Ein Familienvater verabschiedet beim Umzug seine Tochter.
Einsamkeit

Empty-Nest-Syndrom: So lassen Eltern leichter los

Lesedauer unter 6 Minuten

Redaktion

  • Madeleine Zinser

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Das Empty-Nest-Syndrom bezeichnet eine Gefühlslage von Einsamkeit und Trauer, die sich bei Eltern einstellen kann, nachdem das letzte (oder einzige) Kind die elterlichen vier Wände verlassen hat. Dieser Zustand ist zunächst eine normale Reaktion auf ein wichtiges Lebensereignis. Wenn er länger andauert, ist es sinnvoll, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wie sich das Empty-Nest-Syndrom äußert, wie es zu handhaben und zu bewältigen ist.

Was ist das Empty-Nest-Syndrom?

Das Empty-Nest-Syndrom oder Leeres-Nest-Syndrom ist eine emotionale Reaktion in einer wichtigen Übergangsphase im Leben aller Eltern: Das Kind verlässt das Zuhause. Dabei verspüren Eltern gemischte Gefühle. Meist ist das Syndrom durch Traurigkeit, Angst und Verlustgefühle gekennzeichnet. Manche Eltern sind auch froh, dass der Nachwuchs nun den Weg in ein autonomes Leben beschreitet.

Diese Gefühle sind zunächst völlig normal und angemessen und können bei allen Elternteilen auftreten. Aber wenn es Eltern auch nach längerer Zeit schwerfällt, sich eine neue und zufriedenstellende Lebenswirklichkeit zu schaffen, sollten sie Hilfe in Anspruch nehmen.

Der Begriff Empty-Nest-Syndrom wurde erstmals 1914 verwendet. In den 1950er Jahren ging man davon aus, dass das Empty-Nest-Syndrom durch den Verlust der Elternrolle ausgelöst wird. Tatsächlich ist es so, dass Eltern, die viele verschiedene Rollen in ihrem Leben bekleiden, besser wieder zurück in einen erfüllenden Alltag finden können. Diese Rollen können zum Beispiel durch den Beruf, ehrenamtliches Engagement und Hobbys definiert werden.

Wichtig ist, dass es keine einheitliche Definition des Syndroms gibt, es also sehr individuell und vor allem keine Erkrankung ist. In der medizinischen Klassifikation zählt es jedoch zu den Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen können.

Was ändert sich, wenn das Kind auszieht?

Die für viele sicherlich wichtigste Aufgabe im Leben und die gemeinsame Verantwortung der Eltern fällt mit dem Auszug der Kinder plötzlich weg. Meist haben Eltern einen Großteil ihrer Energie in die Versorgung der Kinder investiert und ihre Bedürfnisse hintangestellt. Plötzlich haben sie mehr Zeit für sich und ihre Beziehung zueinander. Die Gespräche, die sich vorher oftmals nur um das Kind drehten, verändern sich.

Diese Situation kann die Partnerschaft auf die Probe stellen, aber sie kann auch Chancen mit sich bringen: Es wird möglich, gemeinsame Hobbys wiederzuentdecken, neue Interessen und Ziele zu entwickeln und sich als Paar neu zu definieren.

Oft treten zeitgleich zum Auszug des Kindes auch andere, weitreichende Veränderungen im Leben auf. Dies können die Wechseljahre oder auch der Renteneintritt sein. Wenn mehrere wichtige Lebensereignisse zusammenkommen, kann es zu einer Überforderung unserer natürlichen Anpassungsfähigkeit kommen. Dies kann zu Stress und auf längere Sicht zu gesundheitlichen Problemen führen.

Symptome: Welche Erfahrungen machen Betroffene beim Empty-Nest-Syndrom?

Das Empty-Nest-Syndrom ist sehr individuell. Meist geht es jedoch mit Gefühlen von Traurigkeit, Einsamkeit und Verlust einher. Manche Eltern plagen auch Ängste und Sorgen um die Kinder, da die Kinder nun nicht mehr jeden Tag beaufsichtigt werden.

Es gibt viele Faktoren, die die Ausprägung und das Auftreten des Empty-Nest-Syndroms beeinflussen können:

  • die Häufigkeit des Kontakts zu den Kindern
  • das Bildungsniveau
  • die finanzielle Situation
  • die Persönlichkeit der Eltern
  • die persönlichen Bewältigungsstrategien
  • die Bereitwilligkeit, Hilfe anzunehmen
  • das Vorhandensein von Unterstützungsangeboten
  • andere Rollen, zum Beispiel die berufliche Rolle
  • das Vorhandensein von Hobbys und Interessen

Unter Umständen kann das Syndrom länger anhalten und deutliche Auswirkungen auf das alltägliche Leben haben. Es kann zu Angst, Panikattacken, psychosomatischen Beschwerden, depressiven Symptomen und Schlafstörungen kommen. In der Folge kommt es häufig vor, dass Menschen zu Medikamenten oder Alkohol greifen.

Dann ist es ratsam, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei der Barmer gibt es auch die Möglichkeit, eine Psychotherapie per Video-Chat zu erhalten.

Wenn Eltern erkennen, dass sich mit dem Auszug von Kindern auch neue Möglichkeiten ergeben, kann dies auch mit positiven Gefühlen einhergehen. Manche sind erleichtert, dass sie von vielen alltäglichen Pflichten, die die Elternrolle mit sich bringt, befreit werden. Denn die Erziehung von Kindern ist häufig herausfordernd.

Können auch Väter am Empty-Nest-Syndrom leiden?

Es können sowohl Mütter als auch Väter vom Empty-Nest-Syndrom betroffen sein, wobei Frauen vermutlich häufiger betroffen sind, da sie oft diejenigen sind, die sich zu einem Großteil ihrer Zeit mit der Versorgung des Nachwuchses beschäftigen. Häufig ist es auch der kulturelle Background, der bestimmt, ob Personen das Empty-Nest-Syndrom erleben oder nicht.

Empty-Nest-Syndrom bei älteren Menschen 

Das Syndrom wurde auch bei Menschen über 60 Jahren beschrieben, die kaum noch Kontakt zu ihren erwachsenen Kindern haben. Der fehlende Austausch ist sowohl für die psychische als auch die physische Gesundheit der älteren Empty-Nester von Nachteil.

Empty-Nest-Syndrom bei Alleinerziehenden

Für Alleinerziehende ist der Auszug des Nachwuchses vermutlich noch herausfordernder, da der Partner als emotionale Stütze fehlt. Es gibt allerdings keine Studien darüber, ob Alleinerziehende häufiger am Empty-Nest-Syndrom leiden.

Häufig haben Alleinerziehende weniger Zeit für persönliche Interessen, Karriere oder eine Partnerschaft gehabt. Für einige kann sich die entstandene Leere deshalb noch überwältigender anfühlen, für manche kann der Wegfall der großen Verantwortung jedoch auch befreiend Die gewonnene Zeit für neue Interessen und Freundschaften kann ganz unabhängig und frei eingeteilt werden. 

Wie lange dauert das Empty-Nest-Syndrom?

Da das Empty-Nest-Syndrom eine individuelle Erfahrung ist und das Auftreten von vielen verschiedenen Faktoren abhängt, ist es auch sehr unterschiedlich, wann es auftritt und wie lange es dauert. Die Dauer reicht von wenigen Wochen über Monate bis hin zu Jahren.

Hilfe beim Empty-Nest-Syndrom: Was tun?

Wie so oft im Leben kann es sinnvoll sein, sich auf absehbare Ereignisse vorzubereiten. Dies gilt auch für den Auszug der Kinder. Bereits bei einer der früheren Beschreibungen des Phänomens wurde ein Lösungsvorschlag gegeben: Vater und Mutter sollten sich bereits vor dem Auszug ein gemeinsames Hobby zulegen, das sie danach fortführen können.

Strategien gegen das Empty-Nest-Syndrom

In der Tat haben die häufig empfohlenen Strategien damit zu tun, die entstehende Lücke im Leben zu füllen:

  • Freundschaften und Beziehung wiederbeleben und pflegen
  • Die gewonnene Zeit für Kurse, Weiterbildung und Karriere oder Freiwilligenarbeit nutzen
  • Neue Hobbys entdecken und/oder alte Hobbies wieder aufgreifen
  • Mit der Partnerin, dem Partner oder Freunden Reisen unternehmen

Zudem bildet Selbstfürsorge (auch Selfcare genannt) einen wichtigen Pfeiler bei der Bewältigung von Einsamkeit. Durch eine gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, körperliche Aktivität und ausreichende Ruhezeiten können Sie für Ihr persönliches Wohlbefinden sorgen.

Dabei können auch Stressbewältigungsstrategien wie autogenes Training, Yoga und progressive Muskelentspannung unterstützen. Hilfreich ist ebenso das bewusste Einplanen von sogenannter Me-Time, also Zeit, die Sie sich speziell für sich selbst und Dinge, die Ihnen guttun, nehmen.

Wenn Angst, depressive Symptome oder psychosomatische Beschwerden das Wohlbefinden beeinträchtigen, ist es sinnvoll, sich psychologische Unterstützung zu suchen. Die BARMER hilft Ihnen dabei – zum Beispiel mit der praktischen BARMER Arztsuche. Unser Onlinetraining HelloBetter unterstützt Sie dabei, Ihre Beschwerden Stück für Stück zu bewältigen. Bei Medikamentenmissbrauch oder übermäßigem Alkoholkonsum sollte unbedingt psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen werden.

Selbsthilfegruppen für das Empty-Nest-Syndrom

Es gibt auch Selbsthilfegruppen für „Empty Nester“. Die erste Selbsthilfegruppe in Deutschland wurde 2013 in Berlin ins Leben gerufen und findet dort regelmäßig in Präsenz statt. Machen Sie sich auf die Suche nach Selbsthilfegruppen in Ihrer Region oder suchen Sie in den sozialen Netzwerken nach anderen Betroffenen.

Literatur und weiterführende Informationen

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