Eine Hand hält ein aus Pappe gefaltetes Herz in die Kamera.
Gendermedizin

Warum Frauen im Falle eines Herzinfarktes häufiger sterben als Männer

Lesedauer unter 8 Minuten

Redaktion

  • Tina Heinz (TAKEPART Media + Science GmbH)

Qualitätssicherung

  • Verena Dost (Diplom-Biologin)
  • Dr. med. Martin Waitz (Arzt, medproduction GmbH)

Fallen Frauen in Ohnmacht, denkt kaum jemand, dass ein Herzstillstand dahinterstecken könnte. Dieser kann jedoch die dramatische Folge eines Herzinfarktes sein, den nicht nur ältere Menschen erleiden können. Viele halten Herzinfarkte außerdem für eine „Männerkrankheit“. Doch auch junge Frauen sind betroffen. Diese Fehleinschätzung hat gefährliche Konsequenzen: Frauen werden seltener wiederbelebt als Männer – und sie sterben dadurch häufiger an einem Herzinfarkt.

In Deutschland sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit vier von zehn Fällen die häufigste Todesursache bei Frauen. Ob ein Herzinfarkt, Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen: Meistens unterschätzen Frauen ihr eigenes Risiko. Bei Symptomen wie Abgeschlagenheit, Übelkeit, oder Schulter- und Nackenschmerzen denken viele eher an StressMigräne oder eine Magenverstimmung. Auch Ärztinnen und Ärzte erkennen die Symptome für einen Herzinfarkt bei Frauen seltener als bei Männern.

Die Gendermedizin befasst sich mit dem Einfluss von Geschlecht auf Erkrankungen, medizinische Behandlung und Präventionsmaßnahmen. In den letzten Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermehrt die Unterschiede zwischen Männern und Frauen erforscht – auch in Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Erkenntnisse dieser Studien sind aber noch nicht in unser aller Bewusstsein angekommen. Und teilweise hat es dieses wichtige Wissen auch noch nicht in die medizinische Praxis geschafft.

Umso entscheidender ist eine umfassende Aufklärung:

  • Worauf müssen gerade Frauen achten?
  • Bei welchen Symptomen brauchen sie einen Rettungswagen?
  • Wie sehen diese geschlechtsspezifischen Unterschiede aus, die sich auf Risikofaktoren, Diagnose und Behandlung auswirken?

Insgesamt gilt: Ungleichbehandlung kann Leben retten!

Herzinfarkt – eine häufige Todesursache von Frauen

Eigentlich haben Frauen seltener Herzinfarkte als Männer. Im Jahr 2019 waren Herzinfarkte bei Frauen für 4 von 100 Todesfällen verantwortlich. Bei Männern waren es knapp 6 von 100. Aus dem Herzinfarktregister geht aber hervor, dass Herzinfarkte bei Frauen häufiger tödlich verlaufen als bei Männern. Das gilt auch für die Sterblichkeit im akuten Notfall. Es versterben mehr Frauen als Männer an einem Herzinfarkt bevor sie das Krankenhaus erreichen.

Aber wie kommt es zu diesen Unterschieden? Warum ist es für Frauen wahrscheinlicher, an einem Herzinfarkt zu sterben?

Ein höheres Herzinfarktrisiko entsteht für Frauen durch die Menopause

Bevor Frauen in die Wechseljahre (Menopause) kommen, sind sie – was Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrifft – gegenüber Männern im Vorteil: Ihr Herzinfarktrisiko ist durch ihren Hormonspiegel geringer als das gleichaltriger Männer. Die weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene) haben Einfluss auf verschiedene Stoffwechselprozesse im Körper und wirken zum Beispiel erweiternd auf die Blutgefäße. So sind Frauen besser vor Gefäßablagerungen geschützt, die zu Herzinfarkten führen können.

Mit den Wechseljahren nimmt jedoch der Hormonspiegel ab – und damit auch die Schutzwirkung. Eine Hormonersatztherapie kann diesen Nachteil nicht ausgleichen, wie Studien gezeigt haben. Nach den Wechseljahren steigt das Risiko für einen Herzinfarkt bei Frauen schneller an als bei gleichaltrigen Männern. Die individuelle Herzinfarktwahrscheinlichkeit hängt allerdings noch von vielen weiteren Faktoren ab wie z. B. dem Alter und den Blutfettwerten.

Alles in allem haben Männer und Frauen im Laufe ihres Lebens ein vergleichbares Risiko für eine koronare Herzkrankheit. Bei dieser sind die Gefäße am Herzen (Herzkranzgefäße oder Koronararterien) durch Ablagerungen verengt. Körperliche Anstrengung kann dann Brustschmerzen und Kurzatmigkeit auslösen (z. B. Angina Pectoris). Wenn sich ein Herzkranzgefäß verengt, wird der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Verschließt sich das Herzkranzgefäß plötzlich ganz, wird der Blutfluss unterbrochen und es kann zu einem Herzinfarkt kommen. Auch ein Thrombus (Blutgerinnsel) kann bei einer koronaren Herzkrankheit unter anderem zu einem Herzinfarkt führen. Bei Männern beginnt die Erkrankung häufig schon zwischen 60 und 70, bei Frauen meist erst mit über 70 Jahren. Eine mögliche Ursache dafür, dass Frauen häufiger an einem Herzinfarkt sterben, könnte demnach auch sein, dass sie durchschnittlich älter sind, wenn sie einen Herzinfarkt haben.

Herzinfarktsymptome äußern sich bei Frauen oft anders als bei Männern

Herzinfarkt - diese Symptome haben Frauen häufiger

Atemnot, Rückenschmerzen und kalter Schweiß sind drei typische Symptome, die bei Frauen mit Herzinfarkt häufiger vorkommen als bei Männern. 

Bei einem Herzinfarkt denken wir oft an einen Mann, der sich plötzlich wegen eines stechenden Schmerzes an die Brust fasst. Der klassische Brustschmerz, der auch in die Arme ziehen kann, ist bei allen Geschlechtern ein mögliches Anzeichen für einen Herzinfarkt. Bei Frauen und älteren Menschen kann der Schmerz jedoch weniger stark sein. Um im Falle eines Herzinfarkts schnell reagieren zu können, sollte jeder Mensch die möglichen Symptome kennen und deuten können. Dabei besonders wichtig: Die Anzeichen für einen Herzinfarkt können sich bei Frauen und Männern unterscheiden.

Frauen zeigen bei einem Herzinfarkt häufiger als Männer Symptome, die unspezifisch wirken.

Zu den typischen Anzeichen für einen Herzinfarkt bei Frauen gehören:

  • Engegefühl in der Brust
  • Schmerzen im Oberbauch
  • Übelkeit mit Erbrechen
  • Müdigkeit beziehungsweise Schwäche
  • Kiefer-, Nacken- oder Halsschmerzen
  • Rückenschmerzen
  • starke Kurzatmigkeit, Atemnot
  • Benommenheit
  • Schweißausbrüche
  • Schmerzen oder Ziehen in einem oder beiden Armen

Der typische Brustschmerz dagegen kann ganz ausbleiben. Werden die vorherrschenden Symptome falsch interpretiert, etwa als Rücken- oder Magenprobleme, kann es für eine Frau mit Herzinfarkt lebensgefährlich werden. Bei einem sogenannten „stummen Herzinfarkt“ treten sogar überhaupt keine Symptome auf, dies kann bei Frauen und Männern vorkommen.

Keine Scheu vor falschem Alarm – lieber auf Nummer sicher gehen

Ein Herzinfarkt ist ein medizinischer Notfall. Dabei zählt jede Minute. Je länger es dauert, bis der Infarkt behandelt wird, desto mehr Herzmuskelzellen können absterben. Zudem besteht die Gefahr, dass Herzrhythmusstörungen auftreten, die innerhalb weniger Minuten zum plötzlichen Herztod führen können. Studien haben gezeigt: Von dem Moment an, in dem ein Mensch die ersten Symptome bemerkt, bis zur Einlieferung ins Krankenhaus vergeht die meiste Zeit mit Überlegungen, ob überhaupt medizinische Hilfe nötig ist. Bemerken Sie oder jemand in Ihrem Umfeld die (oder einige der) oben beschriebenen Symptome, zögern Sie also nicht, sofort den Notarzt unter 112 zu rufen.

Männer mit Herzinfarktsymptomen rufen durchschnittlich nach 80 Minuten den Rettungswagen. Frauen warten rund 108 Minuten – beinahe eine halbe Stunde länger. Nicht nur das Geschlecht, auch das Alter beeinflusst, wie schnell der Notruf gewählt wird.

Expertinnen und Experten vermuten, dass gerade ältere Frauen bei Herzinfarktsymptomen zögern, den Notruf zu wählen, weil sie keine unnötigen Umstände bereiten wollen. Im Zweifel warten viele lieber ab, ob die Schmerzen nicht von allein verschwinden – und lassen so wichtige Minuten oder gar Stunden verstreichen. Bei Frauen über 65 Jahren vergeht im Vergleich zu anderen Menschen besonders viel Zeit, bis sie mit einem Herzinfarkt in der Notaufnahme ankommen.

  • Laut einer Studie des Helmholtz Zentrums München dauert es durchschnittlich viereinhalb Stunden, bis ältere Patientinnen in der Notaufnahme eintreffen.
  • Bei über 65-jährigen Männern geht es rund eine Stunde schneller.
  • Bei jüngeren Frauen dauert es im Schnitt zweieinhalb Stunden, bis sie nach einem Herzinfarkt die Klinik erreichen, bei jüngeren Männern sind es gut drei Stunden.

Ariane Alter über Ungleichbehandlung

Je mehr Menschen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die geschlechtsspezifischen Anzeichen für einen Herzinfarkt wissen, desto größer ist die Chance von Frauen, im Ernstfall rechtzeitig Hilfe zu bekommen. Menschen, deren Symptome nicht so dramatisch sind, wie sie sich einen Herzinfarkt vorstellen, wählen seltener den Notruf. Sie werden im Vergleich zu Menschen, deren Symptome sich mit ihren Erwartungen decken, dementsprechend später im Krankenhaus behandelt.

Was tun bei Verdacht auf Herzinfarkt?

Bei starken Schmerzen in der Brust wissen viele Menschen, dass sie schnellstmöglich Hilfe rufen müssen. Tatsächlich können Herzinfarkte bei Frauen und Männern aber unterschiedlich starke Beschwerden und diffuse Schmerzen hervorrufen: Was also, wenn die Anzeichen weniger eindeutig und stark sind, als man bei einem Herzinfarkt erwarten würde?

Auch wenn Sie bei diffusen Schmerzen nicht sicher sind, ob es sich um Symptome handelt, die auf einen Herzinfarkt hindeuten: Rufen Sie den Notruf unter 112 an. Je mehr Zeit verstreicht, desto größer ist die Gefahr eines Herzstillstands oder bleibender Folgeschäden wie einer Herzschwäche.

Werden Frauen bei Herzinfarkt anders behandelt als Männer?

Kommen Frauen mit Verdacht auf einen Herzinfarkt ins Krankenhaus, werden sie in der Regel genauso behandelt wie Männer. Handelt es sich tatsächlich um einen Herzinfarkt, wird die Sauerstoffversorgung des Herzmuskels so schnell wie möglich wiederhergestellt. Aber: Für junge Frauen ist die Wahrscheinlichkeit, trotz erfolgreicher Behandlung in den folgenden elf Jahren nach dem Klinikaufenthalt zu sterben, mehr als doppelt so hoch wie bei Männern.

Bei Frauen kann es schwieriger sein, einen Herzinfarkt zu diagnostizieren. Bei jüngeren Frauen ist das Risiko einer Fehldiagnose besonders hoch. Das Geschlecht kann auch beeinflussen, wie Medikamente im Körper wirken

Risikofaktoren für Herzinfarkte kennen und vorbeugen

Einem Herzinfarkt geht meistens eine koronare Herzkrankheit voraus. Damit verbunden sind Ablagerungen in den Gefäßen (Arteriosklerose), die aus verschiedenen Gründen entstehen können. Die Risikofaktoren sind teilweise vom Geschlecht unabhängig, teilweise wirken sie bei Frauen und Männern unterschiedlich.

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Aufgrund ihres Hormonhaushalts spielt das Alter von Frauen eine Rolle für ihr persönliches Herzinfarktrisiko. Während das Risiko vor der Menopause niedriger ist als bei Männern, ist es danach erhöht – ganz besonders, wenn Frauen rauchen, Bluthochdruck oder Diabetes mellitus haben. Doch auch junge Frauen können einen Herzinfarkt erleiden. 

Die wichtigsten Risikofaktoren für einen Herzinfarkt bei Frauen:

  • Diabetes: Das Risiko für einen Herzinfarkt ist bei Frauen mit Diabetes vor der Menopause um das Sechsfache erhöht. Nach der Menopause liegt es noch höher. (Zum Vergleich: Bei männlichen Diabetikern steigt das Herzinfarktrisiko um das Zwei- bis Vierfache.)
  • Rauchen: Eine repräsentative britische Studie fand heraus, dass Raucherinnen zwischen 50 und 64 ein beinahe zehnmal so hohes Herzinfarktrisiko haben wie Nichtraucherinnen. (Bei Männern erhöht Rauchen das Herzinfarktrisiko um das 4,5-fache.) Bei rauchenden Frauen zwischen 18 und 49 ist die Gefahr eines Herzinfarkts um 13,2 mal größer als bei gleichaltrigen Frauen, die nicht rauchen. Nehmen Raucherinnen gleichzeitig hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille ein, erhöht sich ihr Herzinfarktrisiko im Vergleich zu Nichtraucherinnen weiter.
  • Stress: Menschen mit viel Stress haben ebenfalls ein höheres Risiko für eine koronare Herzkrankheit. Frauen und Männer verarbeiten Stress häufig unterschiedlich. Während viele Frauen Probleme in ihren sozialen Beziehungen als belastend empfinden, erhöht bei Männern eher der anhaltende Leistungsdruck im Beruf das Risiko für Herzerkrankungen. Solche Belastungen können bei beiden Geschlechtern auch psychische Erkrankungen begünstigen.

Weitere Risikofaktoren sind z. B. Bluthochdruck, Übergewicht und Bewegungsmangel. Es ist wichtig, die eigenen Risikofaktoren zu kennen. Um Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes mellitus früh erkennen und behandeln zu können, sollten Menschen über 40 Jahren regelmäßig einen Check-up durchführen lassen. Ab 35 Jahren werden die Kosten dieser Früherkennungsuntersuchung alle drei Jahre von der Barmer übernommen.

Für alle Geschlechter gilt: Regelmäßige Bewegung und eine gesunde Ernährung sind sehr wirksame Möglichkeiten, um Herzproblemen vorzubeugen. Das Rauchen bedeutet ein unnötiges Risiko. Wir helfen Ihnen beim Start in ein rauchfreies Leben.

Literatur und weiterführende Informationen

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