Geburt

Welche Gründe gibt es für eine Geburt per Kaiserschnitt?

Lesedauer unter 19 Minuten
Junge Frau hält nach einem Kaiserschnitt ihr neugeborenes im Arm

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Dr. med. Markus Valter (Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe)
  • Daniela Beerens (Gesundheitsinformation, Barmer)
  • Dr. med. Utta Petzold (Dermatologin, Allergologin, Phlebologin bei der Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Wenn wir an Geburten denken, so haben wir meist eine natürliche Geburt und damit eine vaginale Entbindung vor Augen. Es gibt aber Situationen, die medizinische Eingriffe wie einen Kaiserschnitt nötig machen, um die Gesundheit und Sicherheit der werdenden Mutter und des Babys nicht zu gefährden. Der Kaiserschnitt ist ein operativer Eingriff. Die Entbindung verläuft über einen Schnitt in der Bauchdecke der Mutter, sodass das Baby direkt aus der Gebärmutter geholt werden kann. In der Fachsprache heißt die Schnittentbindung Sectio caesarea. In Deutschland erblickt ungefähr jedes dritte Kind das Licht der Welt per Kaiserschnitt, wobei die Häufigkeit der durchgeführten Kaiserschnitte von Geburtsklinik zu Geburtsklinik stark variiert. Die Geburtshelferinnen und -helfer unterscheiden zwischen primärem und sekundärem Kaiserschnitt. Einen Sonderfall stellt der Notfallkaiserschnitt dar.

Primärer Kaiserschnitt

Deutet sich schon während der Schwangerschaft an, dass eine vaginale Entbindung gefährlich für die Schwangere oder ihr Kind sein könnte, dann wird bereits vor Beginn der Geburt ein Kaiserschnitt geplant. Wenn zum Beispiel der Mutterkuchen (Plazenta) komplett vor dem Muttermund liegt, ist eine Schnittentbindung in der Regel unausweichlich. Der primäre Kaiserschnitt kann auch noch wenige Tage vor der Geburt geplant werden. Als Beginn der Geburt gilt in Deutschland der (vorzeitige) Blasensprung oder das Einsetzen von Geburtswehen, durch die sich der Muttermund öffnet.

Sekundärer Kaiserschnitt

Treten während einer natürlichen Geburt Komplikationen auf, die das Wohlergehen der werdenden Mutter oder ihres Kindes gefährden könnten, kann eine operative Entbindung notwendig sein. Wenn zum Beispiel die Geburt über deutlich mehr als 2 bis 3 Stunden im natürlichen Verlauf unterbrochen wird, weil beispielsweise der Kopf des Babys zu groß ist, oder wenn in seltenen Fällen die Gebärmutter zu reißen droht, kann der Arzt oder die Ärztin im Kreißsaal die Entscheidung für einen sogenannten „eiligen“ Kaiserschnitt fällen. Das heißt, das Verletzungsrisiko für Mutter oder Baby wird beim weiteren Verlauf der natürlichen Geburt wesentlich höher eingeschätzt als bei einer Schnittentbindung.

Notfallkaiserschnitt

In Ausnahmesituationen kann es beim Verlauf einer natürlichen Geburt oder auch bei einem geplanten oder ungeplanten Kaiserschnitt zu einer Notfallsituation kommen, die akut lebensbedrohend für die Mutter und/oder das Baby ist. In diesen Fällen wird innerhalb von wenigen Minuten ein Notfallkaiserschnitt durchgeführt. Außerdem kann eine notfallmäßige operative Entbindung auch schon vor einem Geburtsbeginn erforderlich sein. Ein typischer Grund hierfür kann eine Gestose wie das sogenannte HELLP-Syndrom oder eine Präeklampsie sein, die bei Komplikationen schlimmstenfalls dazu führen kann, dass das Kind sofort entbunden werden muss. Zum Glück kommen die besonders schweren und damit sofort lebensbedrohlichen Verläufe aber sehr selten vor. Die dagegen häufigsten Gründe für einen Notfallkaiserschnitt sind:

  • schwerwiegend veränderte Herztöne des Kindes
  • vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens (Plazentaablösung)
  • Nabelschnurvorfall

Beim Notfall muss alles sehr schnell gehen

Wegen der Gefahr für Mutter und Kind ist in Notfallsituationen schnelles Handeln wichtig. Als Empfehlung verschiedener Fachgesellschaften gilt dabei eine sogenannte Entschluss-Entwicklungs-Zeit, kurz E-E-Zeit, von höchstens 20 Minuten. Damit ist die Zeit von der Entscheidung zu einem Notfallkaiserschnitt bis zur Entbindung gemeint. Tatsächlich wird in deutschen Krankenhäusern in über 99 Prozent der Fälle diese Vorgabe erreicht. Bei fast zwei Drittel der Notfallkaiserschnitte liegen die E-E-Zeiten sogar bei 10 Minuten und weniger.

Die geburtsmedizinischen Abteilungen in Deutschland sind also auf unvorhersehbare Verläufe sehr gut vorbereitet.

Eine Vollnarkose kommt fast nur bei Notfällen zum Einsatz

Der primäre und auch der sekundäre Kaiserschnitt werden in der Regel mit einer lokalen Betäubung durchgeführt. Die bevorzugten Verfahren dabei sind die Spinalanästhesie und die Periduralanästhesie (PDA). Dabei wird eine Mischung aus Schmerz- und Betäubungsmittel über einen sehr dünnen Kunststoffschlauch, einen sogenannten Katheter, in einen Hohlraum des Rückenmarkkanals am unteren Teil des Rückens gespritzt. Diese Art der Betäubung kann je nach Dosierung die Schmerzempfindlichkeit im gesamten Bauchraum und Unterleib reduzieren beziehungsweise beseitigen. Das heißt, die Frauen sind während der Schnittentbindung bei vollem Bewusstsein, haben aber keine Schmerzen. Im besten Fall können sie ihr Neugeborenes wie bei einer vaginalen Geburt direkt nach der Entbindung in den Armen halten. Eine Vollnarkose kommt hingegen meist nur in Notfällen zum Einsatz.

Nicht jeder Kaiserschnitt ist medizinisch notwendig

Der Kaiserschnitt gilt heute als sicherer Eingriff und kann das Leben von Mutter und Kind schützen. Doch hat sich in Deutschland in der Zeit von 1991 bis 2018 die Zahl dieser operativen Eingriffe fast verdoppelt. Die Mütter- und Kindersterblichkeit sank dadurch allerdings nicht. Von rund 220.000 Kaiserschnitt-OPs pro Jahr (Stand 2018) gelten nur ungefähr 10 Prozent als medizinisch absolut notwendig. Zudem sind die Kaiserschnittraten regional sehr verschieden. Die Daten deuten darauf hin, dass in der Geburtshilfe unterschiedliche Auffassungen darüber bestehen, wann ein Kaiserschnitt wirklich notwendig ist. Um eine einheitliche Entscheidungsgrundlage zu schaffen, wurde 2020 unter Leitung der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe erstmals eine sogenannte S3-Leitlinie zum Kaiserschnitt entwickelt.

Leitlinien sollen Handlungsempfehlung geben
S3-Leitlinien müssen den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Fachleute aus Wissenschaft und Medizin haben in Zusammenarbeit mit Hebammen den aktuellen Wissensstand über die Vor- und Nachteile einer natürlichen Geburt im Vergleich zum Kaiserschnitt zusammengefasst.

So sehen es die Experten als gesichert an, dass sich nur eine Kaiserschnittrate von bis zu 15 Prozent positiv auf die Mütter- und Säuglingssterblichkeit oder mögliche Folgeerkrankungen auswirkt. Das bedeutet, dass nur die Hälfte aller Kaiserschnitte in Deutschland die gesundheitlichen Chancen für Mutter und Kind im Vergleich zu einer natürlichen Geburt verbessert. Daher ist ein wichtiges Ziel der Leitlinie, eine klare Handlungsempfehlung für die Beratung und Behandlung von Schwangeren rund um die Geburt zu geben. Die Leitlinie zeigt aber auch auf, wo es auf diesem Gebiet noch Forschungsbedarf gibt. So müssen zum Beispiel die Langzeitfolgen eines Kaiserschnitts für Mutter und Kind noch deutlich umfangreicher untersucht werden.

Bei der Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt wird zwischen zwingenden medizinischen Gründen, einer sogenannten absoluten Indikation, und weicheren medizinischen Argumenten, den relativen Indikationen, unterschieden. Eine Besonderheit ist der Wunschkaiserschnitt.

Zwingende medizinische Gründe für einen Kaiserschnitt (absolute Indikation)

  • Dauerhafte Querlage des Kindes
  • Ein (drohender) Gebärmutterriss
  • Der Mutterkuchen (Plazenta) verdeckt den Muttermund des Gebärmutterhalses (Placenta praevia).
  • Vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens (Plazentaablösung)
  • Präeklampsie oder HELLP-Syndrom
  • Unterversorgung des Kindes mit Sauerstoff (beispielsweise durch überlange Geburtsdauer)
  • Ein im Verhältnis zum mütterlichen Becken sicher zu großes Kind
  • Beckenverformungen der Mutter
  • Die Nabelschnur legt sich vor das Kind und wird eingeklemmt (Nabelschnurvorfall).
  • Akute Infektion der Fruchthöhle, Plazenta, Eihäute und eventuell des Kindes (Amnioninfektionssyndrom)

Medizinische Argumente für einen Kaiserschnitt (relative Indikation)

Liegen diese Indikationen vor, werden bei der Entscheidung für oder gegen eine Schnittentbindung Nutzen und Risiken sorgfältig abgewogen und Vor- und Nachteile einer natürlichen Geburt besprochen.

  • Vorangegangener Kaiserschnitt
  • Vorangegangene Operation im Scheidenbereich
  • Außergewöhnlich verzögerte Geburt oder Geburtsstillstand
  • Besonders großes Kind mit mehr als 4.500 Gramm Geburtsgewicht
  • Ein im Verhältnis zum mütterlichen Becken wahrscheinlich zu großes Kind
  • Ungünstige Variante der Beckenendlage, das Baby hat sich nicht gedreht und liegt mit dem Steiß (Hinterteil) in bestimmter Art und Weise nach unten
  • Bestimmte Zwillinge oder mehr Babys (Mehrlingsgeburt)
Infografik Kaiserschnitt

Infografik: Es gibt Gründe, die für einen Kaiserschnitt sprechen können - aber nicht zwingend müssen. Man spricht dabei von einer relativen Indikation.


Wunschkaiserschnitt

Von einem Wunschkaiserschnitt spricht man, wenn der Eingriff auf Wunsch der Schwangeren ohne medizinischen Anlass erfolgt. Welche Gründe unter einen medizinischen Anlass fallen, ist bei Fachleuten umstritten:

  • In der Leitlinie werden die Angst vor den Schmerzen einer Geburt oder die Sorge vor möglichen Folgeschäden wie zum Beispiel Verletzungen des Beckenbodens mit zum Kaiserschnitt auf Wunsch gezählt. Deutschlandweit wünschen sich 6 bis 8 Prozent der Frauen aus diesen Gründen einen Kaiserschnitt.
  • Andere Experten sehen in den Ängsten, besonders wenn sie auf traumatische Erfahrungen einer vorangegangenen Geburt zurückzuführen sind, einen medizinischen Anlass.
  • Demnach wäre nur der Wunsch nach besserer Planbarkeit, wenn also aus beruflichen oder terminlichen Gründen eine bestimmte Geburtszeit oder ein bestimmter Geburtsort gewählt wird, ein eindeutiger Grund für einen Wunschkaiserschnitt. Diesen Grund geben nur 2 bis 3 Prozent der Frauen an, die einen Kaiserschnitt wünschen.

Um mögliche Ängste und Bedenken gegen eine natürliche Geburt abzubauen, ist eine gründliche Beratung wichtig, bei der die Schwangeren über die Vorteile und Risiken einer natürlichen Geburt im Vergleich zum Kaiserschnitt aufgeklärt werden. Dabei sollten die medizinischen Gründe für einen Kaiserschnitt, die Vorgehensweise bei einer solchen Operation sowie die Auswirkungen, die eine Schnittentbindung für weitere Schwangerschaften haben kann, ausführlich erläutert werden. Die Leitlinie empfiehlt Frauen mit starken Ängsten zunächst eine Unterstützung durch eine psychologische Beratung bei Experten mit guten Kenntnissen zur Geburtsangst. Diese Gespräche können häufig helfen, die Angst zu überwinden. Möchte eine Schwangere dann trotz eingehender Beratung weiterhin einen Kaiserschnitt, so wird dieser in der Regel auch durchgeführt. Der Wunsch der schwangeren Frau ist in diesem Fall entscheidend.

Chancen und Risiken vor jeder Geburt neu abwägen

Da wie oben erwähnt nur rund 50 Prozent aller durchgeführten Kaiserschnitte in Deutschland die gesundheitlichen Chancen für Mutter und Kind erhöhen, gibt es offensichtlich Handlungsspielraum bei der Entscheidung für oder gegen eine Schnittentbindung. So ist zum Beispiel ein vorangegangener Kaiserschnitt der häufigste Grund dafür, dass auch die folgenden Geburten per Kaiserschnitt erfolgen. Mediziner und auch Schwangere befürchten Komplikationen, wenn das Kind auf natürlichem Wege zur Welt kommt. Die größte Sorge ist, dass durch die Wehen die Gebärmutter an der Narbe reißen könnte, was im schlimmsten Fall zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen kann. Lange Zeit galt deswegen die Regel „Einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt“, was mit dazu beigetragen hat, dass sich die Anzahl der Schnittentbindungen in Deutschland weiter erhöht hat. Doch Studien konnten zeigen, dass das Risiko eines Gebärmutterrisses bei einer vaginalen Geburt nach Kaiserschnitt mit 0,5 Prozent relativ gering ist. Die Experten der Leitlinie halten dieses Risiko für vertretbar und empfehlen, die werdende Mutter intensiv mit in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Die beteiligten Mediziner und die Hebamme sollten zusammen mit der Schwangeren für jede Geburt das Risiko für mögliche Komplikationen bei einer natürlichen Geburt neu und individuell beurteilen. Dieses Vorgehen wird auch Risikoselektion genannt. War der Grund für den ersten Kaiserschnitt zum Beispiel eine Querlage des Kindes, muss sich das in der zweiten Schwangerschaft nicht wiederholen und die Ausgangssituation kann eine viel bessere sein als bei der ersten Niederkunft. Auch in anderen Situationen, bei denen häufig für einen Kaiserschnitt entschieden wird, ist nach strenger Risikoselektion eine hinreichend sichere vaginale Geburt möglich, zum Beispiel bei den meisten Zwillingen oder einer Vielzahl der sogenannten Beckenendlagen, wenn das Baby mit seinem Po, dem Steiß, nach unten liegt.

Leider gibt es aber nicht nur medizinische Gründe für die Entscheidung zu einem Kaiserschnitt. Manchmal entscheiden auch äußere Umstände wie die personelle Situation in einer Klinik oder auch die Erfahrung der gerade agierenden Geburtshelfer über die Qualität der Beratung und damit der Empfehlung, ob ein Kaiserschnitt durchgeführt wird oder nicht. Bei großen Geburtskliniken mit mehr als 1.000 Geburten im Jahr werden häufig weniger Kaiserschnitte durchgeführt als bei kleinen Kliniken. Das liegt hauptsächlich an der besseren Personaldecke und der größeren Erfahrung der Geburtshelfer.

Falls Sie eine natürliche Geburt wünschen, kann es hilfreich sein, schon bei der Auswahl der Entbindungsklinik auf entsprechende Kriterien zu achten:

  • Hat das Krankenhaus eine niedrige Kaiserschnittrate?
  • Gibt es Extrasprechstunden für Risikoschwangerschaften?
  • Haben die Geburtshelfer Erfahrung mit Zwillings- oder Steißgeburten?

Mögliche Risiken und Folgen eines Kaiserschnitts

Sollte eine Schnittentbindung unumgänglich sein, ist das kein Grund zur Sorge. Ein Kaiserschnitt gilt heute als eine sehr sichere Operation. Schwere Komplikationen bei der Mutter wie eine Gebärmutterentfernung nach starken Blutungen oder gar lebensbedrohliche Komplikationen wie schwere Herz-Rhythmus-Störungen liegen im Promillebereich.

Folgen für die Frau

Auch wenn die Schnittentbindung als sichere Routineoperation gilt, ist sie ein großer Eingriff, bei dem mehrere Schichten der mütterlichen Bauchdecke durchtrennt werden. Dadurch kann es unter anderem zu folgenden Komplikationen kommen:

  • Schnittverletzungen: In seltenen Fällen kann es bei der Operation zu Schnittverletzungen an umliegenden Organen oder umliegendem Gewebe kommen, wie an Blase, Darm oder Blutgefäßen. Das ist häufiger bei Notfallkaiserschnitten der Fall, weil es hier besonders schnell gehen muss, um Mutter und Kind zu schützen. Meistens sind die Verletzungen der umliegenden Organe jedoch gut therapierbar. Durch Narbenbildung kann es dadurch aber zu länger anhaltendem Wundschmerz kommen. 
  • Infektionen: Wie generell bei Operationen steigt auch bei einem Kaiserschnitt das Risiko von Infektionen durch Bakterien. Sowohl bei den Schnittwunden (Wundinfektionen) als auch bei der Gebärmutter, den Harnwegen oder der Lunge. Deswegen werden den Müttern vor oder direkt nach der Operation Antibiotika verabreicht. Die Infektionsrate liegt zwischen 5 und 12 Prozent und ist damit 5-mal so hoch wie bei einer natürlichen Geburt. In den meisten Fällen lassen sich die Infektionen gut behandeln, was aber in der Regel den Klinikaufenthalt verlängert.
  • Wundheilungsstörungen: Dass sich die Heilung der Wundnähte verzögert, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Häufig wird zwischen lokalen und systemischen Ursachen, die den ganzen Körper betreffen, unterschieden. Lokale Ursachen können zum Beispiel eine zu frühe Belastung durch zu schweres Heben sein, wodurch die Wunde wieder aufreißt, oder wenn sich infolge einer Wundinfektion Eiter bildet. In diesen Fällen muss die Wunde behandelt werden und der Heilungsprozess verzögert sich. Systemische Ursachen können Durchblutungsstörungen infolge von Übergewicht oder Diabetes mellitus sein. Ein großer Risikofaktor für Wundheilungsstörungen ist das Rauchen.

Bei einer komplikationslosen Schnittentbindung bleiben Frauen meist 4 bis 5 Tage im Krankenhaus und damit rund 2 bis 3 Tage länger als Frauen nach einer komplikationslosen Vaginalentbindung. Der Wundschmerz kann die Mutter in den ersten Tagen und manchmal auch Wochen noch stark beeinträchtigen, sodass sie bei der Versorgung des Kindes, etwa beim Wickeln und Tragen, Unterstützung braucht. Die eigentliche Wochenbettphase ist mit 6 bis 8 Wochen bei natürlicher Geburt und Kaiserschnitt etwa gleich lang. Als Wochenbett oder auch Kindsbett wird die Zeit nach der Entbindung bezeichnet, in der sich die Mutter von der Schwangerschaft und Geburt erholt und sich zum Beispiel die Gebärmutter und andere Organe wieder zurückbilden. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass 20 bis 25 Prozent der Frauen noch 3 Monate nach einer Schnittentbindung chronische Schmerzen in der Nähe der Kaiserschnittwunde haben.

Folgen für eine spätere Schwangerschaft

Mit jedem weiteren Kaiserschnitt steigt das Risiko von Komplikationen bei einer vaginalen Geburt. So ist die Gefahr, dass der Mutterkuchen (Plazenta) mit der Gebärmutter verwächst, erhöht und damit das Risiko, dass bei weiteren Schwangerschaften die Plazenta den Muttermund versperrt oder die Verwachsungen unter der Geburt reißen. Diese Risiken bestehen besonders dann, wenn kurz nach dem Kaiserschnitt eine erneute Schwangerschaft eintritt. Deswegen sollten Frauen nach einer Schnittentbindung mindestens ein Jahr bis zur nächsten Schwangerschaft warten.

Als erwiesen gilt, dass Frauen nach einem Kaiserschnitt später und weniger Kinder gebären als Frauen nach vaginaler Geburt. Ob das zum Beispiel an schlechten Geburtserlebnissen der Mutter liegt oder ob ein Kaiserschnitt die Fruchtbarkeit negativ beeinflusst, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Mögliche Komplikationen und Folgen für Babys

Nach einer Schnittentbindung haben die Babys häufiger Atemprobleme, weil sich noch ein Rest Fruchtwasser in den Lungen befinden kann. Die Atemprobleme können aber in der Regel schnell behoben werden. Da sich die Flüssigkeit in der Lunge erst kurz vor der Geburt abbaut, verringert sich die Gefahr für Atemprobleme, wenn ein Kaiserschnitt möglichst erst nach der vollendeten 39. Schwangerschaftswoche durchgeführt wird.

Die Studienlage über die langfristigen Folgen eines Kaiserschnitts ist leider nicht eindeutig. Es gibt aber Hinweise, dass Kaiserschnittkinder auf lange Sicht häufiger Allergien, Asthma, Diabetes oder Übergewicht entwickeln. Ein Grund könnte sein, dass das Baby auf dem Weg durch den engen Geburtskanal mit ersten Keimen in Verbindung kommt, die möglicherweise das Immunsystem des Babys vorbereiten und stärken. Beim Kaiserschnitt fehlt dieser Kontakt mit den Keimen. In einigen Ländern wird deswegen die Praxis des Vaginal Seeding durchgeführt.

Vaginal Seeding
Um Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, beim Aufbau des Immunsystems zu unterstützen, wird in Ländern wie den USA oder Australien seit einigen Jahren ein sogenanntes Vaginal Seeding angewendet. Dabei wird der Mutter wenige Minuten vor der Operation eine sterile Mullbinde in die Scheide eingeführt, um damit das Scheidensekret aufzufangen. Nach der Entbindung wird der ganze Körper des Babys damit eingerieben und auch ein Teil der Flüssigkeit in den Mund getropft. Auf diese Weise soll den Kaiserschnittkindern dieselbe Keimgrundlage verabreicht werden, mit der sie bei einer natürlichen Geburt auf dem Weg durch den Geburtskanal in Kontakt kommen. In Deutschland und zum Beispiel der Schweiz wird diese Prozedur nur vereinzelt oder auf Nachfrage angeboten. Unter Fachleuten ist Vaginal Seeding umstritten. Die Auswirkungen sind bisher kaum wissenschaftlich getestet. Die Methode geht auf eine Pionierstudie mit sehr geringen Fallzahlen zurück. Experten raten deswegen, zunächst aussagekräftige Studien abzuwarten. Sie befürchten, dass auf diese Weise auch unerwünschte Erreger wie Herpesviren oder Streptokokken übertragen werden könnten.

Mutter-Kind-Bindung und Stillen

Für die Entwicklung einer vertrauensvollen Mutter-Kind-Bindung und damit auch für einen erfolgreichen Stillstart ist ein früher, intensiver und liebevoller Körperkontakt direkt nach der Geburt hilfreich. Dieses sogenannte Bonding wird auch vermehrt in Kliniken durch das Geburtspersonal unterstützt. Trotzdem findet die Mutter-Kind-Interaktion nach einem Kaiserschnitt in vielen Fällen erst später statt als nach einer vaginalen Geburt. Während der erste Hautkontakt nach einer natürlichen Geburt für fast 90 Prozent der Mütter direkt nach der Entbindung möglich ist, erlebt das nach einem Kaiserschnitt nur rund die Hälfte der Frauen. Das hat unterschiedliche Gründe:

  • Nachuntersuchungen: Rund 10 Prozent der Frauen benötigen nach einem Kaiserschnitt eine besondere Nachsorge, zum Beispiel durch zu hohen Blutverlust oder weil es zu Unverträglichkeiten bei der Narkose gekommen ist. Auch bei den Babys können direkt nach der Entbindung Untersuchungen nötig sein, zum Beispiel weil es Atemschwierigkeiten hat oder es zu leichten Schnittverletzungen gekommen ist.
  • Vollnarkose: Bei einer Vollnarkose, die hauptsächlich bei einem Notfallkaiserschnitt eingesetzt wird, ist die Mutter nach der Entbindung nicht bei Bewusstsein. Auch das Neugeborene kann durch das Narkosemittel länger schläfrig bleiben und mehrere Stunden oder Tage nicht richtig zum Stillen in der Lage sein.
  • Klinikstrukturen: Es gibt keine nationale Strategie zum Schutz und zur Förderung von Stillen. Deswegen sind optimale Rahmenbedingungen mit zum Beispiel einer Stillbeauftragten, regelmäßigen Schulungen zur Stillförderung und ausreichend Fachpersonal zur Beratung und Unterstützung der Schwangeren nicht in jeder Klinik gleichermaßen gegeben. Laut der „World Breastfeeding Trends Initiative“, abgekürzt WBTi, die den Stand der Stillförderung weltweit untersucht, rangiert Deutschland in Bezug auf die Stillförderung in Europa auf dem vorletzten Platz und weltweit auf Rang 94 von insgesamt 97 untersuchten Ländern.

Dazu kommt, dass den Müttern das Stillen nach einem Kaiserschnitt durch die Wundschmerzen deutlich erschwert wird, sodass viele Frauen nach einer Schnittentbindung zunächst Stillprobleme haben. Umso wichtiger ist es, dass Sie, sobald es Ihnen möglich ist, den Hautkontakt zu Ihrem Baby intensiv suchen und mit Unterstützung einer Hebamme, einer Pflegerin oder eines Pflegers das Baby zum Stillen anlegen. Denn direkter Hautkontakt ist nicht nur wichtig für die Mutter-Kind-Interaktion, es fördert auch die Produktion von Prolaktin und Oxytocin – beides Hormone, die die Milchbildung in Gang bringen. Oxytocin unterstützt zusätzlich die Rückbildung der Gebärmutter. Ist der Beginn erst einmal geschafft, stillen per Kaiserschnitt entbundene Mütter im Durchschnitt genauso lang wie alle anderen Mütter. Auf die Mutter-Kind-Bindung hat ein verspätetes Bonding langfristig keinen negativen Einfluss.

Fast alle Geburtskliniken bieten mittlerweile Besichtigungstermine und Informationsveranstaltungen an. Fragen Sie nach den Möglichkeiten und Unterstützungen zum Thema Bonding und Stillförderung. Auch auf den jeweiligen Webseiten der Kliniken können Sie sich zu den Angeboten informieren. Ein sicheres Indiz für hohe Betreuungs- und Beratungsqualität ist die Auszeichnung „Babyfreundlich“. Das Zertifikat „Babyfreundlich“ wird nach internationalen Standards von WHO und UNICEF an Kliniken vergeben, die nachweislich die Mutter-Kind-Bindung und das Stillen fördern.

Mentale Folgen für die Mütter

Sowohl eine natürliche Geburt als auch ein Kaiserschnitt sind für die Frauen körperlich und emotional anstrengend. Doch während die Frau bei einer vaginalen Geburt aktiv am Geburtsvorgang beteiligt ist, fehlt dieser Teil bei der Schnittentbindung. Besonders nach einem ungeplanten oder Notkaiserschnitt berichten viele Mütter von einem Gefühl des Ausgeliefertseins, von einem unangenehmen Kontrollverlust und geplatzten Träumen. Das kann zu psychischen Belastungen führen, bei denen sich Schuldgefühle dem Kind gegenüber entwickeln oder Versagensgefühle aufkommen.

In welchem Ausmaß die psychischen Belastungen bei Kaiserschnittgeburten häufiger auftreten als bei Spontangeburten, wird noch weiter erforscht. Es gibt aber schon einige Hinweise darauf, welche Gegebenheiten dazu führen, dass Frauen die Geburt, ob vaginal oder durch Schnittentbindung, im Nachhinein eher positiv bewerten.

Faktoren, die die Zufriedenheit mit der Geburt fördern:

  • Die eigene Erwartung der Schwangeren an die Geburt
    Eine sorgfältige Aufklärung und Beratung über den Ablauf der Geburt hat einen positiven Einfluss darauf, wie die Schwangeren die Geburt erfahren und im Nachhinein für sich bewerten. Wichtige Themen sind dabei mögliche Komplikationen während der Geburt, die zu erwartenden Schmerzen, die Möglichkeiten der Schmerzlinderung, der Ablauf bei einer Operation und deren mögliche Folgen. Die Aufklärung und Beratung vermittelt das Gefühl, auf alles vorbereitet zu sein. Wichtig bei den Gesprächen ist zudem, dass die Frau bei der Beratung und Entscheidung mit eingebunden wird, sofern sie es wünscht. Frauen, die auf diese Weise informiert und beraten werden, bewerten die Geburt, selbst nach einem ungeplanten Kaiserschnitt, in der Regel positiver als Frauen, die unzureichend informiert werden.
  • Selbstbestimmter und berechenbarer Geburtsverlauf
    Die Angst vor dem Kontrollverlust ist ein wichtiger Aspekt für die subjektive Bewertung der Geburt. Je eher die Frauen bei Komplikationen in die Entscheidungen mit eingebunden werden, sie also mitentscheiden können und somit das Gefühl haben, die Geburt unter Kontrolle zu haben, desto positiver wird die Geburt im Nachhinein bewertet.
  • Der erste Kontakt zum Kind
    Die wichtigste Erwartung bei der Geburt ist für Frauen die Gesundheit des Kindes. Je früher der erste Kontakt zum gesunden Kind stattfindet, desto positiver bewerten die Frauen das Geburtserlebnis.
  • Art der Entbindung
    Die größte Zufriedenheit haben Frauen nach einer natürlichen Geburt. Das Gefühl, es aus eigener Kraft geschafft zu haben, ist dabei ein wichtiger Aspekt und steigert die Bindung zum Kind. Frauen mit Not- beziehungsweise sekundärer eiliger Sectio berichten am häufigsten über schlechte Geburtserfahrungen. Bei Frauen nach einem geplanten Kaiserschnitt ist die Studienlage unentschieden. Es gibt Studien, die sagen, dass die Zufriedenheit und Erfülltheit bei Frauen nach einem primären Kaiserschnitt sogar größer waren als nach einer vaginalen Entbindung. Dies ist sicherlich auch ein Grund dafür, warum das Thema „Wunschkaiserschnitt“ so stark diskutiert wird.

Fazit

Der Kaiserschnitt ist in bestimmten Fällen ein rettender Ausweg aus einer bedrohlichen oder sogar akut gefährlichen Situation. Doch leider wird er auch dann häufig durchgeführt, wenn eine vaginale Geburt nicht nur möglich, sondern auch ähnlich sicher wäre und medizinisch eindeutige Vorzüge bietet. Nach aktueller Studienlage scheint eine natürliche Geburt vorteilhafter zu sein, sowohl in Bezug auf die Zufriedenheit und Erfülltheit der Mutter nach der Geburt als auch hinsichtlich der langfristigen Folgen für die Mutter, das Kind und für weitere Schwangerschaften.

Sind bei Ihrer Geburt Komplikationen zu erwarten, aber es liegen keine zwingenden medizinischen Gründe für einen Kaiserschnitt vor, überlegen Sie zusammen mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt und der Hebamme, welcher Geburtsmodus und welcher Geburtsort für Sie in Frage kommt. Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Entscheidung. Falls Sie sich schlecht beraten fühlen, kann es hilfreich sein, sich eine zweite ärztliche Meinung einzuholen.

Wichtig ist, dass Sie sich vor der Geburt wohl und sicher mit Ihrer Entscheidung und geborgen in der Einrichtung fühlen, in der Sie Ihr Kind zur Welt bringen wollen. Je mehr Vertrauen Sie in sich und das Team der Geburtshelfer haben, desto besser sind Sie auf die Geburt vorbereitet. Das sind dann schon sehr gute Voraussetzungen für ein positives Geburtserlebnis.
 

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Webcode: s000800 Letzte Aktualisierung: 16.07.2021
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