Eine Solo-Expedition zum Südpol sollte der Höhepunkt von vier Jahren Vorbereitung werden. Die Hamburger Klima-Aktivistin Lilith van Amerongen wollte die Antarktis allein durchqueren und Aufmerksamkeit für die Folgen der Klimakrise schaffen. Als das Vorhaben kurz vor dem Start an der Finanzierung scheiterte, musste sie ihren größten Traum loslassen. Geblieben ist jedoch, wofür sie unterwegs sein wollte: ihr Engagement für Klima- und Gesundheitsschutz.
Warum Lilith van Amerongens Südpol-Expedition ausfiel
Kein Weg zu weit für den Klimaschutz
Der eisige Wind schneidet messerscharf durch die endlosen Weiten der Arktis. Die Kälte kriecht durch jede Schicht Kleidung, der Boden unter den Füßen ist hart gefroren. Doch mit festem Blick und unerschütterlichem Willen kämpft sich Lilith van Amerongen Meter für Meter voran. Ihre letzte Trainings-Expedition führt sie in die Nordwest-Passage zu den Polarbären und Karibus.
Trainings-Expeditionen in den Polarregionen bereiteten Lilith van Amerongen auf ihr großes Ziel vor: eine Solo-Expedition zum Südpol.
Morgens zeigt das Thermometer minus 32 Grad Celsius. Der Wind peitscht über das Packeis. Lilith van Amerongen zieht ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und versucht, ihre Haut vor Erfrierungen zu schützen, ohne dass die Brille beschlägt. Gute Sicht ist wichtig. Nicht wegen der Landschaft. Wegen der Eisbären.
Tagelang ist die Hamburgerin in der kanadischen Arktis unterwegs. Um sie herum nichts als Eis, Himmel und das Knirschen des Schnees unter den Kufen ihres Schlittens. Abends notiert sie ihre Eindrücke in ein Tagebuch: „Polarmeer. Immer nur Polarmeer. Das Eis ist flach. Hier sollten Presseisrücken sein, doch Tag um Tag fast nichts.“
Vier Jahre lang arbeitet Lilith van Amerongen so auf einen Traum hin: eine Solo-Expedition zum Südpol. Als einer der jüngsten Menschen überhaupt wollte sie die Antarktis allein durchqueren, wissenschaftliche Proben sammeln und Aufmerksamkeit für den Klimaschutz schaffen. Mit großer Entschlossenheit bereitete sich Lilith körperlich und mental auf diese Expedition vor, auf eine Klimakampagne, eine Forschungsreise, die sie an die Grenzen ihrer Kräfte führen sollte: 50 Tage, 1130 Kilometer, 90 Kilogramm Ausrüstung im Schlitten, Temperaturen bis zu minus 45 Grad Celsius und ein kleines rotes Zelt als Zuhause in der Eiswüste der Antarktis. Und dann noch die Einsamkeit: „Man muss sich selbst gut aushalten können“, sagt sie.
Wo die Klimakrise sichtbar wird
Die eindrücklichsten Erfahrungen der Vorbereitung auf ihre Mission schreibt sie in ihr Tagebuch:
03.04.2025 – Wundervoller Tag, warme -16 °C, strahlende Sonne, wir haben schon mal Ostern auf dem Eis vorgefeiert. Jäger, drei an der Zahl, mit ihren Schneemobilen aus Cambridge Bay waren auf Eisbärenjagd. Ich habe einen angesprochen, seine Eisbärenfellhandschuhe anprobiert und er meinte, dass wir in den Presseisrücken nach Jenny Lind Island sicher Eisbären sehen werden. Respekt und exciting!
Aber hier sind keine, weil die Presseisrücken ausgeblieben sind. Sie glauben, die Meeresströmungen sind schwächer, das Eis dünner, die Eisbären in ihrem Revier fast unerreichbar.
Presseisrücken sind Erhebungen im Packeis, die durch seitlichen Druck an der Kontaktstelle zwischen zwei oder mehreren Eisschollen aufgetürmt werden.
Und auf einmal wurde Lilith klar: Am vermeintlichen Ende der Welt, auf ihrer größten Trainings-Expedition bisher, stand sie bereits inmitten der Klimakrise. Gehen die Presseisrücken zurück und bleibt der damit verbundene Zugang zum Wasser aus, verschwindet die traditionelle Lebensgrundlage vieler Inuit (Indigene in weiten Teilen Kanadas und Grönlands, Anm. d. Autors) – ihr Jagdrevier löst sich auf. Eine Lebensweise, die über viele Generationen hinweg Bestand hatte, gerät ins Wanken. Lilith erinnert sich noch gut an diesen Moment. „Dann leiden die, die am wenigsten dafürkönnen, am meisten unter der Klimakrise.“
Lilith van Amerongen blickt aus ihrem Zelt auf das arktische Packeis, mitten in einer Landschaft, die durch die Klimakrise immer stärker bedroht ist.
Doch die Expedition fand nie statt…
Die 20 Tage auf der Arktis-Expedition waren ihr Test. Damals ahnte sie noch nicht, dass diese Trainings-Expedition ihr mehr über die Klimakrise beigebracht hatte als viele Studien und Fachvorträge. Und sie ahnte auch nicht, dass ihre eigentliche Reise später ganz anders verlaufen sollte als geplant. Denn ihre Expedition in die Antarktis, ans andere Ende der Welt, fand nie statt. „Es hat mehr Mut gebraucht, schließlich alles abzusagen, als es gebraucht hätte, es durchzuziehen“, sagt die 25-Jährige heute. Der Satz fällt ruhig. Fast sachlich. Doch davor liegen vier Jahre Arbeit, Hoffnungen und Enttäuschungen.
Die Idee einer Solo-Expedition zum Südpol entstand, als Lilith 21 Jahre alt war. Mit 23 fasste sie den Entschluss, es wirklich zu versuchen. Fand Sponsoren, erstellte Trainingspläne, organisierte Probe-Expeditionen. Das Vorhaben nahm Schritt für Schritt Gestalt an. Auf ihrem Weg erhält Lilith Unterstützung von renommierten Wissenschaftlern und Institutionen. Auch die Barmer zählt dazu. „Das hat gut und stetig funktioniert“, erinnert sie sich.
„Klimaschutz ist immer auch Gesundheitsschutz. Deshalb haben wir Liliths Engagement unterstützt“, sagt Nicole Gianeridis, Fachreferentin für Nachhaltigkeit bei der Barmer. „Gerade das Gesundheitswesen muss Verantwortung übernehmen und selbst Teil der Lösung sein.“
Warum die Finanzierung scheiterte
Doch im Laufe des Jahres 2025 veränderte sich die Lage. Fördertöpfe wurden kleiner. Unternehmen hielten sich mit Engagements für den Klimaschutz zurück. Politische und wirtschaftliche Unsicherheit machten sich bemerkbar. Immer häufiger erhielt Lilith Absagen: „Potenzielle Sponsoren haben mir offen gesagt: Klima ist gerade nicht mehr das Thema, das zieht.“ Gleichzeitig gewann sie eine neue Perspektive. Die Absagen ließen Lilith darüber nachdenken, wie beständig unternehmerisches Klimaengagement ist, wenn sich öffentliche Aufmerksamkeit und wirtschaftliche Prioritäten verschieben.
Was zunächst wirkte wie vereinzelte Rückschläge, entwickelte sich zu einem grundsätzlichen Problem. Bis August 2025 musste die Finanzierung stehen. Eine wichtige Anzahlung für Rettungs- und Sicherheitsleistungen der Antarktisexpedition war fällig.
Im Spätsommer sitzt Lilith in ihrer Wohnung und geht die Zahlen wieder und wieder durch. Wie viel Geld bereits zugesagt ist. Wie viel noch fehlt. Wie viele Wochen bis zur Anzahlung bleiben. Schon das bisherige Geld zusammenzubekommen hatte deutlich länger gedauert als geplant. Für die große, entscheidende Summe bleibt immer weniger Zeit. An diesem Punkt wird Lilith klar, dass die Rechnung nicht mehr aufgeht. „Okay“, sagt sie schließlich zu sich selbst. „Das ist nicht mehr zu schaffen.“ Sie überweist das Geld nicht.
Vier Jahre lang hat sie auf diese Expedition hingearbeitet. Sponsoren gesucht, Trainingspläne geschrieben, Probe-Expeditionen organisiert, Ausrüstung getestet. Nun weiß sie: Die Reise zum Südpol wird nicht stattfinden.
Am Abend fährt sie zu ihren Eltern im Süden Hamburgs. Es tut gut, nicht allein zu sein. Trotzdem bleibt die Enttäuschung. Nicht nur wegen des Traums, den sie loslassen muss. Sondern auch wegen der vielen Menschen und Organisationen, die das Projekt unterstützt haben. „Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich all diesen Menschen gerecht werden kann“, erinnert sie sich. Aber: Die Entscheidung ist gefallen.
Die Kunst des Loslassens
Nun begann der schwerste Teil des Projekts: Partner zu informieren, Vereinbarungen aufzulösen und einen Traum loszulassen, den sie über Jahre verfolgt hatte. Für Lilith war die Expedition weit mehr als ein persönliches Abenteuer. Sie war das Vehikel ihres Engagements für den Klimaschutz. Die sichtbare Form einer Idee.
Mentoren halfen ihr durch diese Phase. Aber auch sie selbst stellte sich eine einfache, aber unbequeme Frage: Geht es Dir nur um die Expedition, oder immer noch um die Sache? Die Antwort fiel klar aus. „Ich will das Klima schützen, nicht mein Ego verwirklichen. Und wenn es um die Sache geht, muss man eben manchmal auch loslassen können. Das ist mir auch schwergefallen.“ Als die Entscheidung gefallen war, fühlte sie sich vorübergehend leer. „Ich war schließlich ‚all in‘ gewesen.“
Trainiert für Rückschläge
Wenn man Expeditionen plant, trainiert man nicht nur Ausdauer. Man trainiert auch das Scheitern. Schlechtes Wetter. Verletzungen. Fehlgeschlagene Vorhaben. Absagen. „Eine Expeditionsvorbereitung ist eigentlich eine ganze Serie von Rückschlägen“, sagt Lilith und lacht. Auch der Sport habe sie geprägt. Wer sich hohe Ziele setzt, müsse akzeptieren, dass er scheitern kann. Diese Haltung half ihr auch, mit Anfeindungen umzugehen. Unter Videos zur Expedition erschienen immer wieder hämische und verletzende Kommentare. „Ich wusste aber immer, wofür ich das tue und darf nun mit einer gewissen Freundlichkeit auf mich blicken“, sagt Lilith.
Lilith van Amerongen wird im Zelt medizinisch versorgt. Expeditionen verlangen nicht nur Ausdauer, sondern auch den Umgang mit Rückschlägen und unerwarteten Situationen.
Die Expedition fiel aus. Das Engagement nicht.
Nach der Absage zog sich Lilith zunächst zurück. Erst eine ganze Zeit später machte sie weiter. Leiser als zuvor. Aber vielfältiger. Während die Antarktis in weite Ferne rückte, gewann ihr Engagement vor Ort an Bedeutung. Sie beteiligte sich am Hamburger Zukunftsentscheid für eine vorgezogene Klimaneutralität, stand dafür auf Festivals an Infoständen, führte Gespräche an Haustüren und engagierte sich in zivilgesellschaftlichen Initiativen. „Die Zivilgesellschaft ist das Fundament des demokratischen Klimaaktivismus“, sagt sie, die Klimaschutz mittlerweile breiter denkt als früher: „Wer stirbt in einer Hitzewelle? Oft ältere Menschen und Menschen mit wenig Geld. Wer mehr Ressourcen hat, kann sich besser schützen.“ Klimaschutz, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit seien eng miteinander verbunden. Deshalb engagiere sie sich inzwischen in unterschiedlichen Bereichen.
Eine Erkenntnis ist ihr besonders wichtig: „Dass man ein umso besserer Aktivist ist, je mehr man sich aufopfert, stimmt einfach nicht.“ Engagement müsse auch Freude machen. Man müsse etwas finden, das in den eigenen Alltag passt. Dann halte man auch länger durch.
Hoffnung statt Ohnmacht
Heute gibt es also kein Foto vom Südpol. Kein kleines rotes Zelt in einer endlosen weißen Landschaft der Antarktis. Geblieben sind andere Bilder. Die Gespräche mit Jägern, deren Lebensraum sich verändert. Die Erkenntnis, wie verwundbar unsere Erde geworden ist. Und die Gewissheit, dass Engagement nicht an einer Expedition hängt.
Auch ohne die geplante Südpol-Expedition bleibt Lilith van Amerongen ihrem Ziel treu: Aufmerksamkeit für die Folgen des Klimawandels zu schaffen. Foto: Elias Martens
Auf die Frage, was nach dem Scheitern ihres größten Projekts geblieben sei, muss Lilith nicht lange nachdenken: „Hoffnung. Und ich habe gelernt, Dinge gemeinschaftlich zu tun, nicht als One-Woman-Show. Mit der Community im Rücken würde ich alles immer wieder machen. Nur anders.“ Dann fügt sie hinzu: „Engagement lohnt sich heute mehr denn je. Weil wir den Klimaschutz mehr denn je brauchen.“