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Zukunft des Gesundheitswesens

Endlich wieder schmerzfrei: gegen die Chronifizierung von Schmerzen

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Redaktion

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Dr. med. Ursula Marschall (Fachärztin für Anästhesie, Barmer)

Ob stechend, bohrend, brennend, beißend oder ziehend – Schmerz kann sich ganz unterschiedlich äußern. Genauso vielfältig wie die Arten sind auch die Ursachen. Treten Schmerzen plötzlich auf, ist das ein Warnsignal für Wunden oder Entzündungen. Plötzlich auftretende, akute Schmerzen zeigen uns, dass in oder mit unserem Körper etwas nicht stimmt. Ist die Ursache gefunden, lässt sie sich meist gut behandeln und selbst intensiver Schmerz klingt wieder ab. Bleibt der Schmerz jedoch länger als sechs Monate oder kehrt immer wieder, sprechen Fachleute von chronischen Schmerzen. 

Nach einer Schätzung der Deutschen Schmerzgesellschaft leiden in Deutschland zwischen acht und 16 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Die häufigsten Beschwerden sind Kopf- und Rückenschmerzen, gefolgt von Schmerzen durch Osteoporose, Rheuma und Krebs.

Hoffnung für Betroffene durch innovative Behandlung

Um diesen Patientinnen und Patienten besser helfen zu können, arbeiten Forschende und Mediziner an Behandlungsoptionen. Finanziert werden viele dieser Projekte über den sogenannten Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesausschuss. Der Fonds soll neue Versorgungsformen fördern, die über die bisherige Regelversorgung in der Gesetzlichen Krankenversicherung hinausgehen. Außerdem unterstützt der Fonds Projekte aus der Versorgungsforschung. Sie sollen helfen, die Barmer zählt hier zu den zentralen Impulsgebern. Sie ist daher in zahlreiche der aktuell insgesamt 461 Innovationsfonds-Projekte involviert. In diesen drei Projekt-Beispielen macht sie sich im Kampf gegen chronische Schmerzen stark.

Pain 2.0

Seit vielen Jahren schon engagiert sich die Barmer intensiv für neue Ansätze in der Schmerzbehandlung. Das Ziel dabei: Schmerzen frühzeitig entgegenwirken, um so eine Chronifizierung möglichst zu verhindern. Eines der jüngsten bundesweiten Forschungsprojekte, an dem die Barmer federführend beteiligt war, ist die inzwischen abgeschlossene Studie PAIN2020. Dabei ist der Projektname PAIN nicht nur der englische Begriff für Schmerz, sondern steht als Akronym für Patientenorientiert.Abgestuft.Interdisziplinär.Netzwerk. Bausteine sind eine umfassende Eingangsuntersuchung durch ein spezialisiertes Team aus Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Physiotherapeutinnen und -therapeuten sowie eine durch dieses Team individuell erstellte Therapieempfehlung. Schließlich sind Schmerzen ein vielschichtiges Phänomen.

Basierend auf den Ergebnissen von PAIN2020 startet nun Anfang 2022 ein Nachfolgeprojekt: PAIN2.0. Während eines zehnwöchigen Therapieprogramms bieten Ärztinnen und Ärzte, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten den Teilnehmenden individuell angepasste Unterstützung. Durch Informationen zum Umgang mit Schmerzen, zu einer Verbesserung der Körperwahrnehmung und zur Steigerung körperlicher Aktivitäten wird die Selbstkompetenz der Teilnehmenden gesteigert. Die Form der Betreuung und Begleitung soll dazu beitragen, das eigenverantwortliche Handeln der Patientinnen und Patienten zu stärken, ihr Wohlbefinden zu steigern und eine (weitere) Schmerzchronifizierung zu vermeiden.

POET-Pain

Auch im Zusammenhang mit operativen Eingriffen ist die Unterscheidung zwischen akuten und chronischen Schmerzen bekannt. Nach einer Operation sind Schmerzen oft unvermeidlich, doch im Normalfall nicht von Dauer. Allerdings ist die Gefahr für chronische postoperative Schmerzen nach speziellen Eingriffen wie beispielsweise nach großen Operationen am Brustkorb oder im Bauchraum offensichtlich besonders hoch. Zudem scheinen auch bestimmte Vorerkrankungen von Patientinnen und Patienten eine entscheidende Rolle dafür zu spielen, wie lange es nach der Operation schmerzt.

An dieser Stelle setzt das Innovationsfondsprojekt POET-Pain an. Ein interdisziplinäres Team, bestehend aus Ärzten, Physiotherapeuten, Psychologen und Pflegenden, soll mögliche Risikopatienten bereits vor einer geplanten Risiko-Operation untersuchen. So können sie gemeinsam die Wahrscheinlichkeit einer postoperativen Schmerzchronifizierung einschätzen und dabei ihre jeweiligen professionellen Perspektiven einfließen lassen. So kann ein individueller Behandlungsplan für die Zeit vor, während und nach dem Eingriff erstellt werden, der bei Bedarf jederzeit angepasst wird.

Die Betreuung endet nicht mit der Entlassung aus dem Krankenhaus, sondern umfasst auch eine sechsmonatige ambulante Behandlung über die Arztpraxis. Die Patientinnen und Patienten sollen zusätzlich mittels einer speziellen App unterstützt werden. Insgesamt stehen Strategien der Selbstkontrolle und Selbstwirksamkeit sowie physiotherapeutische Unterstützung von Alltagsaktivitäten im Mittelpunkt.

Sowohl die App als auch die multidisziplinäre Arbeitsform des Teams im Akutschmerzsetting werden eigens für die neue Präventions- und Behandlungsform entwickelt. Getestet wird die Effektivität des Innovationsfondsprojekts POET-Pain in sechs Universitätskliniken in fünf Bundesländern – und zwar an den Standorten Münster, Lübeck, Würzburg, Göttingen, Dresden und Bochum.

Feed-bApp

Chronische Schmerzen mit zum Teil schweren Beschwerden stellen auch für Kinder und Jugendliche ein häufiges Gesundheitsproblem dar. Therapie der Wahl ist für diese Patienten eine intensive und kurze stationäre Schmerztherapie mit medizinischen und psychosozialen Behandlungselementen.

Dabei erlernen die Kinder und Jugendlichen hilfreiche Strategien im Umgang mit den Schmerzen. Zudem werden die Eltern in die Schmerztherapie eingebunden. Wichtig ist, dass Kinder und Eltern das erlernte Wissen über die Bewältigung von Schmerzen auch nach der stationären Therapie im häuslichen Umfeld anwenden. Allerdings ist ein dauerhafter Behandlungserfolg aufgrund fehlender regelmäßiger Rückmeldungen, sogenannten Feedbacks, durch Eltern und die Patienten oft gefährdet. 

Wie sieht eine optimale digitale Schmerzbegleitung aus?

Hier setzt das Forschungsprojekt Feed-bApp an: Eine App unterstützt Kinder und ihre Eltern über verschieden intensive Feedback-Funktionen bei der Schmerzbewältigung im Alltag. Von der App erhoffen sich die Forschenden einen positiven Einfluss auf den Behandlungsverlauf. Teil des Projekts ist eine methodisch anspruchsvolle Wirksamkeitsstudie mit 400 Patientinnen und Patienten im Alter von 12 bis 18 Jahren sowie deren Eltern. Ziel der Analyse ist zu ermitteln, wie intensiv ein Feedback per App sein sollte, um Aussagen zu schmerzbezogener Beeinträchtigung und Therapiezufriedenheit fällen zu können.

Die App bietet, nach zufälliger Gruppenzuweisung, drei unterschiedlich intensive Feedback-Funktionen für Kinder und deren Eltern. Es soll untersucht werden, wie wirksam die unterschiedlich intensiven Feedback-Funktionen sind.

Gibt es einen unterschiedlichen Einfluss auf die Beeinträchtigung durch die Schmerzen? Führt das unterschiedlich intensive Feedback auch zu Unterschieden in der Zufriedenheit mit der Therapie? In welchem Verhältnis stehen die Wirkungen zu den Kosten? Außerdem wird analysiert, wie sich die verschiedenen Varianten der App auf das Verhältnis zwischen den Patienten, den Eltern und den Behandelnden auswirken.

Wenn die Ergebnisse der Studie vorliegen, sollen daraus auch generelle Empfehlungen zum Einsatz von Feedback-Funktionen in Gesundheits-Apps formuliert werden. Schließlich ist zu erwarten, dass die Rolle von Gesundheits-Apps und Telemedizin im Behandlungsalltag gerade von chronischen Beschwerden weiter deutlich steigen wird.