Mann umarmt eine andere Person
Nachhaltigkeitsbericht

Menschen stärken in Krisenzeiten

Lesedauer unter 6 Minuten

Redaktion

  • Christin Kaufmann

Während der Flutkatastrophe 2021 half die Barmer vor Ort und mit einer Flut-Hotline. Indem sie sich für gesunde Lebensbedingungen für alle einsetzt, möchte sie einen Beitrag zu einer resilienten Gesellschaft leisten.

Die Flut kam am Geburtstag ihrer Tochter. Gemeinsam hatten Silvia Schömer und ihre Tochter bei Bad Münstereifel Pavillons für die 40 Gäste aufgebaut. Sie wollten im Garten feiern, aber das Radio meldete Regen. Viel Regen. „Als die ersten Besucher gegen 18 Uhr eintrafen, sagte jemand: In eurer Einfahrt steht Wasser“, erinnert sich Schömer. Und das stieg schnell: auf einen halben Meter, dann einen Meter: „Wir waren im Haus gefangen.“ Ein Knall und der Strom fiel aus. Kein Telefon, kein Handynetz. Mit Kerzen harrte die Geburtstagsgesellschaft im dunklen Haus aus, darunter „drei Omas über 80 und ein Hund“, wie Schömer sagt. Draußen schwammen Autos vorbei. Als ein Gastank im Garten aufschlug, löschten sie die Kerzen, aus Angst vor einer Explosion. „Wir haben in dieser Nacht kein Auge zugemacht.“ 

Portrait von Katharina Herte

Katharina Herte, Psychologin

Über ein Jahr nach der verheerenden Flutkatastrophe in der Eifel und im Ahrtal ist das Ereignis dort immer noch präsent. Häuser wurden zerstört, Lebensgrundlagen genommen. Mehr als 180 Menschen starben. Das Erlebte hat Spuren hinterlassen – physisch wie psychisch. Untersuchungen zeigen, dass Naturkatastrophen wie Wirbelstürme oder Überschwemmungen zu posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen und Angststörungen führen können. „Sie beeinträchtigen die Gesundheit der Menschen, selbst, wenn diese das eigentliche Ereignis körperlich unversehrt überstanden haben“, sagt Katharina Herte. Herte gehört zu den Psychologinnen und Psychologen, die an der von der Barmer beauftragten Krisen-Hotline Menschen in den Hochwassergebieten betreut haben. Wie groß die psychische Belastung sei, zeige sich oft erst Wochen nach der auslösenden Krisensituation, sagt sie: „Wenn die To-do-Liste abgearbeitet ist, schaltet der Körper um auf Verarbeiten.“ Seine Strategien sind dabei vielfältig – und für die Betroffenen oft belastend: „Dazu gehören Albträume, Schlaflosigkeit, sozialer Rückzug, verändertes Essverhalten. In Situationen, die Erinnerungen an das Geschehene auslösen – bei starkem Regen beispielsweise – können sich ungewohnte Angstreaktionen zeigen.“

Herausforderung für die Krankenkassen

Mehr und heftigere Überschwemmungen sind nur eine der vielen Folgen des Klimawandels. Hitzewellen bedrohen ältere und bereits erkrankte Menschen. Auch Frühgeburten nehmen mit den steigenden Temperaturen zu. Waldbrände verschmutzen die Luft so sehr, dass sie ein Risiko für Geburtsfehler mit sich bringen. Fliegen durch die Erwärmung Pollen früher und länger, belastet dies Allergiker. Invasive Mücken können Erreger übertragen. Die Liste der gesundheitlichen Auswirkungen ist lang und betrifft Menschen jeden Alters. Das macht den Klimawandel zu einer Herausforderung auch für die Krankenkassen.

In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, den am stärksten von der Flut betroffenen Bundesländern, leben rund 2,6 Millionen Barmer-Versicherte. Zu ihnen gehört auch Silvia Schömer. Zwei Tage harrte sie mit der Geburtstagsgesellschaft im Haus ihrer Tochter aus, bis sie dieses verlassen konnte. Es war für Schömer die erste Möglichkeit, mit ihrem Vater Kontakt aufzunehmen. Der 86-jährige lebt im Seniorenheim in Euskirchen. Er ist auf Sauerstoff angewiesen, braucht für weitere Wege einen Spezialtransport. „Sie holten ihn nachts aus dem Bett, weil hereinströmendes Wasser sein Zimmer überflutete“, so Schömer. Aus Platzmangel wurden er und andere Bewohnerinnen und Bewohner in ein Krankenhaus verlegt. „Hier waren alle Seniorenheime unbewohnbar“, sagt Schömer. Neben den Aufräumarbeiten musste sie ein neues Heim für ihn suchen, Sauerstoffflaschen, Rollator, Brille und Hörgeräte organisieren. Dabei half ihr Marcus Rother. Die Barmer-Filiale in der Innenstadt von Euskirchen hatte glücklicherweise wenig Schaden genommen. „Wir hatten Strom und konnten für die Nachbarn Kaffee kochen“, sagt Rother. Als schnell und unkompliziert bezeichnet Silvia Schömer die Hilfe ihrer Krankenkasse. „Die Zusagen kamen sofort, auch wenn ich noch nicht alle nötigen Dokumente hatte.“ Ein Spezialtransport brachte ihren Vater in ein neues Seniorenwohnheim. Dieses ist fast zwei Stunden entfernt. „Sein altes wird abgerissen“, so Schömer. Sie habe Glück gehabt, meint sie.

Für die Barmer ist es ein Anliegen, ihre Versicherten in Krisensituationen mit niedrigschwelligen Angeboten zu entlasten. Ganz konkret, mit Hilfsmitteln oder Medikamenten, aber auch der Stundung von Beiträgen. Oder auch mit einer ungewöhnlichen Maßnahme wie der kurzfristig initiierten Flut-Hotline. Ab dem 23. Juli nahmen die Psychologin Katharina Herte und neun ihrer Kolleginnen und Kollegen im Auftrage der Barmer Anrufe von Ratsuchenden entgegen. Das Team vermittelte die Betroffenen an die richtigen Anlaufstellen. Mit der Zeit häuften sich diejenigen Anfragen, bei denen die psychische Belastung der Betroffenen deutlich wurde. Manche meldeten sich, weil sie bei sich selbst ungewohnte Verhaltensmuster wie Wut oder Appetitlosigkeit beobachteten – das sind typische Reaktionen nach einem traumatischen Ereignis“, sagt Herte.

Indem sie zuhörten, versuchten die Mitglieder des Teams den traumatisierten Menschen ein Stück Ordnung und Struktur zurückzugeben. „Wir halfen dabei, die Gedanken zu sortieren: Was sind ihre akuten Bedürfnisse? Welche Ressourcen sind vorhanden? Das können Familie und Freunde sein, aber auch ein Hobby. Es klingt vielleicht ungewöhnlich, jemandem in einer solch belastenden Situation zu raten, er solle sich ans Klavier setzen. Aber wenn das einem Menschen sonst Ruhe und Freude schenkt, kann es genau das Richtige sein“, sagt Herte. Dort, wo ein Gespräch nicht genügte, empfahlen die Mitarbeitenden der Flut-Hotline Hilfsangebote wie den Psychosozialen Notdienst.

Portrait von Marcus Rother

Marcus Rother, Kundenberater Barmer Euskirchen

Menschen in Krisen zu stärken und ihnen Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten, gehört zu den Kernaufgaben der Barmer. Sie will Gesundheit aber noch weiter denken. Ihr Ziel ist es, die gesundheitliche Stabilität in der Gesellschaft zu stärken und so zu versuchen, die Menschen resilienter zu machen. Zum Beispiel, indem sie für Nachhaltigkeit und ein klimaneutrales Gesundheitswesen eintritt. Aber auch, indem sie in Gesundheitsfragen Beratung für alle anbietet. Für den Barmer-Mitarbeiter Marcus Rother in Euskirchen war es selbstverständlich, anzupacken und ansprechbar zu sein. Immer wieder seien erschöpfte Menschen in die Filiale gekommen, die nur jemandem zum Reden suchten. „Wir haben dann einfach zugehört“, sagt Rother. „Und das tun wir bis heute.“

Ein Mann tippt auf sein Handy und lacht dabei.

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