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Polymedikation – wenn viele Medikamente zusammenkommen

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Polymedikation, auch als Polypharmazie bezeichnet, beschreibt die gleichzeitige und dauerhafte Einnahme mehrerer Medikamente. In der Praxis spricht man meist dann davon, wenn fünf oder mehr Arzneimittel parallel angewendet werden. Wann eine Polymedikation gefährlich werden kann und was generell dabei wichtig ist, erklärt dieser Artikel.

Mit zunehmendem Alter steigt häufig die Zahl chronischer Erkrankungen, und damit auch die Zahl der verordneten Medikamente. Gerade ältere Menschen sind deshalb besonders betroffen. Gleichzeitig verändern sich im Alter wichtige Körperfunktionen. Leber und Nieren arbeiten anders, wodurch Wirkstoffe langsamer abgebaut werden und sich im Körper anreichern können. „Die Folge ist, dass Medikamente stärker oder länger wirken als beabsichtigt. Damit wächst auch das Risiko für Nebenwirkungen und Wechselwirkungen deutlich“, warnt Dr. André Breddemann, Apotheker und Leiter der Abteilung Arzneimittel der BARMER.

Wie gefährlich sind Wechselwirkungen?

Wechselwirkungen entstehen, wenn sich verschiedene Wirkstoffe gegenseitig beeinflussen. Sie können die Wirkung verstärken, abschwächen oder sogar neue Beschwerden auslösen. In manchen Fällen sind solche Effekte harmlos, in anderen jedoch gefährlich, etwa wenn sie das Herz-Kreislauf-System betreffen oder Blutungen verursachen. „Besonders kritisch wird es, wenn zusätzlich zu verordneten Medikamenten frei verkäufliche Präparate eingenommen werden, ohne dass Ärztinnen oder Ärzte darüber informiert sind“, so Breddemann.

Mangelhafte Abstimmung als Risiko

Ein weiteres Problem der Polymedikation könnte an mangelnder Abstimmung zwischen verschiedenen Behandlern liegen. Viele Patientinnen und Patienten werden parallel von mehreren Ärztinnen und Ärzten betreut. Ohne vollständige Dokumentation kann leicht der Überblick verloren gehen, sodass Doppelverordnungen oder ungeeignete Kombinationen entstehen. „Laut Analysen erhalten zwei Drittel der Patientinnen und Patienten Medikamente von mehr als einer ärztlichen Fachperson. Dadurch steigt das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen erheblich“, erklärt der BARMER-Experte.

Wenn Medikamente mehr schaden als nützen

Die Folgen sind nicht zu unterschätzen: Nebenwirkungen reichen von Schwindel und Stürzen bis hin zu Krankenhausaufenthalten. Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Klinikeinweisungen älterer Menschen auf Probleme mit Medikamenten zurückzuführen ist. Gleichzeitig werden Medikamente häufig länger eingenommen als nötig oder in nicht optimaler Dosierung weitergeführt, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt. „Unsere Daten zeigen: In einigen Regionen nimmt fast jeder dritte Versicherte regelmäßig fünf oder mehr Arzneimittel ein. Besonders hoch ist der Anteil bei älteren Menschen und chronisch Kranken. Damit verbunden ist ein deutlich erhöhtes Risiko für Neben- und Wechselwirkungen sowie für Fehlmedikation“, so Breddemann.

Medikation regelmäßig auf den Prüfstand

Um die Sicherheit der Arzneimitteltherapie zu verbessern, kommt der regelmäßigen Überprüfung der Medikation eine zentrale Rolle zu. Fachleute empfehlen, alle eingenommenen Medikamente, einschließlich rezeptfreier Präparate, regelmäßig gemeinsam mit Ärztinnen, Ärzten oder Apothekerinnen und Apothekern zu prüfen. Ziel ist es, unnötige Medikamente zu identifizieren, Dosierungen anzupassen und gefährliche Kombinationen zu vermeiden.

Medikationsberatung nutzen

Hier setzen auch neue pharmazeutische Dienstleistungen an. Versicherte, die dauerhaft mindestens fünf Medikamente einnehmen, haben seit 2022 Anspruch auf eine strukturierte Medikationsberatung. Dabei werden sämtliche Arzneimittel systematisch erfasst, inklusiver auch aller Arzneimittel, die ohne Rezept in der Apotheke gekauft werden. Die Apotheke prüft die Medikation umfassend, beispielsweise auf Wechselwirkungen, Doppelverordnungen und Probleme bei der Anwendung. „Potenzielle Sicherheitsrisiken können so frühzeitig erkannt werden. Durch die individuelle Beratung kann die Anwendung der Medikamente optimiert werden, bei verschreibungspflichtigen Medikamenten nach Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt. Der Medikationsplan wird anschließend aktualisiert“, erklärt Breddemann. 
Viele Apotheken bieten eine solche Beratung an. Maßnahmen dieser Art können helfen, die Therapie sicherer und gleichzeitig wirksamer zu gestalten. Die Kosten für diese Beratung rechnen die Apotheken mit den gesetzlichen Krankenkassen ab. Für die Versicherten fällt keine Zuzahlung an. 

Wichtige Übersicht dank ePA und AdAM

Darüber hinaus gewinnen digitale Lösungen zunehmend an Bedeutung. Die Elektronische Patientenakte und Medikationspläne ermöglichen es, alle relevanten Informationen zentral zu bündeln und für alle Beteiligten zugänglich zu machen. Hilfreich sind auch Ansätze wie das Innovationsprojekt AdAM, kurz für „Anwendung für ein digital unterstütztes Arzneimitteltherapie-Management“ für Menschen mit Polypharmazie. AdAM versorgt mit Einverständnis der Patientinnen und Patienten Hausarztpraxen digital mit vollständigen Informationen zur Vorgeschichte, welche aus Routinedaten der Krankenkasse stammen. So wird der Arzt vollständig über Vorerkrankungen und Arzneimittel informiert. „Solche Ansätze können langfristig schwere gesundheitliche Folgen verhindern, die Versorgung effizienter gestalten und sogar Todesfälle verhindern. Entscheidend ist ein bewusster Umgang mit Medikamenten, eine enge Abstimmung zwischen allen Beteiligten und die regelmäßige Überprüfung der Therapie“, so der BARMER-Experte. Denn nur so lässt sich sicherstellen, dass Medikamente helfen und nicht schaden.
 

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