Informierte Wahl
Transparenzbericht

Informierte Wahl

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Redaktion

  • Christin Kaufmann

Die Gesundheitsversorgung in Deutschland gehört zu den besten der Welt. Das heißt aber nicht, dass alle Ärztinnen und Ärzte bei jeder Erkrankung immer optimal behandeln. Auch Krankenhaus ist nicht gleich Krankenhaus. Aber wie das passende finden? Die Barmer setzt sich für eine transparente Informationskultur und vergleichbare Parameter ein.

Die Suche nach einer neuen Hausärztin oder einem Zahnarzt kann sich anfühlen wie Dating. Die Erwartungen sind hoch. Es gibt etliche Kandidatinnen und Kandidaten, deren Online-Auftritt einen guten Eindruck macht. Aber passen sie auch wirklich zu einem? Im Freundeskreis haben offenbar auch alle jemanden gefunden, mit dem sie glücklich sind. Wie schwierig kann es also sein?

Ehrlich gesagt: ziemlich schwierig. Wer in Deutschland eine passende Praxis, ein Krankenhaus oder eine Reha-Einrichtung sucht, hat meist eine große Auswahl: Allein in Berlin gibt es Tausende niedergelassene Ärztinnen und Ärzte. Und im näheren Umkreis von Düsseldorf über 100 Kliniken, die beispielsweise eine Knieprothese einsetzen oder Brustkrebs behandeln . Gerade dieses breite Angebot macht das Gesundheitswesen aber unübersichtlich: Zu entscheiden, wo es die beste Behandlung für ein individuelles gesundheitliches Problem gibt, ist kompliziert. Es fehlen einfach verständliche Indikatoren, anhand derer sich ablesen ließe, wer gute Arbeit macht und wer nicht. Oder, wie es im Fachjargon heißt: Es fehlt die Qualitätstransparenz.

Elke Berger

Elke Berger, Technische Universität Berlin

Die nötigen Daten liegen zumindest in Teilen bereits vor: Kliniken beispielsweise sind seit 2005 verpflichtet, über ihre Leistungen und Behandlungsergebnisse in sogenannten Qualitätsberichten Auskunft zu geben. „Auch Arztpraxen müssen extrem viel Qualitätssicherung betreiben“, sagt Elke Berger, die an der TU Berlin im Fachgebiet Management im Gesundheitswesen forscht. „Aus Sicht von Patientinnen und Patienten sind diese Informationen aber zu umfassend, zu unstrukturiert, nicht zugänglich oder unverständlich.“ Das bestätigt eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung: Laut dieser fühlen sich über 60 Prozent der Deutschen bei der Suche nach einer Arztpraxis, Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung nicht ausreichend informiert. Und wer uninformiert ist, trifft eher eine Entscheidung, die ihn unzufrieden macht: Laut einer Studie des IGES-Instituts gab ein Drittel der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten einen Praxiswechsel erwogen zu haben.

Wer die Wahl hat

Während Patientinnen und Patienten in vielen anderen europäischen Ländern nicht oder nur sehr eingeschränkt darüber entscheiden dürfen, wer sie behandeln soll, steht den Versicherten hierzulande diese Wahl grundsätzlich frei. Im Alleingang die Webseiten sämtlicher Alternativen zu vergleichen, ist jedoch mühsam. „Praxisöffnungszeiten oder auch Zusatzqualifikationen sind dort meist noch zu finden“, sagt Melina Ledeganck, Mitarbeiterin der Barmer im Bereich ambulante Versorgung. „Ob eine Praxis barrierefrei ist oder Video-Sprechstunden anbietet, dagegen nicht immer.“

Das Internet hat dafür eine Lösung: Online-Arztsuchen. Portale privater Anbieter, aber auch der Krankenkassen oder des Bundes listen Praxen in der Umgebung. Manche bieten auch Filter, mit denen sich eine Vorauswahl wie „Mann/Frau“ oder „alternative Heilmethoden“ treffen lässt. So auch die Barmer-Arztsuche: Hier lassen sich die Ergebnisse anhand von Kriterien wie „macht Hausbesuche“ oder sogar der durchschnittlichen Wartezeit in der Praxis verfeinern. Viele der Portale setzen zusätzlich auf Meinung. Gibt man beispielsweise bei Google Maps „Psychotherapie“ oder „Radiologie“ ein, zeigt die Suchmaschine nicht nur Praxen in der Nähe, sondern oft auch, wie diese bewertet wurden.

Melina Ledeganck

Melina Ledeganck, Barmer-Expertin für die ambulante Versorgung.

„In Befragungen zeigt sich, dass Patientinnen und Patienten sehr viel Wert auf die Erfahrungen anderer legen“, so Melina Ledeganck. Diese Bewertungen erfolgen jedoch freiwillig und können sehr subjektiv ausfallen. Niemand prüft, ob Verfasserin oder Verfasser überhaupt in der Praxis war. Weil die Portale die Angaben nicht strukturiert erfassen, ist oft auch nicht klar, was bemängelt wird: „Eine negative Bewertung kann bedeuten, dass jemand am Empfang an dem Tag unaufmerksam war oder dass das Wartezeitenmanagement nicht gut lief. Beides sagt jedoch nichts über die Qualität der Behandlung aus“, so Ledeganck. In einer Befragung über Arztsuchen gab jedoch fast die Hälfte der Teilnehmenden an, sich bei der Entscheidung für oder gegen eine Praxis von Sternchen und persönlichen Bewertungen leiten zu lassen.

Dabei gäbe es objektivere Indikatoren, um zum Beispiel die Qualität einer Orthopädin zu beurteilen: die Anzahl und der Ausgang bestimmter Behandlungen – also wie oft beispielsweise Menschen mit Rhizarthrose in die Praxis kommen und wie schnell und zuverlässig ihnen geholfen wurde. Solche Daten gibt es: „Die Abrechnungs- und Leistungsdaten, die niedergelassene Ärzte routinemäßig quartalsweise an ihre Kassenärztliche Vereinigung übermitteln, ermöglichen einen differenzierten Einblick in Art, Umfang und Qualität der Leistungserbringung“, heißt es in einem Bericht der Bertelsmann Stiftung. Einige der Daten werden jährlich veröffentlicht, jedoch nur in aggregierter und für Laien nicht verständlicher Form. Die Kassenärztliche Vereinigung ist zudem nicht verpflichtet, diese Informationen umfassend für die Allgemeinheit zugänglich zu machen.

In Ländern wie Großbritannien oder Schweden verantwortet der Staat die Gesundheitsversorgung. Die staatlichen Behörden unterhalten ein Netz aus Arztpraxen und Krankenhäusern und finanzieren dieses aus Steuermitteln. In Deutschland hingegen gilt das Prinzip der Selbstverwaltung: Verschiedene Träger wie die gesetzlichen Krankenkassen und die Kassenärztlichen Vereinigungen gewährleisten eigenverantwortlich die medizinische Versorgung. Der Staat gibt dafür nur den gesetzlichen Rahmen vor.

Die Kassenärztliche Vereinigung muss einen Teil ihrer Routinedaten an die für die Abrechnung zuständigen Krankenkassen weiterleiten. Diese dürfen die Daten aber lediglich für Aufgaben nutzen, für die sie per Gesetz zuständig sind. Eine Veröffentlichung aus anderen Gründen scheidet aus. Auch sind Aussagen zur Qualität einer ärztlichen Praxis aus diesen Daten grundsätzlich nicht ableitbar. Anders in Ländern mit einer staatlichen Gesundheitsversorgung: „In England beispielsweise findet eine umfassende Berichterstattung auf Praxisebene statt. Die qualitativen Ergebnisse werden in einem jährlichen Report und online veröffentlicht“, sagt Elke Berger von der TU Berlin. Wer in England eine Praxis sucht, die außerordentlich gut behandelt, findet diese mit wenigen Klicks auf einer interaktiven Karte der zuständigen Behörde.

Schwer zu durchdringen

Dass es auch in Deutschland transparenter geht, zeigen die Qualitätsberichte der Krankenhäuser. Seit 17 Jahren sind Kliniken gesetzlich dazu verpflichtet, über ihre Arbeit zu informieren. In den jährlichen Berichten listen sie unter anderem ihre angebotenen Behandlungen, wie häufig diese durchgeführt wurden und wie oft es zu Komplikationen kam. Eine gute Grundlage, um sich für oder gegen ein Krankenhaus zu entscheiden. Auf der Webseite des Gemeinsamen Bundesausschusses – des Gremiums der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärztevereinigungen, Krankenhäusern und Krankenkassen – sind die Berichte für jeden abrufbar. Das Problem: „Sie sind so dick, die liest sich kaum jemand durch“, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Elke Berger. Das bestätigt auch Kathrin Szostak, bei der Barmer im Bereich stationäre Versorgung tätig: „Die Informationen sind zu umfangreich und für Laien kaum verständlich.“ Wer nach einem Krankenhaus für die Hüft-OP sucht, müsste gleich mehrere dieser Berichte durcharbeiten, um eine gut informierte Wahl zu treffen.

Kliniken im Vergleich

Hilfestellung gibt es von den Krankenkassen. Sie analysieren die Berichte und lassen die Qualitätsdaten in ihre Online-Kliniksuchen einfließen. „Ein wichtiger Aspekt bei der Barmer-Kliniksuche ist sicher die Fallzahl“, sagt Kathrin Szostak. Ist sie hoch, hat das Personal viel Erfahrung in diesem Bereich. Für zehn besonders schwierige Eingriffe bestehen sogar gesetzlich festgelegte Mindestmengen: Die Kliniken müssen eine Prognose abgeben, ob sie die geforderte Zahl an Behandlungen erreichen werden. So dürfen beispielsweise nur solche Kliniken Lebertransplantationen durchführen, bei denen mindestens zwanzig pro Jahr anstehen – Prinzip „Übung macht den Meister“.

Ein Tablet mit Händen, auf dem die Arztsuche demonstriert wird.

Die bekannteste Kliniksuche ist sicher die der Weißen Liste, einem von der Bertelsmann Stiftung mitgegründeten, unabhängigem Internetportal. Wie die Angebote der Krankenkassen speist diese sich aus den Qualitätsberichten der Krankenhäuser. Bis vor Kurzem bot die Weiße Liste auch eine Arztsuche an. Grundlage dafür waren systematisch erhobene Erfahrungsberichte von Patientinnen und Patienten – quasi die wissenschaftliche Version von Online-Bewertungen. Die Weiße Liste hat dieses Angebot nun jedoch eingestellt: „Trotz großer Anstrengungen ist es uns nicht gelungen, mit der Befragung einen relevanten Umfang aktueller Bewertungen pro Arzt zu erreichen“, heißt es in der Begründung.

Würden Sie die Praxis Ihren Freunden weiterempfehlen? Wie viel Zeit haben sich die Mitarbeitenden bei der Anamnese genommen? Wie lange dauerte es nach Ihrer Knieoperation, bis Sie keine Schmerzen mehr hatten? Regelmäßig erhoben könnten solche Befragungen die Arztsuche leichter machen, sagt die Wissenschaftlerin Elke Berger. Kathrin Szostak von der Barmer sieht darin auch eine Chance für eine bessere Kliniksuche: „Sie sollten strukturiert in allen Krankenhäusern durchgeführt werden“, sagt sie. Nationale und internationale Studien belegen, dass wissenschaftlich erhobene Patientenerfahrungen (Patient Reported Outcome Measures – PROM) wesentlich zur Transparenz und damit Qualitätssicherung im Gesundheitswesen beitragen.

Mehr Transparenz würde auch helfen, Kosten zu sparen: Bereits 2013 rechnete eine Studie vor, dass sich die Kosten für Hüft-OPs um rund 75 Millionen Euro senken ließen, würde man alle Patientinnen und Patienten in Deutschland, die ein künstliches Hüftgelenk benötigten, in die besten 20 Prozent der Krankenhäuser steuern. Viel wichtiger jedoch: Patientengruppen, die mittels einer Positivliste zu ausgewählten Leistungserbringern gesteuert wurden, verließen das Krankenhaus schneller und wurden seltener wieder eingewiesen, heißt es in der Studie weiter. „Klinik ist eben nicht gleich Klinik“, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Elke Berger. „Dafür fehlt in Deutschland jedoch leider noch oft das Bewusstsein – wollen wir hoffen, dass sich das bald ändert.“ 

Wahlhelfer: Diese Informationsangebote der Barmer unterstützen bei der Suche

Wo finde ich eine Ärztin oder einen Arzt in der Nähe?
Barmer Arztsuche

Wo finde ich detaillierte Informationen zu Therapieschwerpunkten oder Qualität einzelner Kliniken?
Barmer Kliniksuche

Wer bietet die mir verordneten Hilfsmittel an – und eine umfassende Beratung?
Barmer Hilfsmittel-Vertragspartnersuche

Welche Pflegeeinrichtungen oder ambulanten Pflegedienste gibt es in meiner Nähe? 
Barmer Pflegelotse

Wo finde ich Palliativversorgung oder ein Hospiz? 
Barmer Hospizlotse

Welche guten Hörgeräte gibt es? Was leisten orthopädische Schuhe? 
Versicherte der Barmer geben Auskunft zu Hilfsmitteln

Ein junger Mann macht Rehasport Übungen.

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