Psychische Gesundheit

Ghosting: Wie reagiert man auf einen stummen Kontaktabbruch?

Lesedauer unter 9 Minuten
Junge Frau schaut traurig auf ihr Smartphone

Autor/in

Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

Dirk Weller (Diplom-Psychologe)
Inhaltsverzeichnis

Immer mehr Menschen erleben einen stummen Kontaktabbruch – „Ghosting“. Ein Freund oder eine Freundin verschwindet geistergleich aus dem Leben. Warum machen Menschen so etwas und wie geht man damit um? 

„Zwischen uns war nicht mal was…“ Hanna, 39, die in Wahrheit anders heißt, hängt diesem Satz im Gespräch noch kurz nach, als würde sie denken: Umso unerklärlicher eigentlich, was folgte. Nachdem Fynn und sie in einer Dating-App gematcht hatten, chatteten sie eine Weile. Dann, nach ein paar Wochen, ein Treffen in einem Café am See: Ein Feuer flackerte, der Kaffee schmeckte, sie redeten lange und offen über ihre gescheiterten Beziehungen.

„Es war aber relativ schnell klar, dass wohl für uns beide nicht mehr daraus werden würde“, erinnert sich Hanna. „Darüber mussten wir gar nicht deutlich reden.“ Trotzdem: Fynn interessierte sie. Sie fand ihn sympathisch, sein Job war spannend, es gab Schnittmengen. „Immer wieder hat er auch davon geredet, was er alles gern mit meinen Kindern unternehmen würde.“ Eine Freundschaft hätte entstehen können, glaubt Hanna, definitiv. Doch dann nichts mehr, gar nichts mehr. Keine Antwort auf Hannas Nachrichten. Seine Social Media Accounts, auf denen er ziemlich umtriebig war, für sie blockiert. Die Sache endete, bevor sie begonnen hatte. „Klar fragst du dich in so einem Moment: Was ist denn jetzt passiert? Was habe ich falsch gemacht?“, sagt Hanna.

Ist Ghosting nur schlechtes Benehmen?

Die 39-Jährige konnte die Sache für sich schnell unter „schlechtes Benehmen“ abhaken. Doch es wäre gelogen, würde sie behaupten, Fynns Verhalten hätte ihr nichts ausgemacht. Hanna wurde klar: Die Begegnung mit Fynn war wie das Match auf der Dating-App gewesen: schnell aufgeploppt, aber auch schnell wieder weggewischt. „Online geht das halt einfach“, sagt Hanna. Man könnte auch sagen: Hanna hat Glück gehabt, denn wie weh hätte ihr der Kontaktabbruch wohl getan, wenn sie sich in Fynn verliebt hätte? Eine Antwort darauf, aus welchem Grund er so mit ihr umgegangen ist, hat sie nicht gefunden.

Eben noch da und plötzlich auf Nimmerwiedersehen verschwunden: ein klarer Fall von Ghosting. Eine Person verschwindet geistergleich, löst sich scheinbar ohne Grund in Luft auf – und hinterlässt den anderen mit vielen offenen Fragen. 25 Prozent der Deutschen haben Umfragen zufolge schon mal Erfahrungen damit gemacht. Bei den 18- bis 33-jährigen Singles sollen es sogar 80 Prozent sein. Der Begriff „Ghosting“ stammt aus den USA: 2015 wurde er ins wichtigste englischsprachige Wörterbuch aufgenommen. In Deutschland wird der Begriff inzwischen für vieles verwendet – selbst im Berufsleben wird mittlerweile von Ghosting gesprochen, wenn sich beispielsweise ein Unternehmen nach einem Bewerbungsgespräch gar nicht mehr meldet. Valide wissenschaftliche Studien gibt es zu dem Phänomen jedoch noch nicht. Die Psychologie beginnt, sich eingehender damit zu beschäftigen, denn die Therapiepraxen füllen sich mit den Leidtragenden.

Die Hamburger Autorin Tina Soliman hat mit „Ghosting – Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter" ein Buch zu diesem Thema geschrieben. Sie sagt: „Ghosting ist epidemisch geworden. Für viele Menschen ist es das einfachste Tool, sich aus Beziehungen zu ziehen, die sie nicht mehr weiterbringen."

Für das Buch wie auch für eine Fernsehdokumentation sprach Soliman mit hunderten Betroffenen – von beiden Seiten:

„Es ist eigentlich wie ein Tod“, sagt eine Geghostete in Solimans Buch. „Wie, als wäre dein Liebster gerade vom LKW überfahren worden.“ Die Frau spricht von ihrem „Liebsten“, denn es hatte bereits gemeinsame Urlaube gegeben, Zukunftsträume. Da war schon mehr als die Ahnung eines „Wir“ – weit mehr als zwischen Hanna und Fynn. Eine Nachricht noch, nach zehn Tagen Schweigen, „Hab grad Stress“, dann: Nichts mehr. Nur der Schock.

„Wann war ich wo wie, was hab ich getan?“ Eine andere Geghostete erzählte Tina Soliman, dass sie nach dem jähen Kontaktabbruch ihres Freundes alle Situationen in Gedanken durchgespielt habe und bei sich selbst die Schuld gesucht habe.

Wie kann ich mich so täuschen? Lauter Fragezeichen im Kopf

Wer geghostet wird, bleibt im Ungefähren hängen, im Kopf ein Wollknäuel, unentwirrbar und voller loser Enden. Nichts scheint mehr zusammenzupassen. Lauter Fragezeichen. Was ist passiert? Was habe ich falsch gemacht? Hätte ich vielleicht…? Oder: Hätte ich besser nicht? Wie konnte ich mich so täuschen?

Antworten bleiben aus. Hinter die gemeinsame Zeit wird kein Punkt gesetzt.

Die Ohnmacht der Geghosteten

Angelika Eck, systemische Paar- und Sexualtherapeutin in Karlsruhe, schreibt in einem Text bei der ZEIT, es sei total nachvollziehbar, den Fehler ganz bei sich zu suchen. Unser Verhalten haben wir schließlich noch in der Hand, können es verändern oder beeinflussen. Der andere jedoch ist weg. „Das ist eine Anti-Ohnmachtsstrategie“, sagt Eck. Aber eine sehr fatale, denn sie bringt nicht weiter. Wir bleiben in der Vergangenheit kleben – im Denken, dass der andere vielleicht zurückkäme, wenn wir bei uns nur etwas veränderten. Oder es gebe wenigstens eine befriedigende Erklärung für alles. Die Ohnmacht der Geghosteten, besser lässt sie sich nicht beschreiben.

Dabei haben die Gründe für Ghosting viel weniger mit den Verlassenen zu tun, als mit denen, die verschwinden. David Wilchfort, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in München, sagt: „Die Ghosts nehmen keinen Abschied, weil sie denken, dass das für sie nicht möglich ist. Wenn es zuvor nämlich undenkbar war, so etwas wie ein Ende der Beziehung miteinander zu besprechen, wird stillschweigend Abschied genommen. Es kostet einfach zu viel Mühe. Aber natürlich: Heutzutage werden Skrupel kleiner, Bequemlichkeiten größer.“

Die Angst vor Nähe, Verbindlichkeit und einer falschen Entscheidung

Für die wenigsten Ghosts ist der klammheimliche Abschied ein Machtspiel, das hartnäckige Schweigen eine Strafe. Meist sei die Botschaft: „Ich war gar nicht da, vergiss mich schnell“, erklärt Buchautorin Tina Soliman. Es sei viel Angst im Spiel, vor Nähe, Verbindlichkeit, auch vor einer falschen Entscheidung. Oder Scham: Nicht umsonst will - wer sich schämt - im Boden versinken, also verschwinden, abtauchen. Vielleicht merkt der andere ja erst gar nicht, dass ich Beziehung, Nähe, Offenheit gar nicht kann – oder will… - so denken viele.

Oft sehen Personen die ghosten die Gründe für ihr Verhalten darin, dass es einfach nicht gereicht habe – für eine Beziehung oder eine Freundschaft. Oder damit, dass sie den Zeitpunkt verpasst haben, etwas zu sagen. „Der Ghosting-Moment ist oft nur die Steigerung eines Vermeidungsverhaltens im vorangegangenen Beziehungsalltag“, erklärt Tina Soliman. Manchmal gab es dafür vielleicht schon kleine Anzeichen, die nicht erkannt oder entsprechend gedeutet wurden: ein Sich-Zurückziehen, eine Mikro-Funkstille, ein Schweigen, weil etwas nicht gesagt werden kann. Aber: Wie soll man so etwas erkennen, wenn die rosarote Wolke alles einnebelt?

Ghosting belastet das Selbstwertgefühl

Ghosting ist für beide schmerzhaft, es belastet das Selbstwertgefühl beider Menschen. Auch der Ghoster hat Schuldgefühle“, sagt der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in München David Wilchfort. Doch darüber reden? Für die Ghosts offenbar unmöglich. Das Ghosten ermöglicht den Verschwindern auch, sich nicht mit sich selbst zu befassen, mit ihren Wünschen und Erwartungen an eine Beziehung oder mit den eigenen Unzulänglichkeiten. Bequem ist es also auch.

Generation Beziehungsunfähig?

Menschen, die sich um Erklärungen drücken gibt es schon immer. Dennoch sind sich Experten einig, dass der digitale Liebesanbahnungsmarkt solche Fälle verstärkt: Menschen auf Dating-Plattformen sind wie Produkte im Supermarkt-Regal: Sie preisen sich als beste Wahl an, kommen aber wie austauschbar daher. Man kann an ihnen vorbei-sliden, sie zurücklegen ins Regal und schnell zu einem anderen, besser scheinenden Produkt greifen. Wer weiß, wer sich hinter dem nächsten Wisch verbirgt? Endlich Mister Love? Die lang ersehnte Traumfrau? Die Lösung aller bisherigen Beziehungsprobleme? Rein in den Warenkorb und wieder raus, das tut nicht weh, ist verführerisch einfach. Das muss im „normalen Leben“ doch auch so gehen.

Liebe, Beziehung und Partnerschaft können manchmal echt für Verwirrung und Gefühlschaos sorgen. Wir helfen weiter, zum Beispiel wenn Sie wissen möchten, welcher Beziehungstyp Sie eigentlich sind, warum Liebe ein Lebensrezept sein kann oder warum wir überhaupt einen Partner für die wahre Liebe suchen.

20 Milliarden Dollar setzt die Dating-Industrie Schätzungen zufolge um. Liebe ist Konsumgut, Leidenschaft jederzeit stornierbar, Gefühle algorithmisch beherrschbar – jedenfalls solange man noch nicht zu tief drin steckt. Auch die Vordenkerin in Sachen Liebe, die israelische Soziologin Eva Illouz, beobachtet eine „Marktförmigkeit“ von Liebe und sexuellen Beziehungen. Das heißt, sie werden „von Internettechnologie und Konsumkultur angetrieben“. Man habe, so Illouz, die ständige Wahl, „Beziehungen zu verlassen, unfähig oder unwillig zu sein, von einer in die nächste zu springen“. Dies bringe Freiheit, aber auch eine große Ungewissheit mit sich. Aber im Notfall können ja mit einem Klick unangenehme Gespräche gekappt werden, lästige Nachfragen vermieden. Es gibt keine Tränen, keine Reue – weiter geht’s im Netz.

Ghosting betrifft alle Geschlechter und Altersgruppen

Ghosting betrifft übrigens keineswegs nur die jüngeren Altersgruppen, erzählt Tina Soliman. Auch ältere Frauen und Männer hätten ihr von dieser Art Kontaktabbruch erzählt und geschrieben. Doch egal welchen Alters oder welchen Geschlechts: Ghosting verstört, verletzt – traumatisiert zuweilen die betroffenen Personen. Innere Grundannahmen über sich selbst und über soziales Miteinander können tiefgreifend erschüttert sein. Betroffene schildern Schwierigkeiten, sich wieder auf einen neuen Partner oder eine neue Partnerin einzulassen. Der Neurologe und Psychologe Michael Linden von der Charité spricht von einer „posttraumatischen Verbitterungsstörung“. Das ist eine reaktive psychische Störung infolge des Erlebens von Ungerechtigkeit, Herabwürdigung oder Vertrauensbruch, gekennzeichnet durch nagende Verbitterungsgefühle, Aggressionsfantasien, schlechte Stimmung, Rückzug aus Sozialbeziehungen und Einengung des Lebens. Die Geghosteten trauen sich nicht mehr in Beziehungen. Solche Erfahrungen prägen sich tief in unsere DNA ein.

Manche beschreiben auch, dass diese Art des Verlassenwerdens alte Wunden aufgebrochen habe: „Ich hatte schnell wieder das Gefühl, nicht gewollt zu sein. Nicht schön genug, nicht nett genug.“ Nicht genug.

Wofür nur? Beziehung bedeutet gemeinsames Wachsen trotz oder gerade wegen Unterschieden, Verbindung finden, eingehen – und doch man selbst bleiben. Die Alten sagen, das sei manchmal harte Arbeit, aber die Digitalisierung gaukelt uns das perfekte Match vor, das keine Abstriche, kein komisches Bauchgefühl, einfach nur das Beste fürs Leben bietet. Man müsse nur genau danach suchen.

Wer wegrennt, entgeht der Auseinandersetzung mit sich selbst

Was bei Jugendlichen nachvollziehbar ist, wird mit zunehmendem Alter irrational und problematisch. Wer plötzlich wegrennt, verschwindet oder den anderen kickt, der entgeht auch der Auseinandersetzung mit sich selbst: Warum hat es nicht geklappt? Was fehlt mir? Was brauche ich überhaupt – und was nicht? Diese Frage sollten sich unbedingt auch die Geghosteten stellen, sagen die Experten. Bei sich bleiben, nicht sinnlos über den anderen und die Vergangenheit grübeln.

So leicht gesagt, so schwer getan. David Wilchfort, empfiehlt, sich nicht zurückzuziehen und in Gedanken an der gescheiterten Beziehung zu kleben. Ja, Ablenkung sei erlaubt, sogar wichtig. Auch wenn es nicht immer leicht sei. „Es ist notwendig, sich der Angst zu stellen und auf die nächste Party zu gehen.“ Besser als gleich direkt ins nächste Dating-Portal.

 

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Webcode: a006975 Letzte Aktualisierung: 28.09.2021
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