Coronavirus

Ein Blick in die Geschichte: Wann endet eigentlich eine Pandemie?

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Junge Frau im Sommerkleid hat den Mund-Nasen-Schutz herunter gezogen

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dr. med. Utta Petzold (Dermatologin, Allergologin, Phlebologin bei der Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Nach Wochen im Lockdown und Monaten mit Masken fragen sich viele nur noch eins: Wann endet diese Pandemie? Wer wissen möchte, was das Coronavirus stoppen könnte, sollte in der Vergangenheit stöbern. Pandemien gab es schon vor Jahrhunderten. Was uns die Medizingeschichte lehrt, welche altmodischen Maßnahmen jetzt nützlich sein könnten und warum es auf jeden Einzelnen ankommt. 

Es war Herbst im Jahr 1918, als ein Koch in den USA plötzlich Fieber bekam. Wenige Tage später waren in dem Militärlager in Kansas, wo der Mann arbeitete, mehr als 500 Männer krank. Der Koch könnte der erste Patient der Spanischen Grippe sein, die bis heute als eindrucksvolles Beispiel gilt, wie eine Infektionskrankheit den ganzen Erdball in Atem halten kann. Wenige Monate nach dem Ausbruch in den USA – Spanien war trotz des Namens wohl nicht das Ursprungsland – erkrankten Menschen in Asien, Australien und Europa. Die Infizierten starben reihenweise: Je nachdem, welcher Quelle man glaubt, kostete die Spanische Grippe 20 bis 100 Millionen Menschen das Leben. Allein 300.000 sollen im Deutschen Reich gestorben sein, die meisten an Lungenversagen, wie Historiker heute wissen.

Spanische Grippe und Corona: Sozial und gesellschaftlich ähnliche Folgen

„Die Spanische Grippe ist das Pandemie-Beispiel, das im Vergleich mit Corona am häufigsten bemüht wird“, sagt Prof. Dr. Heiner Fangerau, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. „Das Influenzavirus gehört zwar zu einer anderen Virengruppe als das Coronavirus. Doch die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie damals sind mit den heutigen zumindest vergleichbar.“ Auch die Spanische Grippe, so Fangerau, sei vor rund 100 Jahren auf eine Medizin getroffen, die nicht wusste, was sie damit anfangen sollte: „Für die moderne Medizin ist COVID-19 doch fast eine Beleidigung – im Prinzip steht sie mit so gut wie nichts da.“ Unwissenheit und Unsicherheit herrschten damals wie heute und selbst die Maßnahmen, die das Infektionsgeschehen eindämmen sollten, ähneln sich: „Lüften, Masken, Hände waschen – die Strategien, auf die wir zurückgreifen, um COVID-19 aufzuhalten, sind dieselben wie bei der Spanischen Grippe“, sagt Medizinhistoriker Fangerau. „Auch damals wurden Schulen geschlossen, die Kinder freuten sich über Grippeferien.“ Fast zwei Jahre lang wütete die Spanische Grippe und verlief über diese Dauer in drei Wellen – wobei die zweite die schlimmste war und die meisten Toten forderte. „Ich rechne damit, dass die Corona-Pandemie ähnlich verlaufen wird“, so Fangerau.

Solange es weder Medikamente noch (flächendeckende) Impfung gibt, waren und sind politische Maßnahmen das Mittel der Wahl, um eine Pandemie wieder unter Kontrolle zu bringen. Was die Spanische Grippe enden ließ, ist selbst unter Medizinhistorikern nicht ganz klar: „Die gängigste Theorie ist, dass die Menschen nach und nach eine Immunität entwickelten, wenn sie die Krankheit überstanden hatten“, sagt Fangerau, der Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ist. „Auch die genetische Struktur des verantwortlichen Influenzavirus veränderte sich, sodass sich die Schädlichkeit verringerte. Hinzu kommt kulturell, dass damals die Aufmerksamkeit für die Krankheit sank, als die akute Bedrohung verschwunden war.“ Fest steht, dass die Kontaktbeschränkungen Wirkung zeigten, wie schon zeitgenössische Arbeiten und auch eine Studie aus dem Jahr 2007 beweisen: Isolierungen, Schulschließungen und Versammlungsverbote reduzierten die Zahl der Grippe-Todesfälle deutlich. „Inzwischen haben wir uns an die Influenza gewöhnt – und werden uns wohl auch an COVID-19 gewöhnen müssen.“ Dass das Coronavirus irgendwann verschwindet, daran glaubt Fangerau nicht: „Es wird nie aufhören zu existieren. Aber wir werden lernen, damit zu leben.“ Der Medizinhistoriker geht davon aus, dass die aktuelle Pandemie im April oder Mai 2021, wenn es wieder wärmer wird, endet und COVID-19 von da an saisonal immer wieder auftreten wird: „Vielleicht werden jedes Jahr in Herbst und Winter viele Menschen daran erkranken“, so der Experte.

Tuberkulose und Corona: Veränderte Spuck- und Niesetikette

Sich beim Husten die Hand vor den Mund zu halten, das haben sich die Menschen in den vergangenen Monaten abgewöhnt, damit das Virus nicht über die Hände verbreitet wird. Solche Verhaltensänderungen seien schon früher wirksame Strategien gewesen, um eine Pandemie aufzuhalten, erzählt Medizinhistoriker Fangerau mit einem Blick in die Geschichte: „Als sich im 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland Tuberkulose ausbreitete und viele Menschen daran starben, war es in der Bevölkerung völlig normal, ständig auf den Boden zu spucken.“ Wissenschaftler fanden nach einiger Zeit heraus, dass sich der Erreger im Speichel befand und darüber häufig die Ansteckung mit Tuberkulose erfolgte. „Von da an brachten Gesundheitspolitiker über Aufklärungskampagnen mittels Plakaten und Vorträgen den Menschen mühsam bei, Spucknäpfe und -flaschen zu benutzen, statt auf den Boden zu spucken – und die Infektionszahlen gingen deutlich zurück“, berichtet Fangerau. Es mag trivial sein, nicht mehr in die Handfläche, sondern in die Armbeuge zu niesen und zu husten. „Doch solche Verhaltensmaßnahmen müssen die Menschen lernen – und wenn sie gelernt sind, können sie helfen, eine Pandemie abflauen zu lassen."

Pest und Corona: Die Zeit der Masken

Ähnlich, wie jetzt mit der Maskenpflicht, versuchten sich die Menschen im Mittelalter gegen die Pest zu schützen – im Gegensatz zu heute allerdings vergeblich. Medizinhistoriker Fangerau, der im April 2020 ein Buch über „Pest und Corona“ veröffentlicht hat, erklärt: „Der Schwarze Tod hat in Europa zwischen 1340 und 1347 ganze Landstriche entvölkert, mancherorts starben 40 Prozent der Bevölkerung. Damals dachten die Menschen, die Infektion erfolge über Dämpfe.“ Um den „Pesthauch“ abzuwehren, trugen viele Masken, in die sie duftende Kräuter legten. Manche glaubten sogar, Schnurrbärte würden die Infektion verhindern, weil die Dämpfe durch sie nicht in die Nase gelangen. Mit dem heutigen Wissen über Infektionskrankheiten ist klar, dass es den Pesthauch nicht gibt und der Krankheitserreger – das Bakterium Yersinia pestis – über Flöhe von Ratten auf den Menschen überging. „Irgendwann gingen die Pest-Infektionen zurück und die Pandemie lief aus“, so Medizinhistoriker Fangerau. Nicht allerdings wegen der Kräutermasken: „Vermutlich endete sie, weil die Menschen eine gewisse Immunität entwickelt hatten, ihre Umwelt durch Hygienemaßnahmen anpassten oder weil sich die Schädlichkeit der Erreger veränderte.“ Die Pandemie im Mittelalter gilt als zweite Pest-Welle – zum ersten Mal hatte die Pest bereits im sechsten Jahrhundert global gewütet. Erst die dritte große Pest-Pandemie, die sich kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts von Zentralasien zu verbreiten begann, traf Europa nicht mehr ganz so hart: Inzwischen war den Menschen den Übertragungsweg über Ratten und ihre Flöhe bekannt, sodass eine bessere Hygiene und Abwassersysteme eine unkontrollierte Verbreitung verhindern konnten.

Was stoppt die Corona-Pandemie?

Obwohl Abstand, Händehygiene und Masken das Infektionsgeschehen bei COVID-19 messbar eindämmen, gibt es ein paar Dinge, die es erschweren, die Pandemie zum Stillstand zu bringen: Die Krankheit ist nicht immer klar erkennbar – manch einer entwickelt gar keine Symptome. Und wer welche hat, ist oft schon Tage vorher infektiös, ohne zu wissen, dass er das Virus in sich trägt. „Dennoch ist COVID-19 unter Kontrolle zu bringen“, ist Prof. Dr. Clara Lehmann, Fachärztin für Infektiologie und Leiterin des Infektionsschutzzentrums sowie der COVID-19-Genesenenambulanz der Uniklinik Köln, überzeugt. „Wir brauchen allerdings entsprechende Werkzeuge.“ Das wirksamste Werkzeug, so die Ärztin, sei ein Impfstoff, „weil er vorbeugend wirkt“. Medikamente – im Fall von SARS-CoV-2 antivirale Mittel – könnten ebenfalls Teil einer Lösung sein, „wirken aber natürlich erst, wenn die Krankheit schon ausgebrochen ist“.

Ließen wir die Corona-Pandemie tatenlos auf uns zukommen, so befürchtet Lehmann, könnte das Ganze in einer humanitären Katastrophe enden: „Die Zahlen würden rasant ansteigen und sehr viele Menschen müssten im Krankenhaus behandelt werden.“ Das medizinische Personal geriete aufgrund der Überlastung sämtlicher Kapazitäten in die schwierige Situation, entscheiden zu müssen: Welcher Patient bekommt das freie Bett auf der Intensivstation – und welcher nicht? Wer erhält die letzten Beatmungsgeräte? „Triage“ heißt es, wenn Ärzte in einer Ausnahmesituation so entscheiden, dass möglichst viele Menschen überleben. Ein derart unkontrolliertes Infektionsgeschehen, sagt Lehmann, führe zu Chaos, doch je klüger wir jetzt mit der Pandemie umgingen, desto eher könnten sich alle wieder auf andere Dinge konzentrieren und ihr gewohntes Leben leben. „Es darf zum Beispiel nicht passieren, dass das medizinische Personal nur noch damit beschäftigt ist, sich um COVID-Patienten zu kümmern – es gibt ja auch noch andere Krankheiten.“

Die Rolle eines jeden

Infektiologin Lehmann ist davon überzeugt, dass jeder Bürger mithelfen kann, den Verlauf der SARS-CoV-2-Pandemie in Deutschland zu beeinflussen und die Verbreitung der Krankheit wirksam einzudämmen: „Sich für das Allgemeinwohl persönlich zurückzunehmen, ist in unserer Gesellschaft vielen fremd. Es wäre aber gerade jetzt äußerst wichtig.“ Setzten alle in der kommenden Zeit die Infektionsschutzmaßnahmen konsequent um, so Lehmann, ließe sich viel erreichen. „Wir müssen allerdings begreifen, dass jeder einzelne wichtig ist.“ Ein bisschen hat es also jeder selbst in der Hand, ob, wann und wie diese Pandemie endet. Das war schon zu Zeiten der Spanischen Grippe so.

Endemie, Epidemie oder Pandemie – was ist der Unterschied?

Endemie: wenn eine Krankheit in einer bestimmten Gegend regelmäßig auftritt und die Zahl der Infizierten durchgehend relativ konstant ist. Typische Beispiele für Endemien sind Malaria und Gelbfieber mit denen man sich das ganze Jahr über in tropischen Ländern infizieren kann. In Deutschland sind die Masern endemisch.

Epidemie: wenn eine Krankheit plötzlich übermäßig häufig auftritt, sich die Infektionen aber auf eine bestimmte Gegend konzentrieren und zeitlich begrenzt sind. Typische Beispiele sind Ebola-Ausbrüche in Afrika oder die Grippe, die in Deutschland jedes Jahr im Herbst und Winter vermehrt auftritt. Können Epidemien nicht ausreichend eingedämmt werden, können sie sich zu Pandemien ausdehnen.

Pandemie: wenn eine Krankheit die ganze Welt betrifft und sich über Kontinente hinweg, aber zeitlich begrenzt ausbreitet. Jüngere Beispiele sind neben COVID-19 das SARS-Virus (2002) oder die Schweinegrippe (2009), ältere Pandemien sind etwa die Pest oder die Spanische Grippe.

Über die Gefährlichkeit einer Krankheit oder die Zahl der Infizierten sagen alle drei Definitionen nichts aus – es können sich auch vergleichsweise harmlose Erkrankungen mit wenigen Betroffenen zur Pandemie auswachsen oder lebensbedrohliche Krankheiten als Endemie regional begrenzt bleiben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief am 30. Januar den „internationalen Gesundheitsnotstand“ aus und erklärte COVID-19 am 11. März 2020 zur Pandemie.

Woher stammt das Wort „Quarantäne“?
Die Venezianer hatten im Mittelalter den Verdacht, dass der Schiffsverkehr die Verbreitung der Pest begünstigt. Deshalb verlangten sie von Reisenden, sich für 40 Tage zu isolieren. „Quaranta“ ist das italienische Wort für die Zahl 40 – und soll der Ursprung des heutigen Begriffs „Quarantäne“ sein.

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Webcode: a006033 Letzte Aktualisierung: 06.01.2021
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