Psychische Erkrankungen

Arztreport 2021: Mehr als doppelt so viele Kinder und Jugendliche in Psychotherapie wie vor 11 Jahren

Lesedauer unter 6 Minuten
Ein junges Mädchen sitzt an einem Tisch und hält ihren Kopf in den Händen

Autor

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Nora Hoffmann (Institut für Gesundheitssystemforschung)
  • Laura Meyke (Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Immer mehr Kinder und Jugendliche werden psychotherapeutisch behandelt, das zeigt der Barmer Arztreport 2021. Durch Corona wird der Druck noch verschärft. Die steigende Zahl der Therapien kann aber auch ein gutes Zeichen sein.

„Mama, ich bin heute so traurig und weiß nicht, wieso “ – wohl jede Mutter hat diesen Satz schon einmal gehört. Doch ist es einfach nur eine Laune oder tatsächlich eine Depression? Und was ist, wenn das Kind häufig über Bauchschmerzen klagt, reicht dann die Wärmflasche, oder ist es in Wahrheit die Seele, die nach Hilfe ruft? Für Eltern ist es meist nicht einfach, einzuschätzen, wie alarmiert sie über den Gefühlszustand ihrer Kinder sein sollten.

Angst zum Beispiel spielt gerade im Kindes- und Jugendalter eine zentrale Rolle. Mit jedem Übergang von einer Entwicklungsphase in die andere stehen neue Herausforderungen an, das Kind lernt Unbekanntes, wird selbstständiger. Dabei hilft die Angst, denn sie weist auf Gefahren hin und schützt das Kind vor ihnen.

Und auch, dass die Stimmung bei Jungen und Mädchen nicht immer heiter ist, muss kein Grund zur übermäßigen Sorge sein. Sich von seinen Eltern lösen, Freundschaften und Partnerschaften führen, ein eigenes Leben aufbauen – einfach ist das nicht. Kein Wunder, dass Jugendliche sich manchmal richtig mies fühlen.

Rund 823.000 Fälle bundesweit

Trotzdem sollten Eltern und andere Bezugspersonen von Kindern wie etwa Lehrerinnen und Lehrer wachsam bleiben. Denn der Bedarf nach psychotherapeutischer Hilfe bei Kindern und Jugendlichen steigt deutlich. Das ist das Ergebnis des Barmer Arztreport 2021.

Innerhalb von elf Jahren hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich psychotherapeutisch behandeln lassen, mehr als verdoppelt, auf rund 823.000 Fälle bundesweit im Jahr 2019.  Es ist davon auszugehen, dass die Corona-Pandemie samt strikter Kontaktbeschränkungen die Situation weiter verschärfen wird.

Schon für das Jahr 2020 zeigt sich: Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis einschließlich 24 Jahren sind die Zahlen der Akutbehandlungen und Anträge etwa für die erstmalige Therapie und deren mögliche Verlängerung im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent gestiegen, auf insgesamt mehr als 44.000.

Sie suchen einen Therapieplatz für Ihr Kind oder für sich selbst?
Folgende einfache Schritte führen zum Ziel:

Zuerst vereinbart man einen Termin für ein Erstgespräch in der Psychotherapeutischen Sprechstunde.
Häufig wird der erste Termin direkt zwischen Therapeut und Patient vereinbart.

Noch einfacher kann es sein, unter der Nummer 116117 die Terminservicestelle (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigung zu kontaktieren.

Die Terminservicestelle sorgt für einen schnellen Erstberatungstermin. Sie ist rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche erreichbar und verpflichtet, innerhalb von vier Wochen einen Termin für die Psychotherapeutische Sprechstunde zu vermitteln.
Auch einen Termin zur eventuell daraus resultierenden, zeitnah erforderlichen Therapie oder Akutbehandlung kann sie ermöglichen.

Nicht in jeder Praxis, die Psychotherapeutische Sprechstunden anbietet, können Patienten sich auch behandeln lassen. Denn manchmal sind keine Termine mehr frei. Doch in dringenden Fällen bekommen Patienten einen Vermittlungscode. Wenn sie diesen Code bei der Terminservicestelle durchgeben, haben sie Anspruch auf einen baldigen Termin zum Beginn der Behandlung.

Wenn es um die psychische und seelische Gesundheit schlecht bestellt ist, stehen Betroffene vor großen Herausforderungen. Die BARMER unterstützt Sie auf Ihrem Weg zur Psychotherapie. In unserem Animationsvideo ist der Zugang zur Psychotherapie einfach und verständlich erklärt.


Vielfältige Ursachen für Therapiebeginn

Woran die Jungen und Mädchen genau leiden, ist nicht immer eindeutig feststellbar. Hinweise geben aber die Zahlen zu den sogenannten Richtlinientherapien.

Insgesamt machten 382.000 Kinder und Jugendliche 2019 eine solche Therapie, erstmals war dies bei 162.300 der Fall. Am häufigsten ersuchten Kinder und Jugendliche im Jahr 2019 diese aufgrund von „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“ (23,0 Prozent), dicht gefolgt von Depressionen (18,4 Prozent) und Angststörungen (14,0 Prozent). Auffällig ist: Im Alter von unter 13 Jahren befinden sich mehr Jungen in einer Psychotherapie als Mädchen, danach aber dreht sich das Bild. Prozentual am häufigsten in Behandlung sind Mädchen an der Schwelle zum Erwachsensein (17 und 18 Jahre).

Warum aber suchen Mädchen und Jungen so viel häufiger Hilfe in einer Therapie als früher? Die Ursachen sind sehr vielfältig. So kann eine „schwere Belastung“ der Tod eines geliebten Menschen sein oder eine Trennung der Eltern, also etwas, dass es vor zehn Jahren genauso gab wie heute. Es kann aber auch beispielsweise ein Fall von Cybermobbing sein, also etwas, das in den zehn Jahren sehr viel häufiger geworden ist.

Dass die Digitalisierung mit all ihren Chancen und Risiken das Leben jedenfalls nicht weniger komplex macht, liegt auf der Hand. Viele Jugendliche kommunizieren meist über Social-Media-Kanäle und orientieren sich verstärkt an Inszenierungen aus dem Cyberspace, ohne die dahinterstehenden Personen je wirklich kennen zu lernen. Das kann unter ungünstigen Umständen die Entwicklung eines gesunden und positiven Selbstbildes wesentlich erschweren.

Bewusstsein für psychisches Leid gestärkt

Die steigende Zahl der Therapien kann aber zugleich auch Ausdruck eines kulturellen Trends sein. Die Sensibilität in der Gesellschaft steigt generell, was womöglich auch damit einhergeht, dass Kinder und Jugendliche mehr in sich hineinblicken, ihre Gefühle bewusster wahrnehmen und deutlicher artikulieren. Und auch damit, dass ihr Umfeld, also Eltern und andere Bezugspersonen, dafür offener sind.

Eine Psychotherapie ist längst kein Stigma mehr, und gerade die Corona-Pandemie hat die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für psychisches Leid bei Jüngeren geschärft. Zugleich ist gerade angesichts einer allgemein steigenden Sensibilität für leidvolle Zustände oder Phasen umso wichtiger, genau wie bei jeder Arzneimitteltherapie, in jedem einzelnen Fall abzuwägen, ob und wie eine Psychotherapie die richtige Entscheidung ist.

Der Bedarf einer Psychotherapie besteht beim Einzelnen oft über eine lange Zeit. Dies belegt eine Langzeitbetrachtung von Kindern und Jugendlichen, die im Jahr 2014 erstmals eine Psychotherapie gemacht haben und mindestens zwei Jahre zuvor keine anderweitige therapeutische Hilfe benötigten. So wurde bei mehr als jedem oder jeder dritten Betroffenen bereits fünf Jahre vor Start der Richtlinientherapie zumindest eine psychische Störung dokumentiert.

Nur bei 40,7 Prozent beschränkten sich die Psychotherapiesitzungen auf maximal ein Jahr, 36,4 Prozent erhielten auch mehr als zwei Jahre nach Start der Behandlung noch Psychotherapien. Es sollte Betroffenen und Angehörigen also bewusst sein, dass Psychotherapie oft ein langer Prozess ist und man häufig auch nach Abschluss der Therapie nicht symptomfrei ist.

Je früher Hilfe einsetzt, desto besser

Umso wichtiger ist es zu vermeiden, dass sich psychische Problemlagen verschlimmern oder sogar chronisch werden. Je früher professionelle Hilfe einsetzt, umso stärker steigen die Chancen einer baldigen Besserung. Aber woran erkenne ich, dass mein Kind psychisch erkrankt sein könnte?

Ein Indiz kann zum Beispiel sein, dass es ihm schwerfällt, sich zu konzentrieren. Ein starker Leistungsabfall in der Schule ist ebenfalls ernst zu nehmen. Manche Kinder und Jugendliche ziehen sich zurück, andere werden aggressiv, einige besonders traurig, andere hyperaktiv. Aber auch extremer Gewichtsverlust oder -zunahme können Hinweise für psychische Probleme sein. Es ist also nicht einfach.

In diesem Zusammenhang möchten wir auf das Kinder- und Jugend-Programm hinweisen. Darin enthalten sind besondere Vorsorgeuntersuchungen, die auf die spezielle Alterssituation und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen abgestimmt sind (genannt Paed.Check®). Kinder und Jugendliche können damit sowohl in ihrer körperlichen Gesundheit als auch in ihrer emotionalen, sozialen und geistigen Entwicklung noch besser gefördert werden.

Die bekannten Früherkennungsuntersuchungen werden im Kinder- und Jugend-Programm erweitert. Dabei finden auch psychosoziale Gesundheitsaspekte stärkere Berücksichtigung. Die teilnehmenden Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte achten gezielt auf psychische Auffälligkeiten der jungen Menschen.

Außerdem arbeiten wir eng mit dem Portal krisenchat.de zusammen, wo sich Kinder und Jugendliche unkompliziert und anonym per SMS oder WhatsApp von Experten beraten lassen können, zum Beispiel, wenn sie Opfer von Cybermobbing sind.

Fazit

Der Arztreport 2021 konzentriert sich auf die Analyse und Beschreibung der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Die Ergebnisse geben Anlass zur Sorge, machen aber auch Hoffnung auf Besserung. Die ist aber nur möglich, wenn Eltern, Bezugspersonen, Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten weiter eng zusammenarbeiten, auch in Zeiten einer Pandemie.

Wenn Kinder oder Jugendliche also klagen, dass sie sich mies fühlen, muss das nicht immer heißen, dass sie gleich eine Psychotherapie beginnen sollten. Wichtig ist, dass sie, wenn sie Hilfe suchen, diese auch bekommen. Und dass es Menschen gibt, die mit ihnen gemeinsam überlegen, was ihnen helfen kann.

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Quellenangaben

Webcode: a006390 Letzte Aktualisierung: 07.04.2021
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