Bei jedem achten Menschen in Deutschland wird irgendwann eine Depression diagnostiziert, Frauen sind dabei mit 14,7 Prozent deutlich häufiger betroffen als Männer mit 8,7 Prozent.
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Männerdepression zeigt sich anders
Statt Traurigkeit zeigen sich bei Männern eher Reizbarkeit, Rückenschmerzen oder erhöhter Alkoholkonsum. Kein Wunder, dass selbst Fachleute die Depression dahinter teils übersehen.
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43 Millionen Klicks für Mental Health
Nirgendwo sprechen junge Menschen so offen über psychische Gesundheit wie im Netz. Die „Mental Health“-Kampagne der Barmer erreichte über TikTok 43 Millionen Kontakte.
Frauen weinen, Männer schweigen, so das Klischee. Am Ende zahlen bei diesem Stereotyp beide drauf: Frauen, weil ihre Beschwerden schneller in Richtung Psyche gedeutet werden, selbst wenn eigentlich etwas anderes dahintersteckt. Männer, weil ihre seelische Not sich hinter Rückenschmerzen, Reizbarkeit oder eisernem Schweigen versteckt und deshalb oft gar nicht erst als Depression erkannt wird. Die Zahlen zeigen, welch dramatische Folgen dies haben kann: Frauen bekommen deutlich häufiger die Diagnose Depression. Doch Männer nehmen sich deutlich häufiger das Leben. Ihre seelische Not wird offensichtlich oft übersehen. Wie könnte es besser gehen?
Ein erster Schritt ist, die Unterschiede anzuerkennen: Frauen und Männer zeigen ihre seelische Not auf unterschiedliche Weise. Geschlechtersensible Medizin schaut genau auf diese Unterschiede – und kann Leben retten.
Depression bei Männern und Frauen: die Zahlen im Überblick
Bei jedem achten Menschen in Deutschland wird irgendwann im Lauf des Lebens eine Depression diagnostiziert, bei Frauen deutlich häufiger (14,7 Prozent) als bei Männern (8,7 Prozent). Das klingt erst einmal nach einer guten Nachricht für die Männerwelt. Doch die Zahlen trügen. Denn von den über 10.000 Menschen, die sich 2024 in Deutschland das Leben nahmen, sind drei von vier Männer. Depressionen gelten dabei als häufigste Ursache für einen Suizid. Die erschütternde Wahrheit dahinter: Bei vielen Männern gibt es bereits lange vor dem finalen Schritt Anzeichen für eine Depression, doch die Erkrankung der Seele wird häufig nicht erkannt.
Bei jedem achten Menschen in Deutschland wird irgendwann im Lauf des Lebens eine Depression diagnostiziert, bei Frauen deutlich häufiger (14,7 Prozent) als bei Männern (8,7 Prozent).
Depression erkennen: was eine Depression wirklich ist
Einen schlechten Tag, eine trübe Woche, das hat jeder und jede ab und an. Und man weiß: Das geht auch wieder vorbei. Von einer Depression sprechen Fachleute erst, wenn die gedrückte Stimmung mindestens zwei Wochen anhält und sich immer tiefer in das Leben frisst: keine Lust mehr auf nichts, bleierne Müdigkeit, keine Kraft und auch der Schlaf ist schlecht. Der Appetit spielt verrückt, Gedanken kreisen und schrauben sich in Katastrophenszenarien, das Selbstwertgefühl schrumpft auf Zimmergröße.
Wie leicht seelische Not übersehen werden kann, zeigt die Geschichte von Podcaster Aaron Breyer. Nach dem Suizid eines engen Freundes geriet er selbst in eine Krise, die er lange nicht als solche erkannte. „Ich habe nur noch Leere gefühlt. Ein Gefühl von Lähmung. Ich konnte nicht mehr aufstehen, hab mich gefragt: Wofür das alles?“, erinnert er sich. „Das Leben war auf einmal sinnlos.“ Bei ihm wurde zunächst eine milde Depression diagnostiziert, später eine Anpassungsstörung. Darunter versteht man eine krankhafte seelische Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis.
Doch die Diagnose half ihm nicht. Er zog sich immer mehr zurück, auch von Freunden und seiner Familie: „Sie machten sich Sorgen, wollten helfen. Aber ich war gar nicht in einem Zustand, in dem ich etwas mit ihrer Hilfe und ihren Lösungen hätte anfangen können.“ Es dauerte ein halbes Jahr, bis er professionelle Hilfe suchte, weil er nicht mehr weiterwusste: „Ich hatte Angst vor meinem eigenen Denken und Fühlen.“ Er ging zur Krisenintervention.
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Depression bei Männern: warum sie seltener erkannt wird
Depressionen zeigen sich bei Männern und Frauen oft unterschiedlich. Während Frauen häufiger über Traurigkeit und Niedergeschlagenheit sprechen, sich Hilfe holen und zu Medikamenten greifen, nehmen Männer ihr Leiden nicht als seelische Not wahr. Wenn sie zum Arzt oder zur Ärztin gehen, dann wegen Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit oder Herzrasen.
Für den Geschlechterforscher Prof. Dr. Frank Luck von der Katholischen Hochschule Freiburg liegt genau darin das Muster: „Wo Frauen ihre Symptome eher psychisch deuten, suchen Männer die Ursache im Körper und ahnen sehr oft nicht, dass ihre Seele der eigentliche Patient ist. Statt Tränen oder den Ruf um Hilfe gibt’s bei ihnen eher schlechte Laune und Aggressionen sowie die Flucht in Alkohol, Zigaretten und andere Drogen.“
Warum Männer seltener Hilfe suchen
Im Jahr 2023 wurden 102 000 Männer wegen einer Depression im Krankenhaus behandelt – bei den Frauen waren es mit 159 000 deutlich mehr. Doch warum tun sich Männer eigentlich so schwer damit, sich Hilfe zu suchen? Für Luck liegt die Antwort nicht in der Persönlichkeit einzelner Männer, sondern in einem antrainierten Muster: „Männer gehen auf eine bestimmte Art mit Gesundheit und Krankheit um, weil sie damit, bewusst oder unbewusst, immer wieder beweisen, dass sie den Erwartungen an einen ,richtigen Mann‘ entsprechen.“ Selbstkontrolle, Rationalität, die Haltung „Ich schaff das schon allein“, das seien lauter Ideale, die ins Wanken geraten, wenn es eigentlich darum ginge, sich eine psychische Krise einzugestehen oder Hilfe anzunehmen.
Typische Hürden auf dem Weg zur Hilfe:
Sichtbarkeit am Arbeitsplatz (Arzttermin während der Arbeitszeit)
Fehlende Sprache, um psychische Belastung zu benennen
Angst vor Kontrollverlust und davor, „nicht mehr funktionsfähig zu sein“
Gesellschaftliche Erwartung, ständig leistungsfähig zu sein
Auch PodcasterAaron Breyer kennt diesen inneren Widerstand gut. Über Monate versuchte er, seine Krise allein zu bewältigen: „Ich habe mir eingeredet, ich muss jetzt durchziehen“, sagt er. „Ich wollte es mir selbst beweisen, ich wollte es meinen Eltern beweisen, ich wollte es meiner Freundin beweisen. Ich hatte Angst, was passiert, wenn ich schwach bin, wenn ich jetzt nicht mehr funktioniere.“ Erst nach Monaten der Quälerei kündigte er seinen Job, der ihn zusätzlich zu seinem persönlichen Verlust stark belastete. „Im Rückblick war das für mich der wichtigste Schritt auf dem Weg zurück ins Leben.“
Im Alltag zeigt sich die männliche Abwehr oft ganz banal: Ein Arzttermin während der Arbeitszeit? Für viele Männer undenkbar. Entweder weil es zu auffällig wäre, mitten am Tag zum Arzt zu gehen, oder weil man sich schlicht unverzichtbar im Job fühlt. „Es gibt Männer, die eher am Samstagabend um 22 Uhr in die Notaufnahme gehen, weil sie nicht mehr klarkommen“, erzählt Luck. „Und auch dort sprechen sie noch von Bauchschmerzen und verschweigen ihre psychische Not.“ Immerhin: Ein Mann, der mit vorgeschobenem Bauchweh in der Rettungsstelle sitzt, hat wenigstens den Weg dorthin gefunden. Viele andere schaffen nicht einmal das, mit potenziell fatalen Folgen, denn unbehandelte Depressionen können chronisch werden und über Monate hinweg den Lebensmut auszehren.
Warnzeichen einer Depression: Das sollten Sie wissen
Je früher eine Depression erkannt wird, desto besser lässt sie sich behandeln und desto kleiner wird das Risiko schwerer Verläufe bis hin zum Suizid. Bei Männern lohnt sich dabei besonders der Blick auf die Anzeichen, die man bisher nicht sofort mit einer Depression verbindet.
Dr. Anne Maria Möller-Leimkühler, Professorin für Sozialwissenschaftliche Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät der LMU München, hat einen Fragebogen entwickelt, die Gender-Sensitive Depression Screening Scale (GSDS), die gezielt auch untypische Symptome wie Wutausbrüche, Reizbarkeit oder erhöhten Alkohol- und Drogenkonsum abfragt und dadurch deutlich mehr Männer mit Depressionsrisiko erkennt als die gängigen Diagnoseverfahren. Bislang haben diese Kriterien allerdings noch keinen Eingang in die offiziellen Behandlungsleitlinien gefunden. Ein eigenes Kapitel zu geschlechtsspezifischen Aspekten ist in der aktuellen Nationalen VersorgungsLeitlinie zwar angekündigt, aber bis heute nicht ausgearbeitet.
Wer diese Anzeichen bei sich oder im eigenen Umfeld entdeckt, muss nicht gleich einen Termin bei einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin ausmachen. Ein erster, unkomplizierter Schritt kann der Barmer Teledoktor sein. Er hilft bei einer medizinischen Einordnung, anonym und ohne Termin in einer Praxis.
Depression bei Frauen: oft nicht ernst genommen
Geschlechtersensible Medizin bedeutet aber nicht nur, den Blick für Männer zu schärfen. Auch bei Frauen kann er verzerrt sein, nur andersherum. Eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Barmer zeigt: Frauen fühlen sich deutlich häufiger gestresst, innerlich unruhig oder emotional erschöpft als Männer. Doch dies schlägt nicht unbedingt in eine Depression um. Niedergeschlagenheit oder depressive Verstimmung geben Frauen und Männer exakt gleich häufig an. Trotzdem fühlen sich fast doppelt so viele Frauen wie Männer mit ihren Beschwerden von Ärztinnen oder Ärzten nicht ernst genommen, ein Phänomen, für das es inzwischen sogar einen eigenen Begriff gibt: „Medical Gaslighting“.
Welche Rolle Humor im Umgang mit Depressionen spielt und ob man sogar Witze über Depressionen machen darf, erzählt die bekannte ComedienneFrieda Lewin im Interview.
Hilfe bei Depression: was die Barmer anbietet
Immer mehr Krankenkassen erkennen seelische Gesundheit als ein zentrales Thema. Kein Wunder: Psychische Erkrankungen verursachen laut Barmer-eigenem Gesundheitsreport inzwischen mehr Krankmeldungen. Vor etwa zwei Jahren stellte die Barmer fest: Viele junge Menschen reden auf Social Media relativ offen über ihre Probleme und psychischen Nöte. Doch es zeigte sich auch: Das Umfeld dieser jungen Menschen weiß trotz der neuen Offenheit oft nicht, wie es reagieren soll, wenn jemand erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung zeigt. „Die Menschen in Deutschland wissen halbwegs über körperliche Erste Hilfe Bescheid: Herzdruckmassage, stabile Seitenlage, das hat jeder schon mal gehört“, sagt Axel Müller, Teamleiter Marketing bei der Barmer und Initiator der Kampagne „Mental Health“. „Aber wenn es um psychische Erste Hilfe geht, sind die meisten völlig überfordert.“
Bei 21,9 Prozent aller Fehlzeiten im Job sind psychische Erkrankungen der Grund.
Gemeinsam mit der Stiftung Deutsche Depressionshilfe entwickelte die Barmer deshalb einen kostenlosen Online-Erste-Hilfe-Kurs für mentale Gesundheit. Außerdem startete die Barmer eine Kampagne, um das Thema Mental Health bekannter zu machen. Das Ergebnis: 43 Millionen Kontakte allein auf TikTok im Kampagnenzeitraum. Influencer wie Sänger Christian Durstewitz und eben auch Podcaster Aaron Breyer erzählten dabei über ihre Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen und einschneidenden Lebensereignissen. „Junge Menschen, betroffen oder nicht, erleben so Vorbilder, die sehr offen mit solchen Themen umgehen. Das hat ermutigende Effekte und holt psychische Erkrankungen wie Depressionen mehr ins Licht“, so Müller.
Die Kampagne wuchs schnell über TikTok hinaus. Und der Barmer ging es zunehmend darum, Menschen nicht nur anonym im Netz zu erreichen, sondern ihnen auch persönlich zu begegnen. „Wir wollten irgendwann echte Begegnungen schaffen“, sagt Müller. Deshalb entwickelte die Barmer sogenannte Mental Health Salons, in denen sich die Creator, Fachleute für Psychotherapie und Betroffene in geschütztem Rahmen zum Reden treffen. In Stuttgart und Hamburg gastierte der Salon bereits. Aaron Breyer war bei einem Salon dabei, zeigte den Teilnehmenden in einer Breathwork-Session Atemübungen zur Stressregulation. „Breathwork hilft mir, wenn mal alles zu viel oder es im Alltag stressig wird“, erzählt er. Zukünftig soll es weitere Veranstaltungen geben und auch Schulen und Firmenpartner stärker mit ins Boot geholt werden.
Geschlechtersensible Medizin: warum sie Leben retten kann
Depressionen sind gut behandelbar, wenn man sie rechtzeitig erkennt. Genau hier setzt geschlechtersensible Medizin an: Sie hilft zu verstehen, dass sich Krankheitsverläufe bei Frauen und Männern unterscheiden können, ohne Menschen in stereotype Schubladen zu stecken. Wer weiß, dass sich eine Depression bei Männern eher in Reizbarkeit oder begleitend in Rückenschmerz zeigt als in Traurigkeit und Tränen, schaut früher hin, bei sich selbst und im eigenen Umfeld. Und das kann am Ende tatsächlich Leben retten.
Und was half Aaron Breyer dabei, die Depression zu überwinden? Vor allem drei Dinge: Sport, therapeutische Gespräche und die Entscheidung, seinen Job zu kündigen. „Ab da habe ich wirklich Woche für Woche gemerkt, dass es mir besser geht“, sagt er. Auch seine morgendlichen Läufe haben ihm Stabilität gegeben: „Jeder Schritt, den ich morgens gelaufen bin und bis heute laufe, bedeutet für mich: Ich bin nicht meine Gedanken, ich bin nicht meine Gefühle.“ Ganz vorbei ist die Krise trotzdem nicht: „Es kommt in Wellen. Ich habe immer noch die Tage, wo ich aufwache und genau wieder in dem Gefühl der Leere und Trostlosigkeit bin, in dem ich damals war.“ Was sich verändert hat, ist sein Umgang damit. Früher sei er vor unangenehmen Gefühlen weggelaufen, sagt er, heute nehme er sich den Raum, sie auszuhalten. Schritt für Schritt, in einem Leben, das inzwischen wirklich seins ist.
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