Ein erwachsenes Paar umarmt sich an einem Feldweg
Ungleich gesund

Schilddrüse bei Frauen und Männern: was Daten zeigen

Lesedauer weniger als 11 Min
Redaktion:
Kathrin Schwarze-Reiter (Wissenschaftsjournalistin, Nerdpol – Redaktionsagentur für Medizin- und Wissenschaftsjournalismus)

Schilddrüsenerkrankungen: Zahlen im Überblick

Karussell mit 3 Elementen
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Viele unentdeckte Fälle

Schätzungsweise 20 Millionen Menschen in Deutschland haben eine vergrößerte oder knotig veränderte Schilddrüse. Eine ärztliche Diagnose haben rund 6,6 Millionen Menschen.
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Frauen deutlich häufiger betroffen

Bei einer Schilddrüsenunterfunktion liegt der Anteil betroffener Frauen bei knapp zwölf Prozent, bei Männern bei rund 3,5 Prozent.
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Auch für Männer relevant

Bei unerfülltem Kinderwunsch kann eine Schilddrüsenuntersuchung auch beim Mann sinnvoll sein. Der Zusammenhang ist bislang wenig bekannt.

Sie ist klein, schmetterlingsförmig – und hat einen erstaunlich großen Einfluss auf unser Leben: die Schilddrüse. Sie mischt bei Gewicht, Stimmung, Energie und Kinderwunsch kräftig mit. Doch Erkrankungen der Schilddrüse treffen Frauen und Männer unterschiedlich. Neue Daten der Barmer zeigen, wie groß diese Kluft wirklich ist und wann ein Gang zum Arzt oder zur Ärztin sinnvoll ist.

Die Schilddrüse ist ein wahres Wunderwerk: Sie wiegt bei Erwachsenen nur 18 bis 25 Gramm und liegt schmetterlingsförmig unterhalb des Kehlkopfs. Dort produziert sie lebenswichtige Hormone, indem sie Jod aus der Nahrung verwendet – sie selbst wird von der Hirnanhangsdrüse über ein Hormon namens TSH gesteuert. Doch die Schilddrüse ist ein empfindliches Organ: Durch Infektionen oder Umwelteinflüsse entstehen im Laufe des Lebens fast immer kleine Zysten, Vernarbungen oder Knoten. Mehr Spannendes zur Schilddrüse gibt es hier.

Schematische Darstellung des weiblichen Halsbereichs mit beschrifteter Schilddrüse (rot), dem Kehlkopf und der Luftröhre. Die schmetterlingsförmige Schilddrüse ist zwischen Kehlkopf und Luftröhre eingezeichnet. (Quelle: BARMER)

Die Schilddrüse ist ein wahres Wunderwerk: Sie wiegt bei Erwachsenen nur 18 bis 25 Gramm und liegt schmetterlingsförmig unterhalb des Kehlkopfs. Dort produziert sie lebenswichtige Hormone.

Vermutete und diagnostizierte Fälle: eine erhebliche Differenz

Fachleute schätzen, dass rund 20 Millionen Menschen in Deutschland eine vergrößerte oder knotig veränderte Schilddrüse haben. Diagnostiziert wird sie aber nur bei 6,6 Millionen, Tendenz steigend – das zeigen exklusive Barmer Daten. Dies bedeutet: 13 Millionen Menschen sind nicht diagnostiziert.

Dieses Portraifoto zeigt Dr. Utta Petzold, Dermatologin

Dr. Utta Petzold, Dermatologin

Ein Hinweis auf eine Versorgungslücke? Dr. Utta Petzold, Fachärztin bei der Barmer, beruhigt: „Die zunehmende Nutzung und technische Weiterentwicklung der Ultraschalluntersuchung führt zu einer höheren Anzahl von entdeckten Schilddrüsenknoten – doch eine gefundene Veränderung ist noch lange keine Krankheit.“

Studien lassen vermuten, dass bei jedem zweiten Erwachsenen Schilddrüsenknoten vorliegen. In den allermeisten Fällen handelt es sich um harmlose Zysten oder unbedeutende Gewebeveränderungen. Viele Knoten und kleine Vergrößerungen verursachen keine Beschwerden und erfordern deshalb auch keine Behandlung.

Warum Frauen deutlich häufiger betroffen sind

Die Barmer Daten sprechen eine klare Sprache: Von der Struma, umgangssprachlich Kropf genannt, also einer Vergrößerung der Schilddrüse ohne bösartige Ursache, sind 11,43 Prozent der Frauen betroffen, aber nur 4,26 Prozent der Männer. Bei der Unterfunktion sieht es ähnlich aus: 11,97 Prozent der Frauen stehen 3,52 Prozent der Männer gegenüber. Und mit dem Alter geht die Schere noch weiter auseinander: Ab 70 bekommt fast jede fünfte Frau eine ärztliche Diagnose zu einer Schilddrüsenveränderung. Bei den Männern ist es nicht mal jeder 15.

Balkendiagramm (BARMER, Daten 2024): Anteil ambulant behandelter Personen mit Schilddrüsenerkrankung. Schilddrüsenv ergrößerung (Struma): Frauen 11,43 %, Männer 4,26 %. Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose): Frauen 11,97 %, Männer 3,52 %. Frauen sind in beiden Kategorien etwa dreimal so häufig betroffen wie Männer.

Frauen sind bei bestimmten Schilddrüsenerkrankungen dreimal so häufig betroffen wie Männer.

Woran liegt das? „Der Grund ist das Immunsystem: Frauen neigen stärker zu Autoimmunerkrankungen. Ein Grund dafür ist das Hormon Östrogen“, sagt Prof. Dr. Ernst von Dobschütz, Chefarzt des Zentrums für Endokrine Chirurgie und Ärztlicher Direktor am Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus in Hamburg.

Portraifoto Prof. Dr. Ernst von Dobschütz

Prof. Dr. Ernst von Dobschütz, Chefarzt des Zentrums für Endokrine Chirurgie und Ärztlicher Direktor am Evangelischen Amalie Sieveking Krankenhaus in Hamburg

„Die Schilddrüse gehört daher zu den bevorzugten Angriffszielen des eigenen Abwehrsystems.“ Und so betreffen 80 Prozent aller Autoimmunerkrankungen Frauen. Auch bei Knoten, die durch Jodmangel entstehen, sind Frauen drei- bis fünfmal häufiger betroffen als Männer. Vermutlich spielen dabei ebenfalls erbliche Faktoren eine Rolle, die aber noch nicht vollständig erforscht sind.

Doch für Frauen kann eine gestörte Schilddrüsenfunktion weitreichende Folgen haben. Dr. Utta Petzold weist auf ein erhöhtes Risiko für Komplikationen bei Mutter und Kind hin, wenn während der Schwangerschaft eine Schilddrüsenunterfunktion vorliegt. Nach den Wechseljahren drohen bei einer Überfunktion Osteoporose – eine chronische Erkrankung, bei der die Knochenmasse und -dichte abnehmen, wodurch die Knochen porös und bruchgefährdet werden – und Knochenbrüche.

Kein Wunder also, dass Ärztinnen und Ärzte bei Frauen in bestimmten Lebensphasen genauer hinschauen als bei Männern. Daher ist schon früh – im Jugendalter – eine Untersuchung der Schilddrüse wichtig. Die Barmer bietet diese im Rahmen der Jugenduntersuchung J1 zwischen dem zwölften und 14. Lebensjahr an.

Schilddrüse und Kinderwunsch: relevant für beide Partner

Was kaum jemand weiß: Auch Männer sollten an ihre Schilddrüse denken, wenn sie einen Kinderwunsch haben. Eine Fehlfunktion könne die hormonelle Achse des Mannes durcheinanderbringen und könne die Spermienbildung ausbremsen, erklärt Hormonspezialist von Dobschütz. „Bei unerfülltem Kinderwunsch sollte eine Schilddrüsenkontrolle möglicherweise bei beiden Partnern angestrebt werden – auch wenn sie als Basisdiagnostik nur bei Frauen gefordert wird.“ In spezialisierten Kinderwunschzentren ist das längst Routine. „Doch immer noch wissen das viel zu wenige“, so von Dobschütz.

Auch die Datenlage stützt die Aussage des Experten, obwohl hier deutlich weniger geforscht wird als bei Schilddrüsenerkrankungen von Frauen. Petzold weist darauf hin: „Sowohl eine Unter- als auch eine Überfunktion der Schilddrüse können mit Erektionsproblemen oder Störungen beim Samenerguss einhergehen, ebenso mit schwächeren oder weniger beweglichen Spermien.“ Deshalb empfiehlt Petzold: „Bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, sollte auch beim Mann ein Blick auf die Schilddrüsenfunktion geworfen werden.“

Illustration eines Paares mit schwangerer Frau. Links: Empfehlungen für Frauen – Schilddrüsenfunktion vor der Schwangerschaft prüfen, Jodversorgung optimieren, bekannte Erkrankungen gut behandeln. Rechts: Empfehlung für Männer – Schilddrüsenfunktion bei unerfülltem Kinderwunsch oder auffälligem Spermogramm abklären. (Quelle: BARMER)

Auch Männer sollten an ihre Schilddrüse denken, wenn sie einen Kinderwunsch haben. Eine Fehlfunktion kann die hormonelle Achse des Mannes durcheinanderbringen und die Spermienbildung ausbremsen.

stellvertretende Vorstandsvorsitzende Simone Schwering, Barmer

"Frauen und Männer verdienen eine Medizin, die genau hinschaut. Bei der Schilddrüse zeigt sich das besonders deutlich: Frauen brauchen mehr Aufmerksamkeit in bestimmten Lebensphasen, Männer werden häufig zu spät in den Blick genommen. Geschlechtersensible Medizin heißt für uns, beides ernst zu nehmen, ohne in Aktionismus zu verfallen. Nicht mehr Diagnostik für alle, sondern die richtige Diagnostik für die, die sie wirklich brauchen. Denn Gesundheit erfordert einen individuellen Blick auf jeden Menschen."

Wechseljahre oder Schilddrüse? Eine sorgfältige Unterscheidung ist wichtig

Müdigkeit, schlechte Laune, das Gewicht verändert sich: Das klingt nach Wechseljahren, kann aber auch mit der Schilddrüse zusammenhängen. Viele Symptome ähneln sich erstaunlich. „Wer solche Beschwerden ärztlich abklären lässt, sollte deshalb zunächst prüfen lassen, ob die Schilddrüse eine Rolle spielt“, sagt von Dobschütz. „Erst danach lässt sich einordnen, was tatsächlich mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht werden kann.“

Auch Petzold rät bei anhaltenden, spürbaren Beschwerden zu einer strukturierten Abklärung statt zu schnellen Schlüssen: ein ausführliches Gespräch, ein Blick auf die Schilddrüsenwerte im Labor, bei Bedarf ein Ultraschall. Zeigt sich dabei nichts Auffälliges, lohnt sich der Blick in andere Richtungen, etwa auf die Psyche. Denn auch eine Depression kann die Ursache für Symptome wie Abgeschlagenheit oder Gewichtsveränderungen sein.

Individuelle Diagnostik statt pauschales Screening

Trotz der hohen Fallzahlen bei Schilddrüsenvergrößerungen raten beide Fachleute von einem pauschalen Screening ohne konkreten Anlass ab. Ein generelles Ultraschall-Screening der Schilddrüse in der Bevölkerung bringt mehr Unruhe als Nutzen, so von Dobschütz: „Es verunsichert und führt nicht selten zu Operationen, die im Nachhinein gar nicht nötig gewesen wären.“ Seine Erfahrung zeigt: Von den Knoten, die operativ entfernt werden könnten, sei am Ende gerade einmal jeder 15. tatsächlich bösartig. Die Betroffenen seien natürlich trotz OP froh über das positive Ergebnis.

Auch Petzold verweist auf die aktuelle Studienlage: Ein generelles TSH-Screening – eine Blutuntersuchung zur Bestimmung des Hormons TSH – bringe keinen Nutzen, selbst in der Schwangerschaft nicht. TSH ist der zentrale Steuerwert für die Schilddrüsenfunktion, ein einfacher Bluttest zeigt, ob die Werte im Normbereich liegen. Der allgemeine Labor-Normbereich liegt bei Erwachsenen üblicherweise zwischen 0,4 und 4,0 mU/l (Milli-Einheiten pro Liter).

Im Gegenteil, eine ungezielte Untersuchung würde deutlich häufiger zu einer Medikamentengabe führen, ohne dass dem ein entsprechender medizinischer Nutzen gegenüberstünde. Die Konsequenz ist eindeutig: nicht pauschal testen, sondern gezielt hinschauen, wenn tatsächlich Beschwerden bestehen oder besondere Lebensumstände wie Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Wechseljahre ein erhöhtes Risiko mit sich bringen. Wer keine Beschwerden hat, muss auch nicht routinemäßig zur Kontrolle.

Schemazeichnung der Schilddrüsenregulierung: Die Hirnanhangsdrüse (lila) stimuliert die Schilddrüse (rot), die daraufhin Hormone produziert, welche Körpergewicht, Stimmung, Körpertemperatur und Geschlechtsorgane beeinflussen. Eine Rückkopplung (Hemmung oder Stimulation) von der Schilddrüse zur Hirnanhangsdrüse schließt den Regelkreis ab. (Quelle: BARMER)

Die Hirnanhangsdrüse stimuliert die Schilddrüse, diese produziert Hormone, die sich auf Körpergewicht, Stimmung, Körpertemperatur und Geschlechtsorgane auswirken.

Aufmerksam bleiben, gezielt abklären lassen

Die gute Nachricht zum Schluss: Schilddrüsenerkrankungen gehören zwar zu den häufigsten hormonellen Erkrankungen in Deutschland, sie lassen sich jedoch in den meisten Fällen gut behandeln. Geschlechtersensible Medizin heißt hier nicht, alle vorsorglich zu screenen, aber eben auch nicht, bestimmte Gruppen aus dem Blick zu verlieren. „Es geht um den genauen Blick zur richtigen Zeit, angepasst an Lebensphase und tatsächliche Beschwerden“, sagt Barmer Expertin Petzold. Wer über längere Zeit mit Müdigkeit, ungewollten Gewichtsveränderungen oder Stimmungsschwankungen zu kämpfen hat, sollte das offen ansprechen, beim nächsten Arztbesuch oder gezielt in der Hausarztpraxis. Dort lässt sich in Ruhe klären, ob tatsächlich die Schilddrüse dahintersteckt.

Fünf Fragen an die Ärztin, Moderatorin und Bestsellerautorin Dr. Franziska Rubin

Warum fühlen sich Menschen krank, obwohl ihre Laborwerte unauffällig sind? Diese Frage hat Dr. Franziska Rubin nicht mehr losgelassen – bis daraus ein ganzes Buch wurde. Ein Gespräch über ein Organ, das viel mehr kann, als man denkt.

Was hat Sie am meisten überrascht, als Sie tiefer in das Thema Schilddrüse eingestiegen sind?

Portraifoto Dr. med. Franziska Rubin

Dr. med. Franziska Rubin ist Ärztin, Medizinjournalistin, Fernsehmoderatorin und mehrfache Bestsellerautorin

Wie weitreichend ihr Einfluss ist. Stoffwechsel, Kreislauf, Psyche, Fruchtbarkeit, sogar die Körpertemperatur, überall mischt die Schilddrüse mit. Gleichzeitig sind die Beschwerden so unspezifisch, dass sie leicht mit hundert anderen Dingen verwechselt werden. Und bei Hashimoto oder der Thyreoiditis de Quervain kommt erschwerend hinzu: Die Erkrankungen können phasenweise verlaufen, mal eine Überfunktion, später eine Unterfunktion. Ein einzelner Laborwert erzählt da nie die ganze Geschichte.

Viele Frauen schieben Müdigkeit lange auf Stress oder das Alter. Woran liegt das?

Zum einen daran, dass Müdigkeit wirklich viele Ursachen haben kann, das macht die Suche schwer. Zum anderen an einer gesellschaftlichen Komponente: Frauen sind es oft gewohnt, einfach zu funktionieren und eigene Beschwerden zurückzustellen. Wenn ihnen dann gesagt wird, das sei Stress oder eben das Alter, zweifeln manche eher an sich selbst, als weiter nach einer körperlichen Ursache zu suchen.

Was raten Sie Frauen, die sich bei der Ärztin oder beim Arzt nicht ernst genommen fühlen?

Der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, ohne sich selbst schon eine Diagnose zu stellen. Ein kurzes Symptomtagebuch hilft enorm: Seit wann bestehen die Beschwerden, wie oft treten sie auf, was verändert sich bei Gewicht, Puls, Schlaf oder Stimmung? Und ganz wichtig: Wer sich weiterhin nicht gehört fühlt, darf und sollte sich eine zweite Meinung holen, im Idealfall bei einer Endokrinologin oder einem Endokrinologen.

Werden Männer bei diesem Thema eher übersehen?

Ich würde nicht sagen, dass sie übersehen werden. Das eigentliche Problem: Die Schilddrüse gilt als Frauenthema. Weil Männer seltener betroffen sind, denkt aber bei ihnen erst mal niemand daran, auch sie selbst nicht. Erschöpfung oder Konzentrationsprobleme werden dann schnell anders erklärt. Entscheidend sollte jedoch nie das Geschlecht sein, sondern das Gesamtbild.

Ihre wichtigste Botschaft an die Leserinnen und Leser?

Veränderungen am eigenen Körper ernst nehmen, aber sich nicht selbst diagnostizieren. Die Schilddrüse ist klein, aber sie beeinflusst fast den ganzen Organismus und ihre Erkrankungen sind gut behandelbar, wenn man sie erkennt und richtig einordnet.

Dr. med. Franziska Rubin ist Ärztin, Medizinjournalistin, Fernsehmoderatorin und mehrfache Bestsellerautorin. Den meisten ist sie gut bekannt durch ihr Gesundheitsmagazin „Hauptsache gesund“, mittlerweile moderiert sie „Beste Hilfe aus der Natur“ und „True Stories – endlich gesund durch Naturheilkunde auf YouTube“. Ihr Podcast heißt NATÜRLICH HEILEN. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Zusammenspiel von Schulmedizin und Naturheilkunde. In ihrem Buch „Meine Gesundheitsretter aus der Natur für eine starke Schilddrüse“ beschreibt sie, wie sich Schilddrüsenbeschwerden, ergänzend zur ärztlichen Behandlung, mit pflanzlichen Mitteln, Ernährung und einfachen Alltagsroutinen lindern lassen (GU Verlag, 19,99 Euro).

Kommentar zum Thema von Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer

Expertin für geschlechtersensible Medizin, Leiterin der Arbeitsgruppe Cognition & Gender an der medizinischen Fakultät der Universität Münster: 

Warum Diagnose und Krankheitsverlauf bei der Schilddrüse vom Geschlecht abhängen

Portraifoto Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer

Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer, Expertin für geschlechtersensible Medizin, Leiterin der Arbeitsgruppe Cognition & Gender an der medizinischen Fakultät der Universität Münster

Bei Schilddrüsenerkrankungen zeigen sich tatsächliche biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern, die über die reine Häufigkeit hinausgehen. Bei Morbus Basedow – einer Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Antikörper bildet, die eine anhaltende Schilddrüsenüberfunktion auslösen – erkranken Männer im Schnitt fünf bis zehn Jahre später als Frauen. Ihr Krankheitsverlauf ist jedoch häufig schwerer: eine stärker vergrößerte Schilddrüse, eine ausgeprägtere Überfunktion und ein höheres Rückfallrisiko nach medikamentöser Therapie. Bei Schilddrüsenkrebs erkranken Frauen etwa dreimal so häufig wie Männer, doch Männer haben statistisch eine schlechtere Heilungsprognose. Und bei der Schilddrüsenunterfunktion berichten Frauen zwar über mehr und vielfältigere Symptome, ohne dass sich daraus jedoch verlässlich ableiten lässt, wie ausgeprägt die Unterfunktion im Blutbild tatsächlich ist.

Wir beobachten zudem sogenannte Zugangseffekte: Frauen lassen sich häufiger und früher untersuchen und werden öfter per Ultraschall kontrolliert. Dadurch werden bei ihnen auch kleine, klinisch irrelevante Veränderungen entdeckt, die eigentlich keiner Behandlung bedürfen, eine Form der Überdiagnose. Bei Männern hingegen fällt eine Schilddrüsenerkrankung häufig erst auf, wenn sie wegen eines anderen Anliegens in der Praxis sind, etwa wegen Herzrhythmusstörungen, erhöhter Blutfettwerte oder unerfüllten Kinderwunsches. Besonders unterschätzt wird der Zusammenhang zwischen Schilddrüsenunterfunktion und sexueller Gesundheit bei Männern: Libidoverlust oder Erektionsstörungen werden meist auf Alter, Beziehungsprobleme oder einen Testosteronmangel zurückgeführt, obwohl eine unbehandelte Schilddrüsenunterfunktion die Ursache sein kann. Deshalb wird empfohlen, vor Beginn einer Testosteron-Ersatztherapie grundsätzlich den TSH-Wert zu bestimmen.

Auch die Ursache dafür, dass Frauen deutlich häufiger an Autoimmunerkrankungen leiden, ist nach aktuellem Forschungsstand vor allem genetisch. Wichtige Steuergene für das Immunsystem liegen auf dem X-Chromosom. Frauen besitzen davon zwei, Männer nur eines. Eigentlich wird eines der beiden X-Chromosomen bei Frauen stillgelegt, damit nicht beide Chromosomen gleichzeitig aktiv sind. Das gelingt jedoch nicht immer vollständig, sodass Frauen von einigen dieser Gene eine höhere Dosis abbekommen und ihr Immunsystem entsprechend aktiver arbeitet. Hinzu kommt der Einfluss der Geschlechtshormone: Östrogen kurbelt das Immunsystem eher an, Testosteron bremst es eher.

Auch die Normwerte für TSH und Schilddrüsenhormone sind für Frauen und Männer fast gleich. Was ein bestimmter Wert bedeutet, hängt aber stark von der Lebensphase ab. Bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft gelten strengere Grenzen, weil hier schon kleine Abweichungen Folgen haben können. Nach den Wechseljahren kann eine zu stark behandelte Überfunktion das Risiko für brüchige Knochen erhöhen. Auch die Antibabypille oder eine Hormonersatztherapie können die gemessenen Werte im Blut verändern, ohne dass die Schilddrüse selbst krank ist.

  • Interview mit Prof. Dr. med. Ernst von Dobschütz, Chefarzt und Ärztlicher Direktor, Zentrum für Endokrine Chirurgie, Evangelisches Amalie Sieveking Krankenhaus Hamburg
  • Interview mit Dr. Utta Petzold, Barmer
  • Barmer / bifg – Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung (Abruf vom 28.08.2026): Arztreport 2024, Ambulante Diagnosen nach Top-ICD-10-Dreistellern

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