Eine junge Frau mit Hut streckt ihre blau gefärbte Zunge raus
Medikamente

Methylenblau: Welche Wirkung hat es wirklich?

Lesedauer weniger als 8 Min

Redaktion:

Luciano Arslan (Medical Writer, Content Fleet GmbH)

Qualitätssicherung:

Dr. med. Carla Knobloch (Ärztin, Content Fleet GmbH)

Methylenblau: Drei Fakten zum blauen Farbstoff

Was ist Methylenblau?

Methylenblau ist ein im 19. Jahrhundert entwickelter, leuchtend blauer Farbstoff. Heute dient er etwa zur Behandlung von bestimmten Vergiftungen und zum Sichtbarmachen von Tumorgewebe.

Ist Methylenblau ein Wundermittel?

Im Netz wird es als „Gehirndoping“, Anti-Aging-Droge und Krebsschutz gefeiert, doch die Studienlage ist eher dünn. Viele Effekte zeigen sich bisher nur im Labor oder in Tierversuchen.

Ist Methylenblau gefährlich?

Methylenblau kann schwere Nebenwirkungen auslösen, besonders in Kombination mit bestimmten Medikamenten oder genetischen Defekten.

In den sozialen Medien zeigen sich immer häufiger Nutzerinnen und Nutzer mit auffällig blauer Zunge. Sie haben den Farbstoff Methylenblau eingenommen, ein angebliches Wundermittel. Seine Wirkung: Er soll unter anderem vor Krebs schützen, Konzentration und Gedächtnis verbessern und die Stimmung aufhellen. Aber stimmt das? Was ist Methylenblau und für was ist es gut? Was sind Nebenwirkungen? Und ist die Anwendung gar gefährlich?

Was ist Methylenblau?

Methylenblau ist ein leuchtend blauer Farbstoff, der erstmals im 19. Jahrhundert für die Färbung von Textilien genutzt wurde, aber bald darauf seinen Weg in die Medizin fand. Mittlerweile ist seine Anwendung in mehreren Fachbereichen etabliert. Heute wird er etwa eingesetzt, um Tumorgewebe während Operationen sichtbar zu machen oder bestimmte Vergiftungen zu behandeln. Methylenblau gilt als ein vielseitiges Werkzeug und zahlreiche Studien zu Krebs, Alzheimer und anderen neurodegenerativen Erkrankungen erforschen derzeit seine spannenden chemischen Eigenschaften. 

Ein Farbstoff mit Geschichte

Methylenblau ist ein synthetischer Farbstoff, der als dunkelgrünes Pulver vorliegt und sich beim Auflösen in Wasser tiefblau färbt. Entwickelt wurde er 1876 eigentlich für die Textilfärberei und war wegen seiner intensiven Farbe und der starken Bindung an Stofffasern hochgeschätzt. 

Doch schon kurz darauf entdeckte der deutsche Mediziner Paul Ehrlich, dass sich mit Methylenblau neben Textilien auch biologische Gewebe und Zellen anfärben lassen, und dass sich damit sogar der Malaria-Erreger abtöten lässt. Damit war es eines der ersten synthetischen Arzneimittel. Als Malariamedikament konnte sich Methylenblau allerdings nicht richtig etablieren: Es war weniger wirksam als das damals übliche Chinin. 

In den 1930er-Jahren bekam der Farbstoff eine neue Aufgabe als einfacher Hygiene-Test für Rohmilch. Nach Zugabe von Methylenblau färbt sich die Milch blau. Die Geschwindigkeit, mit der die Blaufärbung verschwindet, wird durch den Stoffwechsel der Bakterien in der Milch beeinflusst: Bei hoher Bakterienzahl entfärbt sich die Milch deutlich schneller, während bei guter Milchqualität die Blaufärbung mehrere Stunden bestehen bleibt.

Einsatzgebiete in der Medizin

Ob als Notfallmedikament oder als Hilfsmittel im Operationssaal – Methylenblau hat sich in der Medizin viele Nischen erobert. Sein wichtigster und einzig offiziell zugelassener Einsatz in der Therapie liegt in der Behandlung der Methämoglobinämie. Daneben wird der Farbstoff auch in besonderen Situationen genutzt, in denen andere Therapien an ihre Grenzen stoßen. Im Folgenden sind einige wichtige Einsatzgebiete des Farbstoffs aufgelistet:

  • Methämoglobinämie: Offiziell ist Methylenblau nur zur Behandlung dieser seltenen, aber lebensbedrohlichen Erkrankung zugelassen. Bestimmte Gifte oder Medikamente wandeln dabei den Blutfarbstoff Hämoglobin so um, dass er keinen Sauerstoff mehr transportieren kann. Die Betroffenen bekommen schlecht Luft, Lippen und Finger verfärben sich bläulich. Methylenblau kann diesen Vorgang gezielt rückgängig machen und die Sauerstoffversorgung wiederherstellen.
  • Vasoplegischer Schock: Nach schweren Herzoperationen kann trotz starker Medikamente der Kreislauf zusammenbrechen. Methylenblau hilft in solchen Fällen, die Gefäße wieder zu verengen und den Blutdruck zu stabilisieren. Der Einsatz ist allerdings nicht offiziell zugelassen.
  • Farbstoff in der Chirurgie: In der Krebschirurgie dient Methylenblau als Markierungshilfe für von Krebs befallene Lymphknoten. Auch bei Schilddrüsenoperationen färbt es Gewebe ein und macht so die empfindlichen Nebenschilddrüsen besser sichtbar. So können sie während der OP geschont werden.
  • Enzephalopathie: Manche Chemotherapien wie Ifosfamid können Störungen der Hirnfunktion auslösen, eine sogenannte Enzephalopathie. In seltenen Fällen wird Methylenblau eingesetzt, um diese Störungen zu behandeln und die Symptome zu lindern.
  • Malaria: Schon im 19. Jahrhundert wurde Methylenblau gegen Malaria getestet. Heute spielt es nur noch eine Nebenrolle, etwa in Regionen, in denen der Erreger gegen gängige Medikamente resistent ist. Dort wird es manchmal als ergänzendes Mittel eingesetzt.

Methylenblau als Multitalent?

Neben seinen wenigen, gut belegten Anwendungen ist Methylenblau derzeit Gegenstand intensiver Forschungen in ganz unterschiedlichen Bereichen, von der Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen bis hin zur Krebstherapie. Genau diese Vielseitigkeit sorgt dafür, dass der altbekannte Farbstoff in den sozialen Medien als wahres Multitalent gefeiert wird: Methylenblau soll die Konzentration, das Gedächtnis und die Denkfähigkeit verbessern, die Stimmung heben, Alterungsprozesse bremsen und sogar vor Krebs schützen. Oft vermischen sich dabei wissenschaftliche Begriffe mit Wunschdenken und Halbwahrheiten, wodurch sich seriöse Forschung und spekulative Aussagen kaum noch voneinander unterscheiden lassen.

Doch was ist wirklich dran an diesen Behauptungen? 

„Gehirndoping“: Blauer Stoff fürs Gedächtnis

In der Biohacking-Szene wird Methylenblau derzeit als eine Art „Gehirndoping“ gehandelt. Es soll die Konzentration verbessern und die Denkleistung steigern.

Methylenblau kann nachgewiesenermaßen die Blut-Hirn-Schranke überwinden, also die schützende Barriere durchdringen, die das Gehirn normalerweise von vielen Substanzen abschirmt. Somit kann es direkt im Gehirn wirken und die Funktion der Nervenzellen auf vielfältige Weise beeinflussen – zumindest im Labor. 

„Vor allem Zell- und Tierversuche sowie wenige kleine Humanstudien deuten auf kurzfristige Verbesserungen der Gedächtnisleistungen hin. Die Relevanz hierzu bleibt aber unklar“, erklärt Dr. André Said, Leiter der Geschäftsstelle der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK).

Tatsächlich zeigte Methylenblau in Tierversuchen durchaus spannende Effekte: Es schützt Nervenzellen vor Schäden und kann Lern- und Gedächtnisleistungen der Tiere verbessern. Beim Menschen fallen die Ergebnisse bislang deutlich bescheidener aus. Kleine Studien berichten zwar von kurzfristig besseren Gedächtniswerten und veränderter Hirnaktivität, doch durch die geringe Studiengröße ist die Aussagekraft sehr eingeschränkt. 

Zudem stammen die Ergebnisse häufig von Patientinnen und Patienten, die an Alzheimer erkrankt sind. Ob und wie sich diese Ergebnisse auf Gesunde übertragen lassen, ist offen, zumal insbesondere größere und länger laufende Studien an Alzheimerbetroffenen bisher keinen verlässlichen Effekt beweisen konnten.

Das Versprechen vom „Hirn-Booster“ ist bisher also eher reine Hoffnung als eine wissenschaftliche Tatsache. Egal ob zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit oder als vermeintliche Demenz-Prophylaxe: Von einer Eigenmedikation ist daher deutlich abzuraten.

Anti-Aging: Blauer Jungbrunnen

In sozialen Medien wird Methylenblau mitunter sogar als „Jungbrunnen“ gehandelt. Tatsächlich deuten Laborstudien darauf hin, dass der Farbstoff Zellprozesse beeinflussen kann, die mit der Alterung zusammenhängen. In Tierversuchen mit Mäusen verlängerte Methylenblau zudem die maximale Lebensspanne der Weibchen – wenn auch nur geringfügig.

Doch bislang fehlt der Beweis, dass diese Effekte auch im echten Leben wirken. Klinische Studien am Menschen stehen noch aus. Ein Anti-Aging-Mittel ist der Farbstoff also aktuell nicht.
 

Krebsforschung: Blaue Hoffnung im Labor

Auch in der Krebsmedizin ist Methylenblau seit einigen Jahren Gegenstand der Forschung. Vor allem zwei Ansätze stehen im Fokus.

Zum einen wird der Farbstoff in der sogenannten photodynamischen Therapie getestet. Dabei soll sich der Farbstoff gezielt in Tumorgewebe anreichern und es unter Lichtbestrahlung zerstören. In Tierversuchen schrumpften so Tumoren deutlich, teils verschwanden sie fast vollständig.

Eine Laborantin schaut auf einen Bildschirm, neben ihr auf dem Tisch steht ein Mikroskop.

Der Effekt von Methylenblau wird unter anderem in der Krebsforschung untersucht.

Zum anderen deuten Laborbefunde darauf hin, dass Methylenblau den Energiestoffwechsel von Tumorzellen stören kann. Dadurch würden sie empfindlicher auf Chemotherapien reagieren – auch auf solche, gegen die sie bereits resistent sind.

„Belastbare klinische Studien am Menschen fehlen bislang jedoch“, betont AMK-Experte Dr. André Said. Die bisherigen Ergebnisse stammen aus Zell- und Tierversuchen. Sie sind zwar spannend, aber Methylenblau ist noch weit von einer eventuellen Zulassung als Krebsmedikament entfernt. 

Von einer Selbstmedikation zur Krebsvorsorge und -behandlung wird dringend abgeraten.

Psychische Gesundheit: Methylenblau als Stimmungsaufheller

Einige kleinere Studien deuten darauf hin, dass Methylenblau die Stimmung heben kann. Die Begründung: Der Farbstoff hemmt ein Eiweiß, das Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin abbaut. Das sind Stoffe, die im Gehirn unter anderem für gute Stimmung sorgen.

In den Untersuchungen besserten sich depressive Symptome teils spürbar, auch bei Menschen mit bipolarer Störung traten weniger depressive Phasen auf.

Allerdings sind die bisherigen Studien sehr klein und schon einige Jahre alt. Fachgesellschaften stufen Methylenblau deshalb nicht als anerkanntes Antidepressivum ein. Von einer Selbstmedikation ist klar abzuraten, auch weil die Einnahme zusammen mit anderen Antidepressiva gefährlich sein kann.

Wie gefährlich ist Methylenblau?

Methylenblau klingt für viele nach einem harmlosen Trend aus der Welt der Nahrungsergänzungsmittel. Doch Fachleute warnen: Der Farbstoff kann erhebliche Risiken und Nebenwirkungen bergen, wenn er unkontrolliert eingenommen wird.

Das größte Problem ist das Serotonin-Syndrom. Diese seltene, aber lebensbedrohliche Komplikation kann auftreten, wenn Methylenblau zusammen mit gängigen Antidepressiva wie SSRI (Serotonin-Rezeptor-Reuptake-Inhibitoren) verwendet wird. Der Körper produziert dann einen gefährlichen Überschuss an Serotonin. Die Folgen reichen von Unruhe, Herzrasen und Zittern bis hin zu Fieber, Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit.

Ein weiterer Risikofaktor betrifft Menschen mit einem G6PD-Mangel. Das ist eine seltene genetische Besonderheit, bei der ein Eiweiß in den roten Blutkörperchen fehlt. Bei ihnen kann Methylenblau eine schwere Blutarmut auslösen, weil die roten Blutkörperchen zerfallen.

Neben diesen gravierenden Bedrohungen gibt es mildere Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Bauchschmerzen und Übelkeit. 

Bei sehr hohen Dosierungen droht sogar eine paradoxe Wirkung: Ausgerechnet die Blutkrankheit, gegen die Methylblau in der Medizin zugelassen ist – die Methämoglobinämie –, kann auch durch eine Überdosierung von Methylenblau entstehen. Flüssige Tropfen, wie sie als Supplement im Umlauf sind, machen eine Überdosierung besonders leicht.

Kann Methylenblau bedenkenlos eingenommen werden?

Methylenblau gilt in der Forschung als ein vielversprechender Wirkstoff mit nachgewiesener Wirkung bei bestimmten Erkrankungen. Weitere potenzielle Einsatzmöglichkeiten werden derzeit intensiv untersucht. Bislang fehlen aber ausreichende wissenschaftliche Grundlagen, um daraus einen Nutzen für gesunde Menschen abzuleiten oder den Stoff außerhalb ärztlicher Begleitung einzunehmen.

„Dubiose Online-Produkte bergen erhebliche Risiken, da Qualität, Reinheit und Sicherheit nicht gewährleistet sind“, warnt Dr. André Said. „Es drohen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Übelkeit, gefährliche Wechselwirkungen bei gleichzeitiger Einnahme serotonerger Medikamente sowie ein Hämolyse-Risiko bei genetisch bedingten Vorerkrankungen wie einem G6PD-Mangel.“

Methylenblau ist kein harmloses Nahrungsergänzungsmittel, sondern ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel mit potenziellen Nebenwirkungen. Wer es auf eigene Faust einnimmt, setzt sich vermeidbaren Risiken aus – und das ohne nachgewiesenen Nutzen.

Literatur und weiterführende Informationen

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