Psychische Gesundheit

Extrovertiert, introvertiert: Was bedeutet das?

Lesedauer unter 9 Minuten
Zwei fröhliche junge Frauen an einem Laptop in einem Cafe

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Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dirk Weller (Diplom-Psychologe)
Inhaltsverzeichnis

Die Extraversion ist, so sagt die Psychologie, eine von fünf Grunddimensionen der menschlichen Persönlichkeit. Doch was bedeutet das genau? Und wie kann man herausfinden, ob man ein extrovertierter Mensch ist?

Konferenz hier, Meeting da, Teamprojekt nach Teamprojekt – gute Kommunikation ist dabei selbstverständlich und der Plausch in der Kaffeeküche irgendwie auch. Auf dem Heimweg noch ein freundlicher Schwatz mit dem Nachbarn und abends was Geselliges mit Freunden – Bowling oder Restaurant vielleicht. Klingt nach einem ausgefüllten Leben und vielen sozialen Kontakten. Wer das lieber anders macht – wer lieber konzentriert und am liebsten allein arbeitet und seine Abende gern lesend oder fernsehend verbringt, wer nicht auf Small Talk sondern eher auf ausführliche, tiefe Gespräche steht – der läuft unter Umständen Gefahr, negativ aufzufallen. Denn die Gesellschaft liebt, in vieler Hinsicht, die Extravertierten.

Doch was bedeutet es eigentlich, extrovertiert zu sein? Wann ist jemand extrovertiert, wann eher introvertiert? Wovon hängt das ab? Was bedeutet das fürs Leben? Und kann man, wenn man das möchte, seine Persönlichkeit ändern? Und wie heißt es denn laut Definition überhaupt richtig: extra- oder extrovertiert?

Wie denn jetzt: Extraversion oder Extroversion?
Wie heißt es denn jetzt eigentlich richtig: Extraversion oder Extroversion? Klare Antwort: Die Extraversion ist richtig. „Extroversion“ gibt es nicht. Aber aufgepasst: Extrovertiert können Menschen wiederum sein. Genauso wie extravertiert – hier erlaubt der Duden beide Schreibweisen.

Persönlichkeit in fünf Dimensionen

Extraversion geht als psychologisches Konzept ursprünglich auf den Psychoanalytiker C. G. Jung zurück. Es wurde später von anderen Forschern weitergeführt; schließlich wurde die Extraversion eine von fünf verschiedenen Persönlichkeitsdimensionen im Fünf-Faktoren-Modell. Das Modell haben US-Forscher vor beinahe 100 Jahren entwickelt und noch heute benutzen Psychologinnen und Psychologen es, wenn sie die Persönlichkeit von Menschen messen wollen. Die Introversion ist in dem Modell der Gegenpol zur Dimension „Extraversion“. Wer also auf der Extraversions-Skala besonders niedrig punktet, hat automatisch einen hohen Introversionswert. Die meisten Menschen liegen eher im mittleren Bereich – sie sind weder besonders extrovertiert noch auffallend introvertiert und können sich situationsbedingt gut anpassen. Einige Psychologen sprechen hier von der Ambiversion – ein wissenschaftlich untersuchtes Konstrukt ist das allerdings nicht.

Neben der Extraversion sind die weiteren vier Persönlichkeitsfaktoren im Big Five-Modell:

  • Offenheit für Erfahrungen (wie einfallsreich, neugierig ist jemand und wie gern mag er oder sie Abwechslung)
  • Gewissenhaftigkeit (wie zielstrebig, genau, pflichtbewusst ist jemand)
  • Verträglichkeit (wie rücksichtsvoll, kooperativ, empathisch ist jemand)
  • Neurotizismus (wie emotional labil, verletzlich ist jemand)

Aktiv und dominant oder ernst und distanziert?

Als extrovertiert gelten Menschen, die besonders aktiv und gesellig und außerdem noch herzlich und fröhlich sind. Auch abenteuerlustig sind sie. Und dominant – sie setzen sich also gut durch, bestimmen gern, was getan wird und was nicht. Introvertierte Personen wirken hingegen eher ruhig, bedacht und ernst, sie halten sich lieber zurück und treten distanziert auf. Viele reagieren auf äußere Einflüsse besonders empfindsam, direkten Konflikten gehen sie oftmals eher aus dem Weg oder geben schneller nach.

Ob jemand eher extrovertiert oder introvertiert wird, das ist zu einem gewissen Teil genetisch bestimmt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schätzen den Anteil, den die Gene ausmachen, auf etwa 50 Prozent. Der zweite Faktor sind Umwelteinflüsse, also all die Erfahrungen, die man im Leben so macht. Doch Gene und Umwelt beeinflussen sich auch gegenseitig, weiß Wiebke Bleidorn, Professorin für Differenzielle Psychologie an der Universität Zürich. „Solche Gen-Umwelt-Interaktionen spielen bei der Extraversion eine große Rolle. Zum Beispiel hängt die Umwelt einer Person oft mit den Genen zusammen.“ Das muss man sich so vorstellen: Die genetische Veranlagung zur Extraversion kommt von den Eltern. Haben die zum Beispiel extrovertiertere Gene, sind sie einfach extrovertierter als andere. Sie verreisen vielleicht öfter, gehen gern aus oder laden häufig Freunde ein. Ihre Kinder werden in dieser die Extraversion fördernden Umwelt groß. Es handelt sich dabei dann also um Umwelteinflüsse, die aber durch die Gene – der Eltern – mitbestimmt sind.

Extraversion lässt sich im Gesicht ablesen

„Dazu kommt, dass man Extraversion gut im Gesicht ablesen kann. Wenn jemand ohnehin schon extravertiert ist, viel lächelt und gern offen auf andere zugeht, dann reagieren die anderen auch viel positiver auf ihn, was das Verhalten wiederum verstärkt“, sagt Bleidorn. „Auch hier sind der initiale Auslöser die Gene. Aber die Umwelt wirkt dann zusammen mit den Genen.“ Über die Zeit wüchsen sich der Gen-Umwelt-Mix und die dynamischen Interaktionen, die sich daraus ergeben, zu einer Extraversion aus, die die Leute dann haben.

Stimmt es denn, dass Extravertierte in unserer Gesellschaft besser zurechtkommen? „Wir sind in der Tat eine Gesellschaft, die eher auf Extravertierte fliegt. In den USA ist das noch ein bisschen stärker ausgeprägt, in manchen asiatischen Kulturen etwas weniger“, sagt Eva Asselmann, die Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Health and Medical University in Potsdam ist. „Aus sich herauszugehen, gesprächig und gesellig, witzig und unterhaltsam zu sein, gern im Mittelpunkt zu stehen, sich gut verkaufen zu können – das sind alles Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft sozial sehr erwünscht sind.“

Haben extrovertierte Menschen Vorteile?

Tatsächlich gibt es viele Studien, die zeigen, dass es sich gut auf allerlei Dinge auswirkt, wenn jemand eher extrovertiert ist. Im Beruf verkaufen sich Extravertierte besser, sie treten selbstbewusster auf und haben kein Problem damit, vor größeren Gruppen zu sprechen. Sie haben mehr Freunde, die ihnen auch mal zur Hilfe eilen können. Sie finden leichter einen Partner oder eine Partnerin. Ein Merkmal der Extraversion ist zudem der positive Affekt. Das bedeutet, Extravertierte erleben häufiger und stärker schöne Gefühle , sie sind insgesamt zufriedener und fühlen sich gesünder.

Doch Asselmann mahnt zum Augenmaß: „Es ist aber auch nicht so, dass Introversion etwas Schlechtes ist und man als introvertierter Mensch besonders mies dasteht. Es kommt immer auf die Situation an.“

Auch Introversion hat Vorzüge

Auch die Introversion kann ihre Vorteile haben. Sind in einem Team viele aktive Personen versammelt, die ständig Ideen haben und Vorschläge machen, dann ist es fürs Ergebnis besser, wenn die Führungskraft eher introvertiert ist und sich stärker zurückhält. Überhaupt fördern und unterstützen introvertierte Vorgesetzte ihre Mitarbeitenden stärker.

Im Studium schneiden Introvertierte besser ab als Extravertierte. Und jüngst haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Leipzig herausgefunden, dass Introvertierte die coronabedingten  Lockdown-Einschränkungen besser weggesteckt haben. Es kommt also, wie Asselmann sagt, immer auf die Situation an. Die Gesellschaft mag Extraversion bevorzugen – das heißt aber nicht, dass es nicht ausreichend Möglichkeiten für Introvertierte gäbe, ihre Fähigkeiten einzusetzen und zu glänzen.

Kann man seine Persönlichkeit verändern?

Nun soll es den einen oder die andere geben, der oder die dennoch ganz gern etwas an seinen Extraversionswerten verändern würde. Doch geht das? Kann man seine Persönlichkeit ändern und auf der Extraversions-Skala um den einen oder anderen Punkt Richtung Extra- oder Introversion wandern?

Lange Zeit gingen Psychologinnen und Psychologen davon aus, dass das nicht geht. Dass sich die Persönlichkeit über die Kindheit hinweg noch ein wenig einpendelt und dann für den Rest des Lebens stabil bleibt. Doch seit ein paar Jahren gerät dieser Glaube zunehmend ins Wanken. Inzwischen sind immer mehr davon überzeugt: Die Persönlichkeit verändert sich über das ganze Leben hinweg von allein. Andere der fünf Dimensionen, wie Gewissenhaftigkeit oder emotionale Stabilität, variieren zwar stärker als die Extraversion, bleiben aber auch nicht gleich. Vor allem im Alter von Mitte, Ende 20 tut sich was – da werden die Menschen im Durchschnitt etwas extrovertierter.

Die Persönlichkeit reift in den 20ern

„Wir nennen das das soziale Investitionsprinzip“, sagt die Berliner Forscherin Eva Asselmann. „Als junger Erwachsener meistert man besonders viele Lebensereignisse, nimmt neue soziale Rollen ein. Und diese Rollen gehen mit bestimmten Anforderungen einher, die die Persönlichkeit reifen lassen.“ Zum Beispiel läuft es so: Man zieht von zu Hause aus, steigt ins Berufsleben ein und hat vielleicht einen Partner, heiratet, bekommt ein Kind. Im Beruf muss man mal einen Vortrag halten, sich gegenüber den Team-Mitgliedern, Kunden oder Dienstleistern angemessen präsentieren. Man muss lernen, sich durchzusetzen – und das macht einen extrovertierter. Nach dieser Lebensphase mit ihren vielen Veränderungen tut sich dann im Durchschnitt nicht mehr so viel bei der Extraversion.

Studien zur Entwicklung von mehr Extraversion

Abgesehen von diesen nebenher stattfindenden Änderungen der Persönlichkeit gibt es mittlerweile mehr und mehr Studien, in denen die Forscher untersucht haben, ob man seine Persönlichkeit gezielt verändern kann. Kollegen und Kolleginnen von Wiebke Bleidorn an der Züricher Universität haben dazu gar ein digitales Programm entwickelt. In einer Studie testeten etwas mehr als 1.500 Personen die App für drei Monate. In dieser Zeit gab das Programm immer wieder Aufgaben vor, die die Teilnehmenden absolvieren mussten. Wer seine Extraversion erhöhen wollte, der musste zum Beispiel an einem Tag einen Fremden ansprechen oder am anderen Tag jemanden einladen.

„Das sind verhaltensorientierte Übungen“, erklärt die Psychologie-Professorin Bleidorn. „Die Annahme ist, dass sich das vorgegebene Verhalten – in diesem Fall extrovertiertes Verhalten – über die Zeit hinweg immer natürlicher anfühlt und man sich dann auch zunehmend häufiger so verhält, weil man denkt, dass es eine gute Erfahrung war – und nicht nur, weil es im Aufgabenheft steht.“ Nach und nach verinnerliche man das Verhalten, so die Idee, und nehme sich selbst als extrovertierter wahr. Und es funktionierte: Die Studienteilnehmer, die extrovertierter werden wollten, steigerten ihren Wert im Schnitt um 0,3 Punkte auf der von 0 bis 5 reichenden Skala. Was allerdings noch unklar ist: Ob der Effekt langfristig anhält oder die Versuchsteilnehmer nach einem Jahr bereits wieder so introvertiert wie zuvor sind.

Was ist mit mehr Introversion?
Man muss dazu sagen, dass in der allgemeinen Bevölkerung die allermeisten Menschen recht zufrieden mit ihrer Extraversions-Ausprägung sind. Bei anderen Persönlichkeitseigenschaften ist das anders: die meisten Menschen wären gerne ein wenig gewissenhafter oder emotional stabiler. Wer aber doch etwas an seinen Extraversionswerten ändern möchte, der möchte in den allermeisten Fällen extrovertierter werden. Dass jemand gerne introvertierter werden würde, das gibt es nur ganz selten. Das zeigen auch die Zahlen der Züricher Forscher: 24,6 Prozent der Teilnehmer wollten gerne etwas extrovertierter werden. Introvertierter hingegen wollten nur 0,2 Prozent werden.

Was sich dagegen viele Menschen wünschen, unabhängig davon, ob sie extrovertiert oder introvertiert sind, ist mehr Ruhe, Achtsamkeit, Gelassenheit und Fokus auf das Jetzt und Hier. Das sind Fähigkeiten und Gewohnheiten, von denen alle Persönlichkeiten profitieren können und die sich sehr gut trainieren lassen, zum Beispiel mit unserem kostenlosen Meditationsguide oder der 7Mind-App.

Die Frage, ob man extrovertierter werden kann, wenn man das möchte, werden Forscher also erst in einigen Jahren und nach weiteren Studien mit Sicherheit beantworten können. Bis dahin sollten sich all jene, die an ihrer Persönlichkeit schrauben wollen, fragen: Warum wollen sie das eigentlich? Und ist es nicht vielleicht angenehmer, das eigene Leben an der Persönlichkeit auszurichten als umgekehrt?

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