Eine Frau liegt mit Kopfhörern auf dem Boden und testet die Wirkung von binauralen Beats.
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Wie Musik unsere Erinnerungen weckt

Lesedauer unter 6 Minuten

Redaktion

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Dirk Weller (Diplom-Psychologe)

Musik kann uns an Erlebnisse, Orte, Menschen oder Lebensphasen erinnern. Was es mit dem Musikgedächtnis auf sich hat und wie Musikstücke im Gehirn verarbeitet werden.

Das Gedächtnis ist schon so eine Sache. Versuchen wir uns an die Hauptstadt von Paraguay zu erinnern, an die verabredete Uhrzeit oder daran, wie nochmal dieser Schauspieler hieß, fällt es uns partout nicht ein. Doch manchmal reicht ein kurzer Nebensatz, eine komisch geformte Wolke, eine Berührung oder ein Geschmack, um eine alte Erinnerung in uns wachzurufen. Auch Geräusche können das – und ganz besonders Musikstücke.

Wie erinnern wir uns im Gehirn?

Um zu verstehen, wie Musik Erinnerungen wecken kann, hilft es, sich zunächst anzuschauen, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert. Beim „gewöhnlichen“ Erinnern sind verschiedene Bereiche des Gehirns beteiligt. Das Gedächtnis ist kein zentraler Ort im Gehirn, es gibt keine Schubladen, die befüllt werden. Vielmehr ist das Gedächtnis ein Netzwerk verschiedenster Hirnteile, deren Verbindungen sich neu bilden oder die ihre Bindungen verstärken beziehungsweise abschwächen. Dabei unterscheiden Hirnforscher im klassischen Mehr-Speicher-Modell (das später weiterentwickelt wurde) verschiedene Gedächtnisfunktionen:

  • Das sensorische Gedächtnis (auch Ultrakurzzeitgedächtnis): speichert Informationen der Sinnes-Rezeptoren. Sehr kurze Haltedauer von 200-400 Millisekunden für visuelle oder vier Sekunden für auditorische Reize. Nicht zwangsläufig bewusst.
  • Das Kurzzeitgedächtnis / Arbeitsgedächtnis: speichert in der Regel sieben plus/minus zwei Informationen über mehrere Sekunden bewusst ab.
  • Das Langzeitgedächtnis: unbegrenzte Kapazität und Speicherdauer für alle Arten von Informationen.

Neue Informationen gelangen dabei zunächst ins sensorische Gedächtnis – es fungiert als eine Art erster Filter. Werden sie als relevant genug eingestuft, werden sie eine Ebene weitergegeben: ins Kurzzeitgedächtnis. Dort können wir bewusst damit arbeiten. Wenn wir eine Information interessant, wichtig oder emotional bedeutsam finden, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie anschließend auch ihren Weg ins Langzeitgedächtnis findet.

Wie wird Musik im Gehirn verarbeitet und gespeichert?

Hören wir Musik, geschieht folgendes: Zunächst gelangen die Informationen über die Nerven der Hörbahn vom Ohr ins Gehirn. Bereits unterwegs und auch später werden Teilinformationen der akustischen Merkmale analysiert. Schließlich werden die oben genannten Gedächtnisprozesse aktiviert und die gehörte Musik oder Teile davon werden mit unseren Erinnerungen abgeglichen. Das kann dazu führen, dass wir uns an ein Lied erinnern oder das uns Aspekte davon an ein anderes Musikstück erinnern – etwa bei Cover-Versionen.

Es kann aber auch sein, dass uns das Gehörte an eine Szene aus unserem Leben erinnert: ein Konzert, ein Ausflug, eine andere Person (weil man mit ihm oder ihr immer dieses Lied, diese Band oder dieses Genre gehört hat), einen Ort oder gar eine Lebensphase. Sind mit dem Erinnerten bestimmte Gefühle verknüpft, werden diese oft durch die Verarbeitung der Musik im Gehirn wachgerufen.

So wirkt Musik auf unser Gehirn.

Musik hat diverse Auswirkungen auf Vorgänge in unserem Gehirn. 

Dass Musik die Gedächtnisbereiche des Gehirns aktiviert und somit auch trainiert, hat zur Folge, dass professionelle Musiker ein besseres Gedächtnis haben – zumindest in mancher Hinsicht. Das zeigte eine Meta-Analyse, in der Forscher 29 Studien zu diesem Thema auswerteten. Laut ihren Ergebnissen sind bei den Musikern nicht alle Gedächtnisprozesse überlegen. Vor allem aber das Kurzzeitgedächtnis glänzt, wenn es ton- oder sprachbezogene Stimuli verarbeiten muss.

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Was ist das Musikgedächtnis?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wissen mittlerweile aus Untersuchungen per EEG, MRT oder CT, dass beim Musikhören und ebenso beim Erinnern an Musikstücke oder mit Musik verbundenen Ereignissen die gewöhnlichen Gedächtnis-Netzwerke des Gehirns aktiviert werden. Doch die Studien haben außerdem gezeigt, dass beim Erinnern von Musik noch andere Gehirn-Netzwerke aktiv sind, die beim herkömmlichen Erinnern keine Rolle spielen.

Stefan Kölsch ist Professor für biologische und medizinische Psychologie an der Norwegischen Universität Bergen und forscht viel zu musikbezogenen Emotionen und den dahinterliegenden neurowissenschaftlichen Prozessen. Er fasst diese Beobachtung so zusammen: „Man kann davon ausgehen, dass Musik eine Art eigenes Gedächtnis im Gehirn besitzt: das Musik-Gedächtnis.“ Damit meinen Forscher und Forscherinnen wie Kölsch bestimmte Netzwerke im Gehirn, die daran beteiligt sind, wenn Menschen musikalische Informationen – zum Beispiel Melodien oder Rhythmen – abspeichern und erinnern. Diese Funktionen finden im Gehirn scheinbar auf vom restlichen Gedächtnis unabhängigen Bahnen statt.

Ein solcher Bereich findet sich etwa im zingulären Kortex des Gehirns. Dieser Bereich spielt nämlich bei musikalischen Gedächtnisprozessen eine Rolle, aber auch bei der Emotionsverarbeitung. Beobachten Forscher und Forscherinnen die Aktivität dieser Gehirnregion, können sie vorhersagen, ob eine Versuchsperson ein Lied kennt, das sie gerade hört. „Diese Region im zingulären Kortex könnte eine Art Emotions-Gedächtnis-Tunnel sein, die dann aktiviert wird, wenn Musik Emotionen weckt“, sagt Stefan Kölsch. „So könnte Musik einerseits musikalische Erinnerungen wachrufen, andererseits aber auch Erinnerungen an Erlebnisse, die nur mit der Musik zusammenhängen oder die sogar gar nicht mit der Musik zusammenhängen.“

Musik in der Demenztherapie

Das bringt eine gewisse Besonderheit mit sich: Bei Menschen, deren Gedächtnis nicht mehr richtig funktioniert, kann es durchaus sein, dass das Musikgedächtnis noch ziemlich gut arbeitet. Auch wenn eine Demenz sich mitunter nicht mehr an das Mittagessen von gestern, den Urlaub vom vergangenen Sommer oder sogar an die Namen nahestehender Personen erinnern kann, ist es möglich, dass sie noch scheinbar mühelos jedes bekannte Lied mitträllert, neue Stücke singt oder lernt, auf einem Instrument zu spielen.

Alzheimer und Demenz: Was ist was? 

Erkrankt ein Mensch an Demenz, dann lassen sein Konzentrationsvermögen, das Gedächtnis und die Orientierungsfähigkeit mit der Zeit immer mehr nach. Mit fortschreitendem Verlauf wird es für Patientinnen und Patienten immer schwerer, den Alltag alleine zu bewältigen.

Die häufigste Form von Demenz ist die Alzheimer-Erkrankung. Bei ihr sterben Nervenzellen im Gehirn ab, was dazu führt, dass sich die Merkfähigkeit, Denkleistung und das Sprachgedächtnis zunehmend verschlechtern. Über die Ursachen der Entstehung gibt es bislang nur Vermutungen. Eine Chance auf Heilung gibt es momentan nicht, nur der Verlauf lässt sich beeinflussen.

Neben der Alzheimer-Krankheit gibt es noch weitere Ursachen für Demenz: etwa Tumorerkrankungen, Durchblutungsstörungen im Gehirn, Parkinson oder Gehirnverletzungen.

Eine mögliche Erklärung dafür, warum musikalische Angebote gerade von Alzheimer-Patienten und -Patientinnen oft noch lange Zeit gut angenommen werden, könnte wieder Stefan Kölschs Emotions-Gedächtnis-Tunnel bieten. Denn in dem Bereich, in dem der Tunnel liegt, zingulärer Kortex genannt, schwindet das Gewebe bei Alzheimer-Betroffenen erst relativ spät. Später zumindest als in anderen Gehirnbereichen, die an den gewöhnlichen Gedächtnisprozessen beteiligt sind.

Das führt dazu, dass Musik bei der Behandlung von Demenz eine wichtige Rolle spielen kann. „Es gibt verschiedenste Gründe, warum Alzheimer-Patientinnen und -Patienten von musikalischen Impulsen profitieren“, sagt Kölsch. „Einer davon ist, dass sie sich selbst bei fortschreitender Erkrankung und mit dem Einsetzen von schweren Gedächtnisstörungen noch verblüffend gut an Musik erinnern können.“ Viele der Patientinnen und Patienten hören deswegen sehr gerne Lieder an.

Darüber hinaus kann Musik Alzheimer-Patienten und -Patientinnen helfen, sich besser zu erinnern. Lernen sie beispielsweise einen neuen Text, dann können sie sich dabei gesungene Passagen besser merken als gesprochene. Studien zeigen: Alzheimer-Betroffene erinnern sich zudem besser an Ereignisse aus ihrem Leben, wenn sie während des Erinnerns oder kurz davor Musik hören. Die Musik muss dabei nicht mal mit dem Ereignis in Verbindung stehen, das sie zu erinnern versuchen – es reicht schon, dass die Musik im Hintergrund läuft. Am besten klappte die Gedächtnisverbesserung, wenn die Patienten und Patientinnen ihre Lieblingsmusik hörten. Doch auch bei von den Studienleitern ausgewählter Musik war die Gedächtnisleistung besser als wenn gar keine Töne erklangen.

Die vielen förderlichen Effekte von Musik auf Gedächtnis und Erinnerungsfähigkeit bringen Stefan Kölsch sogar dazu, Musik vorbeugend einzusetzen. In seinem Buch Good Vibrations erklärt er die Wirkung von Musik auf den menschlichen Körper und wie Musik therapeutisch eingesetzt werden kann. Schon beim Einsetzen allererster, kleiner Demenz-Symptome – so der Rat des Musikwissenschaftlers – solle man regelmäßig irgendetwas Musikalisches mit den Betroffenen tun. Egal ob Singen im Chor, Musikhören, ein Instrument spielen oder gar Tanzen. Das helfe dem Gehirn und beuge dem Fortschreiten der Demenz vor.

Literatur und weiterführende Informationen

  • Bob Synder: Memory for Music (2016)
  • Dorsch – Lexikon der Psychologie (Abruf vom 13.08.2022): Gedächtnis 
  • Lutz Jäncke: Music and Memory (2019)
  • Francesca Talamini, Gianmarco Altoè, Barbara Carretti und Massimo Grassi: Musicians have better memory than nonmusicians: A meta-analysis (2017)
  • Jörn-Henrik Jacobsen, Johannes Stelzer, Thomas Hans Fritz, Gael Chételat, Renaud La Joie und Robert Turner: Why musical memory can be preserved in advanced Alzheimer’s disease (2015)
  • Charité (Abruf vom 13.08.2022): Einfluss von musikalischer Expertise auf das musikalische und nicht-musikalische Gedächtnis 
  • Aline Moussard, Emmanuel Bigand, Sylvie Belleville und Isabelle Peretz: Learning sung lyrics aids retention in normal ageing and Alzheimer's disease (2013)
  • Mohamad El Haj, Pascal Antoine, Jean Louis Nandrino, Marie-Christine Gély-Nargeot und Stéphane Raffard: Self-defining memories during exposure to music in Alzheimer's disease (2015)
  • Mohamad El Haj, Luciano Fasotti und Philippe Allainac: The involuntary nature of music-evoked autobiographical memories in Alzheimer’s disease (2012)
  • Stefan Kölsch: Good Vibrations – Die heilende Kraft der Musik (2020)
  • Susan Hallam, Ian Cross und Michael Thaut: The Oxford Handbook of Music Psychology (2nd Edition) (2016)
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Abruf vom 13.08.2022): Alzheimer-Demenz 

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