Eine junge Frau ist von einem jungen Mann irritiert
Psychische Gesundheit

Oversharing: Warum wir manchmal zu viel von uns preisgeben

Lesedauer unter 7 Minuten

Redaktion

  • Janina Jetten (freie Autorin, für Nerdpol – Redaktionsbüro für Medizin- und Wissenschaftsjournalismus)

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Die Erkenntnis setzt meist zuhause ein. Wenn wir unsere Gespräche in Gedanken Revue passieren lassen und uns einfällt, was wir vor dieser einen, mitunter sogar fremden Person alles preisgegeben haben: intime Details über Konflikte in unserer Beziehung, dass wir Verdauungsprobleme haben oder gar, wie ätzend wir den gemeinsamen Bekannten finden. 

„Oh mein Gott“, geht es uns dann schlagartig durch den Kopf. „Was habe ich da nur alles erzählt?“ Wir fragen uns, was das Gegenüber nun von uns denkt, womöglich weitergibt und inwieweit uns das schaden könnte. Denn: Was einmal gesagt ist, kann nicht mehr so einfach zurückgenommen werden. 

Was ist Oversharing?

Von Oversharing spricht man, wenn wir unbedarft ein Übermaß an Informationen mit anderen teilen. Das Phänomen gibt es nicht nur offline auf einer Party, einem Geschäftstreffen, bei dem Kindergarten-Fest, sondern passiert oft auch online, per Mail oder WhatsApp und vor allem auf den gängigen Social-Media-Plattformen wie Facebook und Instagram. Die laden geradezu zum Oversharing ein: mal eben ein Status-Update posten, in dem man seinen Gefühlen freien Lauf lässt, oder ein Foto teilen, das vielleicht ein bisschen zu viel preisgibt – und schon ist es passiert.

Reality-TV-Stars, Vlogger oder Influencer leben meist genau davon: Sie geben uns Einblick in ihr Leben – und ihre Fans fühlen sich wegen dieser (vermeintlichen) Offenheit unterhalten und empfinden Nähe. Richtig eingesetzt kann Oversharing sogar positiv sein. Wenn Menschen offen mit negativen Erfahrungen umgehen, bereiten sie den Weg dafür, dass andere sich ebenfalls damit beschäftigen und sensible Themen enttabuisiert werden. Menschen, die psychisch krank, erschöpft, traumatisiert oder traurig sind und sich anderen öffnen, können so Verständnis erfahren und auf Gleichgesinnte stoßen, die sich von allein nicht getraut hätten, ihre Probleme zu teilen. 

Ein Stück weit ist Oversharing auch subjektiv. Dem einen mutet es zu intim an, wenn ein anderer offen über Gendertransition oder Menstruationsbeschwerden redet; Themen, die heute deutlich mehr Akzeptanz besitzen als noch vor wenigen Jahren. Für die andere sind solche Gespräche auch mit Unbekannten selbstverständlich.

Wann uns Oversharing schadet 

Doch meistens fühlt es sich schal an, wenn wir drauflosgeplaudert haben – der emotionale Kater lässt nicht lange auf sich warten. Wir nehmen uns vor, beim nächsten Mal diskreter zu sein und nicht mehr so viel preiszugeben. Denn Oversharing kann durchaus auch negative Auswirkungen haben. 

Wer zu viel über andere spricht, könnte für jemanden gehalten werden, der gerne lästert. Freundschaften oder Familienbeziehungen können kaputtgehen, wenn intime Streitigkeiten oder Informationen an Unbeteiligte weitergegeben werden. Im Bewerbungsprozess überprüfen Job-Recruiterinnen und -Recruiter gern die Social-Media-Konten potenzieller Mitarbeitenden – nicht gut, wenn sie dabei auf peinliche Äußerungen oder Fotos stoßen.

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Was sind Gründe für Oversharing?

Es steckt immer etwas dahinter, wenn man zum Oversharing neigt. Sobald man die Ursachen kennt, kann man gezielt an sich arbeiten, dies nicht mehr so häufig zu tun. Dies können mögliche Gründe für Oversharing sein: 

Nähe suchen 

Wohl einer der häufigsten Gründe ist das Bedürfnis, schnell Intimität mit dem Gegenüber aufbauen zu wollen. Bei ersten Verabredungen, neuen Mitarbeitenden, interessanten Freunden oder Freundinnen oder beeindruckenden Persönlichkeiten passiert es daher häufig, sich zu verquatschen. Man möchte diesen Personen nahestehen, will gemocht oder interessant gefunden werden. Das Ding ist: Dies gelingt kaum durch OversharingBeziehungen brauchen Zeit, um Tiefe aufzubauen. 

Einsamkeit kompensieren 

Oft passiert es aus einem tiefen Gefühl der Einsamkeit heraus, dass man sich einem anderen Menschen mitteilen möchte. Wenn die sozialen Interaktionen niedrig sind, haben viele Menschen schlichtweg mehr Gesprächsbedarf. Dazu passt auch das Ergebnis einer Studie, die mit älteren Menschen durchgeführt wurde. 

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten fest, dass ältere Menschen eher dazu neigen, für das Gespräch irrelevante Infos zu teilen als jüngere Erwachsene. Tückisch, denn Fremde – Stichwort Scammer – kommen so leicht an persönliche Informationen. 

Bloß nicht schweigen 

Eine Gesprächspause empfinden die meisten von uns als unangenehm, manche jedoch halten die Stille gar nicht aus und füllen sie mit dem nächstbesten Thema – und oft fallen einem dann eben als erstes persönliche Geschichten ein.

Geringes Selbstbewusstsein 

Nicht jeder beherrscht die hohe Kunst des wohldosierten Smalltalks. Wer sich nicht wohl unter Menschen fühlt und dazu neigt, introvertiert zu sein, ist oft anfällig für Oversharing. Denn das Plaudern kann eine Strategie sein, um die eigene Unsicherheit zu überspielen. 

Zwei junge Frauen sitzen ganz entspannt bei einem Kaffee und unterhalten sich

Oversharing: Wer im Smalltalk nicht geübt ist, neigt leichter dazu, zu viel oder zu private Dinge zu teilen.

Nicht anders gewohnt 

Manchen Menschen, die oversharen, ist nicht bewusst, dass sie zu viele Informationen kundtun. Weil sie es so von ihren Eltern kennen, die selbst so waren. Sie überschreiten so Grenzen und präsentieren völlig unreflektiert ihr gesamtes Privatleben. 

Feedback einheimsen 

In den sozialen Medien seine Gedanken teilen – nichts ist einfacher als das. Ob Gewicht-Struggles, Eheprobleme, Zitate aus dem Streit, den man mit der Mutter hatte… Man kann veröffentlichen, was man will, Freunde und Fremde werden zum Publikum und die Likes und Kommentare sind der Applaus. Mit dem Ergebnis, dass man sich gesehen fühlt.

Aus der Situation heraus 

Manchmal werden wir von Gefühlen und Situationen einfach zum Oversharen verleitet: Wenn wir verliebt sind, wollen wir all die schönen Momente der Welt verkünden. Wenn wir Liebeskummer haben, wird der Expartner oder die Expartnerin betrunken mit Nachrichten zugespammt. Am nächsten Morgen oder Wochen später mögen einem solche Momente peinlich sein, aber ein Stück weit gehört Oversharing vielleicht auch zum Leben dazu. 

Was man gegen Oversharing tun kann

Wer sich beim Oversharen ertappt und sich unwohl fühlt, kann auch etwas dagegen tun. Wir haben ein paar Tipps: 

  • Nehmen Sie sich in einem Gespräch bewusst Zeit, bevor Sie sprechen. Atmen Sie einmal durch und überlegen Sie, welche Gedanken Sie teilen wollen und warum. Es ist okay, zu sagen: „Das ist eine gute Frage. Lassen Sie mich einen Moment über meine Antwort nachdenken.“ 
  • Posten Sie nichts, wenn Sie gerade sehr emotional sind. Geben Sie sich ein paar Stunden Zeit – wenn Sie dann immer noch das Bedürfnis haben, Ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, nur zu. Alternativ könnte es auch helfen, Tagebuch zu schreiben oder ein Bullet Journal zu führen.
  • Von Digital Detox haben Sie sicher gehört. Das muss es nicht gleich sein, aber Sie können sich vornehmen, hin und wieder eine Pause vom Posten zu machen.
  • Zeigen Sie Interesse für Ihr Gegenüber. Stellen Sie Fragen. Das hilft dabei, eine Beziehung aufzubauen und hindert Sie daran, einen Monolog über sich zu halten, den Sie im Nachhinein bereuen.
  • Denken Sie im Gespräch darüber nach, wie das Redeverhältnis bis jetzt war. 50:50? Hört sich ausgewogen an. 90:10? Dann sollten Sie den anderen auch einmal zu Wort kommen lassen.
  • Manchmal kommt es auch nur uns so vor, als hätten wir zu viel preisgegeben. Dann grübeln wir krampfhaft nach, fühlen uns furchtbar – während alle anderen sich an nichts erinnern können. Vielleicht hilft auch der Gedanke, dass es sympathischer sein kann, sich authentisch zu öffnen, als immer nur die Haltung zu wahren und so niemanden an sich ranzulassen, aus der Angst, dass jedes Wort auf der Goldwaage landet. 

Und ganz wichtig: Verurteilen Sie sich selbst nicht zu stark

Gehen Sie entspannt an das Thema heran. Die Angewohnheit, aus dem persönlichen Nähkästchen zu plaudern, lässt sich nicht sofort verändern. Zudem ist Oversharing sicherlich schon so ziemlich jedem einmal passiert. 

Was tun, wenn mir das Oversharing eines anderen zu viel wird? 

In den sozialen Medien ist es einfach, übermäßig vielen Informationen zu entgehen: Man klickt bei der entsprechenden Person auf „unfollow“. Persönlich ist es mitunter schwieriger. Dann hilft es, ein Gespräch umzuleiten, indem wir etwas sagen wie: „Klingt interessant, aber ich muss mich jetzt auf die Arbeit konzentrieren“, „Ich möchte die Dinge langsamer angehen lassen“ oder „Ich habe leider wirklich nur fünf Minuten Zeit“. Wenn das, was eine Person offenlegt, sich so anfühlt, als würde sie Ihnen das Herz ausschütten, gehen Sie es mit Empathie an: Helfen Sie ihr mit einem offenen Ohr weiter? Braucht sie Hilfe? Dann könnten Sie ihr auch raten, psychologische Unterstützung zu suchen. 

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