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ADHS bei Erwachsenen: Was hilft, wenn der Motor immer weiterdreht

Lesedauer unter 10 Minuten
Ein junger Mann sitzt in einem Büro mit viel Technik-Equipment

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dr. med. Utta Petzold (Dermatologin, Allergologin, Phlebologin bei der Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Lange Zeit dachten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ADHS trete nur im Kindesalter auf und klinge während der Pubertät von allein wieder ab. Heute ist klar: Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder nehmen die Erkrankung ins Erwachsenenalter mit. Bleibt die Störung unerkannt, kann sie zu Problemen bei der Arbeit oder im Familienleben führen. An welchen Symptomen Betroffene ADHS erkennen, wer helfen kann und wie die Behandlung abläuft, lesen Sie hier.

Was ist ADHS und wie häufig kommt es vor?

ADHS ist die Abkürzung für die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Sie zeigt sich an drei wesentlichen Kernsymptomen: Konzentrationsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität. Etwa fünf bis sieben Prozent der Kinder entwickeln ADHS-Symptome. Es handelt sich damit um eine der häufigsten Entwicklungsstörungen bei Kindern. Früher gingen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass sich die ADHS größtenteils auf das Kindesalter beschränkt und über die Jugend und mit dem Übergang ins Erwachsenenalter wieder verschwindet. Mittlerweile gilt jedoch als sicher, dass bei mindestens der Hälfte aller an ADHS Erkrankten ein Teil der Symptome auch bestehen, wenn sie längst erwachsen sind.

Wie und warum entsteht ADHS?

„Die Ursachen von ADHS haben wir noch nicht vollumfänglich verstanden“, sagt Prof.Dr. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn. Sie ist Expertin auf dem Gebiet der ADHS-Forschung – insbesondere wenn es darum geht, wie die ADHS bei Erwachsenen in Erscheinung tritt. Einige Faktoren, die das Erkrankungsrisiko steigern, seien aber durchaus bekannt, so Philipsen: eine Frühgeburt und Geburtskomplikationen, denn „bei beiden wird das Gehirn in seiner Entwicklung beeinträchtigt“. Zudem spielt die Genetik eine große Rolle: ADHS tritt familiär gehäuft auf. Man geht davon aus, dass der Beitrag der Genetik bei circa 70 Prozent liegt. Dennoch gibt es nicht ein einziges ADHS-Gen, weiß Philipsen: „Vielmehr existiert eine Vielzahl von Risikogenen. Jedes davon erhöht die Wahrscheinlichkeit zu einem gewissen Teil.“

Kann man als Erwachsener noch ADHS bekommen?

„Es wurde lange diskutiert, ob ADHS auch erst später im Leben auftreten kann“, sagt Philipsen. „Mittlerweile ist klar: Wenn ADHS bei Erwachsenen diagnostiziert wird, haben die Betroffenen die Symptome schon ihr Leben lang, es sei denn, die Ursache liegt zum Beispiel in Unfällen, die zu ähnlichen Erscheinungsbildern führen können.“ Meist werden die Symptome zwar mit zunehmendem Alter schwächer, es gibt aber auch Erwachsene, die haben die Krankheit in ihrer Kindheit gar nicht bemerkt. Erst mit den steigenden Anforderungen des Erwachsenenlebens – etwa dem Start ins Berufsleben oder der Geburt eines Kindes – macht sie ihnen zu schaffen. Je nach Lebensphase können die Symptome unterschiedlich stark ausgeprägt sein: In manchen Jahren fallen sie gar nicht so auf, in anderen werden sie zur unerträglichen Last.

Dazu passt, dass es zwei Altersphasen gibt, in denen ADHS bei Betroffenen besonders häufig diagnostiziert wird. „Ein Diagnosegipfel liegt im Alter um das elfte, zwölfte Lebensjahr“, sagt Philipsen, „da steht meist der Wechsel auf die weiterführende Schule an.“ Die Anforderungen an die Kinder steigen und um sie zu bewältigen, brauchen sie jene kognitiven Kompetenzen umso mehr, die bei ADHS eingeschränkt sind. Betroffene Kinder sind schneller überfordert als Klassenkameraden, schweifen ab, arbeiten noch langsamer oder bekommen emotionale Ausbrüche.

Die zweite Phase, in der ADHS häufig entdeckt wird, liegt im Alter zwischen Ende 20 und Anfang 30 – eine Zeit im Leben, in der oftmals große Veränderungen geschehen: der Übergang von der Ausbildung zu Beruf, die Geburt eines Kindes, ein Eigenheim. All das verlangt Planung, Weitsicht und Struktur. Mit diesen Fähigkeiten haben ADHS-Betroffenen ihre Probleme und so wird die Erkrankung in dieser Zeit des Lebens eher deutlich. „Um den Problemen auf den Grund zu gehen, stellen sich die Betroffenen dann in Kliniken oder Ambulanzen vor und die Krankheit wird von den Ärzten dort diagnostiziert“, erklärt ADHS-Expertin Philipsen.

Mit steigendem Alter nimmt die Prävalenz, also die Häufigkeit der Erkrankung, dann ab. Wobei das aber wohl auch damit zusammenhängt, dass ältere Betroffene seltener wegen typischer Beschwerden zum Arzt gehen – sie haben ja längst gelernt, damit zu leben. „So werden viele Fälle nie erkannt“, sagt Philipsen.

Welche Symptome treten bei Erwachsenen mit ADHS auf?

Die Hauptsymptome sind wie bei Kindern Konzentrationsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität. Bei Erwachsenen ist das auffälligste Anzeichen der unorganisierte Lebensstil. Sie vergessen Termine, schätzen Zeiten falsch ein, sind oft gestresst. Es fällt ihnen schwer, Aufgaben zu Ende zu bringen und Abgabetermine einzuhalten. Dadurch geraten sie oft unter Druck. Betroffene leiden auch darunter, wenn sie sich Dinge nicht merken können oder etwas nicht schaffen, was sie sich vorgenommen hatten. Außenstehende sagen ihnen oft, dass sie wohl nicht richtig zugehört hätten, oder dass sie unzuverlässig seien.

„Manche Betroffene sind zudem sehr impulsiv“, berichtet die Bonner ADHS-Spezialistin Philipsen. „Sie werden schnell laut, verlieren oft die Nerven oder sagen Sachen, die nicht so gemeint sind.“ Das kann zu sozialen Problemen führen. Auch erleben Erkrankte oft eine innere Unruhe. „Sie fühlen sich getrieben, kommen am Abend nicht zur Ruhe und können einfach nicht abschalten“, so Philipsen. „Es fühlt sich für sie selbst an, als drehe der Motor immer weiter.“ Und auch zu Stimmungsschwankungen kann ADHS bei manchen Erwachsenen führen.

ADHS-Symptome bei Erwachsenen und ihre Folgen für den Alltag

Unaufmerksamkeit: 

  • beachten häufig Einzelheiten nicht oder machen Flüchtigkeitsfehler bei der Arbeit oder anderen Tätigkeiten
  • haben oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben aufrechtzuerhalten
  • scheinen häufig nicht zuzuhören, wenn andere sie ansprechen
  • führen häufig Anweisungen nicht vollständig durch und bringen Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende
  • haben häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren
  • vermeiden häufig, haben eine Abneigung gegen oder beschäftigen sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern
  • verlieren häufig Gegenstände, die sie für Aufgaben oder Aktivitäten benötigen (zum Beispiel Stifte, Bücher, Werkzeug)
  • lassen sich schnell durch äußere Reize ablenken
  • sind bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich

Hyperaktivität

  • zappeln häufig mit Händen und Füßen oder rutschen auf dem Stuhl herum
  • stehen oft in Situationen auf, in denen Sitzenbleiben erwartet wird
  • laufen häufig herum in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen und Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben)
  • haben häufig Schwierigkeiten, sich ruhig mit Freizeitaktivitäten zu beschäftigen
  • sind häufig „auf dem Sprung“ oder handeln oftmals, als wären sie „getrieben“
  • reden häufig übermäßig viel

Impulsivität

  • platzen häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist
  • können häufig nur schwer warten, bis sie an der Reihe sind
  • unterbrechen und stören andere häufig (platzen zum Beispiel in Gespräche anderer hinein)

Bei Männern und Frauen können sich die ADHS-Symptome unterschiedlich äußern: Die Aufmerksamkeitsprobleme sind zwar bei beiden Geschlechtern das Hauptmerkmal. Bei Männern treten allerdings häufiger die hyperaktiven, impulsiven Symptome auf, während bei Frauen eher eine emotionale Instabilität im Vordergrund steht.

ADHS-Betroffene haben häufig weitere Begleiterkrankungen

  • Leserechtschreibstörung (LRS) oder Rechenschwäche (Dyskalkulie)
  • psychische Erkrankungen (Angststörungen, Depression, Tourette-Syndrom, Zwangsstörungen)
  • hohe Unfallrate (durch unüberlegtes Handeln)
  • dissoziales Verhalten
  • Schlafstörungen
  • Suchtentwicklung (Alkohol, Nikotin, Esssucht, Kaufsucht, Kleptomanie, Spielsucht, …)

Wer denkt, dass er womöglich selbst ADHS haben könnte, kann den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelten Selbsttest nutzen. Das Ergebnis sollte allerdings nur als erster Hinweis verstanden werden und ist keine Diagnose. Die exakte Diagnose können nach diesem ersten Anhaltspunkt nur erfahrene Fachleute stellen.

Wie unterscheidet sich ADHS bei Kindern von ADHS bei Erwachsenen?

Kinder leben ihre Hyperaktivität oft aus, indem sie sich mehr bewegen. Der Drang nimmt mit dem Alter ab, kann aber oft nur unzureichend ausgelebt werden: So wippen Erwachsene zum Beispiel mit den Füßen oder trommeln mit den Fingern nervös auf die Tischplatte. Zwar nimmt bei Erwachsenen mit ADHS die äußerlich sichtbare Unruhe etwas ab, innerlich bleibt sie jedoch bestehen.

Wann sollte man mit ADHS zum Arzt gehen – und zu welchem?

„Man sollte eigentlich immer eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen, wenn der Verdacht aufkommt, dass es ADHS sein könnte“, sagt Philipsen. Wenn es zum Beispiel immer wieder Streit gibt, weil Dinge nicht erledigt werden, die man eigentlich erledigen wollte, oder Termine einfach vergessen werden. Wenn wegen der Unorganisiertheit ein relevanter Leidensdruck besteht. „Da wäre es schon gut, sich auf ADHS hin untersuchen zu lassen“, rät die Expertin.

Die offizielle Behandlungsleitlinie empfiehlt, zu einem Facharzt oder einer Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, psychosomatische Medizin oder einem ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeuten zu gehen. Wer keine entsprechende Spezialistin oder keinen entsprechenden Spezialisten findet, kann sich auch an die Hausärztin oder den Hausarzt wenden. Darüber hinaus gibt es in einigen Universitätskliniken Sprechstunden speziell für ADHS.

Wie läuft die Behandlung ab?

Zunächst können Erwachsene mit ADHS versuchen, ob ihnen eine sogenannte Psychoedukation hilft. Das ist eine Art Coaching, das meistens acht Wochen dauert. Ein Psychiater oder Psychologe erklärt Betroffenen dabei in mehreren Sitzungen, was ADHS eigentlich ist, und bringt ihnen Strategien bei, um mit der Erkrankung besser im Alltag umgehen zu können: Wie sortiere ich mich? Wie erkenne ich Gefühle? Was hilft mir, mich zu fokussieren? „Wenn ein solches psychoedukatives Trainingsprogramm keinen ausreichenden Erfolg zeigt“, sagt die Bonner Expertin Alexandra Philipsen, „sollte ADHS mit Medikamenten behandelt werden“.

Nach Leitlinien stellen Amphetamine und Methylphenidat die erste Wahl bei ADHS im Erwachsenenalter dar, letzteres ist vielen Menschen noch unter dem Produktnamen „Ritalin“ bekannt. Die Behandlung schlägt in der Regel gut an: „60 bis 70 Prozent der Betroffenen sprechen gut auf die Medikamente an“, so Philipsen. Erwachsene müssten die Mittel meist dauerhaft einnehmen, was für sie aber häufig eine enorme Entlastung sei. Die Forschung zeigt: Sie können sich dank der Medikamente besser konzentrieren und fokussieren. Es gelingt ihnen zum Beispiel, eine Ausbildung zu beenden und ihre Aufgaben im Alltag oder am Arbeitsplatz zu bewältigen. Sie sind nicht mehr so impulsiv und verursachen weniger Autounfälle.

Letzteres konnte ein schwedisch-US-amerikanisches Forscherteam im Jahr 2017 eindrucksvoll zeigen. Die Wissenschaftler werteten für eine Studie die Daten von knapp 150 Millionen Versicherten aus den USA aus, darunter fanden sie 2,3 Millionen Menschen über 18 mit ADHS-Diagnose oder einer regelmäßigen Verschreibung von ADHS-Medikamenten. Wie die Forscher sahen, bauten ADHS-Patienten häufiger schwere Verkehrsunfälle als Menschen ohne ADHS. Bei Männern lag die Rate um 49 Prozent höher als in der Vergleichsgruppe, bei Frauen um 44 Prozent. Besonders auffällig war für die Forscher: Das Unfallrisiko war für die Betroffenen dann deutlich höher, wenn sie ihre Medikamente gerade nicht nahmen. Männer mit ADHS verunglückten um 38 Prozent häufiger, wenn sie gerade keine Medikamente einnahmen, Frauen sogar um 42 Prozent häufiger.

Was kann ich als Betroffener tun – und was als Angehöriger?

ADHS ist meist nicht nur für die Betroffenen belastend, sondern auch für die Partner und nahe Angehörige. Neben der klassischen Behandlung, die oft mit Medikamenten erfolgt, können Betroffene und Nahestehende gemeinsam am Alltag arbeiten. „Angehörige können einbezogen werden und unterstützen“, sagt Expertin Alexandra Philipsen. Zum Beispiel können sie mit den Betroffenen vereinbaren, in welchen Bereichen sie helfen können. Man könne sich etwa einmal in der Woche zu einem festen Termin zusammensetzen und miteinander besprechen, was gut geklappt hat und was nicht. „Ideal ist es, wenn der oder die ADHS-Betroffene auch die Möglichkeit hat, dem Gegenüber auch Feedback zu einem bestimmten Verhalten zu geben“, sagt Philipsen. „Dann gerät der- oder diejenige in der Beziehung nicht in eine Patienten-Rolle, sondern es ist ein Geben und Nehmen.“ Generell gilt für Expertin Philipsen aber dennoch: „ADHS ist eine Erklärung und keine Entschuldigung. Es ist schon gut, Verständnis dafür zu haben. Aber ADHS ist auch keine Freikarte.“ 

Vielen Betroffene hilft es, an Selbsthilfegruppen teilzunehmen. Die gibt es als regelmäßige Vor-Ort-Gruppen, mittlerweile aber auch online. Eine Übersicht bietet das ADHS-Selbsthilfenetzwerk ADHS-Deutschland e. V. auf seiner Homepage.

Gibt es auch gute Aspekte von ADHS?

Ja, zum Beispiel sind Menschen mit ADHS häufig besonders kreativ, originell und können die Dinge auf unkonventionelle Art und Weise betrachten und in Frage stellen. Und es gibt noch einen „Vorteil“: Finden sie eine Sache besonders interessant, können sie sich trotz der Erkrankung sehr gut darauf fokussieren. Manche Dinge oder Aufgaben bewältigen sie deshalb außerordentlich gut.

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