Eine junge Frau beißt in ein Brötchen
Allergie

Fleischallergie nach Zeckenstich: Das Alpha-Gal-Syndrom

Lesedauer unter 7 Minuten

Redaktion

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Dr. med. Madeleine Zinser (Ärztin, Content Fleet GmbH)

Aus den USA hört man zurzeit von immer mehr Fällen einer Fleischallergie: Menschen vertragen plötzlich kein Fleisch mehr, obwohl sie zuvor in ihrem Leben keinerlei Probleme beim Verzehr hatten. Seit 2010 sind in den Vereinigten Staaten mehr als 100.000 mutmaßliche Fälle gemeldet worden. Die Rede ist vom sogenannten Alpha-Gal-Syndrom. 

Als Auslöser dieser außergewöhnlichen Allergie mit teils heftigen Symptomen, die einige Stunden nach dem Konsum von Fleisch eintreten, haben Forschende einen Zeckenstich ausgemacht. Doch wie kann der Stich einer Zecke zu einer mitunter schweren Allergie gegen Fleisch führen? Und tritt dieses überwiegend aus Nordamerika bekannte Phänomen auch in Deutschland und anderen Teilen der Welt auf?

Das Alpha-Gal-Syndrom – eine Allergie gegen Fleisch

Allergien beschreiben die überempfindliche (hypersensible) Reaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose körperfremde Substanzen, sogenannte Allergene. Hierzulande denken viele Menschen dabei wohl vor allem an die weitverbreitete Pollenallergie oder an Nahrungsmittelallergien, zum Beispiel gegen Erdnüsse. 

Der zugrunde liegende Mechanismus ist bei Allergien stets der gleiche: Das körpereigene Immunsystem kommt erstmalig mit einem Allergen in Kontakt, stuft es fälschlicherweise als schädlich ein und versucht es zu bekämpfen. Dieser Schritt wird auch als Sensibilisierungsphase bezeichnet. Bei vielen Allergien werden dabei Abwehrstoffe, sogenannte Antikörper oder Immunglobuline gebildet. Diese Immunglobuline (Ig) aktivieren bei zukünftigem Kontakt mit dem entsprechenden Allergen das Immunsystem, was eine allergische Reaktion mit körperlichen Symptomen auslöst.

Das Alpha-Gal-Syndrom (AGS) gilt im Fachbereich der Allergologie als eine der ungewöhnlichsten Entdeckungen des vergangenen Jahrzehnts. Während die meisten Allergene bestimmte Eiweißstoffe (Proteine) sind, richtet sich die allergische Reaktion bei Betroffenen des Alpha-Gal-Syndroms gegen ein Zuckermolekül – die sogenannte Galaktose-alpha-1,3-Galaktose oder kurz: Alpha-Gal. 

Bei Alpha-Gal handelt es sich um einen Zucker, der im Tierreich häufig vorkommt. Er ist im Fleisch der meisten Säugetiere zu finden, außer in dem des Menschen und seiner unmittelbaren Verwandten wie den Menschenaffen.

Bei Betroffenen des Alpha-Gal-Syndroms hat der Körper nach einem früheren Kontakt spezifische Immunglobuline gegen die Alpha-Gal gebildet, auch spezifisches Immunglobulin E (sIgE) genannt. Die Sensibilisierung des Immunsystems gegenüber dem Zucker bewirkt, dass bei erneutem Kontakt durch den Verzehr von Säugetierfleisch (Rind, Schwein, Schaf etc.) zu einer allergischen Reaktion kommt.

Fleischallergie durch Zeckenstich

Doch wieso erkennt der Körper Alpha-Gal plötzlich als Fremdkörper, den er bekämpfen muss, wenn Menschen zuvor jahrelang ohne Komplikationen Fleisch gegessen haben? Nach aktuellem Kenntnisstand wird die Produktion von sIgE gegen Alpha-Gal nicht durch den Verzehr von Fleisch, sondern durch Umwelteinflüsse ausgelöst – genauer gesagt, durch Zeckenstiche.

Sticht die Zecke einen Menschen, kann das Alpha-Gal in die Blutbahn gelangen, die Produktion von IgE anregen und das Immunsystem auf diese Weise sensibilisieren. Diese Sensibilisierung allein hat noch keine Auswirkungen oder Symptome zur Folge. Erst beim erneuten Kontakt mit Alpha-Gal, beispielsweise nach dem Konsum von Fleisch, kommt es zur allergischen Reaktion.

Wie Alpha-Gal in Zecken gelangt, ist noch nicht final geklärt. Verschiedene Möglichkeiten werden in der aktuellen Allergieforschung diskutiert: Der Zucker könnte Bestandteil des Speichels der Zecken sein. Er könnte jedoch auch zuvor durch Stich eines Säugetiers aufgenommen und dann an den Menschen weitergegeben werden. Oder aber er stammt aus Mikroorganismen wie etwa Bakterien, die typischerweise in Zecken leben.

Das Alpha-Gal-Syndrom – nicht nur bei Fleisch ist Vorsicht geboten
Manche Betroffene des Alpha-Gal-Syndroms reagieren ebenfalls allergisch auf Milch und daraus hergestellte Produkte wie Sahne, Joghurt, Butter und Käse. Gleiches gilt für gelatinehaltige Produkte, da auch diese Lebensmittel allesamt geringere Mengen des Zuckers Alpha-Gal enthalten. 

Darüber hinaus werden manche Arzneimittel wie bestimmte Verdauungsenzyme, Impfstoffe und Krebsmedikamente unter Einsatz von säugetierstämmigen Produkten hergestellt und können daher bei einer Minderheit von Betroffenen ebenso eine allergische Reaktion hervorrufen. Daher handelt es sich beim Alpha-Gal-Syndrom nicht ausschließlich um eine Nahrungsmittel-, sondern auch um eine Arzneimittelallergie.

Alpha-Gal-Syndrom – Symptome der Fleischallergie

Das Alpha-Gal-Syndrom kann Menschen jeden Alters betreffen. Die allergische Reaktion setzt in den meisten Fällen erst zwei bis sechs Stunden nach dem Verzehr von Säugetierfleisch ein, was sie von anderen, häufigeren Nahrungsmittelallergien abgrenzt, bei denen die Symptome meist unmittelbar auftreten. 

Zu den typischen Symptomen des Alpha-Gal-Syndroms zählen:

  • Nesselsucht (Urtikaria) mit juckenden oder brennenden Hautrötungen und -quaddeln sowie Schwellung der Unterhaut (Angioödem)
  • Atembeschwerden und angeschwollene Schleimhäute
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Durchfall
  • Bauchschmerzen
  • Schwellungen der Lippen, der Zunge oder des Rachens

In Extremfällen kann das Alpha-Gal-Syndrom zu einer Anaphylaxie führen. Diese akute und potenziell lebensbedrohliche allergische Reaktion ist durch eine Verengung der Atemwege bis hin zu Atemnot, Schwindel, niedrigen Blutdruck und Bewusstlosigkeit gekennzeichnet.

Die Medizin geht davon aus, dass diverse Faktoren die individuelle Ausprägung und den Schweregrad der Allergie beeinflussen können, so unter anderem körperliche Aktivität, die Einnahme von Medikamenten und Alkoholkonsum.

Alpha-Gal-Syndrom: Können Betroffene gar kein Fleisch mehr essen?

Der Alpha-Gal-Zucker ist nicht in allen Fleischarten enthalten. Daher können Geflügelfleisch sowie Fisch weiterhin gefahrlos von Betroffenen des Alpha-Gal-Syndroms verzehrt werden. Die Zubereitungsform beziehungsweise der Grad der Erhitzung des Fleisches von Säugetieren hat hingegen keinen oder nur einen geringen Einfluss auf seinen Alpha-Gal-Gehalt und somit auf sein Potenzial, allergische Reaktionen auszulösen.

Innereien, insbesondere Schweine- und Rindernieren, enthalten besonders hohe Mengen des Alpha-Gal-Zuckers und führen daher oftmals zu schnelleren und heftigeren allergischen Reaktionen. Aus diesem Grund sollten Betroffene des Alpha-Gal-Syndroms den Verzehr von Innereien im Besonderen vermeiden. 

Kann das Alpha-Gal-Syndrom behandelt werden?

Aufgrund der verzögert einsetzenden Symptome nach Fleischkonsum ist der Zusammenhang für viele Betroffene nicht direkt offensichtlich, weshalb sie zunächst andere Ursachen in Betracht ziehen. 

Eine gesicherte Diagnose des Alpha-Gal-Syndroms setzt gehäufte allergische Reaktionen nach dem Verzehr Alpha-Gal-haltiger Nahrungsmittel wie Fleisch oder gegebenenfalls Milchprodukte und zudem einen positiven Bluttest auf Alpha-Gal-spezifisches IgE voraus. Alternativ zum Bluttest kann auch ein intradermaler Allergietest Gewissheit verschaffen, bei dem geringe Mengen des allergenen Alpha-Gals unter die Haut gespritzt werden.

Der Verzicht auf entsprechende Fleischprodukte ist der einzige Weg für Betroffene des Alpha-Gal-Syndroms, um allergischen Reaktionen dauerhaft vorzubeugen. Eine Minderheit der betroffenen Menschen sollte zusätzlich auf Milchprodukte jeglicher Art sowie auf Gelatine verzichten.

In Ausnahmefällen, beispielsweise bei Personen mit verbleibenden Symptomen trotz Ernährungsumstellung, kann eine beigeordnete medikamentöse Therapie mit Antihistaminika oder entzündungshemmenden Arzneimitteln zur Abschwächung der allergischen Reaktion ergänzend eingesetzt werden. 

Bei der überwiegenden Mehrzahl von Menschen mit Alpha-Gal-Syndrom geht die Konzentration des Alpha-Gal-spezifischen IgE im Blut mit der Zeit wieder zurück, sodass sie wieder Fleisch von Säugetieren in ihre Ernährungsgewohnheiten aufnehmen können, ohne allergisch darauf zu reagieren. Der zeitliche Rahmen unterscheidet sich hierbei maßgeblich zwischen Betroffenen, jedoch konnte ein Abfall der IgE-Konzentration im Blut und damit verbunden eine Besserung der Symptome schon nach drei bis sechs Monaten beobachtet werden. 

Voraussetzung dafür ist, dass sie keine weiteren Stiche von Zecken erlitten haben, die Reaktionen auf Alpha-Gal hervorrufen. Diese können die Blutkonzentration des IgE aufrechterhalten oder sogar erhöhen und so zu einer Verlängerung beziehungsweise Verstärkung der Fleischallergie führen. Aus diesem Grund kann für Menschen mit Alpha-Gal-Syndrom die Kontrolle der Alpha-Gal-spezifischen IgE-Levels zweimal jährlich medizinisch sinnvoll sein.

Alpha-Gal-Syndrom – Schutz vor Zeckenstichen als Präventionsmaßnahme

In ländlichen und vorstädtischen Gebieten ist es oftmals schwierig, Zeckenstiche gänzlich zu vermeiden. Zudem gibt es bestimmte Berufe etwa in der Wald- und Forstwirtschaft, die einem enorm erhöhten Risiko gegenüber Zeckenstichen ausgesetzt sind.

Geeignete Kleidung und chemische Abwehrmittel wie Sprays können hier Abhilfe schaffen und Schutz vor Zeckenstichen bieten. 

Eine Frau sprüht ihren Sohn mit Zeckenabwehrmittel ein.

Dem Alpha-Gal-Syndrom vorbeugen: Lange Hosen, geschlossene Schuhe und geeignete Zeckensprays können einen gewissen Schutz vor Zeckenstichen bieten.


Dies dient nicht nur dem Vorbeugen des Alpha-Gal-Syndroms – Zecken können durch ihren Stich zahlreiche weitere Krankheiten wie Borreliose und FSME übertragen.

Vor Frühsommer-Meningoenzephalitis geschützt mit kostenfreien Impfungen

Barmer-Versicherte profitieren bei Aufenthalten in FSME-Risikogebieten von der Kostenübernahme für die drei notwendigen FSME-Impfungen.

Mehr erfahren

Das Alpha-Gal-Syndrom – Fleischallergie auch in Deutschland?

Im Nordosten und Süden der USA wird das vermehrte Auftreten des Alpha-Gal-Syndroms vor allem mit Stichen der dort weit verbreiteten Lone-Star-Zecke in Verbindung gebracht. In den vergangenen Jahren wurden Fälle von Fleischallergien aus allen Teilen der Welt bekannt. Die Häufigkeit schwankte jedoch erheblich zwischen verschiedenen Regionen. Diese Fälle des Alpha-Gal-Syndroms sind nicht auf besagte Zeckenart zurückführbar, da die Lone-Star-Zecke ausschließlich in Nordamerika verbreitet ist.

Allerdings konnte der Alpha-Gal-Zucker bereits in anderen Zeckenarten in verschiedenen Regionen der Welt nachgewiesen werden, so auch in der am weitesten verbreiteten Zecke in Deutschland und Europa: dem Gemeinen Holzbock. 

Da es keine Meldepflicht für Fälle des Alpha-Gal-Syndroms in Deutschland gibt, ist die Zahl der Betroffenen nur schwer zu schätzen. Die Europäische Stiftung für Allergieforschung berichtete von rund 100 Fällen im Jahr 2019. Da der Übertragungsweg in Deutschland insgesamt noch wenig erforscht ist, kann jedoch von einer höheren Dunkelziffer ausgegangen werden. 

Daher gilt: Wenn Sie nach dem Verzehr von beispielsweise Rind- oder Schweinefleisch eine allergische Reaktion bei sich feststellen, auch wenn diese erst nach einigen Stunden eintritt, oder falls Sie ungewöhnliche Hautreizungen nach einem Zeckenstich entwickeln, sollten Sie zwecks Untersuchung eine allergologische Fachpraxis konsultieren. 

Gesund und ausgewogen essen mit dem Online-Kurs Ernährung und Vitalität

Eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung ist nicht nur für Allergikerinnen und Allergiker wichtig. Im für Barmer-Versicherte kostenfreien Online-Kurs „Ernährung und Vitalität“ gibt es alltagstaugliche Tipps und abwechslungsreiche Rezepte für eine gesunde Ernährung.

Online-Kurs entdecken

Literatur und weiterführende Informationen

Zertifizierung

Auf unsere Informationen können Sie sich verlassen. Sie sind hochwertig und zertifiziert.