„Gehirndoping“: Blauer Stoff fürs Gedächtnis
In der Biohacking-Szene wird Methylenblau derzeit als eine Art „Gehirndoping“ gehandelt. Es soll die Konzentration verbessern und die Denkleistung steigern.
Methylenblau kann nachgewiesenermaßen die Blut-Hirn-Schranke überwinden, also die schützende Barriere durchdringen, die das Gehirn normalerweise von vielen Substanzen abschirmt. Somit kann es direkt im Gehirn wirken und die Funktion der Nervenzellen auf vielfältige Weise beeinflussen – zumindest im Labor.
„Vor allem Zell- und Tierversuche sowie wenige kleine Humanstudien deuten auf kurzfristige Verbesserungen der Gedächtnisleistungen hin. Die Relevanz hierzu bleibt aber unklar“, erklärt Dr. André Said, Leiter der Geschäftsstelle der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK).
Tatsächlich zeigte Methylenblau in Tierversuchen durchaus spannende Effekte: Es schützt Nervenzellen vor Schäden und kann Lern- und Gedächtnisleistungen der Tiere verbessern. Beim Menschen fallen die Ergebnisse bislang deutlich bescheidener aus. Kleine Studien berichten zwar von kurzfristig besseren Gedächtniswerten und veränderter Hirnaktivität, doch durch die geringe Studiengröße ist die Aussagekraft sehr eingeschränkt.
Zudem stammen die Ergebnisse häufig von Patientinnen und Patienten, die an Alzheimer erkrankt sind. Ob und wie sich diese Ergebnisse auf Gesunde übertragen lassen, ist offen, zumal insbesondere größere und länger laufende Studien an Alzheimerbetroffenen bisher keinen verlässlichen Effekt beweisen konnten.
Das Versprechen vom „Hirn-Booster“ ist bisher also eher reine Hoffnung als eine wissenschaftliche Tatsache. Egal ob zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit oder als vermeintliche Demenz-Prophylaxe: Von einer Eigenmedikation ist daher deutlich abzuraten.
Anti-Aging: Blauer Jungbrunnen
In sozialen Medien wird Methylenblau mitunter sogar als „Jungbrunnen“ gehandelt. Tatsächlich deuten Laborstudien darauf hin, dass der Farbstoff Zellprozesse beeinflussen kann, die mit der Alterung zusammenhängen. In Tierversuchen mit Mäusen verlängerte Methylenblau zudem die maximale Lebensspanne der Weibchen – wenn auch nur geringfügig.
Doch bislang fehlt der Beweis, dass diese Effekte auch im echten Leben wirken. Klinische Studien am Menschen stehen noch aus. Ein Anti-Aging-Mittel ist der Farbstoff also aktuell nicht.