Frau legt Mann die Hand auf die Schulter
Krebs

Krebs und Psyche: Vor, während und nach der Erkrankung

Lesedauer unter 9 Minuten

Autor

  • Katja Matthias (TAKEPART Media + Science GmbH)

Qualitätssicherung

  • Andrea Jakob-Pannier (Diplom-Sozialpädagogin/ Psychologin/ Psychoonkologin, Barmer)

Wenn es dem Körper nicht gut geht, hat das Auswirkungen auf die Seele. Das scheint banal, doch oft ist es uns nicht bewusst. Krebs ist eine bedrohliche Erkrankung und belastet den Körper. Häufig kann auch die medizinische Behandlung anstrengend sein und über einen langen Zeitraum andauern. Daher ist es nicht ungewöhnlich, dass Patientinnen und Patienten Ängste haben, sich niedergeschlagen fühlen oder psychische Probleme erleben. Sich bewusst zu machen, dass Krebs auch die Seele belastet, kann helfen, mit seelischen Herausforderungen besser zurechtzukommen. Beratungsstellen, die es auch mit dem Schwerpunkt Psyche und Krebs (Psychoonkologie) gibt, bieten Erkrankten und ihren Angehörigen Unterstützung.

Die Krebsdiagnose als Einschnitt im Leben

Viele Menschen beschreiben es als einen Einschnitt im Leben, wenn bei ihnen Krebs festgestellt wird. Das gilt auf längere Sicht, aber auch für den Moment, in dem ein Arzt vor ihnen sitzt und die Diagnose ausspricht: „Sie haben Krebs.“ Oft fällt es schwer, in einer solchen Situation überhaupt noch weitere Informationen aufzunehmen oder irgendwelche Fragen zu stellen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten Diagnoseschock oder von einem „Sturz aus der normalen Wirklichkeit“.

Sie sind nicht allein: Viele Krebspatientinnen und - patienten entwickeln wegen ihrer Erkrankung psychische Beschwerden.

Sie sind nicht allein: Viele Krebspatientinnen und - patienten entwickeln wegen ihrer Erkrankung psychische Beschwerden.

Der Diagnoseschock

Oft ist es so, dass der Verdacht auf eine Krebserkrankung über Wochen oder vielleicht auch Monate hinweg im Raum steht. Irgendetwas mit dem Körper ist nicht in Ordnung, es folgen Untersuchungen, Gespräche mit Ärzten und vielleicht weitere Untersuchungen. Viele Menschen erwägen bewusst oder unbewusst in dieser Zeit bereits die Möglichkeit, ernsthaft erkrankt zu sein. Teilt der Arzt oder die Ärztin die Diagnose dann mit, wird aus Unsicherheit Gewissheit.

Eine Krebsdiagnose zu erhalten, kann eine unmittelbare Krise auslösen: Viele Menschen beschreiben den Moment mit den Worten, „es war, als ob mir der Boden unter den Füßen weggerissen wurde“. Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung, vielleicht auch Wut und Ärger können ausbrechen und die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Betroffene fühlen sich vielleicht bedroht oder orientierungslos: Wie soll es weitergehen? Ist das eigene Leben in Gefahr? Was bedeutet die Erkrankung für meine Angehörigen, Freunde, Nachbarn und Kollegen?

Nicht alle Menschen trifft ein Diagnoseschock. Manche haben unter Umständen bereits mehrere Krebserkrankungen in der Familie erlebt und das Schicksal, selbst an einem bösartigen Tumor zu erkranken, durchaus in der eigenen Zukunft gesehen. Hier können die seelischen Probleme andere sein.

Krise in den Griff bekommen und Stabilität gewinnen

Wenn Menschen durch eine Krebsdiagnose in eine Krise geraten, ist es wichtig, erst einmal wieder Stabilität zu gewinnen. Oft kann eine kurzfristige Krisenintervention durch eine Psychoonkologin oder einen Psychoonkologen helfen, um sich zu orientieren und an die neue Situation zu gewöhnen.

Sie können sich auf den Seiten der Barmer informieren, was genau Psychoonkologie leisten kann und wie Sie solche Angebote finden.

Angehörige

Bei schweren Krankheiten ist die Situation für Angehörige nicht leicht. Auf der einen Seite sind sie in Sorge um den geliebten Menschen und haben durch die Diagnose vielleicht auch selbst Angst. Gleichzeitig wollen sie unterstützen und für den anderen da sein. Diese Gratwanderung kann schwierig sein und an der eigenen Substanz zehren. Hier ist es wichtig, gut für sich selbst zu sorgen. Nur wer selbst stabil steht, kann andere stützen. Näheres dazu erfahren Sie in unserem Artikel Hilfe für Angehörige von Krebspatienten.

Depression und Stress als Ursache für Krebs?

Wenn Menschen an Krebs erkranken, spielt die Suche nach der Ursache für sie oft eine wichtige Rolle. „Warum hat es gerade mich erwischt?“, fragen sich viele. Manche fühlen sich schuldig oder ärgern sich, weil sie geraucht oder ungesund gelebt haben.
Immer wieder vermuten Menschen auch Zusammenhänge zwischen Charaktereigenschaften und Krebs. Die sogenannte „Krebspersönlichkeit“ war lange Zeit ein heiß diskutiertes Thema. Auch Stress oder Depressionen sind als Auslöser für Krebs im Gespräch. Hier ist es wichtig festzuhalten: Die Wissenschaft hat bisher keine sicheren Belege dafür gefunden, dass Krebs psychische Ursachen hat. Umgekehrt bedeutet das: Allein positives Denken oder die „richtige Geisteshaltung“ können uns nicht vor Krebs schützen.
Es gibt unterschiedliche Ursachen für Krebs. Verschiedene Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken.
Bekannte Risikofaktoren für Krebs sind

  • das Rauchen,
  • Schadstoff- oder Strahlenbelastung,
  • UV-Strahlung,
  • Alkohol und
  • Übergewicht.

Stress, Depressionen, Ängste und psychische Probleme zählen nicht zu den bekannten Krebs-Risikofaktoren.

Moderne Untersuchungen beobachten Studienteilnehmende über viele Jahre hinweg und befragen sie, wie sie leben und wie es ihnen geht. Solche Studien zeigen: Wenn Menschen Stress oder Ärger haben, kann das ihre Lebensführung beeinflussen, indem sie zum Beispiel rauchen oder mehr Alkohol trinken. Das erhöht auch das Krebsrisiko. Depressive Episoden können dazu führen, dass Patientinnen und Patienten sich weniger um sich selbst und ihre Gesundheit kümmern und bei Problemen nicht zum Arzt gehen. So wird eine Krebserkrankung vielleicht erst spät erkannt, was die Heilungschancen beeinträchtigen kann. Es finden sich jedoch keine Belege für psychische Probleme, Depressionen oder Stress als unmittelbare Ursache für Krebs.

Die Psyche nach einer überstandenen Krebstherapie

Eine Krebserkrankung und die dazugehörigen Behandlungen zu durchleben, kann das Leben nachhaltig verändern. Manche Menschen mit Krebs teilen ihr Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ ein. Und vielleicht ist danach nichts mehr so wie vorher. Das kann bedeuten, dass gedrückte Stimmungen und Ängste vor Krankheit oder Tod das Leben stärker bestimmen als zuvor. Es kann aber auch heißen, dass die Wertschätzung für Gesundheit, glückliche Momente und Phasen der Zufriedenheit zunehmen.

Infolge der Erkrankung und besonders während der Behandlungsphase können sich verstärkt körperliche Beschwerden, wie zum Beispiel Schmerzen, Erschöpfung (Fatigue), Schlafstörungen, Unwohlsein oder Magen-Darm-Probleme einstellen. Die Beschwerden können für kurze Zeit auftreten, aber auch länger anhalten. Solche körperlichen Symptome können Auswirkungen auf das seelische Gleichgewicht haben und Unsicherheit, Ängste oder depressive Gefühle verstärken oder auslösen. Bei Menschen mit einer Vorgeschichte von psychischen Erkrankungen ist es wahrscheinlicher, dass sie den Krebs und seine Folgen als seelisch belastend empfinden.

Umgekehrt kann es sein, dass seelisch belastete Menschen sich durch körperliche Symptome stärker beeinträchtigt fühlen als andere. Sie leiden eventuell mehr beispielsweise unter Schmerzen und können sie schwerer aushalten als seelisch weniger belastete Menschen. Es besteht also eine enge Wechselwirkung zwischen Körper und Seele. Für eine gewisse seelische Stabilität zu sorgen und sich Unterstützung bei der psychischen Bewältigung der Krebserkrankung zu suchen, kann helfen, auch körperlich möglichst gut durch Krankheit und Therapie zu kommen.

Zurück in die Normalität: Geht das?

Nach der Krebsdiagnose folgt meist eine längere Zeit mit Therapien sowie eine Anschlussheilbehandlung. Diese Phase dauert in vielen Fällen etwa ein Jahr. Danach scheint alles überwunden, das Leben kann weitergehen. Oft ist es gerade dieser Übergang, der noch einmal besondere Herausforderungen mit sich bringt. Viele können oder wollen nicht zur Normalität zurückkehren, als sei nichts gewesen. Kollegen oder Familienangehörige haben aber vielleicht genau diese Erwartung. Hier kann es zu Konflikten kommen.

Für Menschen, die eine Krebserkrankung überwunden haben oder vielleicht auch mit einem nicht heilbaren Krebs als chronischer Erkrankung leben, gilt es, diesen Umstand in ihr Selbstverständnis einzuschließen. Wie sehen sie sich selbst? Als chronisch erkrankt? Als Patienten, die ständig zum Arzt müssen? Als Krebs-Überlebende?

Die Möglichkeiten der Menschen, Erlebtes zu verarbeiten und zu ihrem Selbstbild hinzuzufügen, können sehr unterschiedlich sein. Wichtig ist: Es gibt kein richtig oder falsch. Alle sollten den für sie passenden Weg finden.

Die Angst vor einem Rückfall (Rezidivangst) kann die Psyche belasten

Wenn der Krebs nach einer erfolgreichen Therapie erst einmal besiegt scheint, so stehen regelmäßige Kontrolluntersuchungen auf dem Programm, um sicherzustellen, dass es nicht zu einem Rückfall (Rezidiv) kommt. Diese Untersuchungen zur Kontrolle sind ein zweischneidiges Schwert: Sie können Sicherheit geben, dass der Krebs nicht wieder da ist. Sie können aber auch Angst machen und ständig an die Krankheit erinnern. Körperliche Symptome wie Kopfschmerzen am Morgen, die bei anderen Menschen vielleicht ganz normal sind und manchmal vorkommen, können für Patienten, die eine Krebserkrankung überstanden haben, viel schneller bedrohlich und verunsichernd wirken.

Haben verschiedene Krebsarten unterschiedliche Auswirkungen auf die Psyche?

Je nachdem, an welcher Art von Krebs ein Mensch erkrankt und wie die jeweilige Lebenssituation ist, können sich die Erfahrungen sehr unterscheiden.

Körperliche Veränderungen

Eventuell kann der Krebs zu nachhaltigen körperlichen Veränderungen führen. Bei manchen Erkrankungen werden vielleicht Organe oder Teile davon entfernt. Das kann die äußere Erscheinung verändern, wenn zum Beispiel einer Frau die Brust abgenommen wird, um den Brustkrebs zu behandeln. Sind die Verdauungsorgane betroffen und wird beispielsweise ein Teil des Darms entfernt, müssen Betroffene eventuell beim Essen genauer planen und vertragen nicht mehr alle Nahrungsmittel so gut wie zuvor.
Der Verlust von Organen und die Veränderung des Körpers haben auch Auswirkung darauf, wie Patienten sich fühlen. Vielleicht empfinden sie sich als versehrt und nicht mehr heil oder weniger leistungsfähig. Oder sie verlieren ein Stück Vertrauen in den eigenen Körper. Partnerschaftliches Zusammensein und Sexualität können betroffen sein. Wie das Wohlbefinden und die Lebensqualität sich entwickeln, hängt meist auch davon ab, wie stark die körperliche Veränderung ist. In der Regel ist es ein Prozess, sich an ein neues Aussehen und verändertes Körpergefühl zu gewöhnen.

Familie, Beruf und soziales Umfeld

Eine der wichtigsten Quellen für Unterstützung können die Menschen in unserem direkten Umfeld sein. Aber gerade unsere Nächsten können uns auch zusätzlich belasten, wenn zum Beispiel die Kommunikation nicht gelingt und Gespräche schwierig sind. Der Gedanke, wie sich die eigene Erkrankung auf die Familie auswirken mag, kann die Seele belasten. Das gilt besonders für Krebserkrankte mit kleinen Kindern, um deren Zukunft sie sich sorgen.

Eine Krebserkrankung kann die Karriere- und Lebensplanung kräftig durcheinanderwirbeln. Berufstätige Menschen fürchten eventuell, ihren Beruf nicht mehr ausüben zu können oder den Arbeitsplatz zu verlieren. All das wirkt sich auch auf das seelische Wohlbefinden aus.

Krebs und Sterben

Krebs kann eine lebensbedrohliche Erkrankung sein und lässt sich nicht immer erfolgreich behandeln. Wenn absehbar ist, dass eine Krebserkrankung die Lebenszeit verkürzt, stehen Menschen vor besonderen Herausforderungen. Trauer über den nahenden Abschied vom Leben und von geliebten Menschen oder auch Wut über das eigene Schicksal können in dieser Situation bedeutsam sein. Vielleicht geht es auch darum, offene Konflikte zu klären. Oft möchten Menschen ihren Nachlass regeln und Vorkehrungen für die Zeit nach ihrem Tod treffen.

Sich der Erkenntnis zu stellen, dass der eigene Tod naht, ist schwierig. Daher ist besonders in einer solchen Zeit Unterstützung von außen sinnvoll und kann sehr hilfreich sein. Palliativstationen und Hospize können wichtige Anlaufstellen sein. Auch psychologische Hilfe kann unterstützend sein.

Tod und Abschied nehmen – die Barmer möchte Sie in dieser schweren Zeit unterstützen. Informationen zu Sterbebegleitung, Hospizversorgung und Trauerarbeit finden Sie in unserem Themen-Special Trauer.

Hilfe durch Psychoonkologie

Ein besonderer Zweig der Medizin ist die Psychoonkologie. Sie hat sich auf die seelische und soziale Unterstützung bei Problemen durch die Krebserkrankung und deren Behandlung spezialisiert. Eine Möglichkeit der psychoonkologischen Behandlung ist die Gesprächstherapie, bei der Therapeuten und Hilfesuchende miteinander reden. Daneben gibt es aber auch andere Verfahren, die Kunst, Musik oder Entspannungstechniken einbeziehen. Ziel der Psychoonkologie ist es, Menschen bei der Verarbeitung einer Erkrankung zu unterstützen und sie zu stärken. Mehr Informationen finden Sie in unserem Artikel zum Thema Psychoonkologie.

Beratungsstellen

Es gibt viele Anlaufstellen, die qualitätsgesicherte Informationen zu Krebserkrankungen geben können. Hierzu zählen Krebsberatungsstellen, spezialisierten Krankenhäuser und Rehakliniken. Darüber hinaus werden auch telefonische oder videobasierte Beratungen vom Krebsinformationsdienst angeboten. 

Selbsthilfe

Hilfreich bei der Bewältigung einer Krebserkrankung kann auch der Austausch mit Menschen in einer ähnlichen Situation sein. Dafür bieten Selbsthilfegruppen einen guten Rahmen. Dabei handelt es sich um selbstorganisierte Gruppen von Menschen, die ihre Erfahrungen miteinander teilen. Für viele Erkrankungen gibt es in den meisten Regionen Deutschlands Kontaktstellen und Gruppen. Nähere Informationen und Links finden Sie in unserem Artikel Selbsthilfe.

Literatur

Weiterführende Informationen

  • Leitlinienprogramm Onkologie – Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (Abruf vom 14.07.2021):  Psychoonkologie, Patientenleitlinie
  • Deutsche Krebsgesellschaft (Abruf vom 15.07.2021): Krebs und Psyche

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