Eine Frau beugt sich über ihre Partnerin, die sich die Hand vors Gesicht hält
Psychische Gesundheit

Trauma bonding – wenn Abhängigkeit mit Liebe verwechselt wird

Lesedauer unter 15 Minuten

Redaktion

  • Dr. Lisa Auffenberg (Medizinjournalistin, Nerdpol – Redaktionsbüro für Medizin- und Wissenschaftsjournalismus)

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Schläge, Demütigungen, sexueller Missbrauch – wenn Opfer trotz alledem beim Täter oder bei der Täterin bleiben, könnten sie traumatisch gebunden sein. Wie das sogenannte Trauma bonding entsteht, warum die Beziehungen so schädlich sein können und wie man dem Bindungsmuster entkommt.

Ein typischer Fall könnte so aussehen: Eine Frau, nennen wir sie Marie, wird in der Kindheit vom Vater über Jahre hinweg sexuell missbraucht. Weder die Mutter noch andere nahestehende Personen sehen ihre Not. Der Vater droht, die geliebte Katze umzubringen, sollte sie es wagen, jemandem von den Übergriffen zu erzählen. Maries Schulnoten verschlechtern sich, sie ist müde, blass, appetitlos, bekommt immer wieder Blasenentzündungen und Bauchschmerzen, vielleicht malt sie sogar Bilder, auf denen der Missbrauch angedeutet ist – aber die Familienmitglieder und Lehrkräfte nehmen all das nicht wahr.

Irgendwann ist Marie alt genug, um das Elternhaus zu verlassen, und kann damit dem Vater entkommen. Obwohl sie räumlichen und zeitlichen Abstand hat, lässt sie das Erlebte nicht los. 

Mit schlafwandlerischer Sicherheit, unbewusst beeinflusst von ihren Traumata, findet sie einen Partner, der sie schlecht behandelt. Zunächst schwebt Marie in ihrer Beziehung auf Wolke 7, es gibt viele Aufmerksamkeiten und große Liebesbekundungen. Nie zuvor hat sich Marie so verstanden, so begehrt, so gesehen und so einzigartig gefühlt.

Doch dann schleichen sich kleine, hässliche Begebenheiten ein, die so gar nicht zu dem liebevollen Mann passen wollen, den sie kennengelernt hat: Sticheleien, Demütigungen, Kontrollversuche. Marie ist irritiert und versucht, die Kommentare und Konflikte herunterzuspielen. Es war alles ein Missverständnis, so denkt sie sich - er meint es doch anders, der Stress im Job setzt ihm gerade zu. 

Trauma Bonding: Opfer werden immer wieder isoliert und unterdrückt, während sie versuchen, dem Täter oder der Täterin alles recht zu machen.

Trauma Bonding: Opfer werden immer wieder isoliert und unterdrückt, während sie versuchen, dem Täter oder der Täterin alles recht zu machen.

Je länger die Beziehung andauert, desto heftiger wird die emotionale Gewalt, irgendwann kommt es auch zu Schlägen und Vergewaltigungen. Marie bemüht sich, bis zur Selbstaufgabe, ihrem Partner alles recht zu machen, ihm keinen Anlass für Wut oder Erniedrigungen zu geben und ihn dazu zu bringen, wieder der liebevolle Mensch zu werden, dem sie sich so verbunden gefühlt hat.

Nach jeder Eskalation beteuert er, seine Ausraster zu bereuen und in Zukunft alles besser machen zu wollen. Jedes Mal gibt ihm Marie eine neue Chance. Auf große Gefühle folgen große Versprechungen – doch die Realität sieht anders aus. Obwohl Marie wieder und wieder enttäuscht wird, ist sie unfähig sich zu trennen. Sie ist gefangen in einer traumatischen Bindung.

Was ist Trauma bonding?

Maries Geschichte stammt von Cornelia Buchner. Die ärztliche Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Traumatherapie hat zusammen mit ihrer Kollegin Alejandra Mancini das Buch Trauma verstehen verfasst. In ihrer Praxis begegneten ihr immer wieder Fälle von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch, die eine „enorme emotionale Heftigkeit“ mit sich brachten.

Oft war die emotionale Bindung der Opfer an den Täter (oder auch die Täterin) sehr stark und resistent gegen Veränderungen – ein Indiz dafür, dass es sich um eine sogenannte Traumabindung handeln könnte. Der Prozess, der zur Entstehung dieses schädlichen Bindungsmusters führt, wird Trauma bonding genannt.

Definition Trauma bonding

In der Forschung gibt es keine allgemeingültige Definition des Begriffes, aber es herrscht Einigkeit darüber, dass dabei verschiedene Faktoren zusammenwirken: ein Machtungleichgewicht zwischen Opfer und Täterin oder Täter, wiederkehrender Missbrauch und/oder Misshandlungen sowie ein unvorhersehbarer Wechsel zwischen Belohnung und Bestrafung.

Welche Formen von Trauma bonding gibt es?

Trauma bonding kann in verschiedenen Kontexten vorkommen: in Paar-Beziehungen, im Rahmen von Menschenhandel, in Familien oder bei der sexuellen Ausbeutung von Menschen. Typisch ist in jedem Fall ein deutliches Machtgefälle zwischen den Betroffenen und den Tätern – zum Beispiel, wenn die Opfer Kinder sind, die von Erwachsenen abhängig sind und sich in einer unterlegenen Position befinden.

„Die Misshandlungen können dann sehr unterschiedlich aussehen: grausame Strenge der Erziehungspersonen, die die Grundbedürfnisse des Kindes missachten, physische und seelische Vernachlässigung, sexueller Missbrauch oder verbale, emotionale und körperliche Gewalt“, sagt Cornelia Buchner. „Je länger das Geschehen andauert und je jünger das Opfer ist, desto schlimmer, tiefgreifender und irreversibler sind die psychischen Folgen.“

Auch zwischen Erwachsenen begünstigt ein extremes Machtungleichgewicht, dass traumatische Bindungen entstehen, etwa bei Geiselnahmen, Inhaftierungen, Folter, Sexhandel, in Sekten oder militärischen Strukturen.

„Am häufigsten sind Traumabindungen allerdings in Partnerschaftskonflikten zu beobachten“, sagt die Traumatherapeutin. „Oft kommen die Betroffenen mit Symptomen von depressiver Störung oder Burnout in die psychotherapeutische Behandlung und es stellt sich heraus, dass sie in einer destruktiven Beziehung stecken, in der sie sich komplett verausgaben und das ohne jeden Erfolg.“ 

Welche Anzeichen und Warnsignale gibt es bei Traumabindungen?

Wann eine Traumabindung besteht und wann nicht – dafür gibt es keinen stichfesten Kriterienkatalog. Doch verschiedene Warnsignale können in Richtung Trauma bonding weisen.

Opfer…

  • verinnerlichen die Deutungen und Sichtweisen des Täters oder der Täterin. Sie geben sich selbst die Verantwortung für Gewaltausbrüche und Kontrollversuche.
  • sind dankbar für positive Zuwendungen, haben ein sehr starkes Liebesgefühl gegenüber dem Täter oder der Täterin und versuchen, ihm/ihr um jeden Preis zu gefallen.
  • haben im Laufe der Beziehung ein immer schlechteres Selbstwertgefühl und häufig mit Depressionen zu kämpfen.
  • versuchen, die Misshandlungen und Demütigungen vor sich selbst und anderen zu verbergen oder zu rechtfertigen.
  • sind häufig sozial isoliert, wenig selbstständig und abhängig vom Täter/von der Täterin. 
  • haben das Gefühl, dass es keine Alternative zu dieser Beziehung gibt und ihr eigenes Leben von der Liebe des Täters/der Täterin abhängt.
  • sind sehr stark an den Täter oder die Täterin gebunden, der Täter/die Täterin aber nicht an das Opfer. Das führt dazu, dass nur eine Seite bemüht ist, das Gespräch zu suchen, Konflikte zu klären, sich zu verändern und einen gemeinsamen Weg zu finden. 
  • schaffen es nur äußerst schwer, sich aus der Beziehung zu lösen, und kehren häufig wieder zum Täter, zur Täterin zurück. 

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Wie entstehen und funktionieren Traumabindungen?

Die Partner verhalten sich in traumatischen Beziehungen wie Schlüssel und Schloss: Eine Seite begibt sich in eine abhängige, unterlegene Position, die sie eventuell schon aus Kindertagen kennt. Die andere Seite nimmt die dominante, kontrollierende Rolle ein – vielleicht ebenfalls auf dem Boden frühkindlicher Beschädigung ihrer seelischen Gesundheit. Je mehr sich das Opfer unterwirft und bemüht, desto übergriffiger verhält sich der Täter oder die Täterin, wie das Beispiel von Marie zeigt.

„Im Laufe der Beziehung wird immer deutlicher: Sie ist ihm hilf- und bedingungslos ausgeliefert“, so Cornelia Buchner. „Die Lösung aus dieser unheilvollen Beziehung ist ihr kaum möglich, weil die traumatische Bindung so ein fester Wunderkleber ist und sie mehr und mehr ihre Selbstständigkeit und ihre Fähigkeit zum Alleinsein verliert, je länger der schlimme Tanz andauert.“

Neben dem Machtgefälle sind die Wiederholung der Misshandlung und deren unvorhersehbare Unterbrechung wesentliche Faktoren bei der Entstehung von Traumabindungen. „Denn aus der Lerntheorie ist bekannt, dass die Kombination aus negativen Erlebnissen und unerwarteten Belohnungen das Lernen in erstaunlichem Umfang verbessern kann“, weiß Cornelia Buchner. „Wenn Lernende nicht wissen, wann sie eine Belohnung bekommen werden, maximieren sie die Leistung und strengen sich extrem an, um sie zu erhalten.“

So zeigten Studien, dass der Einsatz und die Ausdauer der Probanden und Probandinnen bei überraschend eingestreuten Belohnungen deutlich größer sind als bei regelmäßigen und vorhersagbaren Belohnungen. 

So ist es auch beim Trauma bonding, meint die Psychotherapeutin: „Der Täter unterbricht die wiederkehrenden Misshandlungen durch Gesten oder Worte voller Freundlichkeit und Fürsorge.“ Die Unfähigkeit, diese angenehmen Erfahrungen vorherzusagen, machten sie umso begehrenswerter. Phasen von guter und schlechter Behandlung dienten als „Zuckerbrot und Peitsche“ und trieben die verzweifelten und ausdauernden Versuche des Opfers an, den Täter wieder freundlich zu stimmen.

Bei Untersuchungen an Säuglingen wurde zum Beispiel beobachtet, dass Babys in Situationen, in denen sich die Eltern missbräuchlich verhalten, sogar noch stärker dazu neigen, sich an sie zu binden. Denn die Zurückweisung löst heftige Gefühle von Verzweiflung und Bedrohung aus, so dass Kinder sich umso mehr anstrengen, Nähe zu erzeugen und eine Bindung aufzubauen.

„Diese Erfahrung fräst sich so tief in das Persönlichkeitssystem ein, dass es für Betroffene kaum ein Entrinnen gibt. Dieses aus der kindlichen Not geborene Bindungsmuster hat einen regelrechten Suchtcharakter“, so die Traumaexpertin. Dazu passt, dass beispielsweise Opfer von häuslicher Gewalt häufig schon in ihrer Kindheit oder Jugend traumatische Erfahrungen machen mussten und keine sichere Bindung erlebt haben. Sie sind mit größerer Wahrscheinlichkeit anfällig für Traumabindungen, weil sie ein großes Bedürfnis nach Annahme verspüren und ein geringeres Selbstwertgefühl haben. 

Opfer von Trauma bonding können dazu neigen, erlernte Verhaltensmuster mit anderen Partnerinnen und Partnern zu wiederholen.

Opfer von Trauma bonding können dazu neigen, erlernte Verhaltensmuster mit anderen Partnerinnen und Partnern zu wiederholen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten außerdem, dass Trauma bonding entstehen kann, weil die Beziehung zu anderen für uns Menschen im Laufe der Evolution lebenswichtig war. Sie verstehen eine Traumabindung vor diesem Hintergrund als instinktive Überlebens- und Bewältigungsstrategie, die erklärt, warum sich manche Menschen selbst in gewalttätigen Partnerschaften gegen eine Trennung entscheiden. 

Nach dem Motto: Besser eine schlechte Beziehung als gar keine. Die gleiche Strategie greift in Situationen, in denen es keinen Ausweg gibt: etwa bei Entführungen oder Menschenhandel. Wenn der Täter oder die Täterin die einzig verfügbare Person ist, kann es sein, dass das Opfer Schutz bei ihm sucht – und eine emotionale Bindung entsteht. 

So schreiben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Ohio State University in einem Aufsatz über Traumabindungen bei Überlebenden von Menschenhandel: „Für die Opfer ist der Zuhälter oft das einzige beständige Gegenüber, das für menschliche Interaktion und die Erfüllung von Grundbedürfnissen wie Nahrung oder Unterkunft sorgen kann. Das Opfer, das anhaltende körperliche und sexuelle Gewalt und andere Formen von Stress und Traumatisierung erlebt, sucht verzweifelt nach Kontakt, um damit fertig zu werden und zu überleben. Daher fühlt es sich trotz des Missbrauchs, der Gewalt und der Ausbeutung möglicherweise mit dem Täter verbunden“. 

Typische Verhaltensweisen von Täterinnen und Tätern in traumatischen Bindungen

  • Kontrolle, Zwang und Manipulation oder Gaslighting
  • Unterdrückung der Autonomie und Isolation des Opfers
  • Liebesnachahmung und -bekundung
  • strategisches Zeigen der eigenen emotionalen Verwundbarkeit
  • Einfordern von Unterwerfung
  • Schüren von Selbstzweifeln
  • Aufrechterhaltung von Konflikten
  • Drohung und Aggression
  • Ausnutzen von Schwachstellen

Welche Auswirkungen hat Trauma bonding?

Traumatisierungen haben vielfältige schädliche Folgen für Körper, Seele und Geist. Besonders, wenn sie durch nahestehende Menschen und in jüngeren Jahren zugefügt werden. „Beim Trauma bonding kommt zur Misshandlung noch eine Art Gehirnwäsche am Opfer hinzu, die sich für die Betroffenen besonders fatal auswirkt“, so Cornelia Buchner. Und das nicht nur während der Beziehung, sondern auch darüber hinaus.

Zu den Auswirkungen zählen:

  • Selbstzweifel, geringes Selbstwertgefühl und ein negatives Selbstbild
  • intensive Schuldgefühle
  • Einsamkeit 
  • erhöhtes Risiko für psychische Folgeerkrankungen wie zum Beispiel Depression oder Suchterkrankungen 
  • kognitive Verzerrung und Verwirrung, bei der die Betroffenen nicht mehr realistisch zwischen Freundlichkeit und Gefahr unterscheiden können
  • Fehlinterpretation der emotionalen Erregung: Das Opfer interpretiert die durch das Trauma erzeugte Angst als Liebe.
  • Wiederholung der krankhaften Beziehungsstruktur im Erwachsenenalter: Kinder, die Trauma bonding erfahren haben, binden sich als Erwachsene mit größerer Wahrscheinlichkeit an Partner oder Partnerinnen, die sie ebenfalls schlecht behandeln. 
  • erlernte Hilflosigkeit: Machen Menschen immer wieder die Erfahrung von Hilflosigkeit oder Ohnmacht, kann es sein, dass sie das Gefühl entwickeln, nichts an ihrer Situation verändern zu können. Ein unangenehmer Zustand wird dann nicht beendet, selbst wenn das aus objektiver Sicht möglich wäre.

Wie lässt sich eine Traumabindung lösen?

Kommt eine Klientin wie Marie in die Praxis von Cornelia Buchner, hat sie meist schon einen langen Leidensweg hinter sich. Denn: „Es ist sehr schwer für die Opfer von Trauma bonding, die nötige innere Standfestigkeit zu entwickeln, die es braucht, um den Täter oder die Täterin zu verlassen. Betroffene verlieren zunehmend ihr Selbstwertgefühl, sind voller Selbstzweifel und denken womöglich, dass sie ganz alleine schuld an der Misere sind. Sie verachten sich dafür, dass sie sich so schlecht behandeln lassen und trotzdem nicht gehen können.“

Erst wenn das Opfer zusammenbricht, besteht ihrer Erfahrung nach die Chance, aus dem gewalttätigen Kreislauf auszubrechen. Dabei braucht es häufig psychotherapeutische Unterstützung – und im Idealfall auch die Hilfe durch das nahe Umfeld. 

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Denn ein erster Schritt könnte sein, mit guten Freunden über die Situation zu sprechen: offen, ehrlich, ohne falsche Scham oder Beschönigungen. Cornelia Buchner rät dazu, sich an mehrere Menschen zu wenden, um unterschiedliche Einschätzungen zu hören und nicht in eine bestimmte Richtung gedrängt zu werden. Wichtig ist aus ihrer Sicht außerdem, wieder mit dem eigenen Bauchgefühl in Kontakt zu kommen: Wie geht es mir wirklich? Was fühlt sich stimmig, was ungut an? In welche Richtung schiebt mich meine Intuition?

„Da es sich um eine schwere Beschädigung von Selbstwertgefühl und Autonomiefähigkeit handelt, sind diese Schritte jedoch häufig nicht ausreichend und es braucht in vielen Fällen zusätzlich eine professionelle Traumatherapie“, sagt die Expertin. „Schließlich ist das Problem nicht nur das gegenwärtige Beziehungschaos, sondern auch das frühere Trauma bonding, durch das die Problematik überhaupt erst entstanden ist.“ 

Ein wichtiges Ziel einer solchen Therapie ist dann, den Selbstwert und die Selbstständigkeit zu stärken. Denn Klientinnen wie Marie haben schon früh gelernt, nicht auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören, sondern auf die eines dominanten Gegenübers. Sie haben verinnerlicht, dass sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht vertrauen dürfen, sondern die Sichtweisen eines anderen übernehmen sollen. Dass sie nichts wert sind, wenn ihnen nicht die Zuwendung eines Täters Sinn verleiht.

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„Es ist ein hartes Stück Arbeit für die Betroffenen, diese negativen, aus der Not der Kindheit geborenen Überzeugungen zu identifizieren und aufzulösen“, so Cornelia Buchner. „Ich versuche, nach und nach kleine Handlungen von Selbstliebe und Selbstachtung zu etablieren. Und den Betroffenen erlebbar zu machen, dass sie sehr wohl auch alleine zurechtkommen können, weil sie nicht mehr das verletzte Kind von damals sind, sondern erwachsene Personen mit vielen nützlichen Fähigkeiten und Eigenschaften.“ 

Die Psychotherapeutin arbeitet dabei gerne mit imaginativen Techniken: etwa der Vorstellung von einem inneren, sicheren Ort, an dem die Klientin oder der Klient geschützt und geborgen ist. Auch die Suche nach einem Krafttier oder einem inneren Helferteam in der Fantasie können dabei helfen, die Betroffenen zu stärken. In Notlagen kann dann das verletzte innere Kind an den imaginierten sicheren Ort gebracht und dort von den gedanklichen Helfern liebevoll behütet werden.

„Das Entscheidende ist, dass es die Betroffene selbst ist, die nun als erwachsene Person das Kind ihrer Vergangenheit versorgt. Dadurch ist ein enormer Zuwachs an Eigenständigkeit möglich: Sie ist nun nicht mehr auf die Sinnstiftung durch ein Gegenüber angewiesen, sondern schafft sich in ihrem eigenen Inneren einen Ort der Heilung“, so Cornelia Buchner. 

Das Zusammenspiel aus psychotherapeutischen Gesprächen zur Selbsterforschung und den begleiteten Imaginationen ist ihrer Erfahrung nach ein sehr wirksames Instrument der Traumatherapie und eröffnet Betroffenen die Chance, sich aus traumatischen Bindungen zu lösen.

Trauma bonding und das Stockholm-Syndrom

Der Begriff Stockholm-Syndrom geht auf eine Geiselnahme im Jahr 1973 in Schweden zurück. Bei einem Überfall auf eine Kreditbank im Zentrum von Stockholm wurden vier Angestellte für 131 Stunden als Geisel genommen. Währenddessen wurde in den Medien live berichtet und die Angst der Opfer öffentlich gezeigt.

Nach der Befreiung wurde verbreitet, dass die Geiseln mehr Angst vor der Polizei als vor den Tätern gehabt hätten und den Geiselnehmern für ihre Großzügigkeit sehr dankbar gewesen wären. Das Stockholm-Syndrom wird seither als unbewusster psychologischer Schutzmechanismus gesehen, bei dem Geiseln eine positive emotionale Beziehung zu ihren Geiselnehmern aufbauen, um eine extreme Existenzangst abzuwehren. Auch in anderen Zusammenhängen wird das Stockholm-Syndrom beschrieben, zum Beispiel beim Missbrauch von Kindern. 

Das Syndrom ist in gängigen Diagnose-Klassifikationssystemen wie dem ICD-11 nicht aufgeführt. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Köln stellen in einer Überblicksarbeit fest: „Vom derzeitigen Forschungsstand kann davon ausgegangen werden, dass es bisher keine empirisch-wissenschaftliche Studie gibt, mit der das sogenannte Stockholm-Syndrom umfassend erklärt und als Enddiagnose bestätigt werden kann. 

Damit ist die Frage, ob es das beschriebene Stockholm-Syndrom überhaupt gibt, noch nicht völlig geklärt.“ Die Autorinnen und Autoren werfen die Frage auf, ob es sich dabei nicht um eine Legende handelt, die in weiten Teilen mystifiziert wurde.

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Der ICD-10-Diagnoseschlüssel dient der Klassifikation für Diagnosen vom Arzt. Ihr behandelnder Arzt oder Ihre behandelnde Ärztin verwendet diesen ICD-Code auch, um Krankheitsdiagnosen auf Ihrer Krankschreibung anzugeben.

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Da es bislang keine einheitliche Definition und diagnostische Kriterien gibt, ist auch die Abgrenzung von (anderen) traumatischen Bindungen unscharf. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler setzen das Stockholm-Syndrom mit Trauma bonding gleich, andere sehen das Stockholm-Syndrom als eine Form von Traumabindung an und wieder andere gehen von ganz unterschiedlichen Phänomenen aus. 

Anlaufstellen für Betroffene

Bundesweit steht eine Vielzahl an qualifizierten Stellen zur Verfügung, an die sich Betroffene – auch anonym – wenden können:

  • Der krisenchat.de ist ein bundesweites, ehrenamtliches und kostenloses Hilfsangebot für Kinder und junge Erwachsene in Not. Das Angebot bietet Kindern und Jugendlichen professionelle Hilfe – jeden Tag, 24 Stunden, per WhatsApp.
  • Sind da am Telefon, per Chat oder auch vor Ort: die Telefonseelsorge. Weitere Infos: telefonseelsorge.de
  • Auch der Weiße Ring e.V. hat ein Opfer-Telefon. Sprechzeiten, Online-Angebote und persönliche Beratungsinfos finden sich unter: weisser-ring.de
  • Unter frauen-info-netz.de ist eine Übersicht landesweiter Frauenhäuser aufgelistet.
  • Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist sieben Tage die Woche erreichbar unter 116 016.
  • Für Kinder steht die „Nummer gegen Kummer“ unter 116 111 zur Verfügung.
  • Das Hilfetelefon „Gewalt an Männern” ist in der Woche an bestimmten Sprechzeiten unter der 0800/1239900 zu erreichen.
  • Das bundesweiten Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch unterstützt Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle Gewalt erlitten haben, sowie Angehörige, Fachkräfte und alle Menschen, die sich Sorgen um ein Kind machen. Infos unter: hilfe-portal-missbrauch.de
  • Beim Deutschen Institut für Psychotraumatologie bekommen Betroffene Tipps zur Selbsthilfe bei einem psychischen Trauma: psychotraumatologie.de/selbsthilfe

Was können Angehörige und Freunde tun?

Wer glaubt, Trauma bonding im eigenen Freundes- oder Bekanntenkreis zu beobachten, dem rät die Traumaexpertin dazu, den Betroffenen anzusprechen und Hilfe anzubieten. „Wichtig ist jedoch, zu verstehen, dass derjenige unter Umständen nicht bereit ist, zuzuhören, sondern mit Scham oder Abwehr reagiert.“ Es braucht viel Vorsicht und Feingefühl, um zu verhindern, dass sich die Freundin, der Bruder oder die Kollegin vorgeführt oder ertappt fühlt. „Und es bleibt oft vergebliche Liebesmühe – es ist so ähnlich, als würden Sie einem Alkoholkranken raten, mit dem Trinken aufzuhören“, meint Cornelia Buchner.

„Doch auch wenn der Betroffene oder die Betroffene nicht in der Lage ist, seine Bedrängnis wahrzunehmen oder zuzugeben, kann ihn oder sie das Gespräch dazu anregen, sich kritischer mit seiner Beziehung auseinanderzusetzen.“ Wenn nicht jetzt, dann hilft ihm/ihr das Wissen um ein stabiles soziales Netz vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt dabei, sich zu offenbaren und um Unterstützung zu bitten. 

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Literatur und weiterführende Informationen

  • Alejandra Mancini und Cornelia Buchner: Trauma verstehen. Hilfe für Angehörige und Freunde (2022)
  • Antonia Henderson: When loving means hurting: An exploration of attachment and intimate abuse in a community sample (2005)
  • Christian Lüdke und Karin Clemens: Abschied vom Stockholm-Syndrom (2001)
  • Gottfried Fischer: Neue Wege aus dem Trauma (2011)
  • James Edem Effiong, Peace N. Ibeagha und Steven Kator Iorfa: Traumatic bonding in victims of intimate partner violence is intensified via empathy (2022)
  • Kaitlin Casassa, Logan Knight und Cecilia Mengo: Trauma bonding perspectives from service providers and survivors of sex trafficking: A scoping review (2022)
  • Linda Hadeed: Why Women Stay: Understanding the Trauma Bond Between Victim and Abuser Case Studies Were Written (2021)
  • Luise Reddemann: Trauma verstehen, bearbeiten, überwinden: Ein Übungsbuch für Körper und Seele (2020)
  • Matthew H. Logan: Stockholm syndrome: held hostage by the one you love (2018)
  • Meghan Koch: Women of Intimate Partner Abuse: Traumatic Bonding Phenomenon (2018)
  • Rosario V. Sanchez, Patricia M. Speck und Patricia A. Patrician: A concept analysis of trauma coercive bonding in the commercial sexual exploitation of children (2019)
  • Tahmine Bahmani, Nazia Sadat Naseri und E. Fariborzi: Relation of parenting child abuse based on attachment styles, parenting styles, and parental addictions (2022)


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