. In ihrer Hand liegt es, die Bürgerinnen und Bürger über kühle öffentliche Aufenthaltsräume zu informieren und besonders gefährdete Gruppen schnell und wirksam zu schützen. Bei all dem will das Projekt URBAN SusHealth unterstützen. Der Name steht für Sustainable Urban Health, zu Deutsch: nachhaltige Gesundheit in der Stadt. Bis Ende 2027 begleiten die Barmer und das Wuppertal Institut drei Modellkommunen dabei, konkrete Maßnahmen zur Förderung von Gesundheit und Klimaschutz umzusetzen. Etwa neue Radwege in Verbindung mit Bewegungsangeboten und Trinkbrunnen.
URBAN SusHealth bietet Hilfe zur Selbsthilfe für Kommunen
Sabine Barkowsky, Fachreferentin Prävention bei der Barmer
Dabei fällt Stadtplanung nicht in die Zuständigkeit einer Krankenkasse. „Unsere Aufgabe ist es, Gesundheit zu fördern“, sagt Sabine Barkowsky. Als Fachreferentin Prävention begleitet sie gemeinsam mit Kolleginnen das Projekt seitens der Barmer und sagt: „Klima- und Umweltschutz haben maßgebliche Auswirkungen auf die Gesundheit. Wir stellen deshalb Ressourcen und Präventions- und Gesundheitsförderungsexpertise zur Verfügung. So leisten wir Hilfe zur Selbsthilfe.“ Das Wuppertal Institut übernimmt die methodische und wissenschaftliche Umsetzung. „Die Kombination zwischen einem wissenschaftlichen Institut, einer Kommune und einer Krankenkasse halte ich für sehr wirkungsvoll, weil hier Forschung, kommunale Praxis und Erfahrung aus dem Gesundheitswesen zusammenkommen.
Dr. Carolin Baedeker, stellvertretende Leiterin der Abteilung Nachhaltiges Konsumieren und Produzieren am Wuppertal Institut
Gemeinsam können wir konkrete, alltagstaugliche Lösungen für die Menschen vor Ort entwickeln“, sagt Dr. Carolin Baedeker, stellvertretende Leiterin der Abteilung Nachhaltiges Konsumieren und Produzieren am Wuppertal Institut. Sie koordiniert das Projekt auf Seiten des Instituts.
Hennef, Wiesbaden, Wuppertal: Drei Städte, ein gemeinsames Ziel
Die drei ausgewählten Kommunen sind sehr unterschiedlich: Hennef, Wiesbaden und Wuppertal. Hennef, die kleinste der drei Kommunen, nennt sich „Stadt der 100 Dörfer“. Neben dem stark versiegelten Zentrum gibt es hier auch viele ländliche Ortsteile. Als hessische Landeshauptstadt steht Wiesbaden vor großstadttypischen Herausforderungen wie enger Bebauung. Wuppertal zeichnet sich durch seine Kessellage aus: Ein dicht bebautes, hitzeanfälliges Tal, umgeben von grünen Höhenzügen. Um mitzuwirken, haben die Kommunen an einem Bewerbungsverfahren teilgenommen.
Das nordrhein-westfälische Hennef überzeugte unter anderem, weil es sich schon seit mehreren Jahren mit Umwelt- und Klimaschutz auseinandersetzt. Es verfügt über eine Starkregen-Gefahrenkarte und seit 2023 über einen Hitzeaktionsplan – beides für Kommunen nicht selbstverständlich. Der von Schülerinnen und Schülern angelegte klimaresiliente Steinzeitwald bekam im vergangenen Jahr 1.000 neue Bäume. Auf dem Marktplatz sprudelt seit zwei Jahren ein Fontänenfeld, in dem im Sommer Kinder spielen und das die Umgebungstemperatur senkt.
Karen Busche, die Klimaanpassungsmanagerin der Stadt Hennef
Das 2025 von der Stadt entwickelte Klimaanpassungskonzept war eine perfekte Vorlage für die Bewerbung bei URBAN SusHealth. „Wir hatten schon verschiedene Hotspots identifiziert und die nächsten Schritte ausgearbeitet“, sagt Karen Busche, die Klimaanpassungsmanagerin der Stadt. „Durch das Projekt bekommen wir nun zusätzliche Expertise und personelle Kapazitäten, um diese Maßnahmen auch umzusetzen.“
Wie URBAN SusHealth Klima schützen und Gesundheit stärken will
Im Hennefer Projekt spielt Hitze eine vorherrschende Rolle. „In der Stadt ist es heute im Durchschnitt 1,6 Grad Celsius wärmer als vor 140 Jahren“, sagt Busche. „Dies spiegelt sich in zunehmenden Hitzetagen – also Tagen über 30 Grad – und längeren Hitzeperioden wider, welche insbesondere in versiegelten Innenstadtbereichen eine Herausforderung darstellen.“ Neben dem Themenfeld Hitze können sich die teilnehmenden Kommunen in drei weiteren engagieren: Ernährung, Mobilität und psychische Gesundheit.
Diese vier Themenfelder stehen exemplarisch für zentrale gesellschaftliche Herausforderungen. Sie bergen aber auch die Chance, Gesundheitsförderung mit Umwelt- und Klimaschutz zu verbinden. Beim Thema Ernährung wird dieser Zusammenhang besonders deutlich. „Unser derzeitiges Ernährungssystem ist für rund ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich“, ergänzt Dr. Carolin Baedeker. Gleichzeitig tragen ungesunde Lebensmittel zu Erkrankungen bei. Ein Lösungsansatz wäre beispielsweise „besser“ essen. In Kitas, Schulen und Kantinen könnte das Angebot gesünder und klimafreundlicher werden – regional, saisonal, pflanzenbasiert.
Co-Benefits: Wenn Klima- und Gesundheitsschutz gleichzeitig wirken
Wann immer solche Effekte gleichzeitig gut für das Klima und die Gesundheit sind, spricht die Wissenschaft von Co-Benefits. Diese greifen auch bei der Mobilität. Hennef arbeitet daran, mehr Menschen weg vom Pkw und hin zur Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs oder Fahrrads zu bewegen. Denn Verkehr in der Innenstadt verursacht Lärm, Abgase und heizt die Umgebung auf. Regelmäßiges Radfahren hingegen kann das Risiko für Diabetes und Herzinfarkte senken und macht die Luft in der Stadt besser, sofern es motorisierten Verkehr ersetzt – ein Win-win für Gesundheit und Klima.
Wichtige Voraussetzung bei URBAN SusHealth: Alle Maßnahmen müssen gleichzeitig Gesundheitsförderung, Klima- und Umweltschutz sowie gesundheitliche Chancengleichheit adressieren. „Wir sprechen hier von einem Dreiklang“, sagt Barmer-Referentin Sabine Barkowsky. „Dieser soll sicherstellen, dass wirklich alle Menschen profitieren.“ Dafür muss das Projekt dorthin getragen werden, wo der Alltag der Bürgerinnen und Bürger stattfindet. „Es geht uns besonders um Menschen in herausfordernden Lebensbedingungen“, betont Baedeker und ergänzt: „Wir schauen uns deshalb insbesondere Lebensräume in Kommunen an, wo Menschen in beengtem Wohnraum und mit wenig Grünflächen wohnen. Aber auch Schulen, Kitas oder Seniorenzentren, in denen viele Menschen gut erreichbar sind.“
Mitmachen statt nur betroffen sein: Beteiligung als Herzstück von URBAN SusHealth
Wirklich alle an einen Tisch zu bekommen: eine anspruchsvolle Aufgabe. „Die Beteiligten müssen zusammenarbeiten wollen“, sagt die Klimaanpassungsmanagerin Busche. Vom Gesundheitsamt über die Stadtverwaltung bis zu Sportvereinen oder Kliniken heißt das: raus aus dem Silodenken! In Kooperation können tolle Projekte entstehen, die von Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen werden. Auch die Akzeptanz von Kompromisslösungen, wie etwa, wenn ein Bauvorhaben ausgerechnet in einer Frischluftschneise geplant ist, kann durch partizipative Prozesse erreicht werden. „Insbesondere bei der Klimaanpassung gilt, die Bürgerinnen und Bürger sollen ihre Meinung äußern und an Plänen mitarbeiten können“, so Busche. Fühlen sich Maßnahmen verordnet an oder sind an der Bevölkerung vorbeigeplant, besteht die Gefahr, dass sie verpuffen.
Mit sogenannten Reallaboren – beispielsweise Diskussionsveranstaltungen oder Quartiertreffs – stärkt das Projekt die Teilhabe und Selbstwirksamkeit der Bürgerinnen und Bürger in den Kommunen. Kreative Ansätze, etwa Fotorundgänge oder gebastelte Stadtansichten, sind dabei durchaus erwünscht. „Es ist kein geschlossener, abgehobener Forschungsraum“, beschreibt Baedeker diesen Ansatz. „Wir arbeiten in einem lebendigen urbanen Labor, in dem Wissenschaft, Verwaltung und lokale Akteurinnen und Akteure gemeinsam Veränderungen vorantreiben.“ Damit zahlt das Projekt wiederum auf den Faktor psychische Gesundheit ein, denn Handlungsmöglichkeiten fördern die Selbstwirksamkeit und das Gemeinschaftsgefühl. „Wenn Ideen Gehör finden und der eigene Stadtteil durch Beteiligung grüner wird, macht das Mut”, sagt Sabine Barkowsky
URBAN SusHealth als Blaupause: Was andere Kommunen daraus lernen können
Ein wichtiger Aspekt. Denn ohne Rückhalt laufen kommunale Projekte oft ins Leere: Die Stadt investiert Geld, es gibt drei Workshops, aber sobald die Förderung endet, landet der Abschlussbericht in der Schublade. Das will die Barmer verhindern. „Wir wollen, dass die Maßnahmen in den teilnehmenden Kommunen so aufgebaut sind, dass diese fortgeführt werden. Die Projekterkenntnisse sollen für andere als eine Art Blaupause dienen“, so Sabine Barkowsky. Im Anschluss an das Projekt werden daher die Erkenntnisse evaluiert, aufbereitet und veröffentlicht. „Wir planen Online-Veranstaltungen für interessierte Kommunen“, sagt Barkowsky. So können auch Landkreise und Gemeinden, die das Thema Klimaschutz und Hitzeanpassung ernsthaft verankern wollen, von den Ergebnissen profitieren.
- Barmer & F.A.Z.-Institut (Abruf vom 20.03.2026): Klimaneutraler Gesundheitssektor 2025: Hitze: Herausforderung für Gesundheitsversorgung und Gesellschaft
- Deutsche Welle (www.dw.com) (Abruf vom 20.03.2026): Hitze: Was sind städtische Wärmeinseln?
- tagesschau.de (Abruf vom 20.03.2026): 2025 drittwärmstes Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen