Junges Paar Arm in Arm im Zug
CDR-Bericht

Vorreiter sein, Werte leben

Lesedauer unter 9 Minuten

Redaktion

  • Christin Kaufmann

Qualitätssicherung

  • Maria Hinz (Barmer.i)

Unternehmen treiben die Digitalisierung maßgeblich voran. Es liegt in ihrer Verantwortung, die digitale Gesellschaft so mitzugestalten, dass alle teilhaben können. Wie gelingt diese Corporate Digital Responsibility – oder kurz CDR? Und welchen Weg will die Barmer dabei gehen?

Als das amerikanische Tech-Unternehmen Google auf seiner Entwicklerkonferenz 2018 seine neue Sprach-KI namens „Duplex“ vorstellte, traute das Publikum seinen Ohren nicht. CEO Sundar Pichai präsentierte einen Sprachassistenten, der selbständig bei einem Friseursalon sowie einem Restaurant anrief und dort in einem kurzen Telefonat erfolgreich eine Reservierung tätigte – natürlich im Auftrag und nach Nutzer-Vorgaben. Das Verblüffende: Die Sprachausgabe wirkte durch Sprechpausen und Modulation so natürlich, dass sie von einem Menschen im Grunde nicht mehr zu unterscheiden war. Was technisch fasziniert, wirft jedoch viele Fragen auf: Ist es erlaubt, die jeweils Angerufenen im Glauben zu lassen, sie sprächen mit einem Menschen anstatt mit einem KI-System, das Sprache verstehen und ausgeben kann? Welches Missbrauchspotenzial bietet eine solche Technologie? Wie kann man sie andererseits verantwortungsvoll und sinnvoll einsetzen? Und schließlich: Muss alles, was technisch machbar ist, auch um- und eingesetzt werden?

Solche Fragen sind beispielhaft für Corporate Digital Responsibility (CDR), zu deutsch in etwa: digitale Unternehmensverantwortung. Ein vielleicht sperriger Begriff, der aber letztlich nur bedeutet, dass Unternehmen sich damit auseinandersetzen, welche Auswirkungen der Einsatz von digitalen Technologien auf die Menschen hat. Und das über gesetzliche Vorgaben hinaus. „Die Digitalisierung rückt immer näher an uns alle heran. Deshalb müssen wir uns auch verstärkt Gedanken drüber machen, was sie mit uns macht“, sagt Maria Hinz, Digitalkoordinatorin bei der Barmer. „Unternehmen müssen dabei vorangehen. Denn wenn wir nicht wollen, dass die Digitalisierung negative Konsequenzen für die Gesellschaft hat, müssen wir sie verantwortungsvoll gestalten. Dafür steht CDR.“

Portrait Maria Hinz

Maria Hinz, Digitalkoordinatorin bei der Barmer.i

Die Barmer thematisiert die eigene Corporate Digital Responsibility seit Anfang 2019 verstärkt unter dem Überbegriff der Digitalen Verantwortung. Im August 2020 veröffentlichte sie als erste Krankenkasse einen Wertekanon für CDR. Das Thema hat Priorität, ist direkt im dreiköpfigen Vorstand der Krankenkasse verankert. Die damit verbundenen Aktivitäten steuern und koordinieren der Chief Digital Officer Marek Rydzewski und die Digitalkoordinatorin Maria Hinz. „Unter Corporate Digital Responsibility versteht die Barmer die Selbstverpflichtung, die Digitalisierung anhand unseres Wertekompasses entschieden voranzutreiben“, beschreibt es Jürgen Rothmaier, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Barmer, im Interview mit einem CDR-Fachmagazin. „Digitalisierung ist uns dabei nie Selbstzweck. Hier können wir gegenüber unseren Versicherten, als Arbeitgeber und teilweise auch bei Leistungserbringern entscheiden, was wir digitalisieren, wie wir Daten schützen und wie Selbstbestimmung gewährleistet werden kann.“ Denn auch wenn CDR und ihre Maßnahmen oft abstrakt klingen, hat digitales Verantwortungsbewusstsein ganz konkrete Auswirkungen. So hat sich die Barmer beispielsweise zwar für den Einsatz von sogenannten Chatbots entschieden, die auf Wunsch mit den Versicherten kommunizieren. Sie verzichtet aus ethischen Gründen jedoch darauf, alle technologischen Möglichkeiten auszureizen: Für die Nutzenden soll stets klar sein, ob sie es mit einem Menschen oder einen Chatbot zu tun haben.

Abwägen zwischen Datenschutz und Datenschatz

Portrait Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich

Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich, Expertin für Wirtschaftsethik

Gerade im Gesundheitsbereich kommt CDR eine wachsende Bedeutung zu. Das bestätigt auch Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich, Expertin für Wirtschaftsethik am Institut für Management und Organisation der Leuphana Universität Lüneburg: „In der Gesundheitsbranche geht es um extrem sensible, persönliche Daten. Deren Schutz ist essenziell, um die Rechte der Konsumentinnen und Konsumenten zu schützen und um das Vertrauen in das Gesundheitswesen zu schützen oder sogar zu stärken.“ Hier könne CDR einen wichtigen Beitrag leisten, denn es gehe im Gesundheitswesen stets auch um essenzielle Abwägungen. „Gleichzeitig liegt in den Gesundheitsdaten natürlich auch ein wahrer gesellschaftlicher Datenschatz: Diese Daten können uns als Gesellschaft helfen, indem sie beispielsweise zur Prävention von Krankheiten genutzt werden, und so die Kosten des Gesundheitswesens für die Allgemeinheit reduzieren.“

Mit diesem Zielkonflikt zwischen bestmöglichem Datenschutz und optimalem Gesundheitsschutz beschäftigt sich auch Maria Hinz: „Wir arbeiten im Gesundheitswesen mit Daten, die schützenswerter sind als fast alle anderen Daten. Das ist aus gutem Grund auch gesetzlich so festgehalten“, sagt sie. „Diese Daten können jedoch Menschenleben retten. Mit der elektronischen Patientenakte ePA beispielsweise lassen sich Doppel- oder Falschmedikationen verhindern. In anderen Bereichen helfen Daten mit, neue Arzneimittel zu entwickeln oder Therapiemethoden zu evaluieren. Wir können die Versorgung aber nur verbessern, wenn wir es den Versicherten so leicht wie möglich machen, ihre Daten für alle an der Versorgung Beteiligten, für Krankenkassen und für die Forschung freizugeben. Hierzu müssen wir in der Diskussion neue Linien zwischen Datenschutz und Gesundheitsschutz finden.“

Menschen bei der Digitalisierung mitnehmen

Eine junge Frau arbeitet im Homeoffice vor dem Laptop

Junge Frau arbeitet im Homeoffice am Laptop. 

Durch den immer schnelleren technologischen Fortschritt verändern sich im Gesundheitswesen, ebenso wie in vielen anderen Branchen, zudem die traditionellen Berufsbilder. Die Digitalisierung kommt also nicht nur immer stärker bei den Versicherten und Patientinnen und Patienten an, sondern auch bei den Ärztinnen und Ärzten, dem Pflegepersonal und den Mitarbeitenden von Krankenkassen. CDR bedeutet folglich auch eine Verantwortung dafür, dass die rund 16.000 Barmer-Angestellten nicht unter die digitalen Räder kommen. „Versicherungsfachangestellte kommen in ihrer Ausbildung oft kaum mit digitalen Themen in Berührung“, beschreibt Maria Hinz die Herausforderungen der internen CDR. „Manche arbeiten zudem von der Ausbildung bis zur Rente bei der Barmer. Das bedeutet, dass wir sie bei der Digitalisierung mitnehmen müssen.“ Zum einen sei dies notwendig, um die Versicherten optimal beraten und neue digitale Services erklären zu können. Mindestens genauso wichtig sei es aber auch, dass die Angestellten die Veränderungen ihrer eigenen Arbeitswelt meisterten. „Sie sollen durch neue Technologien nicht in Stress geraten, sondern lernen, die verschiedenen digitalen Werkzeuge gut zu beherrschen und sinnvoll zu nutzen.“ Dies schließt alle Mitarbeitenden ein, unabhängig von ihrem Alter. Denn die digitale Transformation ist ein fortlaufender, sich eher beschleunigender Prozess. Selbst wer erst vor wenigen Jahren seine Ausbildung gemacht hat, kann heute schon mit neuen Technologien und Tools konfrontiert sein und muss lernen, sich auf diese einzulassen und sie bestmöglich einzusetzen. Um zu erforschen, wie sich die Digitalisierung auf die Gesundheit in der Arbeitswelt auswirkt, arbeitet die Barmer unter anderem mit der Universität St. Gallen zusammen.

Die vielen Gesichter der CDR

CDR umfasst für die Barmer also viele Facetten: Wie kann man den Versicherten digitale Angebote machen, die sinnvoll, ethisch und transparent sind? Wie sorgt man dafür, dass digitale Innovationen inklusiv sind – also alle optimal versorgen und niemanden ausschließen, sei es aus Altersgründen, einer Einschränkung oder Behinderung? Wie machen digitale Effizienzgewinne das Gesundheitssystem besser und halten es gleichzeitig bezahlbar? Wie lässt sich die Digitalisierung nutzen, um das Gesundheitswesen nachhaltiger zu gestalten?

Die Barmer will Vorreiterin sein bei der Diskussion dieser Fragen. Sie möchte den gesellschaftlichen Diskurs zu diesen Themen anstoßen und dort, wo er bereits geführt wird, weiter vorantreiben und qualitativ bereichern. Und sie möchte andere Unternehmen und Akteure des Gesundheitswesens zu einer verantwortungsvollen Digitalisierung motivieren und inspirieren – aber auch von ihnen lernen. Aus diesem Grund hat sich die Barmer als erste deutsche Krankenkasse entschlossen, der CDR-Initiative des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) beizutreten. Diese Initiative hat sich dem Austausch und der Weiterentwicklung von CDR gewidmet. Die Mitglieder bekennen sich zum CDR-Kodex, der handlungsleitende Prinzipien und Zielsetzungen enthält und neun Punkte umfasst. Diese reichen von Menschenzentrierung und Fairness bis zu Transparenz und der Forderung, dass technische Systeme Nutzen schaffen und einen Mehrwert bieten müssen.

Portrait Jakob Wößner

Jakob Wößner, Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW)

In Arbeitstreffen und Expertenrunden tauschen die beteiligten Unternehmen Erfahrungen aus, die sie in dem noch vergleichsweise jungen Feld der CDR machen. Es gilt, voneinander zu lernen und gemeinsam zu wachsen. Die Mitglieder der CDR-Initiative verpflichten sich außerdem dazu, ihre Maßnahmen zur digitalen Verantwortung jährlich in einem CDR-Bericht zu dokumentieren. „CDR-Berichte sind ein guter Nachweis eines echten Engagements für verantwortungsvolle Gestaltung der Digitalisierung durch Unternehmen“, sagt Jakob Wößner, Vorsitzender des Ressorts Digital Responsibility im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). „Sie können die ins Unternehmen integrierten Prozesse beschreiben und anhand von Beispielen aufzeigen, dass die geschaffenen Strukturen auch wirklich funktionieren.“ Gerade der Austausch zwischen den verschiedenen Unternehmen ist für Wößner essenziell. „Digitale Verantwortung ist ein Thema, das kein Unternehmen und keine Branche allein bewältigen kann“, so Wößner. „Stattdessen müssen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik gemeinsam daran arbeiten. Denn zu oft entwickelt sich die Technologie zu schnell, als dass alles sofort gesetzlich geregelt werden könnte. Umso wichtiger sind Selbstverpflichtungen und Austausch.“

Dieser Austausch erfolgt auf verschiedenen Wegen. Wie die CDR-Initiative des BMUV bietet auch der BVDW wertvolle Anleitungen für Unternehmen, die mehr digitale Verantwortung übernehmen wollen. Die CDR Building Bloxx beispielsweise kann man sich als eine Art digitales Handbuch von Unternehmen für Unternehmen vorstellen. Dort finden sich Begriffsdefinitionen und Anwendungsbeispiele, sei es zu Oberthemen wie Change-Management oder zu konkreteren Feldern wie Datenschutz und KI. Das von einer Unternehmensberatung gegründete CDR-Lab und der CDR-Award von Bayern Innovativ und dem BVDW, bei dem die Barmer in zwei Kategorien nominiert war, sind weitere Beispiele für die Vernetzung mit anderen CDR-Vorreitern aus verschiedenen Branchen.

Noch stehen die Unternehmen am Anfang ihrer CDR-Reise. Mit ihrem Wertekompass hat die Barmer aber bereits heute ein digitales Wertesystem, mit dem sie Position bezieht. Künftig wird es darum gehen, diese Grundsätze und Werte zu operationalisieren, also in jede Entscheidung einfließen zu lassen und im Tagesgeschäft bestmöglich abzubilden. Die Debatte über digitale Verantwortung beginnt gerade erst – die Barmer will jedoch vorangehen und Verantwortung übernehmen. Denn die Digitalisierung ist kein unvermeidlicher Vorgang, mit dem man sich abfinden und arrangieren muss. Sie lässt sich aktiv und gemeinsam gestalten. Im Sinne der bestmöglichen Zukunft für die Mitarbeitenden, Versicherten und für die gesamte Gesellschaft.

Junger Mann sitzt in modernem Büro am Laptop

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