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Allergie

Allergien bei Kindern vorbeugen: Was Eltern tun können

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Redaktion:

Barmer

Qualitätssicherung:

Dr. med. Utta Petzold (Dermatologin & Allergologin bei der Barmer)

Die Nase läuft ständig, die Haut reagiert empfindlich oder aus Heuschnupfen wird später Asthma: Viele Eltern fragen sich früh, ob sich Allergien bei Kindern verhindern lassen. Leider nicht komplett. Aber das Risiko lässt sich beeinflussen. Und genau das ist die gute Nachricht. Denn auch wenn Gene eine wichtige Rolle spielen, gibt es mehrere Stellschrauben, mit denen Eltern im Alltag etwas tun können.

Können Babys schon Allergien haben?

Babys kommen in der Regel nicht als Allergiker zur Welt. Ziel ist vielmehr, dass Kinder auf natürlichem Weg eine Toleranz gegenüber möglichen Allergenen entwickeln.

Trotzdem lässt sich das Risiko nicht vollständig steuern. Ein Teil ist genetisch festgelegt. Wenn beide Eltern allergisch sind, steigt die Wahrscheinlichkeit für das Kind deutlich. Sind beide sogar von derselben Allergie betroffen, ist das Risiko besonders hoch.

Wie hoch ist das Allergierisiko bei Kindern?

Die familiäre Vorgeschichte gibt wichtige Hinweise:

SachverhaltWahrscheinlichkeit in %
wenn kein Elternteil allergisch ist0 bis 15 %
wenn ein Elternteil allergisch ist20 bis 24 %
wenn beiden Elternteile allergisch sind50 bis 60 %
wenn beide Elternteile allergisch mit derselben Allergie sind 60 bis 80 %

Quelle: Deutscher Allergie- und Asthmabund (DAAB) 

Gene spielen also eine große Rolle, aber sie sind nicht alles.

 

Kann man das Allergierisiko testen lassen?

Einen verlässlichen Test, der das individuelle Allergierisiko eines Kindes genau vorhersagt, gibt es nicht. Hinweise liefert vor allem die Familiengeschichte.

Gleichzeitig ist das Erbgut nicht unveränderlich. Prof. Karl-Christian Bergmann erklärt: "Umwelteinflüsse wirken sich auf das Erbgut aus und verändern es." Bekannt ist zum Beispiel, dass Rauchen in der Schwangerschaft epigenetische Veränderungen beim Embryo hervorrufen und das Asthmarisiko steigern kann.

Die gute Nachricht: Prävention ist möglich. Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund sagt: "Immerhin lässt sich das Risiko mit geeigneten Maßnahmen um bis zu 50 Prozent senken."

Schützt Muttermilch vor Allergien?

Stillen gehört zu den wichtigsten Schutzfaktoren. Empfohlen wird, Säuglinge in den ersten vier Monaten möglichst voll zu stillen.

"Wir empfehlen heute, dass Säuglinge in den ersten vier Monaten möglichst voll gestillt werden sollten" sagt Allergologe Prof. Karl-Christian Bergmann. "Dies gilt umso mehr, wenn es in der Familie bereits atopische Erkrankungen gab."

Wenn Stillen nicht möglich ist, kann spezielle HA-Nahrung („HA“ steht für „hypoallergen“) eine Alternative sein. Ziegen- und Schafsmilch oder Sojagetränke haben keinen nachgewiesenen Schutzeffekt.

Auch eine spezielle Diät der Mutter in Schwangerschaft oder Stillzeit bringt keinen Vorteil. Wichtig ist stattdessen eine ausgewogene Ernährung dazu gehört auch, regelmäßig Fisch zu essen.

Macht zu viel Hygiene Kinder anfälliger?

Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, entwickeln deutlich seltener Heuschnupfen oder Asthma. Dort kommt das Immunsystem früh mit vielen Mikroorganismen in Kontakt, etwa durch Tiere, Staub und Natur.

Das verändert den Blick auf Allergieprävention grundlegend.

„Lange Zeit galt das Ideal, man müsse Allergene möglichst meiden, um ein Kind vor Allergien zu schützen“ beschreibt Facharzt Karl-Christian Bergmann. „Heute wissen wir, dass wir den umgekehrten Weg gehen sollten: nämlich die frühe Begegnung mit Allergenen bewusst zu suchen.“

Das bedeutet nicht, Risiken einzugehen. Aber es zeigt: Naturkontakt, draußen spielen und ein normaler Umgang mit Umweltreizen können sinnvoll sein. Nicht jeder heruntergefallene Schnuller muss sofort sterilisiert werden.

So können Eltern ihr Kind vor Allergien schützen

Viele Maßnahmen lassen sich direkt in den Alltag integrieren. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

1. In den ersten vier Monaten möglichst voll stillen

Stillen stärkt das Immunsystem und kann das Allergierisiko senken. Wenn das nicht möglich ist, kann HA-Nahrung sinnvoll sein.

2. Beikost nicht unnötig hinauszögern

Nach dem vierten Monat kann schrittweise Beikost eingeführt werden. Wichtig: Auf potenzielle Allergene sollte nicht vorsorglich verzichtet werden.

Fisch wie Lachs, Hering, Makrele oder Sardine im ersten Lebensjahr kann sogar einen schützenden Effekt haben.

3. Kaiserschnitt nur dann, wenn er nötig ist

Kaiserschnittgeburten stehen in Zusammenhang mit einem erhöhten Allergierisiko, insbesondere für Asthma. „Dafür verantwortlich ist vermutlich, dass das Immunsystem eines Säuglings bereits beim ersten Kontakt mit Bakterien im Vaginalkanal herausgefordert wird, sich damit auseinanderzusetzen.“ erklärt Allergologe Karl-Christian Bergmann. „Bei einem Kaiserschnitt entfällt dieses frühe Training.“

4. Übergewicht vermeiden

Ein höherer BMI kann das Risiko für Asthma erhöhen. Ein gesundes Gewicht gehört deshalb ebenfalls zur Prävention.

5. Tabakrauch konsequent vermeiden

Rauchen, besonders in der Schwangerschaft, erhöht das Risiko für Allergien und Asthma deutlich. Auch Passivrauch sollte vermieden werden.

6. Luftschadstoffe möglichst reduzieren

Stickoxide und Feinstaub, etwa aus Autoabgasen, können das Allergierisiko erhöhen. Besonders Kinder in stark belasteten Wohnlagen sind betroffen.

7. Schimmel in Innenräumen verhindern

Feuchtigkeit und Schimmel begünstigen Allergien. Regelmäßiges Lüften und trockene Wohnräume sind daher wichtig.

8. Bei Haustieren genauer hinschauen

Bei erhöhtem Allergierisiko sollte keine Katze neu angeschafft werden. Für Hunde gibt es keine klaren Hinweise auf ein erhöhtes Risiko.

9. Empfohlene Impfungen durchführen lassen

Es gibt keine Hinweise darauf, dass Impfungen Allergien fördern. Im Gegenteil: Sie können das Risiko sogar senken.

10. Pflegeprodukte sparsam einsetzen

Seifen, Cremes und Shampoos sollten sparsam verwendet werden. Produkte ohne Duft- und Farbstoffe sind besser verträglich.

11. Ohrlöcher und Modeschmuck nicht zu früh

Frühe Ohrlöcher und Modeschmuck können das Risiko für Kontaktallergien erhöhen und sollten möglichst vermieden werden.

12. Hautbarriere stärken bei empfindlicher Haut

Zeigt die Haut erste Auffälligkeiten, die an Neurodermitis erinnern, sollte sie im ersten Lebensjahr konsequent gepflegt werden.

Zweimal tägliches Eincremen, besonders nach dem Baden, stärkt die Hautbarriere und kann helfen, eine Sensibilisierung zu verhindern.

Was Eltern nicht tun müssen

Nicht alles, was oft empfohlen wird, ist sinnvoll.

  • Eine spezielle Diät in Schwangerschaft oder Stillzeit ist nicht notwendig
  • Allergene müssen in der Beikost nicht gemieden werden
  • Absolute „Keimfreiheit“ ist nicht sinnvoll

Ein natürlicher Umgang mit Umwelt und Alltag unterstützt das Immunsystem oft besser als übertriebene Vorsicht.

Häufige Fragen und Antworten zur Vorbeugung von Allergien

Einige Allergien lassen sich teilweise vermeiden, insbesondere bei Kindern. Eine bewusste Prävention z. B. für gesunde Ernährung, Hautpflege und Umweltgestaltung kann das Risiko senken, dass Kinder atopische Erkrankungen wie Neurodermitis, Heuschnupfen oder Asthma bekommen.
Muttermilch kann einen schützenden Effekt haben – vor allem, wenn Babys in den ersten vier Monaten möglichst vollständig gestillt werden.
Nach dem Stillen wird empfohlen, Schritt für Schritt altersgerechte Beikost anzubieten und z. B. Fisch frühzeitig in den Speiseplan aufzunehmen. Eine ausgewogene Ernährung unterstützt die Entwicklung des Immunsystems.
Ja, eine vaginale Geburt kann das Immunsystem des Babys besser auf Umweltkeime einstellen als ein Kaiserschnitt, was mit einem geringeren Allergierisiko assoziiert wird.
Zigarettenrauch, Luftschadstoffe (z. B. Autoabgase) und Schimmel in Innenräumen sind Risikofaktoren, die Allergien und insbesondere Asthma fördern können.
Bei Familien mit erhöhtem Allergierisiko sollte die Anschaffung einer Katze eher vermieden werden, da dies die Wahrscheinlichkeit einer Sensibilisierung erhöhen kann. Für Hunde gibt es dazu keine klaren Hinweise.
Ein höherer Body Mass Index (BMI) ist mit einem erhöhten Risiko für Atemwegserkrankungen und Asthma verbunden und kann daher indirekt zu Allergieanfälligkeit beitragen.
Neben Präventionsmaßnahmen kann bei bestehenden Allergien eine Hyposensibilisierung (Allergie-Immuntherapie) helfen, die Symptome dauerhaft zu reduzieren. Diese Behandlung ist auch für Barmer-Versicherte kostenfrei verfügbar.
Ja, die genetische Veranlagung spielt eine Rolle: Wenn ein oder beide Elternteile Allergien haben, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch das Kind allergische Erkrankungen entwickelt.

Literatur

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