Anke Helle, Chefredakteurin der Zeitschrift "freundin"
Ungleich gesund

„Frauen sind anders krank“

Lesedauer weniger als 7 Min
Redaktion:
Kathrin Schwarze-Reiter (Wissenschaftsjournalistin, Nerdpol – Redaktionsagentur für Medizin- und Wissenschaftsjournalismus)

Anke Helle leitet seit sieben Jahren in einer Doppelspitze mit Mateja Mögel die Zeitschrift „freundin“ – Kooperationspartnerin für die Barmer Insights „Ungleich gesund“. Was das Duo in diesen sieben Jahren gelernt hat: wie sehr sich Frauen danach sehnen, wirklich auf sie und ihre Bedürfnisse zugeschnittene Informationen zum Thema Gesundheit zu bekommen. Denn die Wahrheit ist: Die Medizin hat Frauen viel zu lang nicht mitgedacht – mit gravierenden Folgen für Diagnosen, Therapien und Lebenserwartung. Ein Gespräch über blinde Flecken im Gesundheitssystem, falsche Vorbilder im Netz und warum das Thema Wechseljahre auch im Redaktionsalltag der „freundin“ eine Rolle spielt.

Frau Helle, Sie sagen, Medizin sei lange eigentlich Männermedizin gewesen. Woran machen Sie das fest?

Bis vor einigen Jahren galt in der medizinischen Forschung der männliche Körper als Norm. Frauen wurden aus klinischen Studien geradezu herausgehalten, unter anderem weil der weibliche Zyklus die Datenlage angeblich „verkompliziert“. Schöne Ausrede. Das Ergebnis: Diagnosekriterien, Medikamentendosierungen und Symptombeschreibungen, die eigentlich am Mann entwickelt wurden – aber für alle gelten sollen. Gehört hatte ich davon auch schon vor meiner Zeit bei „freundin“, aber als Chefredakteurin bei dem Frauenmagazin wurde es mir ganz bewusst, weil in fast jedem Artikel stand: „Bei Frauen läuft das anders, wird aber kaum erforscht.“ Je öfter ich das gelesen habe, desto mehr dachte ich: Das kann doch nicht wahr sein!

Hat diese Erkenntnis das Thema Gesundheit bei „freundin“ verändert?

Grundlegend. Früher dachten wir: Wir sind ja eine Frauenzeitschrift, da müssen wir auf das Cover nicht extra drauf schreiben, dass es z. B. um Herzgesundheit „für Frauen“ geht oder dass „Frauen anders krank werden“. Heute wissen wir: Doch, genau das müssen wir draufschreiben, weil Frauen danach suchen und es an vielen Stellen, selbst bei Frauenzeitschriften, nicht finden. Wir bringen jetzt zum zweiten Mal ein Sonderheft zum Thema Frauengesundheit heraus und stellen es explizit unter das Motto „Von Frauen für Frauen“ – mit großartigen Expertinnen wie Dr. Judith Bildau und Dr. Anne Fleck auf dem Cover. Ärztinnen und Frauen allgemein blicken anders auf Themen der Frauengesundheit und gehen anders damit um. Das darf und muss man betonen.

Heißt das im Umkehrschluss: Ein Großteil der gängigen Gesundheitsberichterstattung ist für Frauen schlicht unbrauchbar?

So pauschal kann man das nicht sagen. Aber viele Ratgebertexte, und auch wissenschaftliche Studien gehen von einem männlichen Probanden aus: von seinem Stoffwechsel, seinen Symptomen, seinem Körpergewicht. Wenn wir merken, dass eine Studie ausschließlich mit männlichen Probanden gearbeitet hat, dann suchen wir nach Alternativen. Und wenn es die nicht gibt, dann müssen wir diesen Hinweis in den Text aufnehmen. Das kostet Recherchezeit, aber alles andere wäre unseren Leserinnen gegenüber falsch.

Sie sagen, diese Ungleichbehandlung kostet im Zweifel Frauenleben. Warum so drastisch?

Weil es stimmt. Nehmen Sie den Herzinfarkt: Wenn Sie nicht wissen, dass Ihre Symptome, andere als die klassischen männlichen, trotzdem auf einen Herzinfarkt hindeuten können, weil Sie nur die „männliche Gebrauchsanweisung“ kennen, verlieren Sie womöglich entscheidende Zeit. Geschlechtersensible Medizin kann Leben retten, auch wenn das pathetisch klingt.

Merken Sie an den Reaktionen Ihrer Leserinnen, dass das Thema an Dringlichkeit gewinnt?

Sehr deutlich. Wir bekommen enorm viele Leserinnenbriefe von Frauen, die sehr gut informiert sind, sehr genau und kritisch lesen. Wir hatten neulich einen großen Artikel zu Rückenschmerzen, in dem es darum ging, dass die Ursache gerade bei Frauen häufig auch in der Psyche liegt. Darauf haben wir ungewöhnlich viele positive Reaktionen bekommen, weil die Leserinnen das Gefühl hatten: Endlich wird das mal anders gedacht – und uns geglaubt. Genau das Gleiche beim Thema Schlaf: Die weiblichen Hormone spielen da eine große Rolle, werden aber in den meisten Tipps außen vorgelassen.

Ein großes Thema bei Ihnen ist auch, wie Frauen lange gesund bleiben. Oder Longevity, wie man heute sagt.

Genau diesen Begriff benutzen wir ungern. Weil es so nach Trend klingt, nach Biohacking und Optimierung des eigenen Körpers. Dabei geht es doch in Wahrheit um etwas viel Wichtigeres: darum, was wir Frauen für uns tun können. Für unsere Gesundheit, unser Wohlergehen, dafür, dass es uns im Alltag langfristig besser geht. Es entsteht gerade bei Frauen ein ganz neues Bewusstsein für Prävention und dafür, wie wichtig es ist, dass wir auf uns und unseren Körper achten. Ja auch, dass wir in ihn und uns investieren. Viele Frauen haben bei ihren eigenen Müttern gesehen, was passiert, wenn man sich nicht um die Gesundheit kümmert. Erschöpfung ist ein riesiges Thema: Viele Frauen merken: Wenn ich so weitermache, geht das nicht mehr gut, gerade ab 40 – mit der Doppelbelastung aus Kindern, Job und oft auch pflegebedürftigen Eltern.

Erzeugt dieser Präventionsdiskurs nicht selbst neuen Druck?

Ja, wenn man es als absoluten Lifestyle propagiert, wie wir es zum Teil auf Social Media erleben, schon. Der Hauptjob von vielen Influencerinnen ist es, sich um ihren Körper zu kümmern. Solche Ansprüche sind doch für eine normale Frau nicht realistisch. Wir bei „freundin“ sehen unsere Aufgabe anders: Wir wollen zeigen, dass oft ganz schön wenig schon sehr viel bewegen kann. Und dass man nicht sein ganzes Leben optimieren und zig Tabletten schlucken muss, um gesund zu bleiben. Morgens ans offene Fenster treten, um durchzuatmen und echtes Sonnenlicht abzubekommen, kann ein kleines Ritual sein, das man durchhält und das guttut.

Das Problem ist auch, dass Frauen oft systematisch die eigene Kompetenz abgesprochen wird: in der Pubertät unzurechnungsfähig, in der Schwangerschaft „Brain Fog“, in den Wechseljahren nicht leistungsfähig.

Richtig. Im Zweifel fühlen sich Frauen dann auch noch schuldig, nach dem Motto: Hätte ich mehr trainiert, hätte ich vielleicht keine Osteoporose bekommen. Dabei ist Gesundheit unfassbar individuell. Manche kommen völlig unbeschwert durch die Wechseljahre, andere haben massive Probleme. Beides ist normal.

Apropos Wechseljahre: Das Thema wird immer präsenter, aber beschränkt sich meist nur auf das Privatleben. Sehen Sie das auch als Aufgabe für Unternehmen und Führungskräfte, zum Beispiel für Sie selbst?

Absolut, und zwar dringend. Über 60 Prozent der Frauen in den Wechseljahren reduzieren ihre Arbeitsstunden, wechseln den Job oder hören sogar ganz auf zu arbeiten. Die Zahl hat mich fassungslos gemacht. Wir haben ein Fachkräfteproblem und trotzdem spricht keiner darüber. Ich war auf einer Konferenz, als ich das erste Mal davon hörte. Am Montag danach haben Mateja und ich im Redaktionsmeeting gesagt: „Wir wussten zu wenig über dieses Thema. Das tut uns leid. Wenn ihr Wechseljahresbeschwerden habt und wir euch dabei unterstützen können, dann lasst es uns wissen.“ Egal was man tut – das Allerwichtigste, um Dinge zu verändern, ist immer noch: vorleben!

Die Wechseljahre gefährden die Leistungskraft im Beruf

Sehr wahrscheinlich stimmt dies nicht. Zwar geben gut zehn Prozent der Frauen zwischen 40 und 65 in Umfragen an, dass sie sich im Job auf jeden Fall gestresster fühlen – und dies auf die Wechseljahre zurückführen. Doch sieben Prozent empfinden es auch ganz klar so, dass die Wechseljahre dazu beigetragen haben, dass sie ihre Arbeit besser machen.

Ob die Veränderungen tatsächlich mit den Hormonen zusammenhängen oder mit anderen Faktoren, ist nicht wissenschaftlich untersucht. Der Stresspegel steigt beispielsweise ebenfalls häufig, weil wir im Job mit dem Alter mehr Verantwortung übernehmen oder Umstrukturierungen belasten. Und es kann zudem sein, dass man den Job besser macht, weil man einfach mit der Lebenserfahrung innerlich reifer wird und mehr Klarheit gewinnt.

Die Daten der Barmer zeigen auf jeden Fall: Frauen mit Wechseljahresbeschwerden fallen in der Zeit der Wechseljahre im Job nicht häufiger aus als Frauen ohne Wechseljahresbeschwerden. Das Vorurteil, dass Frauen wechseljahresbedingt im Job weniger leisten oder öfter krank sind, stimmt also nicht.

Prof. Dr. Mustapha Sayed

Prof. Dr. Mustapha Sayed, Leitung Corporate Health bei der Barmer

„Frauengesundheit in der Arbeitswelt endet nicht bei Fehlzeiten und Produktivität. Sie betrifft auch berufliche Identität, Teilhabe und die Frage, ob Frauen ihre beruflichen Potenziale über alle Lebensphasen hinweg entfalten können. Die Zukunft von Corporate Health wird deshalb auch davon abhängen, ob wir Gesundheit nicht nur geschlechtsneutral, sondern lebensphasen- und geschlechtersensibel denken und vor allem: ob wir die dafür notwendigen Maßnahmen wissenschaftlich evaluieren.“

Prof. Dr. Mustapha Sayed spricht über geschlechtersensible Gesundheit in der Arbeitswelt.

Prof. Dr. Mustapha Sayed spricht über geschlechtersensible Gesundheit in der Arbeitswelt.




Interview mit Anke Helle

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