Paar mittleren Alters sitzt lachend auf dem Sofa.
Ungleich gesund

Symptome für Wechseljahre: was wirklich dahintersteckt

Lesedauer weniger als 8 Min
Redaktion:
Carola Kleinschmidt (Wissenschaftsjournalistin, Nerdpol, Redaktionsagentur für Medizin- und Wissenschaftsjournalismus)

Wechseljahre: Beschwerden im Check

Karussell mit 3 Elementen
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Wechseljahre machen krank?

Schlafstörungen, Gelenkschmerzen und Erschöpfung nehmen ab 40 bei beiden Geschlechtern zu – nicht nur bei Frauen in den Wechseljahren.
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Typisch Wechseljahre: Hitzewallungen

Ein Großteil der Frauen erlebt in den Wechseljahren Hitzewallungen. Die Ausprägung ist sehr unterschiedlich. Von den Frauen, die einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen, erhalten etwa 25 Prozent eine entsprechende Diagnose.
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Der ganzheitliche Blick

Ob Wohlbefinden oder Beschwerden die Wechseljahre kennzeichnen, kann biologische, psychologische oder gesellschaftliche Ursachen haben – Frauen sollten sich ernst nehmen.

Reizbarkeit, schlechter Schlaf, Erschöpfung – alles Folgen der Wechseljahre? Wenn man sich die Gesundheitsdaten bei Männern und Frauen genauer anschaut, zeigt sich: Die Unterschiede sind gar nicht so groß, wie man meinen könnte. Interessante Erkenntnisse, die Frauen helfen können, gesünder älter zu werden. Und Männern auch. Ein Gespräch mit Dr. Dagmar Hertle, Fachärztin für Innere Medizin am bifg – Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung.

Unsere Barmer Abrechnungsdaten zeigen, welche Diagnosen in Arztpraxen gestellt und welche Behandlungen verordnet werden. Sie zeigen also die medizinische Versorgung, nicht das ganze Erleben der Wechseljahre. Viele Frauen suchen mit ihren Beschwerden keine Arztpraxis auf, und nicht jede Beschwerde wird als Wechseljahresbeschwerde erfasst. Es wurden zudem nur Daten und Umfragen ausgewertet, die Cis-Frauen (Frauen, die sich mit ihrem angeborenen Geschlecht identifizieren) berücksichtigen. Für mehr Informationen braucht es ergänzende Befragungen und mehr Forschung.

Ein Gespräch mit Dr. Dagmar Hertle, Fachärztin für Innere Medizin am bifg

Frau Hertle, Sie haben Gesundheitsdaten von Frauen und Männern mit Blick auf typische Beschwerden in den Wechseljahren verglichen. Warum?

Portraitfoto von Dr. Dagmar Hertle, Fachärztin für Innere Medizin am bifg – Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung

Dr. Dagmar Hertle, Fachärztin für Innere Medizin am bifg – Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung

Hertle: Die Wechseljahre werden oft mit vielen Beschwerden und sinkender Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht. Das fanden wir vom Barmer Institut für Gesundheitsforschung interessant. Hier wollten wir genauer hinschauen und einfach mal die Männer und deren Beschwerden im selben Alter miteinbeziehen.

Um welche gesundheitlichen Probleme geht es da konkret?

Hertle: Hitzewallungen sind das bekannteste Symptom der Wechseljahre. Doch auch immer mehr andere gesundheitliche Beschwerden werden den Wechseljahren zugeordnet. Dazu zählen Schlafprobleme, Gelenkschmerzen sowie Reizbarkeit und Erschöpfung.

Und das sehen Sie kritisch?

Hertle: Dass viele Frauen schlecht schlafen oder sich erschöpft fühlen – daran habe ich keinen Zweifel. Doch all das den Wechseljahren zuzuschreiben, ist problematisch. Das konnten wir durch die Analyse der anonymisierten Gesundheitsdaten unserer Versicherten, die meine Kollegin Dr. Ulrike Illmann und ich gemacht haben, zeigen.

Das klingt überraschend! Wie haben Sie das geprüft?

Hertle: Als Krankenkasse erhalten wir Abrechnungsdaten zu den diagnostizierten Symptomen und Erkrankungen. Diese Daten können wir nach Geschlecht und Alter auswerten. So können wir beispielsweise herausfinden, welche Beschwerden bei Frauen in den Wechseljahren häufiger erfasst werden als bei Frauen vor und nach den Wechseljahren oder auch bei Männern.

Wechseljahre und Schlafstörungen: Auch Männer schlafen ab 40 schlechter

Und was haben Sie bei diesem Vergleich herausgefunden?

Hertle: Das interessanteste Ergebnis: Die gesundheitlichen Beschwerden, die häufig den Wechseljahren zugeschrieben werden – wie Schlafstörungen, Gelenkschmerzen oder Reizbarkeit –, treten nicht nur bei Frauen ab 40 verstärkt auf. Auch bei Männern ab 40 nehmen sie in ganz ähnlicher Weise zu.

Ehrlich? Männer schlafen ab 40 Jahren genauso schlecht wie Frauen und fühlen sich erschöpft?

Hertle: Frauen berichten zwar generell häufiger über Schlafstörungen als Männer. Schon bei den jungen Frauen sind es etwa zwölf Prozent, bei den jungen Männern knapp acht. Dann nehmen die Schlafprobleme aber bei beiden Geschlechtern mit dem Alter kontinuierlich zu. Und mit 60 Jahren und älter erhalten 20 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer beim Arzt oder bei der Ärztin die Diagnose Schlafstörung.

Liniendiagramm der BARMER zur Diagnose 'Schlafstörung' (BARMER-Datenanalyse 2024): Der Anteil Frauen mit Schlafstörung steigt von etwa 15 % in der Altersgruppe 20–29 auf einen Höchstwert von rund 24 % (50–59), fällt dann leicht ab und liegt bei über 80-Jährigen bei etwa 20 %. Bei Männern steigt der Anteil von rund 10 % auf etwa 20 % (60–69) und bleibt danach bei 16–17 %. Frauen sind in allen Altersgruppen häufiger betroffen als Männer.

Barmer Daten zeigen: Im Lauf des Lebens nehmen Schlafstörungen bei Frauen bis etwa 50 Jahren zu, bei Männern bis etwa 60.

Und das gilt nicht nur für Schlafprobleme?

Hertle: Tatsächlich konnten wir für neun von elf Beschwerden, die in Fragebögen wie der „Menopause Rating Scale“ (MRS) abgefragt und den Wechseljahren zugeordnet werden, zeigen, dass sie bei Frauen und Männern gleichermaßen ab etwa 40 zunehmen.

Aber Hitzewallungen haben doch nur Frauen!

Hertle: Es stimmt, dass Schweißausbrüche, Hitzewallungen und Scheidentrockenheit sehr typische Symptome der Wechseljahre bei Frauen sind. Sie erreichen ihren Höhepunkt in der typischen Wechseljahreszeit und klingen danach wieder ab. Das ist ein starker Hinweis darauf, dass diese Beschwerden tatsächlich mit der Hormonumstellung zusammenhängen. Alles andere, wie Schlafstörungen, Depressionen oder Gelenkbeschwerden, nimmt mit dem Alter generell zu – bei Frauen und Männern. Sexualprobleme sind bei Männern mit dem Alter sogar viel häufiger als bei Frauen. Und bei Weitem nicht jede Frau in den Wechseljahren hat starke Hitzewallungen.

Heißt das, Hitzewallungen gehören nicht zwangsläufig zu den Wechseljahren?

Hertle: Sehr viele Frauen haben in den Wechseljahren Schwitzattacken oder Hitzewallungen. Doch unsere Daten zeigen: Nur etwa 20 Prozent der Frauen erleben die wechseljahrestypischen Symptome wie Hitzewallungen so stark, dass sie eine diesbezügliche Diagnose bekommen. Das heißt: Die Hormonumstellung macht den Frauen nicht automatisch Probleme. Es gibt viele Frauen, die gut mit den Wechseljahren zurechtkommen. Für mich heißt das auch: Frauen müssen diese Lebensphase also nicht fürchten.

Hormone, Älterwerden oder Stress? Beschwerden haben viele Ursachen

Aber viele Frauen berichten doch über gesundheitliche Veränderungen in der Zeit der Wechseljahre?

Hertle: Ja, denn leider steigt das Risiko von Beschwerden mit zunehmendem Alter. Unsere Daten zeigen gut, dass wir zwischen gesundheitlichen Beschwerden unterscheiden müssen, die direkt mit der Hormonumstellung zusammenhängen, also wechseljahresbedingt sind, und Beschwerden, die während der Zeit der Wechseljahre auftreten. Unsere Daten legen den Schluss nahe, dass viele gesundheitliche Beschwerden, die Frauen – und auch Männer – ab 40 spüren, vor allem mit dem Älterwerden zusammenhängen.

Aber wertet man damit die Beschwerden der Frauen nicht wieder ab? Nach dem Motto: Frauen, macht euch locker. Es ist nur das Alter!

Hertle: Nein, es geht nicht darum, die Beschwerden herunterzuspielen, sie sind ja da und man muss sich darum kümmern. Älterwerden ist gerade für Frauen in unserer Gesellschaft alles andere als einfach. Es geht vielmehr darum, die Ursachen der Beschwerden differenziert zu betrachten.

Frauen sollten sich und ihr Wohlbefinden ernst nehmen

Was raten Sie Frauen in den Wechseljahren?

Hertle: Mir ist es sehr wichtig, Frauen zu ermutigen, für sich einzustehen. Wenn sie sich unwohl fühlen, sollten sie das ernst nehmen. Das bedeutet auch, dass Frauen ihre Lebensumstände mit in den Blick nehmen und sich fragen: Gibt es Belastungen, die eine Rolle spielen könnten und die den Schlaf oder die Energie rauben? Auch hier sollten sich Frauen ernst nehmen und Einfluss nehmen, wo immer sie können.

Wie kann das konkret aussehen?

Hertle: Man kann beispielsweise ansprechen, dass Arbeit auch einmal umverteilt werden könnte. Zum Beispiel die Hausarbeit. Frauen müssen nicht alle Erwartungen erfüllen, die an sie gestellt werden. Und das sind viele: Sie sollen sich um alle und alles kümmern, alles im Blick haben, Karriere machen, jung aussehen, sportlich, schlank und gut gelaunt sein. Die Wechseljahre sind ein guter Zeitpunkt, um sich zu überlegen, was man eigentlich selbst will, und die Prioritäten neu zu setzen. Dieser gute Umgang mit sich selbst kann, neben einer gegebenenfalls nötigen medizinischen Behandlung, dabei helfen, dass wir uns wieder wohler fühlen.

Und was raten Sie Männern ab 40?

Hertle: Männer sollten ebenso ihre Lebensumstände reflektieren. Viele Beschwerden, wie Schlafstörungen oder Erschöpfung, sind nicht geschlechtsspezifisch, sondern hängen mit Alter, Stress oder Belastungen zusammen. Auch Männer sollten ärztliche Abklärung suchen und sich nicht scheuen, über ihre Gesundheit, auch über psychische Gesundheit, zu sprechen. Und sie sollten gemeinsam mit den Frauen schauen, wie Alltagsbelastungen und unbezahlte Care-Arbeit gerecht aufgeteilt werden können.

LinienDiagramm der BARMER zur Diagnose 'Körperliche und geistige Erschöpfung' (BARMER-Datenanalyse 2024): Bei Frauen liegt der Anteil in den Altersgruppen 40–69 bei rund 7–8 % und steigt danach deutlich an – auf etwa 16 % in der Altersgruppe 70–79 und fast 28 % bei über 80-Jährigen. Bei Männern beginnt der Anstieg bei rund 4 % und erreicht etwa 13 % (70–79) und 25 % (ab 80). In allen Altersgruppen liegt der Anteil bei Frauen leicht über dem bei Männern.

Barmer Daten zeigen: Viele Jahre kraftvoll – erst ab etwa 70 Jahren spüren viele Männer wie Frauen zunehmende körperliche und geistige Erschöpfung.

Das Leben muss mit 50 nicht kleiner werden

Stephanie Hielscher ist Autorin („So alt war ich noch nie“), Speakerin und hostet den Podcast 50 über 50.

Portraitfoto Stefanie Hielscher

„Vor meinen Gesprächen mit Frauen über 50 hatte ich durchaus Respekt vor dem Älterwerden. Vor allem weil ich kein wirkliches Bild davon hatte. Und dann habe ich Frauen ab 50 getroffen, die überhaupt nicht zurückwollen! Das fand ich zunächst bemerkenswert. Und ich habe nachgefragt: Wie kommt das?

Viele der Frauen in meinem Podcast erleben die Wechseljahre als eine Phase, in der sie sich selbst näherkommen. Sie sagen: Ich bin heute gelassener. Ich kenne mich besser. Ich muss nicht mehr jedem gefallen. Ich weiß, was mir wichtig ist. Einige sagen sogar: Das ist die beste Zeit meines Lebens!

Heute denke ich: Wir dürfen aufhören, Jugend zum Maßstab für ein gelungenes Leben zu machen. Wir brauchen dringend andere Bilder vom Älterwerden. Nicht als Schönfärberei – die Wechseljahre können wirklich anstrengend sein und Älterwerden bringt Verluste mit sich. Aber eben nicht nur.

Ich habe von meinen Interviewpartnerinnen gelernt, dass das Leben mit 50 nicht kleiner werden muss. Und ich habe gelernt, dass wir viel mehr Einfluss darauf haben, wie wir älter werden, als ich früher dachte. Natürlich können wir nicht alles kontrollieren. Aber Bewegung, Ernährung, Beziehungen, Neugier, Sinn, soziale Verbundenheit – all das können wir gestalten. Das Gefühl von Selbstwirksamkeit ist enorm wichtig. Das war mir vorher nicht so klar.

Mein eigener Blick aufs Älterwerden hat sich durch die vielen tollen Begegnungen mit Frauen über 50 in meinem Podcast sehr verändert. Inzwischen bin ich einfach ziemlich neugierig darauf, was noch kommt.“

Thomas Altgeld ist Psychologe und Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen e. V. Seit vielen Jahren setzt er sich für die gesundheitliche Chancengleichheit und Qualität in der Gesundheitsberatung ein.

Portraitfoto Thomas Altgeld

"Es ist an der Zeit, dass wir endlich die Bedarfe von Männern in Sachen Gesundheit anerkennen und die Männer selbst ermutigen, sie wahrzunehmen und anzugehen. Das ist eine riesige Herausforderung. Noch immer herrscht die Mär vom starken und vom schwachen Geschlecht. Sowohl die nach wie vor extrem patriarchal organisierte Gesundheitsversorgung als auch die Gesundheitsforschung blenden Männer als Geschlecht außerhalb der primären Geschlechtsorgane und Hormone vollständig aus. Insbesondere bräuchte es mehr Forschung zu „male depression“ und anderen psychischen Erkrankungen."

Damit Männer gesünder älter werden, müsste man bereits früh ansetzen. Schon in der Kita werden geschlechtskonforme Verhaltensweisen bestärkt. Das sollte sich ändern. Ich würde mir daher geschlechterreflektierende, verpflichtende Ausbildungsinhalte in allen Gesundheits-, Sozial-, Pflege- und Bildungsberufen wünschen."

Gut zu wissen: Woher die Barmer-Daten kommen
Die Zahlen in diesem Webspecial stammen aus Abrechnungsdaten der Barmer. Sie zeigen, wie häufig die Diagnose in Arztpraxen gestellt wurde und welche Behandlungen verordnet wurden. Sie zeigen also die medizinische Therapie der Frauen, deren Beschwerden eindeutig auf die Wechseljahre zurückgeführt wurden, nicht das ganze Erleben der Wechseljahre. Viele Frauen suchen mit ihren Beschwerden keine Arztpraxis auf, und nicht jede Beschwerde wird als Wechseljahresbeschwerde erfasst. In diesem Webspecial wurden zudem nur Daten und Umfragen ausgewertet, die Cis-Frauen (Frauen, die sich mit ihrem angeborenen Geschlecht identifizieren) berücksichtigen. Für mehr Informationen braucht es somit ergänzende Befragungen und mehr Forschung, um alle Frauen in den Wechseljahren zu erfassen – auch die ohne oder mit nicht behandlungsbedürftigen Symptomen.

  • Frauenärzte im Netz (Abruf: 28.8.2026): Wechseljahresbeschwerden / klimakterische Beschwerden (Infofact: 85 Prozent der Frauen in den Wechseljahren erleben Hitzewallungen)
  • Hertle D, Hahn I, Illmann U. Wechseljahre: Hype oder Versorgungslücke? gynäkol prax 2026; 54 (3) (Infofact: 25 Prozent der Frauen, die eine Ärztin aufgesucht haben, erhielten die Diagnose „Hitzewallungen“ (N95))
  • Interview Dagmar Hertle. Analyse der Versichertendaten zum Thema Diagnosen Männer und Frauen im Vergleich
  • Statement Stephanie Hielscher: Antworten auf Fragen per E-Mail

Weiterführende Literatur

  • Stephanie Hielscher: So alt war ich noch nie. Über das, was uns ab 50 erwartet. Rowohlt Taschenbuch, 2024, ISBN 978-3499015083, 23 Euro

 

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