Pflegende Angehörige

Wie Sie lernen auf sich selbst zu achten, wenn Sie Ihre Angehörigen pflegen

Lesedauer unter 9 Minuten
Eine ältere Dame umarmt eine Frau

Autor

Brigitte Teigeler (Fachjournalistin und Diplom-Pflegefachwirtin)

Qualitätssicherung

Juliane Diekmann (Diplom-Pflegewissenschaftlerin, Barmer Pflegekasse)
Inhaltsverzeichnis

Viele pflegende Angehörige kümmern sich rund um die Uhr um ein pflegebedürftiges Familienmitglied – oft bis zur eigenen Erschöpfung. Aufgaben abzugeben, fällt vielen schwer. Oft müssen sie in kleinen Schritten lernen, Hilfsangebote anzunehmen und wieder etwas für sich selbst zu tun.

Viele pflegen bis an den Rand der Erschöpfung

Manchmal kann sich das Leben von einem auf den anderen Tag komplett ändern – so wie bei Maria Wolter* und ihrem Lebensgefährten Wilhelm Thimm* (*Namen von der Redaktion geändert). Als dieser wegen eines Bandscheibenvorfalls ins Krankenhaus musste, erlitt er kurz nach der OP erst eine Lungenembolie, zwei Tage später dann einen Schlaganfall. Seitdem ist er halbseitengelähmt und sitzt im Rollstuhl.

„Ich sage immer: Er ist als gesunder Mann ins Krankenhaus gegangen und ich habe ihn als Pflegefall zurückbekommen“, erzählt die 76-Jährige. Seit vier Jahren kümmert sich Maria Wolter nun um ihren Lebensgefährten, unterstützt von einem ambulanten Pflegedienst. Dieser hilft beim morgendlichen Waschen, spritzt Insulin und übernimmt das An- und Ausziehen der Thromboseprophylaxe-Strümpfe. Den Rest macht sie allein. Sie hilft ihm beim An- und Ausziehen, bei Toilettengängen und bringt ihn abends zu Bett. Sie kocht, geht einkaufen, wäscht, bügelt, organisiert Arzt- und Therapeutentermine und vieles mehr. Zeit für sich selbst hat sie kaum noch. Oft ist sie müde und erschöpft, schläft nachts aber meist nur wenige Stunden. Manchmal wälzt sie dann Gedanken, wie es wohl weitergeht, wenn es ihr mal nicht mehr gut gehen sollte. Denn sie ist selbst gesundheitlich nicht mehr so fit und braucht für längere Strecken einen Rollator.

Fakten zur Situation pflegender Angehöriger 

aus: Barmer-Pflegereport 2018 (befragt wurden 1.862 Hauptpflegepersonen)
38,1 Prozent der Hauptpflegepersonen sind älter als 70 Jahre, 17,6 Prozent sind jünger als 50.
66,7 Prozent von ihnen sind weiblich, 33,3 Prozent sind männlich.
Die Hauptpflegeperson übernimmt in der Regel mehrere Aufgaben, zum Beispiel Medikamentenversorgung, Unterstützung beim Essen, bei der Mobilität, beim Toilettengang.
85,0 Prozent  kümmern sich täglich um die pflegebedürftige Person – davon die Hälfte mehr als 12 Stunden und die andere Hälfte weniger als 12 Stunden.
87,5 Prozent  kommen nach eigenen Angaben meistens oder immer gut mit der Pflege zurecht. 
48,7 Prozent  der Hauptpflegepersonen sind von psychischen Leiden betroffen.

Pflegende Angehörige benötigen Entlastung und Entspannung

Isabell Hiob kennt die Situation pflegender Angehöriger nur allzu gut. Die gelernte Krankenschwester und Pflegeberaterin leitet das Landhaus Fernblick in Winterberg, eine Kurklinik speziell für pflegende Angehörige. „Viele Angehörige, die zu uns kommen, zeigen bereits ernsthafte Anzeichen einer Überforderung“, berichtet sie. Das können wie bei Frau Wolter Schlafstörungen und Zukunftsängste sein, aber auch depressive Verstimmungen, Angstzustände, Unruhe, Kopfschmerzen oder Rückenbeschwerden. „Pflege ist ein 24-Stunden-Job. Viele pflegen bis an den Rand der Erschöpfung – und das schon seit Jahren, ohne irgendwelche Hilfen in Anspruch genommen zu haben“, sagt Isabell Hiob. In der Regel sind es der Hausarzt oder die eigenen Kinder, die irgendwann die Überlastung erkennen.

Haus Fernblick – die erste Vorsorgeeinrichtung für pflegende Angehörige

Viele pflegende Angehörige wissen nicht: Sie haben einen Rechtsanspruch auf eine Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme, wenn sie gesundheitliche Probleme haben, die in einem direkten Zusammenhang mit der Pflege stehen (§§ 23 und 40 SGB V). Das Haus Fernblick ist die erste Vorsorgeeinrichtung in Deutschland, in der pflegende Angehörige diese Maßnahme zusammen mit ihrem Pflegebedürftigen machen können.

„Pflegende Angehörige benötigen diese Entlastung und Entspannung dringend. Bei uns lernen sie Methoden, die ihnen anschließend auch die Pflege zu Hause deutlich erleichtern“, erläutert Isabell Hiob. Dazu gehöre auch, Hilfe anzunehmen. Das falle vielen Angehörigen schwer, besonders pflegenden Ehefrauen. „Ältere Frauen haben schon immer für ihre Familie zurückgestanden. Für sie ist es selbstverständlich, das auch in einer Pflegesituation zu tun“, erläutert Christoph Kleinsorgen, Psychologe im Landhaus Fernblick. Manche seien auch zu stolz oder hätten Hemmungen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, oder einfach ein ungutes Gefühl, „eine fremde Person an den Körper ihres Partners zu lassen“.

Pflegenden Männern falle es leichter, Aufgaben rund um die Pflege und den Haushalt abzugeben, so seine Erfahrung. Auch die Generation, die jetzt um die 50 ist, sei offener für außerhäusliche Hilfen und eher bereit, sich über Schwierigkeiten und Belastungen der Pflege auszutauschen. Für ältere Ehefrauen hingegen sei das Versprechen „in guten wie in schlechten Zeiten“ meist bindend.

Das war bei Maria Wolter und Wilhelm Thimm ähnlich – auch ohne Trauschein. Die beiden hatten sich mit Mitte 60 beim Tanzen kennengelernt, Maria Wolters Mann war damals seit sechs Jahren verstorben. „Ich habe ein paar andere stehen lassen“, erzählt sie, „aber er ist hartnäckig geblieben und hat sich immer wieder gemeldet.“ Trotzdem hat es ein paar Monate gedauert, bis aus den beiden ein Paar wurde. Nach zwei Jahren sind sie zusammengezogen, mit dem gegenseitigen Versprechen: „Wenn einer von uns krank wird oder Pflege braucht, kümmert sich der andere um ihn.“ Als dann der Schlaganfall kam, haben viele nicht geglaubt, dass sie bei ihm bleibe. Das habe sie aber erst später gehört. „Es tut weh, wenn andere so reden“, sagt sie heute. „Ich habe nie daran gedacht, ihn abzugeben. Wilhelm und ich hatten eine so schöne Zeit miteinander, wir sind oft tanzen gegangen und in den Urlaub gefahren. Ich finde ihn noch immer sehr liebenswert.“

Das erste Mal Pflegeaufgaben abgeben

Vor drei Jahren war Maria Wolter das erste Mal im Haus Fernblick, damals als ihr alles zu viel wurde und sie zufällig in einer AWO-Zeitschrift über die Einrichtung las. So kam es, dass sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten ihre erste Kur machte. Hier ging ihr Wilhelm auch zum ersten Mal in die Tagesbetreuung, die zum Haus gehört.

„Für viele pflegende Angehörige ist es ein nicht ganz einfacher Lernprozess, die Betreuung zeitweise abzugeben“, sagt Isabell Hiob. „Viele sind der Überzeugung: Ich kann selbst am besten für meinen Mann oder meine Frau sorgen; ich weiß genau, was er oder sie gerade braucht.“ Oft liege das Problem, Hilfe anzunehmen, nicht beim Bedürftigen, sondern beim Angehörigen, dem es schwerfalle loszulassen. „Genau das üben wir hier.“ Für viele ist es das erste Mal, dass sie ihren Angehörigen in die Tagespflege bringen und Zeit haben, etwas für sich selbst zu tun. Im Haus Fernblick wäre es sonst gar nicht möglich, an Therapien oder Gesprächskreisen teilzunehmen, zum Nordic Walking zu gehen oder sich mit anderen Angehörigen in Ruhe auszutauschen.

„Am Anfang fällt das vielen schwer“, berichtet Isabell Hiob. Wenn sie dann aber sehen, dass es funktioniert und ihr Angehöriger sich in der Tagespflege wohlfühlt, höre das schlechte Gewissen bald auf. „In der zweiten Woche beginnen die meisten, sich zu entspannen. Einige müssen aber auch lernen, wieder etwas mit sich selbst anzufangen“, sagt sie. Nicht selten komme es vor, dass Kurpatienten ihren Angehörigen gerne früher aus der Tagespflege holen möchten. „Wir regen dann an, diese Zeit wirklich bewusst für sich und die eigene Erholung zu nutzen – und spazieren oder bummeln zu gehen oder sich mit anderen Angehörigen zu treffen und einen Kaffee zu trinken.“

Etwas für die eigene körperliche und seelische Gesundheit tun

Der Psychologe Christoph Kleinsorgen weiß um diese Problematik. Er führt mit jedem Kurpatienten mindestens ein Einzelgespräch. Eine Frage, die er allen Angehörigen stellt, lautet: „Was haben Sie im letzten halben Jahr persönlich für Ihre körperliche und seelische Gesundheit getan?“ Meist schweigen die Angehörigen zunächst, bis dann ein schlichtes „Nichts“ kommt. Das sei für viele ein Aha-Erlebnis.

Christoph Kleinsorgen hat die Erfahrung gemacht, dass die Angehörigen leichter Hilfsangebote wie die Tagespflege akzeptieren, wenn er den therapeutischen Gewinn für die pflegebedürftige Person in den Vordergrund stellt: „Oft sage ich: Es ist gut, dass Sie Ihre Mutter oder Ihre Frau pflegen, aber Sie können ihr nicht das bieten, was eine Tagespflege zu leisten imstande ist. Geben Sie Ihrem Angehörigen die Chance, sich auch außerhalb des eigenen Zuhauses fördern und fordern zu lassen.“ Oft sei diese Erkenntnis auch ein Anreiz, sich wieder mehr Zeit für sich selbst und die eigene Gesundheit zu nehmen und den Kontakt zu anderen Familienmitgliedern nicht zu vernachlässigen.

In der Kur lernen Angehörige, auch am Wohnort Hilfe zu nutzen

Ein wichtiges Ziel der Einrichtung ist, dass die pflegenden Angehörigen wieder körperlich und seelisch zu Kräften kommen, aber auch, dass sie nach der Kur Hilfsangebote am Wohnort in Anspruch nehmen, wenn sie das bislang noch nicht getan haben. Manchmal brauche das klare Worte, weiß Isabell Hiob. Sie sagt dann zum Beispiel: „Sie müssen sich zu Hause Hilfe holen, sonst brechen Sie irgendwann zusammen. Und dann muss Ihr Angehöriger ins Heim. Da ist es doch das kleinere Übel, zweimal pro Woche die Tagespflege in Anspruch zu nehmen.“

Die Frage, wie es nach den drei Wochen weitergeht, ist für Isabell Hiob zentral. Im Angehörigengespräch werden dazu mit jedem Patienten realistische Ziele vereinbart – vom täglichen kurzen Spaziergang über die wöchentliche Gymnastik bis zur Planung von Unterstützungsmaßnahmen. Manchmal werden auch schon Schnuppertermine in die Wege geleitet, zum Beispiel für die Tagespflege vor Ort.

Auch sonst werden die Angehörigen so fit wie möglich für die Pflege gemacht. Dazu lernen sie in Gesprächskreisen alles über Hilfsmittelversorgung, Umgang mit Inkontinenz, Hebe- und Tragetechniken sowie Leistungen der Pflegeversicherung. „Oft ist es einfach Unwissenheit, dass pflegende Angehörige Hilfsangebote nicht wahrnehmen“, sagt Isabell Hiob. Sie möchte deshalb vermitteln, was den Angehörigen rechtlich zusteht, und ihnen die Hemmschwelle nehmen, diese Leistungen in Anspruch zu nehmen.

In manchen Fällen ist auch eine weitere psychologische Begleitung erforderlich. „Etwa jedem fünften Kurpatienten empfehle ich, zu Hause psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt der Psychologe Christoph Kleinsorgen. Das sei besonders dann wichtig, wenn es zu Angststörungen oder Depressionen komme. „Manche Angehörigen geben unter Tränen zu, dass sie dem Pflegebedürftigen gegenüber laut werden oder ihn anschreien.“ Das sei ein eindeutiges Alarmzeichen für eine Überforderung. Doch noch sei die Hemmschwelle für eine psychologische Unterstützung, gerade bei älteren Menschen, groß.

Nach der Kur gestärkt den Alltag übernehmen

Maria Wolter ist bereits zum dritten Mal im Haus Fernblick. „Das tut so gut hier“, sagt sie, „mal Zeit für sich zu haben, mit anderen zu reden und sich auch mal an den gedeckten Tisch setzen zu können.“ Sie weiß, dass sie ihren Lebensgefährten solange zu Hause pflegen möchte, wie es ihr möglich ist. „Und wenn es dann nicht mehr geht, gehen wir zusammen ins Altenheim.“ Sie weiß aber auch, dass sie hin und wieder eine Auszeit braucht – so wie hier. „Ich gehe wieder gestärkt in den Alltag zurück“, sagt sie und lacht. „Aber wie lange das hält, weiß man nie.“

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Webcode: a005314 Letzte Aktualisierung: 08.10.2020
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