Dr. Janine Voß ist Leiterin der Abteilung Beschaffung und Nachhaltigkeit der Barmer.
Nachhaltigkeit

Motivierender Meilenstein erreicht: Barmer bereits 2022 klimaneutral

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Redaktion

  • Barmer Internetredaktion

Erstellt im November 2022

Als Leiterin des Bereichs zentrale Dienste mit Verantwortung für die Nachhaltigkeits-Transformation der BARMER koordiniert Dr. Janine Voß bei der BARMER die Klimaschutzmaßnahmen. Hier erklärt sie, welche Rolle das große erreichte Etappenziel Klimaneutralität aus ihrer Sicht spielt und wie es von hier aus weitergeht.

Frau Dr. Voß, die BARMER ist als erste der großen Krankenkassen klimaneutral – was freut sie daran besonders?

Janine Voß: Ganz besonders freut mich, dass wir uns bei der Barmer einig sind über die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit und einen gemeinsamen Kurs verfolgen. Ohne die breite Zustimmung und unternehmensweite Zusammenarbeit wären wir jetzt nicht so weit.

Die Barmer hatte sich das Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden. Was hat die BARMER dazu bewogen, bereits jetzt den Schritt zur Klimaneutralität aller Standorte zu gehen, statt bis 2030 zu warten?

Janine Voß: Nachdem wir 2021 unseren CO2-Ausstoß bereits um 39% gegenüber 2019 senken konnten, haben wir uns entschieden, den verbliebenen Ausstoß komplett zu kompensieren. Es geht uns vor allem um eine Signalwirkung, jeder soll auf die Bedeutung des Themas aufmerksam werden. Darüber hinaus ist es für uns intern auch eine Motivation. Wir haben festgestellt, dass wir für einige Dinge Zeit brauchen, z. B. für die Sanierung von Gebäuden. Umso besser, dass wir uns früh das Ziel Klimaneutralität gesetzt haben und daran systematisch arbeiten. Und wenn wir sehen, dass durch erfolgreich abgeschlossene Projekte der kompensierte Anteil der CO2-Emissonen sinkt, ist das eine tolle Motivation für die nächsten Projekte.

Sie haben selbst Kinder. Wie gehen die mit dem Thema Klimawandel um? 

Janine Voß: Ich merke immer wieder, dass sie erstaunlich gut informiert sind über alle möglichen Umwelt-Themen. Sie wissen zum Beispiel, dass Flugreisen vergleichsweise viel CO2 verursachen und sind richtig empört, wenn Leute Im Alltag nicht auf die Umwelt achten, also Müll nicht trennen oder das Licht anlassen. Sie sind allerdings noch nicht alt genug, um das Problem in all seinen Dimensionen zu erfassen. Manchmal bin ich froh darüber, denn auf einige Fragen könnte ich ihnen keine befriedigende Antwort geben.

In welchem Umfang kompensiert die BARMER ihren verbliebenen CO2-Ausstoß durch klimafreundliche Projekte?

Janine Voß: Wir kompensieren aktuell rund 30.000 Tonnen CO2 durch klimafreundliche Projekte. Einen großen Anteil der bisher nicht durch uns aktiv reduzierbaren Emissionen machen die Mitarbeiter-Anfahrten zum Arbeitsplatz aus. Durch die systematische Einführung von flexibler Arbeit vermeiden wir bereits einen erheblichen Teil und haben auch verschiedene Angebote für nachhaltige Mobilität wie z. B. ein Jobticket oder unser JobRad. Dennoch sind wir auch davon abhängig, dass die Anzahl von E-Autos steigt, der öffentliche Nahverkehr attraktiver wird und Radwege ausgebaut werden.

Was zeichnet die Nachhaltigkeitsstrategie der BARMER insgesamt aus? 

Janine Voß: Eine hohe strategische Priorität setzen wir auf Klima- und Umweltschutz bei uns selbst und auch in unseren Lieferketten. Aber unsere Nachhaltigkeitsstrategie beschränkt sich nicht nur auf Klima- und Umweltschutz, sondern umfasst neben der Gesundheit als unserer Hauptaufgabe auch Aspekte wie Geschlechtergleichheit, Krisenfestigkeit oder digitale Ethik. Als wichtiger Akteur im Gesundheitswesen übernehmen wir auf unterschiedlichen Gebieten Verantwortung.

Welche nächsten Meilensteine liegen jetzt vor Ihnen?

Janine Voß: Im Jahr 2023 wird uns als BARMER unter anderem die Sanierung unseres Hauptverwaltungsgebäudes in Wuppertal stark beschäftigen, auch das Thema nachhaltige Mobilität werden wir uns intensiv anschauen. Im Gesundheitswesen sind diverse strukturelle Veränderungen notwendig, von einer grundlegenden Krankenhausstrukturreform über den Ausbau der Digitalisierung bis hin zu einer stärkeren Vernetzung der Versorgung. Viele notwendige Maßnahmen können gleichzeitig zu mehr Nachhaltigkeit führen.

Wie will die BARMER nun ihre Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz gewinnbringend für das Gesundheitswesen einsetzen?

Janine Voß: Wir wollen zum einen Transparenz schaffen und uns zum anderen für konkrete Maßnahmen einsetzen, die einen positiven Nachhaltigkeitsbeitrag liefern. Zum Thema Transparenz haben wir gerade zwei interessante Studien abgeschlossen. In Zusammenarbeit mit dem Wuppertal Institut ist eine Forschungslandkarte entstanden, die den aktuellen Forschungsstand zu den Gesundheitsfolgen des Klimawandels systematisch aufzeigt. Hier sehen wir für uns zum Beispiel wichtige Ansatzpunkte für Aufklärung und Prävention. Ein zweites spannendes Projekt ist die Studienreihe „Klimaneutraler Gesundheitssektor“, die wir mit dem F.A.Z.-Institut gestartet haben. Die Ergebnisse zeigen, dass es im Gesundheitssektor vor allem an konkreten Umsetzungsmaßnahmen für den Klimaschutz mangelt.

Ihr Vorstandsvorsitzender fordert, Nachhaltigkeit im Sozialgesetzbuch zu verankern. Was würde das bedeuten?

Janine Voß: Das wäre eine eindeutige Grundlage für unser Engagement. Krankenkassen sind wichtige Akteure im Gesundheitssystem und können die größte Schlagkraft entwickeln, wenn sie an einem Strang ziehen. Eine gemeinsame gesetzliche Basis ist dafür eine Voraussetzung. 

Eine weitere Forderung der BARMER ist eine gemeinsame Agenda für den Klimaschutz im Gesundheitswesen. Wieso gibt es die eigentlich noch nicht?

Janine Voß: Das liegt sicherlich an der Komplexität des Themas, den vielen verschiedenen Stakeholdern und den politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen. Aber auch daran, dass das Gesundheitssystem mit seinen CO2-Emissionen lange Zeit nicht im Fokus stand. In anderen Branchen, die schon seit Jahren in der Kritik und unter Beobachtung standen, hat sich aufgrund dieses Drucks auch schon mehr getan. Es sind Brancheninitiativen entstanden und gemeinsame Standards. Da haben wir einen Nachholbedarf, können aber auch einiges von diesen Beispielen lernen. Dass sich aber nun auch im Gesundheitswesen eine hohe Dynamik entwickelt hat, sieht man am Beispiel Großbritannien: Der National Health Service muss bis 2040 seine Emissionen auf Null herunterfahren, das ist dort jetzt verbindlich gesetzlich vorgeschrieben.

Steigt denn insgesamt die Sensibilität für Umwelt-Risiken und -Nebenwirkungen des Gesundheitswesens? Oder eher nicht? 

Janine Voß: Unsere Studie zeigt, dass viele Entscheider im Gesundheitswesen das Thema schon auf dem Schirm haben und auch ihre Mitarbeitenden sensibilisieren. Was häufig noch fehlt, sind eine strategische Verankerung und klare Verantwortlichkeiten. Ich glaube, wir können noch viel mehr tun, um das Bewusstsein zu stärken. Auch Patienten und Versicherte sollten zu dem Thema gut informiert sein. Denn die Art und Weise, wie sie das Gesundheitssystem in Anspruch nehmen, hat einen Einfluss auf Umwelt und Klima. So kann die Nutzung einer Videosprechstunde gegenüber einem herkömmlichen Arztbesuch nicht nur Zeit, sondern auch Ressourcen sparen.

Ihre Einschätzung: Wo steht die BARMER nun auf ihrem Weg zu einem nachhaltigen Unternehmen?

Janine Voß: Wir haben eine gute Basis geschaffen und schon einiges erreicht. Die nachhaltige Transformation ist aber ein Marathon, kein Sprint. Da braucht man Durchhaltevermögen und muss auch mal die Zähne zusammenbeißen, wenn es schwierig wird. So steht im nächsten Jahr die erwähnte energetische Sanierung der Hauptverwaltung in Wuppertal an. Ich bin mir sicher, dass wir durch den positiven Start und die breite interne Zustimmung die nötige Stärke und Resilienz aufbringen können, um ans Ziel zu kommen.

Herzlichen Dank und viel Erfolg!

Quellenangaben und weiterführende Literatur: