Ein Schüler liegt mit Smartphone in der Hand auf dem Rasen
Nachhaltigkeit

Nachhaltig gesund digitalisieren: Wie die Menschen darüber denken – und was sie selbst tun können

Lesedauer unter 7 Minuten

Redaktion

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind Megatrends. Doch das eine beeinflusst das andere, und nicht nur positiv. Mit unserem Partner D21 untersuchen wir im „Digital-Index 2021/2022“, inwieweit das den Menschen bewusst ist, was sie von Digital-Akteuren erwarten und zu welchem Beitrag sie selbst bereit sind.

Digitalisierung: Schlüssel für viele Klimafortschritte

Zumindest für eine Erkenntnis war die Corona-Pandemie hilfreich. Vor allem in der Arbeitswelt hat sich gezeigt, dass vieles auch digital möglich ist. Die Menschen fuhren für Konferenzen nicht mehr durch das eigene Land oder flogen in andere Länder, sondern blieben vor den heimischen Bildschirmen. Das sparte im Jahr 2020 etwa 9 Prozent beim Kraftstoffverbrauch ein. Ein Greenpeace-Gutachten hat errechnet: Wenn in Zukunft 40 Prozent der Beschäftigten an zwei Tagen in der Woche zu Hause blieben, würden im Verkehr jährlich 5,4 Millionen Tonnen CO2 weniger ausgestoßen, das sind beachtliche 18 Prozent der Pendleremissionen.

Einige Technik-Enthusiasten preisen aus diesen und anderen Gründen die Digitalisierung als die Lösung im Kampf gegen die globale Erderwärmung an. Und es stimmt ja: Rechner steuern Prozesse in der Industrie, beim Verkehr und in der Energiewirtschaft effizient und helfen so, den Verbrauch von Rohstoffen und Emissionen zu senken. Auch zuhause tun sie das, indem sie den Energiebedarf von Heizung und Haushaltsgeräten regeln. Ohne die digitalen Helfer ist eine konsequente Energiewende nicht denkbar.

Die Schattenseiten der Digitalisierung

Immer stärker setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass diese technologische Entwicklung in Sachen Nachhaltigkeit auch ihre Schattenseiten hat. Die Server in den riesigen Rechenzentren benötigen Unmengen von Strom. Funktionstüchtig werden Computer, Smartphones und Tablet erst durch Materialen wie Kobalt, Kupfer, Zinn, Gold und Coltan-Erz. Die werden allzu oft unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Dritte-Welt-Ländern gewonnen und verursachen dort nicht selten schwere ökologische Schäden. Auch im Alltag ist es schwierig, digital nachhaltig zu agieren. Wer sich Dinge online nach Hause bestellt, spart zwar den eigenen Weg ein. Doch werden zum Beispiel Schuhe gern in mehreren Größen bestellt, und die unpassenden wieder zurückgeschickt, was dann wieder mehr Verkehr oder sogar weggeworfene Retouren verursacht.

Was wissen die Menschen über nachhaltige Digitalisierung?

Dies zu untersuchen hat sich die Initiative D21 zur Aufgabe gemacht. Mit dem Digital-Index beleuchtet sie alljährlich, wie die deutsche Gesellschaft mit dem digitalen Wandel Schritt hält. Dafür werden mehr als 20.000 deutsche Bürgerinnen und Bürger ab 14 Jahren befragt. Die Studie dient als Entscheidungsgrundlage für Akteure in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. An der Initiative beteiligt ist ein branchenübergreifendes Netzwerk von 200 Mitgliedsunternehmen und -institutionen sowie politischen Partnern aus Bund, Ländern und Kommunen. Auch die Barmer ist ein Teil davon.

Weil der Schutz von Umwelt und Klima von vielen als die größte gesamtgesellschaftliche Gestaltungsaufgabe des Jahrhunderts gesehen wird, legt der gerade veröffentlichte Digital-Index 2021/2022 seinen Schwerpunkt auf den Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Wie komplex dieser Zusammenhang ist, spiegeln auch die Ergebnisse wider. Etwa ein Drittel der Befragten glaubt an einen überwiegend positiven Einfluss der Digitalisierung, etwa genauso viele an einen eher negativen. Dass kein bedeutsamer Zusammenhang zwischen den Themen besteht, findet nur ein Fünftel der Befragten, ein Zehntel traut sich keine Einschätzung zu. Deutlich wird: Einige Risiken der Digitalisierung sind vielen Menschen gar nicht bewusst. Zum Beispiel sollten sie einschätzen, ob diese Aussage zutrifft: „Eine Stunde hochauflösendes Streaming (z. B. Spotify, Netflix, YouTube) verursacht genauso viele CO2-Emmissionen wie einen Kilometer mit dem Auto zu fahren“. Nur 42 Prozent antworteten richtig mit „Ja“.

Doch was sehen die Menschen als größte Chancen und Risiken der Digitalisierung in Bezug auf Nachhaltigkeit an?

Empfundene Chancen der Digitalisierung

Bei den Chancen liegen Effizienzsteigerung, optimierter Energieverbrauch und Innovationen bei erneuerbaren Energien mit jeweils 40 Prozent an erster Stelle. Weniger Potenzial sehen die Befragten bei der Ersetzung von Dienstreisen durch Online-Termine oder bei Sharing-Angeboten, wie etwa Car-Sharing. Es zeigt sich: Offenbar sprechen die Menschen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Maßnahmen eine größere Wirkkraft zu als individuellen.

Empfundene Risiken der Digitalisierung

Als das mit Abstand größte Umwelt-Problem der Digitalisierung nehmen die Menschen den Lebenszyklus digitaler Geräte wahr – von der Herstellung bis zur Entsorgung. Umweltschädliche Rohstoffgewinnung für die Herstellung und große Mengen von Elektroschott bei der Entsorgung zählen die Befragten deutlich am häufigsten zu den drei zentralen Risiken. Auch als problematisch sehen viele den Online-Handel an. Erstens, weil dadurch mehr Verpackungen und Verkehr entstehen. Und zweitens, weil durch den Online-Handel der Konsum zunimmt. Fast ein Drittel fühlt sich durch individuell auf sie zugeschnittene Internet-Werbung dazu verleitet, häufiger und mehr Produkte zu kaufen.

Wer hat den größten Hebel in der Hand?

Auch dieser Frage ist der Digital-Index nachgegangen, indem gefragt wurde, welchem Akteur die Menschen am ehesten zutrauen, die Entwicklung möglichst positiv zu beeinflussen: der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Politik oder doch Einzelpersonen? Auch hier hat sich ein heterogenes Bild abgezeichnet. Ein Drittel der Befragten vertraut vor allem auf innovative Technologien. An zweiter Stelle folgt mit einem Fünftel der Glaube an die Hebelwirkung individueller Maßnahmen und des eigenen Handelns. Ebenfalls ein Fünftel ist überzeugt, dass es ohne Regulierungen und Rahmenbedingungen aus der Politik nicht geht. Allerdings: Nach eigenen Aussagen würde es einem Drittel der Deutschen sehr schwerfallen, das eigene digitale Verhalten zu ändern, um die Umwelt zu schonen.

Wie werde ich nachhaltiger digital? Drei Tipps, die jeder umsetzen kann

1. Es muss nicht immer neu sein

Wenn große Elektronik-Marken ein neues Handy oder Tablet herausbringen, bilden sich oft lange Menschenschlangen vor den Geschäften. Dabei haben wohl einige noch das Modell vom vorigen Jahr in der Tasche. Doch die Herstellung von elektronischen Geräten verbraucht eine enorme Menge an Ressourcen. Wer sein Gerät lange benutzt, schont die Umwelt. Und falls dann ein Gerät doch den Geist aufgibt und nicht reparierbar ist, lässt es sich meist auch gut secondhand bzw. „refurbished" ersetzen. Das ist nicht nur viel nachhaltiger, sondern auch weitaus günstiger.

2. Suchen geht auch anders

Wie viele Suchanfragen geben Sie täglich bei Google ein? Vermutlich können Sie es nicht zählen. Doch jede einzelne Suchanfrage stößt Treibhausgase aus. Auch wenn sich die Suchanfragen wohl kaum minimieren lassen, kann wenigstens auf eine nachhaltigere Lösung zurückgegriffen werden. Ecosia beispielsweise ist eine Suchmaschine, die ähnlich gute Ergebnisse liefert wie Google oder Bing. Der große Vorteil: Jede Suchanfrage unterstützt das Pflanzen von Bäumen direkt. Insgesamt hat Ecosia bereits 140 Millionen Bäume gepflanzt.

3. Das Email-Postfach säubern

Das Senden und Versenden und auch das Speichern jeder einzelnen Email stößt CO2 aus. Und wie viele Emails erhalten Sie am Tag, die Sie gar nicht lesen? Ein einfacher Weg, dies zu minimieren: Das Email-Postfach einmal gründlich säubern. Welche Newsletter wollen sie wirklich behalten, welche Emails müssen gespeichert bleiben? Seien Sie streng mit sich und löschen Sie, was das Zeug hält. Angenehmer Nebeneffekt: Das Postfach wird so auf einmal viel übersichtlicher. Auch beim Versenden von Dateien gibt es Einspar-Effekte: Größere Dateien sollten lieber per Downloadlink verschickt werden, das verbraucht viel weniger Energie als eine Mail mit einem riesigen Anhang.

Digitalisierung und Gesundheit

Als Beteiligte des D21-Index spielt das Thema Gesundheit für die Barmer naturgemäß eine wichtige Rolle. Zum einen, weil Nachhaltigkeit für die Gesundheit der Menschen entscheidend ist. Aber auch, weil die Barmer Teil der Lösung sein könnte. Wenn es um Klima-Emissionen geht, denken die Menschen zunächst gar nicht an das Gesundheitswesen. Doch tatsächlich ist dort das Potenzial für Reduktionen riesig. Bezeichnenderweise hält die Hälfte der Befragten die Aussage für falsch, das Gesundheitswesen sei klimaschädlicher als der weltweite Flugverkehr. Dabei stimmt das. Offenbar ist nicht vielen bewusst, dass Verpackungsmaterialen, die Herstellung von Medikamenten oder der Betrieb von Praxen und Krankenhäusern einem immensen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

Dagegen sind aber deutlich mehr Menschen davon überzeugt, dass die Digitalisierung die Klimabilanz des Gesundheitssektors künftig verbessern anstatt verschlechtern wird. Das sollte als Ansporn dienen. Die Barmer hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden. Im Zentrum steht die Frage: Wie sieht ein gesundes digitales Leben in einer digitalisierten Gesellschaft aus? Dazu soll auch eine nutzerzentrierte Digitalisierung von Services, Angeboten und Leistungen beitragen. Wichtig ist auch der Aufbau von Netzwerken und die Entwicklung gemeinsamer Lösungsansätze mit anderen Akteuren, um eine nachhaltige Digitalisierung im gesamten Gesundheitswesen zu beschleunigen.

Dafür muss das Wissen aller Menschen über die Chancen, aber auch über die Risiken der Digitalisierung wachsen. Der D21 Digital-Index gibt ein erstes Bild, wie viel dafür noch zu tun ist.

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