Ein junges Paar ist zusammen in der Küche und kocht
CDR-Bericht

Digitale Helfer bei Intoleranzen und Allergien

Lesedauer weniger als 9 Min

Redaktion:

Jessica Braun

Qualitätssicherung:

Hanna Höfges (Referentin im Bereich Digitale Versorgung, Barmer)

Häufige Blähungen, Durchfall oder eine ständig laufende Nase schränken nicht nur die Lebensqualität ein. Sie können die Gesundheit erheblich belasten. Apps bieten Betroffenen digitale Unterstützung im Alltag – vom Ernährungstagebuch bis zur Allergen-Warnung.

Wenn der Bauch nach dem Essen unangenehm spannt oder sogar schmerzt, ist klar: Da hat man wohl zu viel gegessen – oder? „Das geht schon wieder vorbei“, war ein Satz, den Pauline Nöldemann oft hörte. Dabei verfolgten diese Beschwerden sie schon seit der Kindheit. „Ich bin damit auf viel Unverständnis gestoßen, bei Ärztinnen und Ärzten, aber auch in meinem sozialen Umfeld“, sagt die Gründerin der App viatolea. „Hilfe oder Unterstützung gab es kaum.“ Als sie zuhause auszog, um zu studieren, nahmen ihre Symptome noch zu. Sicher der Stress, hieß es dann. Sie habe damals überwiegend vegetarisch gegessen, sagt Nöldemann. „Aus heutiger Sicht verstehe ich, warum diese Umstellung erstmal zu mehr Bauchschmerzen geführt hat.“ Denn mittlerweile kennt sie die Ursache: Sie hat eine Fruchtzuckerintoleranz.

Warum Nahrungsmittelunverträglichkeiten ernst zu nehmen sind

Mit ihren Beschwerden ist die Nürnberger Gründerin nicht allein. Schätzungen zufolge sind mehr als 20 Prozent der Deutschen von einer oder mehreren Nahrungsmittelunverträglichkeiten betroffen. Dazu zählen Intoleranzen, bei denen der Körper meist Schwierigkeiten hat, bestimmte Bestandteile des Essens zu verarbeiten – etwa Frucht- oder Milchzucker. Unter den Begriff Unverträglichkeiten fallen jedoch auch Lebensmittelallergien (siehe Kasten). Diese sind deutlich seltener, können aber zu heftigen Immunreaktionen führen.

Pauline Nöldemann

Pauline Nöldemann, Gründerin der App viatolea

Zu den typischen Beschwerden bei Nahrungsmittelintoleranzen gehören zum Beispiel Durchfall oder Blähungen. Sie sind nicht nur unangenehm. Sie führen mitunter dazu, dass sich Betroffene aus ihrem sozialen Umfeld zurückziehen. Denn da sind die Symptome, die insbesondere Frauen als stigmatisierend erleben. Und wer als einzige Person am Tisch nicht beim Sharing-Menü mitessen will, gilt womöglich als genussfeindlich – oder sogar schwierig. „Nahrungsmittelintoleranzen schränken die Lebensqualität oft erheblich ein“, sagt Pauline Nöldemann.

Wie ein digitales Ernährungstagebuch zu mehr Einsichten führt

Mittlerweile ist sie Expertin auf diesem Gebiet: Nöldemann hat die App viatolea entwickelt. Die App hilft Menschen dabei, individuelle Unverträglichkeiten zu erkennen und ihre Ernährung entsprechend umzustellen. Die Idee kam ihr, weil sie bei Arztterminen häufig hörte, sie solle ein Ernährungstagebuch führen. „Ständig so ein Büchlein dabei zu haben, fand ich umständlich – und letztlich hatte auch nie jemand die Zeit, sich anzuschauen, was ich eingetragen hatte.“ Als Wirtschaftsinformatikerin wusste sie, wie man Apps programmiert und Statistiken erstellt. Sie begann ihre Ernährung und Symptome mit dem Handy zu tracken und auszuwerten. Das funktionierte gut: 2021 brachte Nöldemann eine erste Version der App auf den Markt.

Wichtige Brücke zwischen Beschwerden und Diagnose

Junges Paar kocht gesund und vegan in seiner Küche

Drei Jahre später wurde die Barmer auf Nöldemanns Start-up aufmerksam. Hanna Höfges arbeitet bei der Barmer als Referentin im Bereich digitale Versorgung: „Unser Job ist es, neue digitale Angebote – häufig Apps – aufzuspüren, mit denen sich die Versorgung der Versicherten verbessern lässt.“ viatolea schien ihr eine Lücke zu schließen: „Unverträglichkeiten sind ein Thema, das viele unserer Versicherten beschäftigt, besonders Frauen. Gleichzeitig sind sie sehr offen dafür, digitale Angebote zu nutzen.“ In der Regelversorgung sei der Weg vom ersten Auftreten der Beschwerden bis zur Diagnose oft sehr lange und auch frustrierend. „Mit viatolea geben wir unseren Versicherten ein Tool an die Hand, das sie sofort selbst einsetzen können“, so Höfges. „Die App macht es einfach, die eigenen Beschwerden zu analysieren, sich dazu zu informieren und kompetent damit umzugehen.“

Das erfolgt in drei Phasen: Indem sie ein interaktives Tagebuch führen, lernen Betroffene, was ihre Symptome verursacht. In der zweiten Phase leitet die App dazu an, diese Erkenntnisse zu testen. Konkret heißt das, für eine Zeit auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten. In der dritten Phase unterstützt viatolea dabei, individuelle Toleranzgrenzen herauszufinden: „Man tastet sich langsam heran: Isst zum Beispiel erstmal nur einen halben Apfel oder ein Stück Paprika“, sagt Pauline Nöldemann. „So lernt man, beschwerdefrei zu essen.“ In vielen Fällen funktioniert das ohne kompletten Verzicht.

Was eine App zum Medizinprodukt macht

Bevor die Barmer eine App in ihr Angebot aufnimmt, muss diese jedoch bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Als Hanna Höfges auf viatolea aufmerksam wurde, war die App noch nicht als Medizinprodukt zertifiziert. Das EU‑Recht stellt hier strenge Anforderungen, etwa in Bezug auf die Sicherheit, Bedienbarkeit und den Datenschutz. „Ihr medizinischer Nutzen muss zudem durch Studien oder andere Evidenz belegt sein“, sagt die Barmer-Mitarbeiterin. Für die Krankenkasse ist diese Zertifizierung oft ein wichtiger Aspekt. Sie zu bekommen und zu halten, kann Start-ups jedoch einiges abverlangen. „Wir mussten und müssen zum Beispiel belegen, dass alle unsere Inhalte eine wissenschaftliche Basis haben“, so die viatolea-Gründerin Nöldemann.

Auch das Risikomanagement wird evaluiert, also ob eine App ausreichend Schutzmaßnahmen wie Warnhinweise, Sicherheitsabfragen oder Notfallkontakte bietet. Tragen Nutzende bei viatolea zum Beispiel Informationen ein, die auf schwere gesundheitliche Probleme hindeuten – etwa Blut im Stuhl – fordert die App unmissverständlich dazu auf, Ärztin oder Arzt aufzusuchen. Die Zertifizierung habe zwar rund ein Jahr gedauert, sich aber gelohnt, findet Nöldemann. Zum einen, weil so der Weg frei wurde für die Kooperation mit der Barmer. „Und weil uns dieses Qualitätssiegel von den vielen Lifestyle-Produkten in den Sozialen Medien unterscheidet.“ 

Wie Apps bei Allergien und Intoleranzen helfen

Längst ist das Smartphone vom bloßen Kommunikationsmittel zum persönlichen Gesundheitslotsen avanciert. Bei der Bewältigung von Allergien und Intoleranzen schließen digitale Anwendungen die Lücke zwischen dem Besuch in der Praxis und dem täglichen Umgang mit Symptomen oder Inhaltsstoffen. Sie helfen Betroffenen, durch den Alltag zu navigieren und geben ihnen mehr Autonomie. Zum Beispiel beim täglichen Einkauf: Barcode-Scanner entschlüsseln in Sekundenschnelle Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und warnen vor Allergenen. Auch Kosmetikprodukte lassen sich so überprüfen. Die kostenlose Cruse-App, entwickelt an der Berliner Charité, wiederum hilft Betroffenen, ihre allergische und chronische Urtikaria – also Nesselsucht – zu managen.

Claudia Traidl-Hoffmann

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann leitet an der Universität Augsburg den Lehrstuhl für Umweltmedizin und das Institut für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit

Handelt es sich nicht um ausgewiesene Medizinprodukte, besteht für die Anbietenden jedoch keine klinische Prüfpflicht. Es liegt dann in der Verantwortung der Nutzerinnen und Nutzer, auf Qualitätsstandards zu achten. Und selbst zertifizierte Medizinprodukte können den Besuch in der Praxis nicht ersetzen, sagt Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann. „Eine App kann und darf keine Diagnose stellen. Dennoch sind digitale Anwendungen mittlerweile ein wichtiger Mosaikstein in der Forschung und Versorgung.“ Ihr Potential bestehe darin, dass sie so nah an den Patientinnen und Patienten dran seien, so die Autorin des Buchs „Medizin der Zukunft“. „Insbesondere für Menschen mit chronischen Erkrankungen sind sie äußerst hilfreiche Begleiter.“

Früher informiert mit der Pollenflug-App

Eine junge Frau putzt sich mit einem Taschentuch die Nase.

Traidl-Hoffmann leitet an der Universität Augsburg den Lehrstuhl für Umweltmedizin und das Institut für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit. Mit ihrem Team hat sie dort die kostenlose App PollDi entwickelt. Diese kombiniert Prognosen zu Pollenflug und Luftqualität mit einem digitalen Symptomtagebuch. Allergiegeplagte, die damit ihre Beschwerden dokumentieren, erfahren, was in den kommenden zwei Tagen an Pollen und Luftschadstoffen zu erwarten ist. „Wir konnten in einer doppelblinden Studie zeigen, dass Nutzende dadurch ihre Medikamente rechtzeitiger und gezielter einnehmen. Das führt zu einer deutlichen Reduktion der Symptome und Verbesserung der Lebensqualität.“ Bislang nur in Augsburg und Bad Hindelang, wo sie entwickelt wurde. In den kommenden Jahren soll die App aber deutschlandweit verfügbar werden. Geplant ist zudem, dass sie Betroffenen zukünftig auch deren Symptome vorhersagt. Das ist Gegenstand aktueller Forschung.

Wie Apps bei der Diagnose unterstützen

Aus der Praxis weiß Claudia Traidl-Hoffmann: Betroffene leiden unter ihren Symptomen oft mehr als sie sich das eingestehen. „Sie bagatellisieren ihre Beschwerden, tun diese als Schnupfen ab. Dabei schränken diese die Leistungsfähigkeit zum Teil erheblich ein.“ Wer ärztliche Hilfe sucht, steht jedoch oft vor dem nächsten Problem: Zwar lassen sich viele Allergien theoretisch innerhalb von 15 Minuten diagnostizieren. Der dafür nötige Termin ist aber meist nur nach monatelanger Wartezeit zu bekommen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich nicht jeder Auslöser so schnell finden lässt. Bei der weizenabhängigen, anstrengungsinduzierten Anaphylaxie etwa kann der Konsum von Weizenprodukten in Kombination mit Sport zu schweren allergischen Reaktionen bis hin zum Schock führen. „Solche seltenen Erkrankungen erfordern schon einiges an Detektivarbeit“, sagt Claudia Traidl-Hoffmann. Ein digitales Symptomtagebuch könne hier wichtige Indizien liefern.

Allergien sind in Deutschland immer häufiger

Und es gibt noch einen Aspekt, der für die digitalen Helfer spricht: Allergien nehmen zu. Laut Robert Koch-Institut reagieren 20 Prozent der Kinder auf Allergene wie Pollen, Milch oder Milben. Tendenz steigend. Eltern wissen das: Sie müssen mittlerweile sehr genau abwägen, welchen Kuchen oder Salat sie zum Kita-Fest mitbringen. Unter den Erwachsenen leiden über 30 Prozent an mindestens einer Allergie. „Der Klimawandel befeuert diese Problematik“, sagt Traidl-Hoffmann. Er verlängert und intensiviert die Pollensaison – es fliegen mehr Pollen pro Tag – und die Pollen sind zudem aggressiver. Die Umweltmedizinerin warnt deshalb vor einem regelrechten „Allergie-Tsunami“, auf den das Gesundheitssystem vorbereitet sein muss.

Dieses Portraifoto zeigt Dr. Utta Petzold, Dermatologin

Dr. Utta Petzold, Dermatologin

„Wer jahrelang mit einer unerkannten Lebensmittelunverträglichkeit oder Allergie lebt, leidet nicht nur kurzfristig“, sagt die Allergologin und Barmer-Medizinerin bei der Dr. Utta Petzold. „Neben den akuten Beschwerden drohen chronische Entzündungen, eine deutlich schlechtere Lebensqualität und im schlimmsten Fall sogar Folgeerkrankungen.“ Für die Barmer sind digitale Anwendungen deshalb ein wirkungsvolles Angebot: Sie helfen Patientinnen und Patienten, ihre Symptome einzuordnen und zu managen, sodass Beschwerden reduziert und die Lebensqualität verbessert werden können. Oder, wie Claudia Traidl-Hoffman es formuliert: „Apps können Menschen dabei unterstützen, das Richtige für ihre Gesundheit zu tun.“

 

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